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Der rote Teppich

Von Gabriele BĂ€rtels


Ich bin vier Meter breit und zwanzig lang, kann aber auch gekĂŒrzt werden. Man mich rollt nicht einfach aus, sondern spannt mich, bis ich eine vollkommen plane Röte biete. Man kann nicht direkt sagen, dass ich von dieser gedehnten Haltung ein RĂŒckenproblem bekĂ€me, aber etwas Ă€hnliches. Ich war immer sehr strapazierfĂ€hig, doch ich werde alt.

Man holt mich aus dem Lager, wenn ein festlicher Anlass bevorsteht. Ich reiche von der Straße bis zum Eingang eines Schlosses, einer Halle, eines Luxushotels. Was in den GebĂ€uden passiert, weiß ich leider nicht.

Am Besten hat mir eigentlich immer die inoffizielle Stunde vor Beginn der Veranstaltung gefallen. Da werde ich von einer Pflegerin gereinigt, lÀngs und quer in langen, saugenden, kraulenden Strichen. Ich möchte vor Behaglichkeit seufzen. Manchmal schÀumt sie mich auch vorher ein.

Die Scheinwerfer sind schon ausgerichtet, wenn die Gitter herangetragen werden, die sie an meinen LĂ€ngsseiten aufstellen. Dahinter werden sich bald die Fotografen mit ihren Objekten die ZĂ€hne ausschlagen. Es wurden schon hĂ€ufiger blutige Exemplare auf mir gefunden, wenn das Defilee vorĂŒber war.

Auf meine andere Seite fĂŒhrt man eine Gruppe Fans im GĂ€nsemarsch durch die GittergĂ€nge. Sie wurden aus einer Horde ausgewĂ€hlt, die Wind und Wetter ausgesetzt, weit hinten im Dunkel der Straße kreischt, und die man Publikum nennt. FĂŒr die Fotografen bilden sie eine herrliche Kulisse. In der Regel sind es junge MĂ€dchen, außer sich vor Erregung. Ich muss gestehen, dass sich schon einmal eine ĂŒber die Absperrung lehnte und auf mir erbrochen hat. Die Security schleppt sie  dann weg, und sie weinen, als hĂ€tten sie ihre Mutter verloren.

Das kann den Klatschreportern nicht passieren, besonders nicht meinen Ă€ltesten Bekannten unter ihnen. Sie tragen ihre festlichen, dunklen AnzĂŒge wie BlaumĂ€nner, scheren sich nicht um Risse oder Flecke, mĂŒssen mit einem Foto in die Radio-Fernseh-Gazetten-Redaktion zurĂŒck kommen, wenigstens einen zitierbaren Satz mitbringen. Noch boxen sie ihren Konkurrenten kameradschaftlich gegen die Schulter und stecken BlitzgerĂ€te auf die Kameras. In wenigen Augenblicken werden sie erbittert um einen Platz ganz vorn am Gitter kĂ€mpfen, möglichst nah bei mir. Die Besten unter ihnen kriegen ihre blauen Flecken auf dem RĂŒcken.

Jedem Vertreter der Security hĂ€ngt ein Spiralkabel vom Ohr.  Sie mustern mit SchĂ€ferhundaugen die unruhige Reportermeute. Nur eine geduckte Assistentin erlaubt sich, mit beschĂ€ftigtem Gesichtsausdruck ĂŒber mich zu hinwegzuhuschen. Ich fĂŒhle ihre Schritte kaum. Die grell angestrahlte Leere ĂŒber mir vibriert, ich liege gelassen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, leuchte rot in die Öffentlichkeit, bin der berĂŒhmteste Unbekannte der Welt, und keiner kommt auf die Idee, mit mir ein Interview zu machen.

Dann fĂ€hrt der erste, dunkelschimmernde Wagen heran. Alle Objektive, Mikrophone, Schuhspitzen richten sich wie Kompassnadeln danach aus. Das erste, was ich sehe, sind zwei Frauenbeine, an den FĂŒĂŸen glitzernde Sandalen mit Pfennigabsatz. Das wird schmerzhaft fĂŒr mich. Als ich erkenne, dass es sich um die MĂŒller handelt, weiß ich, dass es sehr schmerzhaft fĂŒr mich wird.

Die MĂŒller ist die Ex eines Ex-Sportlers. Kaum dass sie sich zu voller GrĂ¶ĂŸe aufgerichtet hat, reißt ein ĂŒberdimensioniertes LĂ€cheln ihr Gesicht auseinander, wĂ€hrend die Stirn seltsam starr bleibt, sie bleckt gebleichte ZĂ€hne, hebt die Hand zum Winken. Ihr Körper ist fast nackt, und ich weiß, dass sie wieder kein Höschen trĂ€gt, wĂ€hrend die Reporter es nur ahnen. Irre schnaufend stolziert sie hin und her, die ĂŒppige Front in alle Richtungen schwenkend. Ihre Augen und ihr Mund stehen sperrangelweit offen, als wĂŒrde sie das Blitzlicht trinken. An der Innenseite ihrer Oberschenkel lĂ€uft ein Tropfen herab. Sie durchbohrt mich mit ihren AbsĂ€tzen.
„MĂŒller! Ein LĂ€cheln bitte!“ „Einmal hierher!“ „Zauberhaft!“ „Was sagen Sie dazu, dass man Ihren Ex als A-Prominenz handelt, wĂ€hrend Sie nur als C-Prominenz durchgehen?“ Ich erkenne die gemeine Stimme des Vertreters eines lokalen Fernsehsenders im Gemenge. Die MĂŒller senkt ihren Gesichtsausdruck nicht um einen Millimeter. Es kommt schon der zweite Wagen herangerollt, da schreitet sie noch einmal meine volle LĂ€nge ab, und zwar zurĂŒck zum Wagen, wĂ€hrend rechts und links von mir Arme, Objektive, Notizzettel, Mikrophone, Stimmen, Strahler nach ihr grabschen.

„Ist sie sich selbst nicht peinlich?“ piepst eine VolontĂ€rin, der es gelungen ist, sich auf allen Vieren an die vorderste Front zu kĂ€mpfen. Jetzt quetscht sie mit dem Gesicht am Gitter und kann sich nicht aufrichten. Doch solche Fragen beantwortet hier kein Mensch. MĂŒller betritt mich ein drittes Mal, dreht noch eine Piourette und geht endlich ab.

Jetzt bremst alle zwei Minuten sanft ein neuer Wagen. Blitze schießen kreuz und quer durch die Nacht. Der Playboy im weißen Anzug, der mich seit meiner Jugend regelmĂ€ĂŸig abgeschritten hat, zittert leicht und winkt nur noch mechanisch. An der Hand fĂŒhrt er ein namenloses, achtzehnjĂ€hriges Reh, das ein extravagantes Kettenkleid trĂ€gt, dem es nicht gerecht wird. Sie wispert in ein Mikrofon: „Ich bin Schauspielerin.“. Die Klatschreporter haben gar nicht mitgeschrieben. „Allein Zuhause ist es halt noch schlimmer“, höre ich einen sagen.

Auf meiner ganzen LĂ€nge posieren nun glĂ€nzende Menschen, die um jeden Quadratmeter von mir kĂ€mpfen. Sie rempeln einander grob, aber die Empörung darĂŒber dringt nicht bis in ihre fröhlichen Gesichter. Sie tĂ€nzeln an das Gitter heran und wieder weg, so dass die Reportermeute stĂ€ndig in Bewegung bleiben muss. Die lockt und schmeichelt: „Ja, geil, zeig es mir, Meier! Meier!“ Meier drĂŒckt seine Freundin an sich, die leise „aua!“ zischt.

Hinter ihnen huscht ein Schatten vorbei, auch das ist ein geladener Gast. Ihm gehört ein Radiosender, und an einem Fernsehsender hĂ€lt er dreißig Prozent. Er weiß, dass sich kein Mensch fĂŒr seinen kahlen Kopf interessiert, und darum trĂ€gt er auch nichts Buntes.

Das alles ist nur Vorspiel. Jetzt kommt der Star. Über seinem Wagen bricht ein Blitzlichtgefunkel aus, hinter dem der Sternenhimmel blass wird, und die verzweifelten Stimmen der Fans schrauben sich in ungeahnte Höhen. Der Star braucht volle fĂŒnf Minuten, um auszusteigen. Die Security hat die C-Prominenz von mir heruntergescheucht, und die Reporter bilden nun eine Pyramide, eine Collage aus brĂŒllenden MĂŒndern, Beulen und FĂ€usten, schwarzen Schlipsen und monströsen Kameras.

Die VolontĂ€rin haben sie zertreten, aber ihr Blut ist von meiner gefĂ€rbten Wolle nicht zu unterscheiden, als der Star sein Raumschiff verlĂ€sst, umringt von einem Dutzend entschlossen blickender Gestalten, die sich im Trupp langsam ĂŒber mich schieben, ihren Mittelpunkt nach allen Seiten sichernd. Man sieht nur eine weiße Hand matt winken, eine spitze Nase, eine StrĂ€hne schwarzen Haars, dann ist er vorbei. Nur ich spĂŒrte, dass er gar nicht gelaufen ist, sondern getragen wurde

 Die Fans heulen noch, die Scheinwerfer werden schon abmontiert, alle Reporter stecken sich gleichzeitig eine Zigarette an und dann mĂŒssen sie in die Redaktion. Von der Leiche der VolontĂ€rin, die eben von der Security entdeckt wird, lassen sie sich nicht aufhalten. Mein Pflegerin macht sich daran, mich von Pailletten, Federn, Kaugummi und Blut zu sĂ€ubern. Sie ist mir doch die Liebste.

 

 

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