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Wagendorf Lohmühle

So kann man in der Großstadt also auch leben

Text und Fotos von Gabriele Bärtels

Auf den ersten Blick ist es ein verwunschener Ort, ein Märchenspielplatz, besonders im Sommer, wenn sich orangefarbene Brunnenkresse um einen Pfosten windet, auf dem ein gehörnter Kuhschädel trocknet, wenn vor einem Zirkuswagen hölzerne Schuhmodelle wie ein Schmetterlingsschwarm über der Wiese zu schweben scheinen, und auf der Bühne im Veranstaltungsbereich ein überlebensgroßes, weißes Pappmaché-Kamel langsam in sich zusammensinkt, weil es feucht geworden ist. Und ein einsames Großstadtsingle, das zufällig die Lohmühlenstraße am Kanal entlang wandert, könnte neidisch werden, wenn es die Bewohner der blauen, grünen, gelben Bau- oder Zirkuswagen auf ihren Treppchen in der Sonne sitzen sieht, im Schwatz mit dem Nachbarn, zu Füßen ihren Hund. Soll es nicht auf Dampfbügeleisen, Dachgeschosswohnung und corporate identity verzichten, und es mit dieser genügsamen Gemeinschaft und ihrer Nestwärme im Grünen zu versuchen?

Das Wagendorf Lohmühle ist ein kleineres von mehreren „Rollheimer“-Dörfern in Berlin, die sich ursprünglich illegal angesiedelt haben. In Berlin-Kreuzberg, an der Grenze zu Treptow, auf achttausend Quadratmeter Grundstück, wild bewuchert, im Bebauungsplan als Fläche für Eigentumswohnungen ausgewiesen, am Kanal gelegen, stehen zwischen hohen Sträuchern zweiundzwanzig verschieden große Wagen zusammen, dazwischen sandige Straßen, Trampelpfade und Gemüsebeete, die dem Gestrüpp abgerungen worden sind. Einundzwanzig Erwachsene leben hier, ein Kind, und ob sie diese Adresse als festen Wohnsitz angeben können, soll uns hier nicht interessieren.

In den beiden Gästewagen wechseln sich Besucher ab. Zur Zeit werden sie von jungen Künstlern aus Albanien, Italien und Peru und dem Sengeal bewohnt, die mit ihren Arbeiten überall auf dem struppigen Gelände skurrile, lyrische, groteske Spuren hinterlassen, die langsam verblassen, wenn sie längst weitergezogen sind.

Von einem stillgelegten Bahngleis aus ist fast der ganze Platz zu überblicken, vorn die planen-überdachte Bühne, deren Lichttechnik aus einem Scheinwerfer und drei Halogenlämpchen besteht. Auf dem Sandplatz davor stehen Stühle in alle Richtungen, keiner wie der andere. Ein rostiges Tischfussballspiel, eine Bar – grob aus Baumstammscheiben zusammengesetzt - das ist der öffentliche Teil des Wagendorfes.

Es sind nicht mehr dieselben Bewohner, die 1991 das Dorf gegründet haben, nur Josch und Martin sind übriggeblieben, und die haben aus den wilden Jahren viel gelernt. Die „Horde junger Leute“, die das Gelände damals besetzte, war ein zusammengewürfelter Haufen Außenseiter. Weder die Schrauber, deren Leidenschaft es war, ölverschmiert unter Traktoren zu liegen, noch die Punks, Dreadlocks, Alternativen wollten einander umarmen, oder etwas langfristiges planen, außer Martin vielleicht, der von einem gescheiterten Kunst-Wohnprojekt aus Italien zurückgekehrt war, in diesem Platz einen „leeren Bilderrahmen“ sah, heute in einem aus Latten und Folien errichteten Atelier arbeitet und das Wagendorf als Gesamtkunstwerk betrachtet.

Josch, grauhaarig und verschlossen, ist der Bürgermeister in Anführungsstrichen, wurde nie gewählt, wuchs in diese Aufgabe hinein. „Wir waren laut, wollten alles ausprobieren, hatten siebzehn Hunde, ständig Schwierigkeiten untereinander, die Fluktuation war hoch. Damals gab es nur eine Regel: Keine Gewalt, aber diese eine Regel reicht auf Dauer nicht zum Zusammenleben.“ Einer musste die Gruppe über die Jahre sowohl nach außen vertreten, als auch nach innen zusammen halten, und er brachte das Talent, den Willen, handwerkliches Knowhow und den intellektuellen Hintergrund mit. „Aber ich nutze meine Position nicht aus und hatte im Plenum auch schon derbe Niederlagen zu verkraften.“

Das Plenum wurde vier Jahre nach Gründung des Dorfes eingerichtet und tagt seitdem montags um zwanzig Uhr. Hier diskutiert man alle dörflichen Belange, verteilt Aufgaben, plant Reparaturen, schlichtet Streitigkeiten. Entscheidungen werden mehrheitlich getroffen, das dauert seine Zeit. Zwanzig Meinungen sind nicht leicht übereinzustimmen, und es gibt immer Mitglieder, die sich an gemeinschaftlichen Verpflichtungen nur zögerlich beteiligen, Neuerungen abwehren. Bis auf den Konsens, dass die Dorfbewohner Konsumverzicht üben (manche mehr, manche weniger freiwillig) und ökologisch verträglich leben, haben sie keine vereinende Ideologie und sind auch nicht alle dick befreundet. An diesem Abend gibt es kein warmes Bad im kuscheligen Gruppengefühl.

Eine Anwesenheitspflicht besteht nur als ungeschriebenes Gesetz, aber das wird angewendet, wenn sich einer wochenlang nicht blicken lässt, denn in das Wagendorf wird niemand aufgenommen, der sich nicht zu Gemeinschaftsarbeit verpflichtet. „Sehr viel größer als zwanzig Leute dürfte die Gruppe nicht werden“, meint Josch, damit sich die Balance zwischen eisernen Regeln und laissez faire einigermaßen halten lässt.

Beschwerten sich in den Anfangsjahren die Mieter in den gegenüberliegenden Häusern noch dauernd, „sind wir heute selbst Bürger geworden“, resümiert Josch, und als vor ein paar Jahren ein Räumungstitel erwirkt wurde, schrieben die Anwohner zweitausend Briefe an das Bezirksamt und forderten ein Bleiberecht für das Dorf auf Rollen. Das Bezirksamt ist inzwischen keine direkte Bedrohung mehr, das Wagendorf wird geduldet. „Aber wenn das Grundstück verkauft werden würde, müssten wir weichen“, sagt Josch, doch er denkt nicht jeden Tag daran. Bis dahin freuen sich die Reiseführer der Touristenschiffe, die stündlich im Kanal vorbeischwimmen, über die erwähnenswerte Sehenswürdigkeit.

Den Reiseleitern gewöhnt Martin langsam ab, das Wagendorf Wagenburg zu nennen. „Anfangs wollten wir uns abschotten, waren ein kurioser Zirkel, hier und da brannte ein Lagerfeuer, und nur, weil wir einen Bagger hatten, wurde nachts ein vier Meter tiefes Loch gegraben. Lärmbelästigung? Egal.“ Wenn Blacky auftrat, auf dessen muskulösem Oberarm ein tätowierter Werwolf prangte, gingen ihm die Anwohner klaglos aus dem Weg. Aber jetzt will hier niemand mehr die Gesellschaft vor den Kopf stoßen. „Wir stehen nicht außerhalb, wir stellen eine Facette dar.“

Und der Stadtteil – besonders diese tote Ecke hier, profitiert von Konzerten, Ausstellungen und Sommerfesten, die vom Kulturverein der Dorfbewohner im öffentlichen Bereich des Areals inszeniert werden. „Eine Form von Außenpolitik“, sagt Martin, „und ein Signal, dass wir uns nicht verschließen.“ Das Dorf war ein Programmpunkt der Langen Nacht der Museen und der Verein betreibt seit neustem seine eigene Website. (www.lohmuehle-berlin.de)

Niemand hat etwas dagegen, wenn sich ein neugieriger Passant im Dorf umschaut, nur diese penetrante Sorte mag man nicht, die in Bauwagenfenster starrt, sich ungebeten auf im Gras stehende Sofas setzt, von dort per Handy lauthals aller Welt verkündet, wo sie sich gerade befindet. Rentner  von gegenüber sind dagegen immer willkommen. Auf einer roh gezimmerten Holzbank im Schatten eines ausgeblichenen Sonnenschirmes, vertreiben sie hier bei einem Schwätzchen ihre Einsamkeit.

Die meisten Wagendörfler sind um die dreißig und leben allein, einige Behausungen sind mit Solartechnik ausgerüstet, die Reifen ins Gras gesunken und eingewachsen. Sie haben eine Holzveranda vor ihr Eingangstreppchen gebaut, und vielleicht noch eine Laube ins Gras gesetzt. Sie züchten Kaninchen, Kürbisse, Küchenkräuter. Ev, Tierarzthelferin, betreibt ein „Versuchsfeld für effektive Mikroorganismen“ und stellt lehrreiche Schilder über Unkraut auf. Andere arbeiten als Schuhmacher, jobben in einem Café, oder beziehen eine soziale Unterstützung. Längst nicht alle hat es wegen der Gemeinschaft hergezogen, über die Hälfte von ihnen säße auf dem Wohnungsamt, wenn es das Wagendorf nicht geben würde. Josch: „Alles Niedriglohnbereich, oder Künstler und Musiker, die mit ihrer Arbeit keine Chance zum Überleben hätten. Hier wohnen auch welche, die gehen auf gar kein Amt.“ Für einzelne sind selbst die fünf Euro im Monat für die Fäkalienentsorgung nur schwer aufzubringen. Es gibt zwei Toiletten - Plumpsklos. Dafür fehlen fließendes Wasser, Strom, Telefonanschluss.

Stefanie, 30, lebt mit ihrem achtjährigen Sohn Phileas seit sechs Jahren hier und ist für Veranstaltungen und die Website zuständig. Über ihren Freund kam sie in das Dorf. Ihr Holzwagen hat großzügige siebzehn Quadratmeter Grundfläche und einen vier Quadratmeter großen Schlafzimmer-Aufbau. Sie kocht mit Propangas, die Flasche hält ein halbes Jahr.

Strom für ein Radio und den Akku ihres Mobiltelefons liefert eine Batterie – es kostet etwa fünfzehn Euro im Monat, sie aufzuladen. Licht macht sie damit selten - wenn es dunkel wird, brennen reflektorenverstärkte Kerzen. Trinkwasser schleppt sie in Kanistern herbei, gefüllt in der Wohnung von Freunden. Sie geht sparsam damit um, fünfzehn Liter reichen mehrere Tage. Im selbst ausgehobenen und mit Holzbalken gestützten Erdkeller des Wagendorfes kühlen nur die Getränke für die Veranstaltungs-Bar. Für ihren eigenen Bedarf könnte sie sich ein Erdloch graben, mindestens anderthalb Meter tief, aber an heißen Tagen kauft sie ihre Lebensmittel nur für zwei Tage im voraus. Das „Badezimmer“ steht im hinteren Teil des Geländes, es besteht aus einer Plastik-Gießkanne in einem wicken-überwucherten Holzverschlag. Im Winter werden jene beneidet, die einen Job mit Duschgelegenheit haben.

Stefanies Besitz geht in zwei Koffer. Für sie ist es „total beruhigend, wie wenig ich jetzt besitze.“ Sie könnte einfach die Terrasse abschrauben, die Reifen wieder fit machen und woanders hinziehen, aber es genügt ihr, dass sie das weiß. „Ich bin ohne Angst, dass man mir etwas wegnehmen kann, und ohne Lust, mir viel anzuschaffen.“ Wenn sie abends von ihrer Holzpalettenveranda ihren kleinen Garten überschaut, dann denkt sie: „Möge mir lieber der Himmel auf den Kopf fallen als die Zimmerdecke.“

Entgegen der Vorstellung von einer familienähnlichen Dorfgemeinschaft hat ihr Sohn zwischen den Bauwagen nicht lauter Ersatzväter gefunden, sondern geht tagsüber in einen Kinderladen. Demnächst wird er seinen eigenen Wohnwagen beziehen. Für die Kinder aus den benachbarten Mietwohnungen ist der Junge ein anziehender Freund, und auch deren Eltern haben nichts dagegen, dass ihre Sprösslinge zwischen den Wagen spielen, doch über so viel kindlichen Besuch freuen sich nicht alle Wagendörfler, und so finden sich hier und da Verbotsschilder – handgemalt und bunt, aber nicht weniger unmissverständlich als anderswo in der Stadt.

„Fast jede Woche“, sagt Josch, „fragt jemand vor dem Plenum an, ob ein Platz im Wagendorf frei wird.“ Aber die Fluktuation ist nicht mehr hoch, auch wenn selbst Josch sich nicht vorstellen kann, auf dem Gelände alt zu werden. „Das tägliche Leben zu organisieren, braucht Zeit und Kraft, weil elektrische Helfer fehlen. Wir heizen mit Holz, das muss gehackt werden, am besten täglich, dann wird es nicht zu viel auf einmal. Wer schleppt einem alten, gebrechlichen Menschen das Trinkwasser herbei?“ Auch die obdachlose Familie, die das Dorf einmal aufgenommen hatte, blieb nur übergangsweise, denn das Leben auf einem alternativen Campingplatz ist nur im Urlaub herrlich einfach.

„Wir unterscheiden uns in unseren Strukturen nicht wesentlich vom Rest der Gesellschaft“, sagt Martin. „Die Zusammengehörigkeit ist dann groß, wenn der Druck von außen groß ist. Wenn zum Beispiel besoffene Punks wochenlang versuchen, auf das Gelände zu kommen, stehen alle zusammen. Aber der politische Druck hat abgenommen, damit auch das Wir-Gefühl, mancher schafft sich eine Waschmaschine an, nicht jeder lebt mit jedem in Frieden und Freude, wir sind nur Menschen.“

Denn da ist noch der Winter. „Im Winter“, sagt Stefanie, „wird man auf sich selbst zurückgeworfen. Man muss an den verschlossenen Wagentüren klopfen, um ein Gespräch zu haben, das sich im Sommer draußen ganz einfach ergibt. Man fühlt sich beengt in dem kleinen Wagen, und sitzt viel im Halbdunkel.“

Ob das Großstadtsingle mit DSL-Anschluss jetzt immer noch auf der Lohmühlenstraße steht und von schneebedeckten Ofenrohren träumt? Einen ausrangierten Bauwagen könnte es mit Kusshand von einer Baufirma kriegen, oder zahlt bestenfalls hundertfünfzig Euro dafür. Für einen Zirkuswagen müsste es schon bis zu fünftausend Euro hinlegen. Aber wenn das hier auch nicht das Paradies ist, wozu dann investieren?

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