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Uschi Tesche
Kneipenwirtin seit 40 Jahren
von Gabriele Bärtels
Seit sich Uschi Tesche (70) vor zwei Jahren einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen hat, steht sie auf Krücken am Zapfhahn.
Damals blieb ihre Kneipe Zum Alten Kameraden in Berlin-Kreuzberg drei Monate geschlossen, und „der Stamm“ - so nennt die Wirtin die verbliebene Kundschaft, die sie namentlich aufzählen kann, glaubte kaum noch, dass sie je wieder öffnen würde. „Aber wat soll ick den janzen Tach bei meinem Alten?“ fragt sie in dem leicht ruppigen Ton, den man sich schon angewöhnen kann, wenn man vierzig Jahre hinter demselben Tresen steht und überwiegend vierschrötige Männer bedient, die nicht lange nüchtern bleiben. Sie trägt einen dicken Pullover unter einer wattierten Weste und hat einen durchdringenden, klaren Blick. Tausende verrauchter Kneipennächte haben ihr eine chronische Bronchitis eingebracht und ihre Züge vergröbert. Von ihrer dunkelhaarigen, zierlichen Attraktivität sind nur die feuerroten, schraubenzieherspitzen Fingernägel geblieben.
Es ist eben alles weniger geworden: Die Öffnungszeiten (früher von morgens bis in die späte Nacht, heute von elf bis achtzehn Uhr), das Angebot (Bouletten, Rollmöpse, Soleier, Knacker, Kartoffelsalat gibt es nicht mehr, nur noch gezapftes Bier, Flaschencola und harte Getränke) und der Alkoholkonsum, denn fünfundneunzig Prozent ihrer Gäste sind langzeitarbeitslos, was sich tief in ihre Gesichter gegraben hat.
Seit gestern fehlt nun auch der Zigarettenautomat, denn Uschi hat sich über den Lieferanten geärgert, und gesagt, er soll das Ding gleich mitnehmen. Geraucht wird halt auch nicht mehr so viel, selbst wenn man von der dunkelbraunen Kneipendecke „Stoff für einen Lastwagen voller Nikotinpflaster abkratzen“ kann, wie der einzige Gast in dieser späten Nachmittagsstunde bemerkt, die hier im Halbdunkel vor sich hindämmert. Vor ihm steht ein halbausgetrunkenes Bier und ein leeres Schnapsglas. Er ist ein schwergewichtiger, dunkler Mann mit fettigen Haaren und schweigt schon eine ganze Weile.
„Eigentlich wollte ich keine Kneipenwirtin werden.“ 1966 war Uschi Tesche dreißig und arbeitete im Zoo. Eine Ausbildung zur Tierpflegerin hatte man ihr dort verweigert, denn es gab nur männliche Lehrlinge. Doch sie war jetzt verheiratet und Mutter eines Kindes, und die Familie meinte: „Diese Kneipe ist es wert, dass man sie kauft.“
Zu diesem Zeitpunkt existierte die Gastwirtschaft schon rund ein halbes Jahrhundert länger als ihre neue Wirtin, nämlich seit 1919. Zuerst wurde sie von Tante Anna betrieben, deren Kundschaft sich von einem nahegelegenen Militärgelände und dem Offiziershaus rekrutierte. In der Zeit bis 1961 verwandelte sie sich unter Tante Friedas Führung in eine Fernfahrerkneipe. Bevor dann Uschi Tesche und ihr Mann Rudi den Laden übernahmen, wechselten in rascher Folge einige glücklose Besitzer.
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Anderthalb Jahre später war der Kaufpreis abbezahlt, und die Tesches zogen in eine Wohnung im gleichen Haus, in der sie noch heute leben. Rudi ist jetzt krank und missmutig, hockt den ganzen Tag oben, und wenn seine Frau ihm etwas mitzuteilen hat, läuft sie aus der Kneipe heraus und streitet mit ihm über die Gegensprechanlage am Hauseingang. Anfangs teilte sie sich mit ihrem Gatten die Schichten, doch als der eine Stelle als Busfahrer bei der BVG angetrat, die er bis zur Rente behielt, blieb es allein ihr Geschäft. Sie war eine der ersten, die Grünpflanzen in Kneipenfenster stellte, „das war damals nicht üblich“ und wurde dafür von ihrem Mann verlacht. Für einen halben Liter Bier nahm sie 70 Pfennig, für ein helles 0,3er 30 Pfennig, Schnäpse gab es ab 40 Pfennig. „Gute Gäste ließen am Abend fünfzig Mark hier.“
Braucht eine Wirtin eine besondere Begabung, einen bestimmten Ton, um aus zufälliger Lauf- eine treue Stammkundschaft zu machen? Diese Frage wischt Uschi Tesche unwirsch weg und stützt dabei die Ellenbogen auf den Stehtisch, der an dieser Stelle schon Löcher haben könnte, denn es ist ihr Stammplatz von Anfang an. „Ich brauchte keenen Ton. Ich war jung, hübsch, und die Kerle hatten Respekt vor mir. Im Hinterkopf hatten sie zwar alle denselben Gedanken, aber wenn mir einer an den Hintern fasste, hat es gleich geknallt.“ Eine gewisse Menschenkenntnis hat sie sich allerdings angeeignet. „Schon wenn die Tür uffging, hab ick gewusst, wie ein Stammgast drauf ist.“ Der Herr da drüben“ – sie zeigt auf den schweigenden Mann an einem der drei Tische – „liest Zeitung. Das heißt, dass er nicht angesprochen werden will.“ Sie hat eine laute, dreckige Lache. „Streit gab es nur, wenn einer hier nicht reinpasste, aber mit der Zeit kriegt man ein Feeling dafür, wer es ehrlich meint und wer nicht. Ich habe alles gesehen und bei vielem weggeguckt.“
„Bastelst Du mir noch so´n Gerät?“ bittet der Stammgast und schiebt sein leeres Glas in ihre Richtung. Uschi lehnt die Krücken an den Tresen und zapft ihr millionstes Bier.
Der Vergleich einer Kiezkneipe mit einem Wohnzimmer ist arg strapaziert worden, nirgends passt er besser als hier. Der Fremde, der die schwere Eingangstür aufzieht, findet sich in einem bestenfalls dreißig Quadratmeter großen, hohen Raum wieder, in dem es keinen Zentimeter gibt, auf dem nicht Kunstblumen sprießen, der nicht mit Sinnsprüchen, Hirschgeweihen, Porzellanfigürchen, Stoffpüppchen, Herzkissen bedeckt ist. Über der Theke schwebt ein in gusseiserne Schnörkel gefasstes Asbach-Uralt-Schild, im Flaschenregal ganz oben stehen antiquarische Drei-Liter-Schnapsflaschen, die schon lange nicht mehr produziert werden. 1980 ist der Schankraum zuletzt renoviert worden. Hat die Wirtin danach mal an Modernisierung gedacht? Sie schüttelt heftig den Kopf. „Die Leute wollen keine Veränderung.“ Man könnte die Kneipe, so wie sie ist, in ein Museum stellen. „Bevor ich hier rausgetragen werde, wird hier nichts rausgetragen“, betont Uschi Tesche, denn an allen Teilchen hängt eine persönliche Geschichte.
Von der Baerwaldstraße aus sieht man vom Alten Kameraden nur zwei Fenster mit vergilbten Gardinen, allerlei Pflanzen, Plastikzwergen, einem ausgestopften Fasan und natürlich das Schultheiß-Schild. Seit 1976 gegenüber Grundschule und Kindergarten errichtet wurden, das Kino und alteingesessene Industriebetriebe im Umkreis wie Ford, Opel und die Schokoladenfabrik Sarotti verschwanden, blieben Arbeiter und Laufkundschaft nach und nach aus. Dennoch war es hier damals, als der Straßenbelag noch aus Kopfsteinpflaster bestand, täglich „proppedickevoll“, und spät in der Nacht, wenn andere Lokale schon geschlossen hatten, kamen die Kellner auch noch herüber. „Nach dem Mauerfall lief es noch ungefähr ein Jahr gut, aber seit 1991 ging es mit dem Umsatz ganz abwärts.“
Das Leben, das hier früher tobte, findet heute vor allem auf den eingerahmten Fotos und Zeitungsartikeln statt, die an allen Wänden hängen. Es sind Bilder von Geburtstags-, Weihnachts-, Silvesterfeiern, Pudeln und Pferden. Schon öfter ist die Uschi Tesche der Journaille über den Weg gelaufen, zuerst 1937, als ein Reporter das einjährige Baby mit Katze im Kinderwagen fotografierte und mit dem Bild einen Zeitungsartikel illustrierte. Die alte Wirtin fördert weitere vergilbte Zeitungen zutage, unter anderem eine BZ aus dem Jahre 1956 mit einem Foto von Bundespräsident Heuß, der sich mit der zwanzigjährigen Uschi an der Seite von einem weißem Lippizaner durch den Zoo kutschieren lässt. Und 1985 lautete eine Schlagzeile in der Morgenpost: Rentnerin beim Radeln von Pferd überrannt. Reiterin konnte Wallach nicht halten.
Das war ihr Ausgleich: Den Wallach „Onyx“ behielt Uschi Tesche sechzehn Jahre, fuhr mindestens zweimal die Woche hinaus nach Kladow, um Springreiten zu üben. „Da kannste Dir keine Dauersauferei leisten. Man kann nicht mit einem Flattermann auf´m Pferd sitzen.“ Mehr als ein Hobby konnte aus ihrer Liebhaberei nicht werden, schon weil es ihr Mann nicht gerne sah, aber seine Frau beschloss, ihre Wirtschaft mit Pferdebildern, Zaumzeug und Heuballen zu dekorieren, und auch das Foto des Wallachs am Tresen, der sein Maul in einen Bierseidel steckt, stand 1994 großformatig im Lokalteil der Zeitung. Das Tier ist lange tot, und man kann Uschi Tesche leicht zum Weinen bringen, wenn man sie darauf anspricht.
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Auch die Kundschaft aus den benachbarten Mietshäusern ist verstorben, weggezogen, oder trinkt nicht mehr, die Türken im Bezirk haben ihre eigenen Lokale und die jungen Leute auch. „Die wollen Cappuccino, Draußensitzen und gesehen werden“, sagt Uschi leicht beleidigt, die ihre Kaffeemaschine längst abgeschafft hat. „Auch Kneipenessen geht nicht mehr. Aber man kann aus einer altdeutschen Wirtschaft keine Cafeteria machen.“ Mit den Getränkepreisen muss sie im Rahmen dessen bleiben, was ihre verbliebenen Gäste sich leisten können. Das kleine Bier kostet einen Euro. Auch wenn der Umsatz ihren Aufwand längst nicht mehr rechtfertigt, verschwendet sie an das Aufhören keinen Gedanken. „Zuhause würde ich vergammeln.“
Aus dem Radio rieselt leise Schlagermusik, inzwischen sitzen zwei Leute auf Barhockern um den Faß-Stehtisch, die Mimik eher reglos, die Haltung eher geduckt, und auch, wenn sie sich nicht allzu offensichtlich unterbrechen, hat der Fremde das richtige Gefühl, eine private Unterhaltung zu stören, die schon lange Zeit andauert und mitunter sehr direkt wird. Auf Wunsch wird der Fremde zwar gesiezt, wenn er ein Bier bestellt, doch er wird sich selbst nicht recht wohlfühlen, wenn er nicht bald zum „Du“ wechselt, ein Mensch ohne Getue ist, und keine langen Strümpfe trägt, denn der Kohleofen in der Ecke heizt nur sparsam. Als der schweigsame Mann zahlt und geht, glättet Uschi die Falten auf der Tischdecke und schiebt die Bierdeckel zusammen. „Nach zig Jahren taucht manchmal einer von der alten Kundschaft auf und wundert sich, det icke noch da bin.“
Es ist siebzehn Uhr, der Stamm ist durch. Von ihrem letzten Gast lässt sich Uschi draußen die verblichene Holzjalousie herunterziehen, die nicht richtig funktioniert, denn es kann sein, dass heute keiner mehr kommt, der ihr dabei helfen könnte.
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