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Begegnung mit einem Vatermörder
von Gabriele Bärtels
In der ersten Frühlingswärme flanierte ich über einen Platz. An einem Geländer lehnte ein alter Mann mit blauer Bomberjacke und Elvis-Haarschnitt in der Sonne, rauchte und trank Saft aus einer Dose. Ich fragte, ob ich ihn fotografieren dürfe, und er hatte nichts dagegen. Als er mich aufforderte zu schätzen, wie alt er sei, dachte ich siebzig und sagte fünfundsechzig. Tatsächlich war er dreiundachtzig, arbeitete noch als Taxifahrer und hatte ungewöhnlich blaue Augen.
Acht Ehefrauen habe er im Leben gehabt, aber keine hier in Deutschland. Zwölf Kinder sind daraus hervorgegangen. Er behauptet, indonesisch, arabisch und türkisch fließend zu sprechen.
Seinen Namen weiß ich nicht, seine Geschichte geht so: Er wurde in einem Arbeiterviertel geboren, hatte zwei ältere Schwestern und einen brutalen Vater, der schwerer Alkoholiker war und um sich schlug, wann es ihm passte. Die Mutter wagte nicht, aufzumucken, auch dann nicht, als der grausame Gatte eine seiner Töchter am Fuß so schwer verletzte, dass sie nie wieder richtig laufen konnte.
„Schon mit zehn hätte ich ihn ermorden können!“, erzählt der Greis, damals ein hilfloser Junge. Als er siebzehn wurde, musste er mit ansehen, wie der betrunkene Vater der anderen Tochter die Brust durchstach, weil sie ihm kein Geld für Schnaps geben wollte. Die Mutter schrie, der Vater raste. Da erschlug der jugendliche Sohn den Säufer. Gereut hat ihn das nie.
Er flüchtete sofort. „Damals war das ja nicht so streng mit Schmuggel und Grenzkontrollen.“ Vor einer Spedition sprach er zwei Lastwagenfahrer an und ließ sich von ihnen nach Marseille mitnehmen. Dort trat er in die Fremdenlegion ein und wurde sofort nach Indonesien geschickt, wo er seine erste Frau heiratete und seinen ersten Sohn bekam.
Drei Jahren später sagte er zu ihr: „Du, unsere Truppe wird nach Afrika verlegt. Willste mitkommen zu den schwarzen Männern?“ Das wollte sie nicht.
Bis er fünfzig war, kamen auf diese Weise viele Länder und acht Ehefrauen zusammen. Dann nahm er seinen Abschied von der Fremdenle gion und kehrte allein nach Deutschland zurück. Er wurde Taxifahrer und heiratete nicht wieder, holte aber nach und nach seine Kinder nach Deutschland und sorgte dafür, dass sie Deutsch lernten.
Acht seiner Söhne von verschiedenen Kontinenten leben jetzt hier, gehen anständiger Arbeit nach, sind verheiratet, haben bisher vierzehn Enkel produziert. Zu seinem Achtzigsten hat der alte Mann sie alle noch einmal eingeladen, aber jetzt schüttelt er den Kopf und lacht: „Das kann ich mir nicht mehr leisten.“ Er selbst wohnt seit dreißig Jahren möbliert und teilt sich Bad und Küche mit anderen. Seine Schwestern sind lange verstorben, seine Mutter wurde fast hundert und blieb ihm für den Mord an ihrem Ehemann immer dankbar.
Der alte Mann ist schlank, seine Augen wach, er strahlt Gelassenheit aus und schüttelt den Kopf über einen sechzigjährigen Mitbewohner, der dreimal so viel wiegt wie er, im Leben einen einzigen Tagesausflug zum Hamburger Fischmarkt gemacht hat, und nur über Krankheiten jammert. „Wenn icke mal die Augen zumache – und das muss ja sein – kann icke sagen, det icke alle Frauen jehabt habe und nüscht zu bedauern.“
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