Vor dem Festival:

Tango-Kurse lassen sich auch als Single buchen, und sobald man etwas kann, ab aufs Parkett! Es ist wunderbar. Zwar gibt es in der Regel mehr Frauen als Männer, das stimmt, da darf frau nicht wählerisch sein. Sie sollte sich auch keine Illusionen machen, dort einen fürs Leben zu finden, aber solange es vor allem ums Tanzen geht, ist das ja egal. Ich habe vor sieben Jahren angefangen, nach einem Jahr aufgehört, doch vor zwei Jahren hat es mich wieder gepackt. Seither tanze ich regelmäßig und intensiv - ohne festen Partner.

 

3. Tag

Gestern Abend habe ich wie verrückt getanzt, da muss man erstmal abspulen. Die (für eine Beziehung geeigneten) Männer fallen leider auch vom Tangohimmel nicht. Ich beklage mich ja nicht. Tango ist ein gutes Substitut, ein bisschen unverbindliche Leidenschaft, willkommene körperliche Wärme, vergnügtes Geplauder, fröhliche Gesichter, tolle Musik... was will frau mehr?

Es war einer der seltenen Tango-Anlässe in der "Frauenbadi", einem schwimmenden Jugenstil-Holzfreibad. Es regnete, doch die Atmosphäre dort ist so traumhaft, dass ich trotzdem losgegangen war. Wenig Leute, zu viele Frauen. Bald fühlte ich mich so überflüssig, dass ich überlegte, umzukehren.

Da näherte sich ein befreundetes Pärchen mit einem argentinischen Tangolehrer, bei dem ich Kurse nehme. Maximiliano, genannt Maxi, jung, hübsch und natürlich ein wunderbarer Tänzer, der sich ganz dem traditionellen Stil verschrieben hat. Kaum zu glauben: Er forderte mich auf, wir tanzten lang, bis zum letzten Tango, es war sen-sa-tio-nell! Was für ein Unterschied zwischen den Argentiniern und den Schweizern! Schon, wie sie einen halten, zärtlich, liebe- und respektvoll, ganz warm und weich... zum abtauchen oder schweben. Dazwischen erzählte er Interessantes über die Salons in Buenos Aires.

Die Krönung schon am zweiten Abend? Der erste Ball am Samstag war eher katastrophal gewesen. Die Montagsmilonga (Milonga ist ein Tanzstil, aber auch die Anlässe werden so genannt) hatte in einem alten, plüschigen Lokal im Zentrum stattgefunden. Es war derart voll, dass viele innert Kürze flüchteten. Ich tanzte nur mit meinem Ex, saß ansonsten auf einem rotgoldenen Plüschsofa und schmollte. Kein Abend, an dem ich in Stimmung war, mich jemandem vorsätzlich in den Weg zu stellen oder ihn aufzufordern.

 

5. Tag

Beim Kurs mussten wir unsere Trainingsschlappen gegen die highest heels tauschen und üben, den Absatz mit geknicktem Knöchel über den Boden zu schieben, um ja niemanden zu verletzen. Schon das Geräusch hat was Laszives, Erotisches, die Bewegungen verändern sich völlig, außerdem fühlt man sich in den Dingern so schön weiblich.

Tango-SchuheDie Schuhe sind mindestens so wichtig wie die Kleider. Ich habe neun Paar. Die schönsten sind immer die höchsten, doch bei 7,5 cm liegt bei mir die Grenze. In letzter Zeit habe ich immer nur mit 5 cm-Absatz getanzt, leider sehen die dann auch weniger gut aus. Die Füße sind arm dran, geht knapp ohne Pflaster. Ich stecke noch in meinem schönen Einzelstück-Tangokleid. Es hing bis heute ungetragen im Schrank, wollte es für eine spezielle Gelegenheit aufsparen.

Was für ein Abend war das heute! Wunderbares, schräges, junges Orchester in Rastalocken, Sonnenbrillen, Perücken, mit lockeren Sprüchen, im traditionellen Tango verankert und doch "nuevo" - das angesagte Orchester in Bueno Aires. Vor allem aber habe ich viiiiel getanzt, mit ausnahmslos guten Tangueros, sogar wieder mit Maxi, dem göttlichen "Profesor", der sich überschwenglich bedankte! Selbst wenn es pure Höflichkeit war – man stelle sich vor! Ich schwebte in argentinischem Tütü-Tüll mit high heels... Tanzentanzentanzen! Das wenigstens gelang mir bis zum Schluss.

 

Nach dem 7. Tag

Die Unermüdlichen halten durch bis zum allerletzten Abend. Mir ging gestern die Luft aus. Die Füße brannten nicht, die Beinmuskeln sind bestens trainiert, der Rücken machte keine Probleme. Warum dann also?

Die Atemnot betraf mein Herz. Für wen sollte ich mich zum xten Mal in sieben Tagen schön machen? Wer würde mit mir tanzen? Rodolfo (nein, kein Valentino), Robert, Roland, David-Dick oder David-Lang, Rudi, Hansruedi, Herbert, Jean-Pierre, Marc, Martin, Bruno, Paul oder Max? Reihenweise gute bis sehr gute Tänzer. Treffe ich alle wieder. Wenn nicht dienstags im Zeughaushof oder donnerstags in der Garufa, dann samstags im El Social oder sonntags im Falcone. Vielleicht tanzen sie dann auch gelegentlich wieder mit mir.

Die Namensliste der anwesenden Damen wäre locker zehnmal länger. Die Chancen, auf die Tanzfläche geführt zu werden, oder einen willigen Tänzer diskret mit den Augen suchend herumstehen zu sehen, den man zu seinem zuweilen schlecht verhohlenen Verdruss auffordern könnte, stehen also ungefähr eins zu zehn. Nicht selten wendet sich Letzterer just in dem Augenblick, in dem ich den Entschluss fasse, den ersten Schritt auf ihn zu zu tun, an die hübsche, rankeschlanke Blonde an der Bar, die kecke, freche Rothaarige zwei Tische neben mir oder die rehgleiche, zierliche Brünette dort drüben.

Tango12Zuzuschauen, wie einer nach dem andern an mir vorbei, durch mich hindurchsieht und lächelnd in eine andere Richtung steuert, sobald die Cortina [Pausenmusik zwischen zwei Runden] zu Ende geht, ist eine Prüfung für das Selbstwertgefühl. Ich freue mich für die junge Dame, frage mich nur ganz, ganz still: Sehe ich etwa schlechter aus, tanze ich nicht gleich gut, bin ich nicht genauso intelligent und liebenswert?

Woher nehme ich immer wieder den Stolz, allein dort hinzugehen? Zwangsläufig sackt er im Verlauf einer am Rand abgesessenen Stunde vom fünften Stock ins Souterrain, während jeder Tanda [Tanzrunden, je 4 Stücke] einen Stock tiefer. Bevor er im Keller landet, hilft nur frühzeitiges Verschwinden. Wir Frauen nennen das Frustbegrenzung. Manche scheinen dieses Wort nicht zu kennen, sie warten sich schwarz – und gehen zuletzt weinend nach Hause.

Irgendwann denkst du, wenn jetzt gleich, sofort, keiner kommt, verdrücke ich mich. Und dann steht plötzlich einer vor dir und bittet dich, mit etwas Glück sogar charmant, zum Tanz, dann noch einer. Aber eben: Milongas, an denen das Wünschen noch geholfen hat, sind rar geworden.

Fast alle Frauen, überwiegend die nicht mehr ganz jungen, erleben diese Misere. Ein Trost? Ja, zuweilen, immerhin, ein schwacher. Dieselbe Frau tanzt vielleicht an einer Milonga ununterbrochen, und in der folgenden Woche sieht man sie vor allem sitzen, eisern Munterkeit ausstrahlen (nur nicht muffig gucken!) und im besten Fall mit einer anderen Sitzengebliebenen plaudern. Ausgerechnet die selten Aufgeforderten lassen in der Regel keine Gelegenheit aus, sich in der Szene zu zeigen. So kommen sie vielleicht, auf ihr ganzes restliches Leben hochgerechnet, auf nahezu ebenso viele Tandas wie die pausenlos tanzenden Jungen, Hübschen, Kecken, Schlanken, Rothaarigen.

Sich-rar-Machen hilft den abweichend Ausgestatteten auf Dauer zweifellos noch weniger als das Wünschen. Was also tun? Sich die Haare färben lassen? Ins Fitnessstudio? Lockerungsübungen für Körper wie Mundwerk? Privatstunden bis zum Ruin? Liftings, Botox, Kopfstand und – ja, was denn noch, liebe Tangueros?

Ich spüre, wie mein bislang unerschütterlicher, so schöner Glaube an das Märchen der Tangowelt spröde wird. Das Märchen ging so: Beim Tango spielt es keine Rolle, wie groß oder klein, wie jung oder alt, wie schön oder wüst, wie reich oder arm jemand ist, es geht um nichts als Tanzen. Wirklich wahr? Für das tanzende männliche Zehntel ungelogen.

Tango11

Nachtrag:

„Drei Tage war der Frosch so krank, jetzt raucht er wieder – Gottseidank“, heißt es bei Wilhelm Busch. Bei Anna Sommer bedeutet dies, dass sie eine Woche nach dem Festival wieder so über Tango redet wie im ersten Absatz.

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Der Blues nach dem Tango

Die Schweizerin Anna Sommer ist eine leidenschaftliche Tangotänzerin. Ihr jährliches Highlight ist die Zürcher Tangowoche. Nach sieben durchtanzten Nächten taten ihr nicht nur die Füße weh, wie sie FRIDA schreibt. Aber los ging es mit viel Euphorie ...

Text von Anna Sommer, Fotos privat

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