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Der Supergau

Ist der Laptop kaputt, so ist die Freiberuflerin tot

von Gabriele Bärtels

 

supergauAn einem idyllischen Samstagmorgen wachte die Freiberuflerin auf und wollte sich sofort an die Arbeit setzen, denn sie ist immer im Dienst und ihr Laptop auch. Während sie sich die Zähne putzte, startete sie die Kiste und ließ sie hochlaufen. Als sie sich mit einem frischen Kaffee an der Seite und noch im Halbschlaf einloggen wollte, entdeckte sie eine ungewöhnliche Meldung auf dem ansonsten dunklen Bildschirm. Sie lautete ungefähr: Um Ihr abgestürztes System wiederherzustellen, geben Sie bitte das Administratorpasswort ein.

Ein Supergau lässt sein ganzes Ausmaß anfangs nicht erkennen. Die Freiberuflerin dachte nur „Scheiße“, aber überblickte noch nicht, dass sie dieses Passwort nicht kannte und welche Folgen das haben könnte. Tiefere Regionen ihres Bewusstseins wussten jedoch, dass der Laptop ihre Halsschlagader, ihr Herz, ihr Kreislauf war, und deshalb fing die Freiberuflerin an zu schwitzen. Scheinbar ruhig gab sie verschiedene Passwörter ein, doch nach dem dritten falschen verfiel der Monitor in totales Schwarz, und der Kaffee wurde kalt.

Man muss es an dieser Stelle einmal deutlich sagen: Der moderne Freiberufler hat sein Notebook-Haustierchen liebgewonnen, es liegt gewöhnlich auf seinen Oberschenkeln wie eine zusammengerollte, warme Katze und schnurrt auch so, wenn der Ventilator anspringt. Es spricht, blinkt, sendet Nachrichten, erledigt Bankgeschäfte, bewahrt seine Arbeit auf, seine Rechnungen und Liebesbriefe, Steuertabellen, große Konzepte und Ideen, die Bilder seiner Angehörigen. Vom Staubsaugen abgesehen, kann und tut der Laptop für die Freiberuflerin alles, was sie zum Leben braucht. Wenn er kaputt ist, ist sie tot.

supergau„Ich habe ja eine Sicherung auf der externen Festplatte!“, lobt diese sich. „Die ist gerade erst drei Tage alt.“ Folglich wird es so schlimm nicht kommen, und darum macht es auch nichts, wenn sie auf dem Notebook kurzerhand das Betriebssystem neu installiert und dabei alle Daten verloren gehen. Sie schätzt, dass sie in spätestens zwei Stunden die vertrauten Verhältnisse wiederhergestellt haben wird und weiter arbeiten kann. Ihre Einkünfte braucht sie nämlich dringend und erwartet wichtige Mails.

„Halb so wild“, murmelt sie vor sich hin, während sie über CD das System neu auf den Rechner spielt. Sie verschränkt die Arme und muss vierzig Minuten warten, bis die Installation abgeschlossen ist. Dabei lässt sie ihr Notebook keine Sekunde aus den Augen. Erst, als die vertraute Maske hochläuft, erkennt sie, dass die Stromversorgungsanzeige hektisch blinkt, und ihr schwant, dass das aufgetretene Softwareproblem gar nicht die Ursache war, sondern Folge eines Hardwarefehlers. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das Netzteil kaputt, über Nacht hat sich der Akku entladen und so den Absturz herbeigeführt.

An dieser Stelle begreift die Freiberuflerin, dass sie sich allein nicht weiterhelfen kann, doch an einem Samstagvormittag ein Netzteil reparieren lassen zu wollen, ist ein Unding. In ihrem Kopf kreisen Namen, Orte, Straßen. Wen kennt sie? Wer könnte?

Sie schaut auf den Laptop, den sie sicherheitshalber ausgeschaltet hat. Die Wohnung – noch voller Möbel – scheint auf einmal leergefegt, und von dem flachen Gerät geht lärmendes Schweigen aus. Sie fühlt sich wie eine Obdachlose ohne Schlüssel zu irgendeiner Tür. Ihr fällt ein, dass sie gewisse Arbeiten doch nicht gesichert hat und fragt sich besorgt, ob auf der externen Festplatte auch Kopien ihrer Programme schlummern und was, wenn nicht.

Draußen stürmt es, dass die Bäume sich biegen.

Die Freiberuflerin macht sich darauf gefasst, vor jedem kundigen Menschen auf der Welt jeden erdenklichen Kotau zu machen, wenn sie bloß das Netzteil heute noch repariert bekommt. Nur eins kann sie nicht: Unsummen zahlen.

supergau
In Windeseile hat sie das leichenartig daliegende Notebook eingepackt, dazu sämtliche Gebrauchsanweisungen, Software-CDs, Kabel zusammengerafft. Es ist schon elf Uhr, sie stürzt aus dem Haus, kämpft sich gegen Regen und Wind einen Kilometer weit zu einem Notebook-Reparaturgeschäft, steht vor dem geschlossenen Laden. Hinter den spiegelnden Scheiben erkennt sie einen menschlichen Schatten. Sie klopft leise, laut, leise, laut. Es geht um Leben und Tod.

Aus dem Schatten wird ein mürrisch dreinblickender älterer Herr in einer geschmacklosen Strickjacke. Er hat einen Schraubenzieher in der Hand und am Kopf eine Vergrößerungsbrille befestigt. Er schließt auf und sagt: „Montag wieder“, aber als die käsebleiche Freiberuflerin in einer Pfütze auf die Knie sinken will, lässt er sie ein und knurrt: „Zeigen Sie mal!“ Der Freiberuflerin stürzt die Katastrophe aus dem Mund, während sie die Geräte auspackt. Aus irgendeinem Grund erscheint der Mann ihr kompetent.

Wellen der Dankbarkeit erschüttern sie, als dieser sich an seinen Werktisch setzt und ohne weitere Erklärung das verschweißte Netzteil aufbricht. Die Freiberuflerin lungert am Tresen herum und bemüht sich, nicht hinzusehen. Erst jetzt nimmt sie wahr, dass sie zwei Papageien umflattern. Der eine landet auf ihrem Kopf, und als sie ihn vertreiben will, hackt der Vogel zu. Aus dem Finger der Freiberuflerin quellen rote Tropfen. Der Mann, der ihr Retter sein soll, sieht nicht einmal auf.

supergauDer Freiberuflerin ist zwar schon heute früh jegliche Haltung abhanden gekommen und während sie hier so sitzt und bangt, scheint die Bedrohung ihrer Existenz im selben Maße zu wachsen, wie ihre Würde bröckelt, aber sie blutet, und das geht nun wirklich nicht. „Ihr Papagei hat mich gehackt, und Sie entschuldigen sich nicht einmal!“, presst sie heraus.

Der Techniker schiebt die Arbeitsbrille hoch: „Der Papagei brütet, da ist er eben agressiv. Gehen Sie! Sie können das reparierte Netzteil in vierzehn Tagen abholen. Ich habe noch andere, dringende Aufträge. Sie machen mich nervös.“

Entgeistert starrt die Freiberuflerin ihren Retter an. Und weil sie alle Hoffnungen auf ihn setzen muss, und ihr Notebook im Sterben liegt, schluckt sie ihren Stolz herunter und winselt eine falsche Entschuldigung. Sie kann nicht verhindern, dass ihr dabei Tränen der Anspannung und Machtlosigkeit aus den Augen schießen, während das Blut ihren Finger herunterläuft.

Um es kurz zu machen: Die Reparatur dauert vier Stunden, sie bekommt ein Pflaster und Kaffee. In dieser Zeit erfährt die Freiberuflerin, dessen Tonfall nun vorsichtshalber leicht unterwürfig bleibt, vom Techniker alles über Lebenslauf, Krankheiten, Ehefrau, politische Ansichten und Papageien. Bezahlen muss sie nichts.

supergauZuhause stellt sie dann fest, dass sie zwar wieder Strom im Laptop hat, sich aber die Rücksicherung der Daten über die externe Festplatte nicht bewerkstelligen lässt. Wieder fehlt ein Passwort, und die ausgelaugte, verhungerte, von der Außenwelt abgeschnittene Freiberuflerin schwört Stein und Bein, dass sie nie eines vergeben hat. Es hört nur niemand.

Bis tief in die Nacht kauert sie am Schreibtisch und gibt Kennwörter ein, abartige, simple, berechenbare, in Groß- und Kleinbuchstaben, mit Zahlen und ohne, vierstellig, siebenstellig, fünfzehnstellig, rückwärts. Es ist wie ohne Ausweis an der Grenze zum Heimatland zu stehen, im Rücken das Nichts, im Auge alles.

Nun ist es schon Sonntag, und seit neun Uhr telefoniert die Freiberuflerin herum, ob nicht jemand ein Programm besitzt, mit dem man Passwörter knacken kann. Gegen Mittag erfährt sie von einem tätowierten Typen in einem sozial schwierigen Kiez, der habe nichts dagegen, wenn sie am Nachmittag vorbeikäme.

Wieder schultert die Freiberuflerin ihre Gerätschaften und macht sich auf. Sie braucht eine Stunde für den Weg. In der Wohnung des Tätowierten läuft der Fernseher, und der Aschenbecher ist voll. Er habe bis sechs Uhr früh als Türsteher gearbeitet. Er redet viel. Das Programm zum Passwortknacken stammt von einer Computerzeitschrift-CD. Es funktioniert nicht.

supergau“Ej, tut mir Leid, da kann ich auch nichts machen. Wirste wohl Pech haben mit Deinen Daten.“ Er schaut zerknirscht. Die Freiberuflerin begreift, dass dieser Mensch kaum Ahnung hat. Wenigstens lässt er sie noch an seinen eigenen Computer, so dass sie Mails abrufen kann.

Aber das ist nur ein Krümel von einem großen Brot. Die Freiberuflerin schultert ihre Hardwarelast und verbringt den Sonntagabend zuhause ohne Fernsehen oder Buch, weil sie sich auf nichts konzentrieren kann als auf die unfassbaren Daten da auf dem Schreibtisch. Sie bildet sich ein, sie müsse sie irgendwie in Schach halten, damit sie nicht unbemerkt verdunsten.

Um es noch kürzer zu machen: Sie verbringt einen weiteren Tag in dem Computerladen, wo sich ein Informatiker in sanfter Ruhe Stund um Stund den Kopf zerbricht und Befehle aller Art in die Tastatur hackt. Der Ladenbesitzer hat die Papageien freundlicherweise eingesperrt. Auch ein Anruf bei der Herstellerfirma in Holland, für den man zuvor über das Internet zwanzig Euro zahlen musste, bringt nur ein Schulterzucken. Bei Geschäftsschluss trottet die Freiberuflerin unverrichteter Dinge heim. Immerhin ernährte man sie im Laden mit Keksen.

Ihr Laptop liegt als kalter, fremder Kasten auf dem Sofa. Mit letzter Kraft ruft die Freiberuflerin einen Freund an und sagt: „Ich ertränke mich.“ Schlaf findet sie nur mit gehörigen Mengen Schnaps. Sie träumt von E-Mail-Schwärmen, die mit dem Vermerk Empfänger unbekannt an ihre Absender zurückfliegen, obwohl sie schreit und winkt: „Ich bin doch hier!“ Am Dienstagmorgen hat sie einen steifen Hals und kann sich nicht mehr aufrichten. Ihr Arbeitsplatz ist futsch und alles, was sie in den vergangenen Jahren geschaffen hat. Abgebrannt, eingestürzt, überflutet.

Es wird Zeit für den Auftritt des blonden Elfs. Es handelt sich um einen langen, schlaksigen Studenten mit Rastalocken und einer seltenen Heiterkeit. Der Freund von gestern hat ihn geschickt. Er schwänzt seine Vorlesung und fragt: „Vertraust Du mir?“

supergauDann baut er die Laptop-Festplatte aus, findet darauf sämtliche, von den anderen verloren geglaubte Daten, stellt in fünf Stunden annähernd den alten Zustand wieder her. Die Freiberuflerin hätte ihm alles gegeben – Liebe, Handy, Wohnungsschlüssel und eine Niere, aber der Elf will nur hundert Euro und tänzelt fröhlich davon.

 

 

 

 

 

 

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