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Philosophie im Krankenhaus
von Gabriele Bärtels
„Ich kam hierher und dachte, es funktioniert nicht“, sagt Professor Dr. Wilhelm Schmid, wenn er erzählt, wie er 1998 erstmals das Bezirksspital Affoltern betrat, welches das kleinste Spital im Kanton Zürich ist, idyllisch an einem Berghang gelegen. Von Geburtshilfe bis Sterbebegleitung sichert es die medizinische Grundversorgung der Region.
Der Berliner gilt als ein führender Vertreter der Lebenskunst-Philosophie, schon damals erschienen seine Bücher bei Suhrkamp, er hielt Vorträge zu Fragen der Liebe, des Geldes, des Schmerzes, des guten Lebens. Durch seine einfache, klare Sprache und seine alltagsnahen Themen hatte er sich bereits mit einem Bein aus dem sagenhaften Elfenbeinturm der heutigen Philosophen davongestohlen, deren Namen, Gesichter und Ideen kaum ein Mensch kennt, geschweige denn versteht, was sie mit dem eigenen Werden und Vergehen zu tun haben sollen.
Heute wohnt der Philosoph schon im neunten Jahr jeweils zwei Wochen auf dem Spital-Gelände, um mit Patienten und Mitarbeitern zu sprechen. Die Einladung kam von Chefarzt Dr. Christian Hess und seiner Frau Annina Hess-Cabalzar, Leiterin der Psychotherapie, beide treibende Kräfte für eine neue „Menschenmedizin“, die den Kranken in seiner Ganzheit betrachten will und versucht, sein Leiden noch auf anderen Ebenen anzugehen als auf der akut-Körperlichen. Neben schulmedizinischen Heilmitteln kann in Affoltern dazu ein Atelier gehören, das auch Patienten mit Blinddarmentzündung 24 Stunden lang offen steht, oder eben Philosophie.
Ein Spitalaufenthalt ist der Extremfall des Daseins, dachte Wilhelm Schmid anfangs zögernd, Menschen in solcher Lage brauchen meine philosophischen Erwägungen nicht. „Das war ein furchtbarer Irrtum, den ich mir noch heute übelnehme. Natürlich ist ein Mensch auf dem Krankenbett der Ernstfall der Lebenskunst. Dort hat das Nachdenken darüber am meisten Sinn“, sagt er jetzt. „Ich bedaure meine Kollegen, die keinen blassen Schimmer vom Reichtum des Lebens haben.“
Es ist schwer vorstellbar, dass dieser Herr im blütenweißen Stehkragenhemd mit den genauen Augen, dessen Bewegungen etwas Gemessenes, Pastorales haben, und der noch ruhiger und abwartender wirkt als ein Klischee-Schweizer, sich zunächst an das Kartoffelschäl-Fließband der Klinikküche gestellt hat, in einen OP, und dass er einen Sterbeprozess bis zum Ende begleitete. „Es geht Dich etwas an!“, sagte Annina Hess-Cabalzar damals zu ihm. „Und er hat sich darauf eingelassen.“
Diejenigen Patienten, die irgendwie laufen oder rollen können, trifft man bei gutem Wetter draußen vor der Cafeteria, dort legen sie ihr Gipsbein über eine Stuhllehne und schauen in den blauen Himmel. Ist der Körper so gezwungen stillgelegt, machen sich Gedanken breit. Die erste heute früh, schon ordentlich zurechtgemacht, ist Frau Bunday-Punh, 55 Jahre alt.
Eine schöne, starke Frau, denkt man sofort. Sie weiß, dass sie nicht rauchen soll, aber „ick bin immer so unruhig, und jetzt muss ick ruhig bleiben“, sagt sie in ihrer schweizerdeutsch-kambodschanischen Sprachmischung. Vor einer Woche ist sie mit dem Notarztwagen eingeliefert worden, weil ihr Blutdruck extrem hoch war, außerdem leidet sie unter Rheuma und Rückenproblemen. Lange hat sie in der Altenpflege gearbeitet. Sie ist so eine, bei der sich jeder die philosophische Frage stellt, ob das Leben gerecht ist, was eigentlich Schicksal sein soll und Sinn ergibt, denn sie ist nach 20 Jahren Krieg vor 26 Jahren aus Kambodscha geflüchtet, zunächst nach Berlin, hat dann beim Roten Kreuz mehrere Jahre lang ganz allein 106 Flüchtlingskinder betreut, obwohl sie mit ihren traumatischen Erinnerungen selbst zu kämpfen hatte. Seit langem lebt sie in der Schweiz, hat zwei Kinder und einen guten Mann. Glück bedeutet für sie: „Gesundheit und arbeiten können.“ Jetzt, nach vielen Jahren, drängen quälende Kriegs-Bilder wieder hoch, verstopfen ihren Kopf. „Kann nickt schlafen, will keine Tabletten nehmen, muss denken, denken.“
Seine glücklichsten Momente, sagt Schmid, hat er mit solchen Patienten erlebt. „In einfachen Menschen habe ich große Philosophen gefunden, die mir beigebracht haben, dass das Leben anders logisch ist als die reine Logik, die ich gelernt und vermittelt hatte. Ich bin ihnen für vieles dankbar.“ Umgekehrt wundert sich mancher Patient, wenn er in der Unterhaltung mit Wilhelm Schmid zum ersten Mal erkennt, dass das, was ihn bewegt, philosophische Fragen sind, die von anderen Leuten tatsächlich ernst genommen werden.
Auf dem Tischchen im Gesprächszimmer liegt gänzlich unmedizinische Schokolade, es fehlen die für Therapiesitzungen typischen Papiertaschentücher, und Herr Schmid holt auf Wunsch gern einen Kaffee aus der Kantine hoch. Oft kommt es aus so einer Plauderei heraus ziemlich rasch zu tiefen Fragen. Auf einmal findet der Patient einen eigenen Code, eine neue Sprache, um sich den Helfern zu erschließen. „Einige kann ich so besser erreichen als ein Klinikmitarbeiter. Ich stehe weder unter Therapie- noch Theologenverdacht, suche nicht nach Befunden, sondern rede von Mensch zu Mensch.“ Er macht eine längere Pause. „Was wäre ohne diese Zeit hier aus meinen Theorien geworden?“
Wilhelm Schmids Lieblingspatientin in der Langzeitpflege ist letztes Jahr gestorben. Sie war fast vollständig gelähmt, konnte auch die Lippen kaum bewegen. Er lernte von den Pflegerinnen, wie er dennoch eine Unterhaltung mit ihr aufnehmen konnte, die ihrerseits aus Augenzwinkern bestand, mit dem sie Ja oder Nein signalisierte. Langsam las er ihr aus seinen Texten vor und achtete auf ihre Reaktionen, um herauszufinden, an welchem Punkt sie einhaken wollte. Am meistens beschäftigte sie die Frage nach dem Sinn ihres Daseins. In jedem Herbst freute sie sich auf ein Wiedersehen mit dem Philosophen, bis sie sich im letzten Jahr endgültig von ihm verabschiedete und bald darauf verstarb.
Heutzutage haben die meisten westlichen Menschen von ihrer Existenz die Vorstellung, dass sie leicht zu sein habe, und was nicht leicht ist, sei einfach veränderbar, zum Beispiel Kinderlosigkeit durch künstliche Befruchtung. Kommt ihnen eine schwere Krankheit in die Quere, dann zählt die nicht zum Leben oder sie hadern mit seiner Ungerechtigkeit. Auf einem seiner mittäglichen Vorträge im Versammlungssaal des Hauses spricht der Philosoph: „Es geht darum, eine adäquate Idee zu entwickeln, die der Wirklichkeit entsprechen kann. Zwischen positiven und weniger schönen Momenten muss eine Schaukel installiert werden. Wir müssen lernen, auch das Notwendige und Unabänderliche als das Schöne anzusehen.“
Etwa zweihundert Pflege- und Verwaltungskräfte, Chirurgen, Therapeuten und die gesamte Klinikleitung folgen seinen Gedankengängen in die Dimensionen der Liebe, manche schreiben mit. „Auch das Personal braucht Seelennahrung“, sagt Frau Hess-Cabalzar.
Der jungen Pflegekraft Luzia Dittli sind zwar einige Ideen des Philosophen zu komplex, besonders nach dem Mittagessen, „aber einzelne Sätze behalte ich lange im Kopf und habe mir auch das Heft mit dem Vortrag gekauft. Es ist ein Kick zum Nachdenken über das, was ich hier täglich tue.“ In einer Gesprächsstunde über Suicidalität erörtert eine Gruppe Ärzte und Pfleger aus der Psychiatrieabteilung mit Wilhelm Schmid, wie es eigentlich um ihre professionelle und persönliche Haltung zu Selbsttötungsabsichten von Patienten bestellt ist. Und der Chefarzt der Chirurgie hat am Nachmittag bei dem Philosophen einen Termin - was er mit ihm zu besprechen hat, bleibt unter sich.
Noch nach der Rückkehr am Berliner Flughafen Tegel bricht aus Wilhelm Schmid heraus, wie dankbar er ist, diese Tage im Spital verbracht zu haben, und wie es ihn ergreift, dass man ihm dort so offen entgegentritt. „Meine Philosophie ist ohne diese Erfahrung undenkbar.“ Es sind geradezu melodramatische Worte für diesen nachdenklichen, zurückhaltenden Mann.
Jetzt zieht er sein Köfferchen vom Laufband und geht zurück in seine Welt der Begriffe, Ideen, Vorträge und Bücher, die er am Ernstfall des Lebens gemessen hat.
Links
Professor Dr. Wilhelm Schmid, freier Philosoph und außerordentlicher Professor. Website: Philosophie der Lebenskunst
Neuestes Buch: Die Fülle des Lebens, 100 Fragmente des Glücks, Insel Taschenbuch: Frankfurt a.M. 2006, 170 Seiten
Menschenmedizin - Für eine kluge Heilkunst, Christian Hess + Annina Hess-Kabalzar, Suhrkamp-Verlag 2006
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