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Frida kostet nichts, aber das ist nicht wahr

Das Leben mit Matthias im Konjunktiv
von Elisabeth Ligensa, Fotos: Gabriele Bärtels

Ein Topmanager sucht eine Frau

 

Matthias ist ein deutscher Hochleistungsmanager. Sein Jahreseinkommen bewegte sich im Millionen-Euro-Bereich. Weil er noch vierzig Jahre zu leben hat (er kennt seine Blutwerte genau), sucht er eine neue Frau. Das wäre an und für sich nicht schwierig, es stünden durchaus schon welche bereit, aber Matthias hat Ansprüche. Äußerst intelligent sollte sie sein, damit er sich nicht langweilt, selbstbewusst, groß, unbedingt schlank und möglichst französisch in ihrer Art sich zu kleiden, denn Ungepflegtheit erträgt er nicht, und sein geschmackvolles Auge ist leicht verletzbar, immerhin rasiert er sich selbst auch die Achseln.

Gerade hat er eine eventuell in Frage kommende Dame kennengelernt. Er gibt ihr Gelegenheit, das Angebot von allen Seiten zu betrachten, damit sie sich ein wahrheitsgetreues Bild von einer möglichen, gemeinsamen Zukunft machen kann.

Was er im Einzelnen in seinem Konzern bewegt, würde er dieser Frau beim Frühstück nicht erzählen, auch nicht, wie viele Arbeitsplätze dabei verloren gehen könnten. Wäre er nicht klug genug, alles zu relativieren, so würde er behaupten, dass die meisten Menschen in Bewerbungsgesprächen ohnehin nur nach Urlaubstagen fragen. Solche Leute hasst er, besonders in diesen schwierigen Zeiten.

Seine erste Ehe verlief weitestgehend streitfrei, das Paar trennte sich nach fünfzwanzig Jahren fair und freundlich. „Wir waren eine Einheit“, sagt er. „Sie hat mir den Rücken freigehalten.“ Sie organisierte die Umzüge, richtete die Wohnungen ein, ging Reden mit ihm durch, nahm ihn zur Seite, wenn er die ätzende Schärfe seiner Zunge mal wieder nicht bemerkte.

Er wäre ein guter Mann, was die Treue und die Zuverlässigkeit anginge. Er wäre nicht wankelmütig, wenn er sich einmal entschieden hat, würde seine Auserwählte nicht fragen, was sie zur Haushaltskasse beitragen kann, und für die Wäsche gäbe es Personal. Sie hätte alle Freiheiten, könnte in jederzeit im Büro anrufen, und er würde bei erster Gelegenheit zurückrufen. Auf alle Fragen bekäme sie eine direkte, wahre, ruhige Antwort, die natürlich aus Zeitmangel auch knapp ausfallen könnte. Machtspiele wird er mit ihr nicht spielen, er ist friedlich und kooperativ, auch wenn sein Gesicht oft missmutig verzerrt ist, manchmal verachtungsvoll.

Sein langer Körper ist zäh, seine Züge asketisch, das Haar voll, die Schläfen grau. Er lächelt beinahe nie, aber wenn er es tut, wird er frech und jungenhaft. Er entblößt dann Zähne, denen jede Gemeinheit zuzutrauen ist, allerdings würde er solche nicht aus Gemeinheit ausführen, sondern rein wegen des wirtschaftlichen Vorteils für das Unternehmen, dem er vorsteht.

Dessen absoluter Dienstleister ist er, ein freiwilliger Sklave, nur seinen eigenen Regeln untergeordnet, und das sind die härtesten. Sie lauten: Jeden Morgen eine Stunde joggen, selbst dann, wenn er die erste Nacht mit einer potenziellen Zukünftigen verbracht hat. Sie kann liegenbleiben oder aufstehen, ganz nach Belieben, jedenfalls ohne ihn. Das muss sie wissen, das verhehlt er von Anfang an nicht: Es mag kalt sein oder Mitternacht, Montag oder Ostern - Matthias steht dem Konzern durchgängig zur Verfügung: Trainiert, kontrolliert ernährt, wach, ein hochmotorisierter Bilanz-Analytiker, feinstgetunter Beobachter, härtester Verhandler. Wenn es sein muss, legt er in einer Nacht einen Krisenplan vor, dessen Ausarbeitung gewöhnlich Wochen dauert, und hat tags darauf wie gewohnt Termine bis in den späten Abend. Man muss sich das bildlich vorstellen wie einen rasenden Ruderer, dazwischen schlafen, bis um sechs Uhr zwei Wecker gleichzeitig klingeln, samstags um sieben.

Eines Morgens kehrte er erst nach zwei Stunden vom Joggen zurück, und konnte sich diesen Zeitverlust nicht erklären. Nach langem Nachdenken kam er darauf, dass er irgendwo auf seiner üblichen Strecke an einer Straßenlaterne gelehnt geschlafen hatte. So ähnlich hält er seit Jahrzehnten durch. Matthias ist sich bewusst, dass er auch Ausgleich braucht. Es müsste also eine sensible, warmherzige Frau sein, mit der er sein Leben teilen wollte.

„Frauen haben einen sechsten Sinn“, glaubt er, und kommt nicht auf die Idee, dass das für sein Geschlecht gleichermaßen gelten könnte, und auch nicht alle Frauen so sind. Vielleicht meint er nicht einmal einen sechsten Sinn, sondern nur ein gewöhnliches Herz, und weiß es nicht. Vielleicht hat er eines, denn er bringt es nicht fertig, seine indonesische Putzfrau zu entlassen, die zu alt geworden ist, zu langsam, zu nachlässig. Sie hat einen behinderten Sohn und würde keinen neuen Job mehr finden.

Von jeder Bedienung im Restaurant wird Matthias stählerne Souveränität sofort erkannt, und sie verhält sich entsprechend. Diese augenfällige Autonomie besteht unabhängig von der Menschheit, und ist auch von einer Frau durch keinen Anwurf ins Wanken zu bringen. Druck von außen bedeutet ihm nichts, der von innen alles. Wenn eine Frau einen Helden braucht, kann er ihn liefern. Er ist Radrennen gefahren, Skirennen gelaufen, Pferderennen geritten und absolut geschmackvoll eingerichtet, von der Güte der Kunst an den Wänden ganz zu schweigen. Das Auto, der Wein, das Haus in Italien – nur beste Namen, feinste Adressen, Mehrsprachigkeit.
Das Leben an der Seite von Matthias ist luxuriös ausgestattet und spartanisch zugleich. Am liebsten würde er seine Prachtwohnung immer frisch geputzt halten. Dass die Natur dies als Dauerzustand nicht vorgesehen hat, erfüllt ihn mit Ungehaltenheit. Er ist froh, keine Pflanzen zu haben und keine Kinder. Wenn etwas nicht auf seinem Platz steht, rückt er es zurecht. Im Kühlschrank liegt nichts als Obst und linksdrehender Joghurt, häufig rührt er sich abends nur ein Müsli zusammen, da ist alles drin, was der Körper braucht. Übernachtet eine Frau bei ihm, so hat er Sorge, dass sie ein Glas umwerfen könnte. Später zappt er durch die Fernsehprogramme. Sie kann sich dazu setzen, er wird sie auch in den Arm nehmen, wird fragen: „Hast Du alles?“, aber eher als Service- oder Vertragsleistung, denn aus innerem Antrieb. Zahnbürste, Handtuch bietet er ihr nicht an.

Matthias kann eine Frau mit leuchtenden Augen betrachten, doch wenn sie den Raum betritt, geht er einen Schritt zurück statt einen vor und sagt trocken „Guten Tag“. Dass er kein Süßholzraspler ist, weiß er seit der Pubertät. Damals hatte er es mit einem Kassettenrekorder geübt, doch seine Stimme und seine Worte gefielen ihm nicht, deshalb stellte er es für immer ein. Er schenkt einer Frau auch keine Blumen, oder enthüllt ihr ein Verlangen nach ihrem Wohlwollen, ihrer Zärtlichkeit. Er wirbt überhaupt nicht um sie, sondern schaut ihr amüsiert zu, wie sie nach einem weichen Ausdruck in seinem Gesicht forscht. Er sagt: „Es sind doch sowieso die Frauen, die einen Mann aussuchen.“ Er fragt sie nicht nach Vergangenheit und will nicht wissen, wie sie eingerichtet ist, denn seine Aufnahmekapazität ist abends erschöpft. Er braucht zwei Stunden, um vom Büro wegzukommen, aber dann ist es Mitternacht.

Über sich selbst macht er einer Frau nichts vor: Sie müsste spüren, wann er ansprechbar ist. Auf seinen Kurzurlauben schläft Matthias erst einmal zwei Tage durch, und dann trainiert er alles nach, was in den Flugzeugen an Bewegung liegengeblieben ist. Seine Frau kann mitmachen oder nicht.

Hat er allerdings in den Modus Volle Aufmerksamkeit geschaltet, kann sie sich sicher sein, dass sein Fokus sie ganz und gar umfängt. Er wird ihr wertvolles Feedback geben und bestechend klugen Rat, wird ihr nichts verbergen, nicht einmal, dass er seinen Job inzwischen hasst, doch das kann sich morgen wieder ändern. Heute möchte er alles hinschmeißen, seinen Kopf einmotten, nicht mehr in jeder freien Minute auch noch alles Mögliche lesen müssen, nur noch ein laufender, schwimmender, rudernder Körper sein, doch er hat Ungeheures in sich selbst investiert, das kann man nicht einfach verlassen. Sein Chauffeur steht ihm ständig mit einem gepolsterten, gepanzerten Wagen zur Verfügung, in den ein komplettes Büro eingebaut ist. Matthias lacht darüber, aber er braucht es. Es ist wie Bergsteigen: Nach großer Mühsal steht man auf einer sichtbaren Spitze. Wenn er Ekstase beschreiben will, benutzt er dieses Leistungsbild, sich in einem Fluss treiben zu lassen, fiele ihm nicht ein. Trost benötigt er nicht, denn er kann alles rationalisieren.

Matthias wird noch viele Jahre Höchstleistung erbringen. Seine zukünftige Frau sollte ihn dabei unterstützen, deswegen gäbe er sich ihr nicht hin, das müsste sie nachvollziehen können, dann hätte sie es wirklich gut.

Das kann sich die Dame jetzt ja mal überlegen.nach oben

© FRIDA 2005

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