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Vertijet Design
Das Lebens- und Arbeitspaar Antje Hoppert und Steffen Kroll macht Design nicht nach, sondern vor
von Gabriele Bärtels
Darüber, dass ein Baum aussieht wie ein Baum, macht sich niemand Gedanken. Das ist eben Natur, wird ein Spaziergänger achselzuckend sagen. Wie genial das Zusammenspiel von Funktionalität und Schönheit dieser Schöpfung ist, fällt ihm nicht auf, vielleicht weil er selbst zu sehr Teil der Natur ist. Doch es hat sie Millionen Jahre Versuch und Irrtum gekostet, bis der Baum jetzt so im Wald steht.
Das gleiche könnte man in arg verkleinerter Form auch von Parkbänken sagen, Telefonzellen, Tischen, Garderobenständern, Küchenbesteck und allen anderen Gebrauchsgegenständen, mit denen die Menschheit sich umgibt. Hier war der Schöpfer nicht die Natur, sondern der Mensch selbst, und deswegen ist die Gestaltung dieser Dinge auch nicht der Evolution unterworfen, sondern technischen Entwicklungen und Moden, blitzartigen Einfällen und mühsamer Umsetzung.
Wir reden von Designern, die sämtliche Gebrauchsgüter gestalten, die unser Kosmos enthält. Im schlimmsten Fall stören und behindern uns diese Dinge, erscheinen uns kalt und eckig. Im besten nutzen wir sie wie natürlich, schauen sie aber mit nicht mehr Aufmerksamkeit an wie einen Baum. Entsprechend wenig Produkt-Designer sind echte Stars, sieht man mal von Colani und Philipp Starck ab.
Kirsten Antje Hoppert (33) und Steffen Kroll (38), die zusammen das Label Studio Vertijet bilden, schauen immer. Sie schauen aus dem Fenster über hässliche Industriedächer und denken: „Das kann doch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.“ Sie beobachten, wie Menschen sich auf ihren Sofas lümmeln, mit Küchenmessern hantieren, welche Utensilien sie für eine Gartenparty heranschleppen, wie sie sich in öffentlichem Raum bewegen. Sie sehen Formen, wo andere nur Umrisse wahrnehmen, und dann stehen sie in ihrer Werkstatt und versuchen, aus einer Idee ein nützlicheres, schöneres Ding zu bilden, das später vom Prototyp in die Serienfertigung geht, und von den Leuten schon bald wieder gedankenlos benutzt wird, eben weil es weder das Auge noch die Handhabung stört, sondern dem einen schmeichelt und das andere so leicht macht, dass man keinen Gedanken daran verschwendet. So weit die wünschenswerte Idylle.
„Die Steigerung schlechter Ausgangsbedingungen ist es, als deutscher, dann auch noch ostdeutscher und schließlich hallescher Jungdesigner anspruchsvolles Design etablieren zu wollen“, sagt Steffen Kroll grinsend. Auch wenn der sachsen-anhaltinische Ort eine Hochschule für Kunst und Design beherbergt, geht man gewöhnlich nach Hamburg, Düsseldorf oder ins hippe Berlin, wenn man was werden will, denn „hipp“ wird gern mit gutem Design verwechselt.
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Studio Vertijet
Preise und Ausstellungen
1998 1. Preis beim „Bayerischen Staatspreis für Nachwuchsdesigner“ in der Kategorie Industriedesign für Damenschuhe und Stiefel
2002 2. Preis beim Marksman Design Award „Culinary Enjoyment“, Niederlande, für das Küchengerätesystem APPETIZER
2002 REDDOT AWARD für das Sitzmöbel SCROLL von Cor
2002 Ausstellung des Sitzmöbels SCROLL im Museum of Contemporary Art in Taipeh, Taiwan, im Rahmen der Ausstellung „Architecture for the new Millenium“
2003 REDDOT AWARD für den Sessel HOB von Cor
2004 REDDOT AWARD für den Teppich CAMPO 6 für die „European Design Edition“ von Jab-Anstoetz
2004 Nominierung des Sessels HOB für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland
2005 IF-AWARD für die Taschenserie AKASHI von Bree
2005 Nominierung für den „Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2005“ mit dem Teppich CAMPO 6 von Jab-Anstoetz
2005 Teilnahme an der Ausstellung „Jung und Deutsch“, Berlin und Tokyo
2005 REDDOT AWARD „best of the best“ für die Taschenserie AKASHI von Bree
2005 Teilnahme am „Designlab Deutschland“, Oktober 2005 in Tokyo
2005 Kunstpreis des Landes Sachsen-Anhalt
2006 Nominierung von Akashi/BREE für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland
www.vertijet.de
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Doch das Lebens- und Arbeitspaar Hoppert/Kroll ist in der Provinz geblieben. Es sieht auch nicht aus, wie man sich mehrfach ausgezeichnete Designer vorstellt, durchgestylt bis in die Zehenspitzen. Sie tragen beide die ganz normale T-Shirt-Jeans-Kluft ihrer Altersklasse, und in der gemütlich-hellen Küche stehen zwei Stühle „von Kirstens Tante“.
Sie lernten sich hier an der Hochschule kennen, Kirsten Hoppert studierte Innenarchitektur, Steffen Kroll Produktdesign. Mit einem Postgraduiertenstipendium der Hochschule entwickelten sie gemeinsam ein futuristisches Fertigteilhauses und weil zwischen ihnen vieles harmonierte, beschlossen sie, auch langfristig zusammenzuarbeiten.
Früh wussten sie, dass sie nicht enden wollten wie viele Designer: Spezialisiert auf einen engen Bereich, bemüht, die Vorstellungen großer Möbel-, Lampen-, Teppich- oder-Taschenhersteller zu erfüllen, deren Pioniergeist und Unternehmermut in Jahrzehnten steten Wachstums vielfach erstickt ist, und die zwar dauernd kreative Köpfe brauchen, aber bloß nicht zu eigenwillige. Entwürfe, sollen neu sein, doch nur ein bisschen.
„Der Handel bestellt nur das, was sich gerade gut verkauft“, skizziert Steffen Kroll die gängige Strategie. Von Kühnheit, wahrer Innovation ist da ganz schnell nicht mehr nicht die Rede. Mach Mainstream, heißt die Devise stattdessen, und gleichzeitig werden begabte Designer heiß umworben, denn ohne sie wären ganze Horden an Teppichen und Esstischstühlen gar nicht denkbar. Das kann beim einen oder anderen schon mal dazu führen, dass er seine Visionen an die Gefälligkeit verrät oder in Selbstverliebtheit verfällt und seinen Gestaltungswillen übertreibt, bis er nur noch seiner künstlerischen Beweihräucherung dient.
Das Paar wollte seine eigene Auffassung von Produkt-Design durchsetzen. Steffen Kroll, eindeutig der Redner der beiden, sagt: „Bevor Boris Becker den Tennisrasen betrat, interessierte sich kein Mensch in Deutschland für Tennis. Danach ist er zum Breitensport geworden.“ Was bedeutet das in diesem Zusammenhang? „Dass man die Welt jederzeit wieder neu erschaffen kann, nicht erst, wenn sie in Schutt und Asche liegt wie nach dem Krieg.“
Design ist für beide nicht der hundertste Salut vor vermeintlich allgemeingültigen Regeln, ein intellektuelles Spektakel oder ein Weg, um eine moderne Karriere zu machen, sondern ganz der Form, dem Material und dem Alltag des Menschen verpflichtet. Sie wollen wie Bildhauer arbeiten, also über händisch geformte Modelle zum Prototyp kommen und erst im zweiten Schritt über technische Zeichnungen und Datenberechnungen. Vertijet betrachtet sich nicht als Dienstleister wirtschaftlicher Systeme sondern des Menschen: Die Sache, die er benutzt, soll ihn nicht überwuchern, sondern seinem Proportionenverständnis entgegenkommen, sei es ein Sessel oder ein Küchenmesser. „Es braucht viel Mühe, um das Niveau zu erreichen, das die Natur vorgelegt hat“, betont Steffen Kroll. „Man kann nicht sensibel genug sein, muss das Gras wieder aufmerksam betrachten und fließenden Honig.“
Das Duo fragte sich: „Wie können wir unser Umfeld so gestalten, dass wir darin leben können, ohne unsere Entwürfe zögerlichen Herstellern anzupassen?“
Noch während des Studiums gewannen beide erste Preise, und es wäre leicht gewesen, auf dieser Erfolgsschiene fortzufahren, aber sie fühlten, dass das der erste Schritt in eine falsche Richtung gewesen wäre. Also buhlten sie nicht um Aufträge, sondern gingen eine Weile in den „Untergrund“, ließen nichts von sich hören, probierten Ideen aus, machten Fotos, bauten Modelle und manchmal sogar erst das Werkzeug, das sie dafür brauchten. Vielleicht stärkten sie auch ihre Widerstandskraft gegen die hochglänzende, eitle Design-Welt. Vielleicht war auch Trotz dabei, als sie beschlossen, zu zeigen, dass es auch anders geht als bestens angepasst.
Im Jahr 2000 traten sie dann erstmals unter dem Label Vertijet hervor. Das ist nicht holländisch, sondern der Name eines amerikanischen Flugzeugs aus den 50ern, einer Ryan X-13, eines ungewöhnlich gebauten Senkrechtstarter aus der militärischen Forschung. Anmaßend? Prophetisch?
Es lag ihnen nicht, Unternehmen zu umgarnen, um für ihre hart erarbeiteten Entwürfe zu werben, sie sprachen dann aber doch Leo Lübcke an, Chef des Sitz- und Polstermöbelherstellers Cor, das für hochwertiges Design bekannt war. Firmenchef und Designer-Paar waren sich schnell sympathisch. „Cor wurde zu unserem Lieblingsunternehmen“, schwärmt Steffen Kroll. „Wir entwickelten eine freundschaftliche Beziehung zu Leo Lübcke.“
Das Sofa scroll war das erste Produkt von Vertijet, das bei Cor in Serie ging, beste Kritiken erntete und sogar ausgestellt wurde. Somit wurde es für Vertijet zum Türöffner für andere Unternehmen. Die Jung-Designer gewannen weitere Preise und entwickelten Produkte für Bree (Taschen), Skia (Sonnenschirme), Jab Anstoetz (Teppiche und Stoffe), authentics (Designprodukte des täglichen Gebrauchs). Bei Firmen-Präsentationen riefen sie heftige Reaktionen hervor, sogar Beifall der Vertreter.
Immer aber gaben sie sich auch den Raum, auftragsfrei zu denken und brachen Produktentwicklungen ab, weil sich ab einem bestimmten Punkt die Vorstellungen der Hersteller und Vertijets schmerzlich auseinander entwickelten. Als Tribut an den vermeintlich schwerfälligen Kunden sollten sie nur einen einziges Detail verändern. Doch Hoppert und Kroll konnten ihre Ideen nicht verraten, also zeichnet sich ein Ende mancher Zusammenarbeit ab.
Für diese kompromisslose Haltung braucht man Rückgrat. Das stärken sie sie sich gegenseitig. So sagt Kirsten Hoppert: „Allein hätte ich meine Haltung nie so weit durchgezogen“, und Steffen Kroll: „Ich schon, aber ich wäre nie so weit gekommen.“ Sie sind miteinander verzahnt, sagen sie, auf unterschiedlichen Ebenen bringt mal sie mehr ein, mal er.
„Kirsten ist besser im Layout, ich im Modellbau. Sie fordert auch stärker, dass wir an einer Idee dranbleiben, statt gleich über der nächsten zu brüten.“ „Er ist der Formengestalter, aber auch ich sehe, ob eine Linie stimmt“, fügt Kirsten hinzu, und: „Nach außen hin liegt die Kommunikation in Deiner Hand.“
Sie ist eindeutig der ruhigere Typ, während Kroll viel aufsteht und sich wieder setzt. Und er fügt hinzu, sie seien nicht erpressbar. „Ich habe drei Führerscheinklassen, notfalls arbeite ich als Lastwagenfahrer.“ Da er seit 2005 eine Gastprofessur für Produktdesign an der hiesigen Hochschule hat, steht dies vorerst nicht zu befürchten.
Rückgrat brauchen die beiden, weil der Weg zum Endverbraucher bisher ausschließlich über Hersteller führte, denn ein Designer kann zwar entwerfen, aber sein Produkt nicht in Serie produzieren. Somit ist der direkte Weg vom Endverbraucher abgeschnitten, wenn er mit Unternehmen nicht kooperiert. Steffen Kroll vergleicht Vertijet mit einem Yeti-Ritter: „Wir haben zwar die Macht nicht, aber die Kraft.“
Aus dieser Lage ein Programm zu machen, scheint langfristig der einzige Weg, Design, wie sie es sich vorstellen, zu entwickeln und ohne Umwege an den Kunden zu bringen. Vertijet träumt davon, eine Produktpalette auf die Beine zu stellen, für die man keine teuren Werkzeuge braucht und die Unternehmen für das Label auf Abruf produzieren. Der Kunde kauft dann direkt bei Vertijet.
„Ob das langfristig funktioniert, wissen wir nicht, aber das müssen wir jetzt auch noch nicht wissen.“ Das klingt sehr nach Pionieren, die nicht nur jede Welt aus Schutt und Asche braucht, sondern auch die scheinbar festgefügte.
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