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Xanthippe: Sokrates zänkisches Weib?

Von Michael W. Weithmann


Ist die abendländische Philosophie, die mit dem weisen Sokrates in Athen beginnt, etwa unter dem geschwungenen Nudelholz seines zänkischen Eheweibes Xanthippe entstanden?

"Xanthippe war ein böses Weib, haut Sokrates zum Zeitvertreib..." (Studentenlied um 1900)

Versuchen wir durch den Wust der 2400-jährigen Überlieferung hindurch zur wahren Ehegeschichte Sokrates' und Xanthippes zu gelangen. In der römischen Literatur findet sich eine Fülle von Anekdoten über Xanthippe, die als hässliche, nicht gesellschaftsfähige Megäre dargestellt wird, die den Weisen keifend verfolgt und ihn bloßzustellen versucht. Auffallend ist dabei, dass in diesen Histörchen über Sokrates' Ehekriege immer er philosophisch überlegen als Sieger hervorgeht. Schlagfertig und gleichmütig weist er sie - natürlich vor Publikum - in die Schranken.

Ist es möglich, dass es hier gar nicht um die wahre Xanthippe geht, sondern um eine konstruierte Kontrastfigur zu Sokrates, damit der über alle Stimmungen erhabene Weise sich dagegen um so besser abhebt? Ein einfacher, aber effektvoller Kunstgriff also, dessen sich die frühchristlichen Autoren dann mit großer Virtuosität bedienten! Und noch heute wird Xanthippe diesen Makel nicht los, sondern muss als Sinnbild der zänkischen Gattin herhalten.

Dieser Xanthippe-Mythos geht letztlich zurück auf ein einziges Wort, das der athenische Geschichtsschreiber Xenophon um 380 v. Ch. nicht dem Sokrates, sondern einem seiner Diskussionsgegner in den Mund legt: Xanthippe, die Unverträgliche. Für diese Spitznamensgebung bleibt Xenophon allerdings der einzige Zeuge.

Denn prüfen wir die spärlichen Berichte über Sokrates' Eheleben, so entsteht ein anderes Bild. Sokrates selbst hat keine Zeile verfasst, seine Biographie und seine philosophischen Dialoge stammen von Platon, seinem berühmtesten Schüler. Und dieser spricht über die Ehefrau des Meisters eher wohlwollend, jedenfalls ohne streitsüchtige Szenen.

Eigentlich war Sokrates ja Steinmetz, doch hat er diesen schweißtreibenden Beruf nie ausgeübt. Als Denker fühlte er sich eher der schöpferischen Muße zugetan. Doch auch wenn sich Sokrates selbst möglichst als „Habenichts“ darzustellen versuchte, sollten wir das gängige Bild vom „Stadtstreicher Sokrates“ vergessen. Als freiem Bürger standen ihm immerhin kleinere Ämter offen, die er pflichtgetreu ausübte. Staatliche Tagesgelder ermöglichten ein bescheidenes Auskommen, solange er allein lebte.

Der wunderliche Sonderling - den die antiken Bildhauer immer betont hässlich dargestellt haben - war jedenfalls eine stadtbekannte Figur im Schatten der Akropolis. Auf dem Marktplatz und in Tavernen traktierte er seine Mitbürger mit den scheinbar einfachen Fragen: Was ist gut?, Was ist Gerechtigkeit?, Was ist Wahrheit? Um ihnen dann mit schonungsloser Konsequenz zu beweisen, dass es keine Erkenntnis gäbe, höchstens ein Suchen danach: Ich weiß, daß ich nichts weiß.

Bereits 50-jährig heiratet er die bedeutend jüngere Xanthippe, die mit dem alten Kauz noch drei Söhne bekommen sollte. Ihre Mitgift muss beträchtlich gewesen sein, denn sie wird dem Ehemann Sokrates die nächsten 20 Jahre das Philosophieren ohne die Mühe banausischer Arbeit ermöglichen.

Entgegen den Anekdoten war der aus dem Kleinbürgertum stammende Sokrates nämlich eindeutig unter ihrem Stand. Xanthippe in der Bedeutung "blondes Pferd" (durchaus mit erotischer Anspielung) war schließlich ein ausgesprochen aristokratischer Name. Vielleicht entstammte sie sogar der Athener Adelsschicht und war in den kriegerischen Wirren der Zeit als Waise übriggeblieben.

Einerlei: Sokrates ändert seinen Lebenswandel nach der Heirat keineswegs. Unterhalt und Beistand für die wachsende Familie kümmern ihn wenig. Über die Klagen der mit drohendem sozialen Abstieg konfrontierten Xanthippe mokiert er sich mit spöttischer Wortklauberei. Der beengte Alltag führt bald zur häuslichen Katastrophe.

Gegen Mittag treffen sich Athens "Schöne und Reiche" im schattigen Hain des Heros Akademos. Es ist "in", sich dort an Sokrates' mit kräftigen Scherzen gewürzten, vermeintlich lustigen Reden zu erfreuen. Aber kaum jemand kann ihm folgen, nur der ernste Platon durchblickt die Gedankenführung und schreibt mit.

In diesem Milieu kann Sokrates immer auf eine Einladung zu einem Gastmahl, zu einem Symposion, hoffen. Viele dieser Symposien ziehen sich unter seiner Leitung bis zum Morgengrauen hin. Erst dann erscheint der Denker, mitunter deutlich schwankend, an der heimischen Türe. Neben diesem Ungemach erkennt Xanthippe mit wachsender Angst, dass ihr Mann sich in tödliche Gefahr begibt. Schon lange war seine öffentlich vorgetragene In-Frage-Stellung der Religion ein Skandal gewesen.

Doch nun, nach dem verlorenen Krieg mit Sparta, ist es vorbei mit der Toleranz der Athener Bürgerschaft, - ein Schuldiger wird gesucht und in Sokrates gefunden. Er sei der "Verderber der Jugend". Vielleicht hatte Xanthippe wirklich noch versucht, ihm seine unvorsichtigen Dialoge durch zänkische Auftritte zu vergällen. Vergeblich!

Und doch hat keiner von den 900 Athenern, die im Jahre 399 v. Chr. ihren Mitbürger Sokrates wegen "Respektlosigkeit vor den Göttern" zum Giftbecher verurteilen, den Tod des 70-Jährigen wirklich gewollt. Daher bereitete Xanthippe seine Flucht mit voller Duldung der Behörden vor. Aber Sokrates weigert sich: Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun". Die letzte Nacht verbringt das Paar gemeinsam in der Gefängniszelle, doch seine letzten Stunden verbringt Sokrates im Kreis seiner Schüler. Die wehklagende Xanthippe hat er vorher nach Hause geschickt und auf ihren naiven Ausruf Du stirbst unschuldig nur mit einer Pointe zu antworten gewusst: Wäre es dir lieber, ich stürbe schuldig?

Die Rehabilitation durch die beschämten Athener ließ nicht lange auf sich warten. Schon kurz nach seinem Tod wurden Sokrates’ verbliebener Familie wieder alle bürgerlichen Ehrenrechte zugesprochen. Es waren wohl seine einflussreichen Freunde, die dafür gesorgt haben, aber eben auch die stolze Xanthippe, die sich dieses Fehlurteil nicht bieten ließ. Und wie lief ihr Leben weiter? Als noch relativ junge Witwe und freie Bürgerin Athens stellte sie jedenfalls noch eine „gute Partie“ dar. Von ihren drei Söhnen wurde einer Bildhauer - Philosoph hingegen keiner, - das hat Xanthippe sicher zu verhindern gewusst.

 

Michael Weithmann: Xanthippe und Sokrates. Eros, Ehe, Sex und gender im antiken Athen. Deutscher Taschenbuch Verlag dtv.2003. 240 S. Abb. 11 €.

 

 

 

 

 

 

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