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Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Die Partnersuche kann einem schon mal zum Hals raushängen

von Gabriele Bärtels

Gestern habe ich gleich zwei Männer sitzen gelassen: Der eine wollte mir nach zehn Minuten erzählen, ich sei an Liebe nicht interessiert, nur an Fakten. Das war, als ich ihn fragte, was er beruflich mache, denn „Berater“ ist ja sehr schwammig. Er, 53, murmelte Unverständliches, am Ende verstand ich, er habe viel Zeit, sich der Musik und den Künsten zu widmen. Nunja, das klingt verdächtig, zudem war sein Haar ungepflegt. Und als er dann lauter wurde, mitten im Café, sich über die Frauen empörte, die ihn einfach nicht unvoreingenommen kennen lernen wollten, sondern immer diese Faktenfragen stellten, stand ich auf, reichte ihm die Hand und ging. Er schrieb mir dann noch eine Mail, ich sei nicht so wie meine Selbstbeschreibung im Internet.

Partner-007Den zweiten traf ich um halb sechs. Ich mochte schon gar keinen Kaffee mehr. Er war dreizehn Jahre älter als ich, ein ehemaliger Manager, der nun wirtschaftspolitische Bücher schrieb. Seine Zähne waren schief, und er wirkte recht bieder, leutselig, aufgeräumt. Er fragte mich nach meinem Beruf, und als ich zu erzählen begann, brummte er in regelmäßigen Abständen ermunternd wie ein Pfarrer, der eine Beichte abnimmt. Er merkte nicht, dass ich merkte, wie mechanisch dieses Brummen war. Ich sagte ihm nach zehn Minuten, dass ich ihn sympathisch fände, mehr aber auch nicht. Als wir das Café verließen, griff er nach mir und nahm mich fest in den Arm. Er sprach leutselig und aufgeräumt: „Das ist mein Test. Habe ich auch immer mit meinen Sekretärinnen gemacht. Lassen sie sich anfassen und in den Haaren herumwühlen, dann komme ich mit ihnen klar.“ Ich wollte aber nicht von ihm getestet werden, machte mich los und trat einen Schritt zur Seite, denn meine Haare waren frisch gewaschen und frisiert. „Mädchen!“, lachte er, und begriff gar nicht, warum ich wortlos ging, als er nach dem dritten Versuch, mich fest in den Arm zu nehmen, einen vierten unternahm.

Und dann bin ich wieder nach Hause zurück wie all die anderen Singles.

Partner-003Die Einsamkeit in den Großstädten hat ungeheure Ausmaße angenommen. Im Internet suchen Millionen nach einem Partner. Wenn man früher durch Wohnstraßen lief und zu den Fenstern hochsah, entdeckte man manchmal eine alte Frau, die sich ein Kissen auf das Fensterbrett gelegt hatte. Jetzt entdecke ich auch junge Frauen und Männer, die in den Halbschatten zurück treten, wenn sie meinen Blick kreuzen. Alle, so auch ich, wären bereit, ihr Bestes zu geben. Als ich meiner Freundin vom Fakten-Mann erzählte, winkte sie ab: „Ach, den kenne ich. Den hat eine Freundin von mir auch schon getroffen. Wie lange hast Du es ausgehalten? Sie ist nach drei Minuten gegangen.“

Nicht mal das. Nicht mal mehr Exklusivität. Alles ein einziges Bäumchen-Wechsel-Dich.

Die Gleichberechtigung hat beim Internet-Dating vollständig gesiegt. Keine einzige Frau sitzt mit übergeschlagenen Beinen vor dem Bildschirm und wartet darauf, angesprochen zu werden. Wir verschicken genauso eifrig Kontaktgesuche wie die Herren, vielleicht noch eifriger. Über die Jahre hat sich eine eindrucksvolle Zahl männlicher Vornamen in mein Kurzzeitgedächtnis geprägt und wieder gelöscht. An einzelne erinnere ich mich natürlich, an die besonders positiven und die besonders negativen. Hundertmal geprobter Ablauf: Man findet hinter den Chiffrenummern der Partnervermittlungsdatenbank ein paar trockene Angaben, die Anlass zur Hoffnung geben. Es folgt ein kürzerer oder längerer Mail-Wechsel, mit dem Versuch, dem Gegenüber einen kurzen Lebensüberblick zu geben und sich auf seine Sätze zu beziehen. Darauf eine Begegnung – nach einiger Routine inzwischen ohne jegliches Herzklopfen.

Partner-001Da sitzt ein Fremder, den man erst mal einkreisen muss. Man hört Geschichten von anderen Damen, die sich zehn Jahre jünger oder fünfzehn Kilo leichter gemacht haben, und könnte das Gleiche über Herren erzählen, tut dies aber aus Höflichkeit nicht. Man erfasst, quasi im Vorübergehen, für zehn Minuten, einen Abend, vielleicht auch zwei, ein Fitzelchen des Horizontes eines Unbekannten, und manchmal ist man erschrocken über das Ausmaß seiner Selbsttäuschung oder Gesprächsunfähigkeit. Im Gegenzug hält man ihm das eigene Ich zur Prüfung hin. Weiß ich, was er alles Schreckliches sieht?

Und dann die bohrende Selbstermahnung: Bist Du nicht zu anspruchsvoll? Ab einem gewissen Alter muss man Kompromisse machen. Aber ich kann nicht. Ich lerne Herren kennen, die keine einzige echte Frage haben, und solche, die sich mit dicken Lebenslügen umwickelt haben, und dünne, schüchterne Männlein, die mir als erstes ihr Sternzeichen verraten, und welche, die im letzten Jahrtausend leben, als ihre Gattin ihnen noch die Hemden gebügelt hat. Von der haben sie sich nach zwanzig Jahren endlich getrennt, nun soll eine frische her, aber möglichst ähnlich.

Partner-014Um gerecht zu bleiben: Da gab es auch den einen oder anderen differenzierten, respektvollen, manierlichen Mann, um den es mir in der Rückschau beinahe leid tut. Aber eben nur beinahe, denn Wesentliches hat auch an denen nicht gestimmt: Der eine suchte gar keine Beziehung, der zweite war nur ein schöner Kopf, aber hatte keinen Körper, der dritte war von dreißig Tagen bestenfalls zwei anwesend. Wir mussten uns alle paar Wochen wieder neu kennen lernen und kamen nicht vom Fleck.

Und so fahre ich in der S-Bahn nach Hause, noch immer so hübsch angezogen, wie eine Frau sich eben anzieht, die hoffte, einem potenziellen Lebensgefährten zu begegnen. Man fühlt sich älter auf der Rückfahrt, schaut nicht aus dem Fenster, sondern in die allein stehende Zukunft.

Und jetzt wieder in die Partnerbörse einloggen? Das Passwort kenne ich so gut wie den Pin-Code meiner EC-Karte. Ich habe den Vertrag schon dreimal verlängert. Die Chiffre-Nummern aus meiner Stadt habe ich alle durch. Also erweitere ich mein Suchprofil doch wieder auf ganz Deutschland, vielleicht auch in das deutschsprachige Ausland, obwohl ich das nicht wollte? Aber Nichtstun führt ja auch zu nichts.

Es ist elf Uhr abends, ich bin noch nicht abgeschminkt, als mir der Computer hundert neue Chiffrenummern auflistet. Ich klicke mich bis halb eins durch die Beschreibungsprofile, immer müder, immer angewiderter, immer oberflächlicher lösche ich einen nach dem anderen: Zu langweilig, zu alt, zu sehr Lehrer, es ist der reinste Männermassenmord. Ich steige in mein kaltes Bett, ohne auch nur eine Mail abgeschickt zu haben, es hat doch alles keinen Sinn, und ich brauche eine Pause. Vier Wochen lang rede ich überall nur schlecht über die digitale Beziehungsanbahnungsbörse.

In dieser Zeit schickt mir kein Mann ein Kontaktgesuch. Ich überarbeite den Text meiner Selbstbeschreibung. Nicht zum ersten Mal versuche ich ultimative Sätze für mein Sein und Suchen zu finden. Mir fallen nur welche ein, die ich bereits verwendet habe, aber die hatten auch nichts genutzt. Vor einem halben Jahr hatte ich mal mit großen Worten gekündigt. Zwei Monate später war ich wieder drin.

Partner-004Mit einer meiner Freundinnen spreche ich nur über Internetmänner-Erlebnisse und unsere Befindlichkeits-Temperaturkurven. Heute fühlen wir uns weniger einsam als gestern, aber morgen werden wir uns wieder so fühlen wie vorgestern, und damit das nicht passiert, verabreden wir einen Ausflug, um mal was unter Frauen zu machen, aber heimlich denken wir: Wenn sie ein anderes Geschlecht hätte, wär´s mir lieber. Wir brauchen einander für unsere Geschichten, die Großstadt will sie nicht wissen, und wir müssen einander doch versichern, dass wir den Finger noch am Puls haben, dass unser Herz noch schlägt.

Gestern sah ich im Fernsehen einen Bericht über einen New Yorker Taxifahrer, der berühmt sein soll, weil er seine Fahrgäste verkuppelt. Er schaut über die Rücklehne: „I´m a matchmaker“, lässt sie ein paar Daten auf ein Band sprechen, macht abends Notizen daraus, meldet sich erst, wenn er einen gefunden hat, der wirklich passen könnte, und das kann schon mal Monate dauern. Fünfzig Paare soll er so zusammen gebracht haben, umsonst, man kann ihn auch nicht bestellen, sondern muss Glück haben, ihm zu begegnen. Ich wette, dass bald jemand einen Film daraus macht. Der Taxifahrer selbst ist so einsam wie der Weihnachtsmann. Daran sieht man, dass nicht mal die Guten einen Partner finden. Tröstet mich das? Wir halten uns doch alle für gut genug.

Partner-010Im Sommer liegen in den Parks Doppelhandtücher und Einzelhandtücher wie winzige Grundstücke auf dem Rasen. Ich bin ein Einzelhandtuch. Auf einem Doppelhandtuch hat ein Mann in Shorts ein Buch auf den Knien liegen und streichelt geistesabwesend die Hüfte seiner zusammengerollten Partnerin, von der man nicht mal den Kopf sieht. Man fühlt sich an einem anderen Ufer ohne Brücke. Wo soll ich hinsehen? Man kann doch nicht immer lesen. So geht das Sommer für Winter.

Von etwas weiter weg, oder sagen wir von 1980 aus betrachtet geradezu irrsinnig: Städte voller Suchender, die sich nicht finden, obwohl die größte Vielfalt analoger und digitaler Vermittlungsmöglichkeiten besteht. Manchmal möchte ich mich mit der Brechstange wehren. Dachte bereits daran, eine ganzseitige Anzeige in der Tageszeitung aufzugeben. Oder mit nichts als meiner Telefonnummer bedeckt vor dem Hauptbahnhof auf und abzumarschieren. Aber ich will doch weg von diesem Markt der Anfänge ohne Zauber. Ich will nach Hause.

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