Williams Unterlippe stand vor. Sie stand immer vor. Wie eine aufgezogene Schublade. Wie ein kleines, leeres Kind, das nichts in sich trug, keinen Willen, kein Blut, keine Träume, so saß er an seinem Schreibtisch. Seit vier Wochen arbeitete er an seiner Steuererklärung. Wenn ihn jemand fragte, beschrieb er in immer gleichen Sätzen, ohne Betonung, wie aufwendig, kompliziert, undurchschaubar dies alles sei, und dass er keinem Steuerberater vertraue, und wenn er gründlich gearbeitet haben würde, müsse er auch nie mehr einen hinzuziehen.
Eigentlich behauptete er, politischer Journalist zu sein, doch etwas ging ihm ab - eine natürliche Neugierde, er wollte nichts wissen, forschte nicht, drang in nichts, fand keine Themen, verbarg vor sich selbst die Tatsache, die jeder außerhalb von ihm sah: Er wartete. Auf den nächsten Zug, auf den er aufspringen konnte, der einen Lokomotivführer hatte, ein Ziel, eine Geschwindigkeit, er würde sich in ein Abteil setzen und meckern. Am Wochenende wartete er auf den Montag und wenn ihm das zu lange dauerte, ging er ins Büro, schaltete den Computer an, der Bildschirmschoner - ein dreidimensionales W - schwebte langsam und lautlos über die Fläche, er las alle Zeitungen, mit vorgeschobener Unterlippe, geradem Rücken, Zeile für Zeile, nahm die Fakten so gewissenhaft auf wie ein Buchhalter und legte sie in seinen Gehirnakten ab, sauber sortiert, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb, nichts beunruhigend frei durch seinen Kopf treiben, keine Fragen aufwerfen konnte. Faltete er die Zeitungen zusammen, war er so leer wie zuvor.
Seine Rede zehrte von der Vergangenheit, von der Zeit, als er Radio-Moderator gewesen war, eineinviertel Jahr, "beim Sender, da habe ich ..., als ich noch beim Sender war ..." Zwei Jahre war das her und seitdem war keine Heldentat dazugekommen, aber er glaubte, dazu in der Lage zu sein, glaubte fest daran, was blieb ihm auch, denn er hatte sonst nichts, sich selbst zu beeindrucken und die anderen, ahnungslosen, neuen Bewerber, die in das Journalistenbüro kamen, sich den leeren Schreibtisch anzusehen, der zu besetzen war.
Er führte sie herum, "Petra schreibt für Hochglanzmagazine, Angela macht Fernsehen, mein Bruder Michael ist Modejournalist, als ich meinen Film für das ZDF gemacht habe ..." , ja, wieder ein vergangener Triumph, alle Kritiken hatte er gesammelt, im Ordner lagen sie, sorgfältig nebeneinandergeklebte Schnipsel, aber die Gegenwart fehlte und alle, die länger als sechs Wochen in diesem Journalistenbüro arbeiteten, wussten das: er war ein leeres Kind, ohne Ideen, ohne Initiative, ohne Interesse. Ein Warter.
Er lebte allein, in einer erschreckend kahlen Wohnung, die mit einer Schrankwand gefüllt war, einem Ledersofa, Trinidad-Postern an den Wänden, Knäckebrot im Kühlschrank. Ein Küchentisch fehlte, es fehlte seine Person. William war vierzig.
Eine Beziehung hatte er gehabt zu einer Frau. Drei Jahre lang trafen sie sich jeden Samstag und gingen miteinander ins Bett, nur das, nichts sonst, keine Fragen, keine Wünsche, keine Vorstellung voneinander. Die Trennung kam, als die Frau beruflich die Stadt wechselte, und seitdem suchte er eine neue, eine, mit der es so ähnlich sein könnte. Natürlich, er wünschte sich schon mehr, irgendwie, aber es war auch beruhigend, nichts zu wünschen, so gab es keinen Schmerz und keine Lust und lieber nichts riskieren, wenn alles beim Alten blieb, dann war es doch gut.
Text + Foto von Gabriele Bärtels


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