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Neonkreuze in der Nacht

Die Schriftstellerin Tanja Dückers reiste zu einer Lesung nach Seoul und erlebte Deutschland in den Augen Südkoreas

 

 

Tanja Dückers in SeoulEinladungen zu Lesungen im Ausland gehören zum Schriftsteller-Dasein. Aber eine Einladung zu einer „Asiatischen Germanisten-Tagung“ ist schon etwas Ungewöhnliches. Alle zwei Jahre findet sie im asiatischen Raum statt und 2006 in Seoul.

Die deutsche Literatur genießt in vielen fernöstlichen Ländern, und ganz besonders in Südkorea, einen sehr guten Ruf. Meine Gesprächspartner sind über die neuesten Debatten und auch über weniger bekannte deutsche Autoren bestens informiert. Dass sie perfekt Deutsch sprechen, versteht sich von selbst.

Als ich Herrn Oan-Ho Meng vom Goethe-Institut Seoul mit der Frage konfrontiere, warum Südkorea weltweit an dritter Stelle im Übersetzen deutscher Titel steht, reagiert er betrübt: „Wir übersetzen immer noch zu wenig deutsche Literatur, das Interesse müsste hierzulande noch größer sein“. Besonderer Popularität erfreut sich hier das deutsche Kinderbuch. Dass die dort abgebildeten Kinder anders aussehen als die asiatischen, irritiert die Kleinen nicht, obwohl sie oft noch nie außerhalb von Fernsehen, Filmen oder Büchern einen Menschen weißer Hautfarbe gesehen haben, denn Südkorea ist ein Land, das im Vergleich zu anderen asiatischen Ländern nur wenige westliche Touristen bereisen. Auch pädagogische Fachliteratur aus Deutschland ist sehr beliebt, was erstaunt, denn Südkorea hat in den Pisa-Studien deutlich besser abgeschnitten als Deutschland.

Frau Young-Eun Chang von der Sookmyung Women’s University in Seoul erklärt mir, dass Deutschland innerhalb Europas stets das Land war, an dem sich Südkorea am stärksten orientiert hat. Sie führt dies auf die Zeit der japanischen Besatzung zurück, die von 1910 bis 1945 reichte und in der ein spürbarer deutscher Einfluss, zum Beispiel in der Rechtssprechung, aber auch in den Naturwissenschaften, zu verzeichnen war. Frau Chang stellt selbst irritiert fest, dass die Japaner wiederum sehr unbeliebt in Südkorea sind und das Land, mit dem sich Japan verbündete, eigentlich auch mit Fug und Recht unpopulär sein müsste – aber das Gegenteil ist der Fall. Das einstige militärische Bündnis mit Japan wird den Deutschen nicht nachgetragen, und die NS-Vergangenheit scheint – es wird mir vielerorts zu meinem Erstaunen bestätigt – wenig negative Rückwirkung auf die Einstellung zu dem Land zu haben.

SeoulDeutschland gilt ungeachtet der Vernichtungsperfektion, mit der die Juden und andere „Staatsfeinde“ ermordet wurden, als Land von „Ordnung, Disziplin und Sauberkeit“, was man in Südkorea sehr schätzt. Man sieht tagsüber kaum Menschen herumlungern, der Studentenbezirk Yongin ist wie ausgestorben; erst am späten Abend kommt Stimmung auf. Die Studenten büffeln hier nicht selten bis Mitternacht, am nächsten Morgen geht es früh wieder an die Uni. Die Verhältnisse sind „japanisch“. Oder, wie der Südkoreaner glaubt, „deutsch“. Entsprechend ist man auch auf der Asiatischen Germanistentagung verwirrt, dssß ich nach einer fast zwanzigstündigen Anreise und bei sieben Stunden Zeitunterschied nicht direkt, nach dem ich auch dem Flugzeug gestiegen bin, an der Tagung teilnehmen, sondern mich erst einmal ausruhen möchte.

Der enorme Fleiß der Südkoreaner hat unter anderem zu einer sehr schnell vorangeschrittenen Industrialisierung beigetragen. Was in Europa zwei Jahrhunderte gedauert hat, entwickelte sich hier in nur vier Dekaden. Noch 1960 bestand Seoul hauptsächlich aus Holzhütten (es gab kein einziges Hochhaus) und vielen ungeteerten Sträßchen. Keine fünfzig Jahre später weist die 20 Millionen-Stadt (Großraum Seoul) ähnlich viele Wolkenkratzer wie Tokio oder Shanghai auf; das U-Bahnnetz ist eines der flächengrößten der Welt – und doch wurde der erste Spatenstich erst 1975 getan. Noch vor dreißig Jahren trugen viele Menschen die traditionelle Kleidung aus Seidentüchern, Hanbok genannt. Heute prägen die ubiquitäre Jeans und Turnschuhe bzw. weißes Hemd und blaue Anzughose das Straßenbild. Herr Seon von der Germanistischen Tagung findet dies einen „fragwürdigen Fortschritt“.

SeoulWährend Südkorea noch in den siebziger und achtziger Jahren weniger Waren als Menschen exportierte, in dem es Gastarbeiter nach Japan schickte, machen jetzt international operierenden Firmen wie Samsung aus der Computerindustrie oder der Automobilriese Daewoo Milliardenumsätze. Von der ökonomischen Flaute der Tiger-Staaten war Südkorea weniger als andere Länder betroffen; seit Beginn der neunziger Jahre sind die wirtschaftlichen Wachstumsraten sehr hoch. Doch dem Stadtbild Seouls sieht man an, dass der Aufschwung in Südkorea erst vor kurzem erfolgte: die meisten modernen Gebäude sind mit wenig Glas und viel Beton gebaut worden und erinnern an die schnell hochgezogenen Türme in Sao Paulo, in der Umgebung von Istanbul oder an die Banlieues von Paris. Ästhetische Konzepte liegen den wenigsten dieser Funktionsbauten zugrunde. Riesige Nummern prangen an den Hauswänden und lassen sie wirklich wie austauschbare Allerweltsware erscheinen. Vom Dach des höchsten Gebäude Souls sehen wir einen ganzen Wald aus Hochhäusern, die sich, grau mit grünen Nummern, von 1 bis 100 bis zum Horizont erstrecken.

Ein architektonischer Lichtblick ist hingegen das kürzlich erbaute Geschäftshaus Jongno Tower in Insadong (einem wohlhabenden Bezirk von Seoul), ein raffinierter, gigantischer dreieckiger Turm mit aufgesetztem Dachgeschoß. Oben befindet sich eine ultraschicke Bar mit Blick über die Stadt. „Und wie Sie sehen, Frau Dückers, hier wurde endlich mal mehr Glas als Beton verwendet“, sagt Herr Kim.

Im Shopping-Bezirk Dong Dae Mun („Großes Tor des Ostens“), östlich von Insadong, reiht sich ein neonerleuchtetes Kaufhaus neben das andere. Man kann daher nicht von einem Shopping Center, sondern nur von einem Shopping-Stadtteil sprechen. Abteilungen, die nicht kleiner sind als die berühmte Lebensmittelabteilung im KaDeWE, stellen nichts als Handys zur Schau, in allen Farben und Formen. Auf der nächsten Etage findet man dann Discmen. Dies alles klingt wie ein buntes, schillerndes Klischee, so wenig wahr wie phosphorisierende Aufkleber an der Zimmerdecke Sterne sind - álas, diese Klischee erweist sich als Wirklichkeit. „Der Besitz elektronischer Artikel suggeriert den Menschen hier - die insgesamt noch frei von postmaterialistischem Gedankengut zu sein scheinen - endlich im Westen des Fernostens angekommen zu sein“, meint Kyung-Ran Jo, Schriftstellerin aus Seoul, mit ironischem Lächeln.

SeoulNachts flackern überall weiße und rote Kreuze in der Nacht. Neonkreuze auf den Dächern. Bei Tag begreift man, dass es sich um Kirchenkreuze handelt, die dem technoid-bunten Geschmack der Koreaner gemäß in Neonfarben leuchten. Die Kirchendichte in Südkorea ist frappierend. Fast ein Drittel der Bevölkerung ist christlich. Fast alle meiner koreanischen Gesprächspartner, die mir einen Besuch der Tempel der frühen Silla-Kultur in Gyeongju, die Buddha-Statue am Ostmeer und den großen Tempel in Seoul ans Herz legen, sind evangelischen Glaubens und erklären mir eindringlich, daß sie jeden Sonntag in die Kirche gehen würden. Doch ist der christliche Glaube in Südkorea, dem Land des raschen Wandels, fast so neu wie die Skyline von Seoul: Erst Ende des 19. Jahrhundert gelangte diese Religion mit einem amerikanischen Unternehmer auf die Halbinsel. Seitdem wächst ihre Anhängerschaft, auch durch die starke Orientierung am Westen begünstigt. Reproduktionen von Leonardo da Vincis „Abendmahl“ sind gängige Dekoration von Hotelfoyers oder auch privaten Wohnzimmern. Schamanistische Rituale und das christliche Abendmahl schließen sich hier jedoch keineswegs aus.

Dass ganz spezifisch die deutsche Kultur- und Geistesgeschichte in Südkorea inspirierend wirkte, hat auch, wie mir mehrfach versichert wird, mit der Teilungsgeschichte das Landes zu tun. Bis 1989 waren Deutschland und Korea weltweit die beiden Länder, in denen der Kalte Krieg am sichtbarsten fortwirkte. Im Jahr der Wende waren in Südkorea alle Augen auf Deutschland gerichtet, es gab, wie Frau Yang von der Sookmyung Women’s University erzählt, ein enormes Interesse an der Gestaltung der Wiedervereinigung in Deutschland. Viele koreanische Familien, die durch die Grenze getrennt waren, hofften auch auf eine baldige Einigung Nord- und Südkoreas. Aber die letzten siebzehn Jahre bewiesen dem koreanischen Volk eher das Gegenteil: Kim Jong Il testete Atombomben – wie jüngst im Oktober 2006 - und trumpfte international als militärischer Despot auf. Allerdings gelang es den Südkoreanern, das Handelsvolumen zwischen Nord- und Südkorea in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als zu verzehnfachen – vielleicht ist hier im Stillen eine Revolution im Gange.

SeoulAm Ostmeer hat, nahe der Grenze, das erste nordkoreanische (und für die Touristen aus dem Süden aufgepäppelte) Vorzeigedörfchen schon seine Pforten geöffnet: Denn hier verdient der Nordstaat Devisen. Und die Südkoreaner strömen in Scharen in das so nahe, fremde Land.

Doch Frau Yang glaubt, dass sich das Interesse an der Wiedervereinigung in den letzten Jahren gewandelt hat: Während die ältere Generation noch an diesem Wunsch festhält und fast immer familiäre Bindungen jenseits der Grenze hat, interessiert sich die junge Generation weniger für einen möglichen Machtwechsel in Pjöngyan. Die Begründung findet sich fern des Han-Flusses, der die Länder im Westen teilt und fern von Panmunjom, dem Ort, an dem die staatlichen Verhandlungen zwischen Nord- und Südkorea stattfinden.

Sie findet sich in Deutschland: An Deutschland habe man ja gesehen, wie schwierig, teuer und mühselig solch eine Union sei. In Südkorea, bis vor wenigen Jahrzehnten fast ein reines Agrarland, ist man sehr stolz auf den enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Und eine Güterteilung würde hier fatalere Folgen als in Deutschland haben: Südkorea ist nicht annähernd so reich wie West-Deutschland, und Nordkorea viel ärmer, als es die DDR je gewesen ist. Auch betrug das Bevölkerungsverhältnis im Wendejahr in Deutschland 4:1 (65 Millionen Bewohner der alten Bundesländer gegenüber 16 Millionen Bewohner der neuen Bundesländer). In Südkorea stehen knapp 48 Millionen Menschen 22 Millionen zum Teil hungernden Nordkoreanern gegenüber. Nach dem deutschen „Vorbild“ der Wiedervereinigung wünscht man sich nun in Südkorea im „Ministerium für Wiedervereinigung“ eher eine graduelle Annäherung mit einer langen Übergangsphase bzw. einer Zweistaatenlösung.

Überhaupt, meint Frau Yang mit großem Bedauern, sei seit einigen Jahren, vielleicht seit Mitte bis Ende der Neunziger Jahre, der Zenit der Deutschlandbegeisterung überschritten. Auch Herr Lee von der Korea University räumt ein, dass das Interesse an der deutschen Sprache und Kultur in den vergangenen Jahren rückläufig sei. Den Grund hierfür sieht er jedoch nicht in den Schwierigkeiten des nun vereinten Deutschlands, das für viele Südkoreaner immer noch das große Vorbild für eine unblutige Revolution sei, sondern im Aufstieg Chinas und anderer fernöstlichen Staaten wie Malaysia und Singapur. SeoulUm das Gelbe Meer und am Ostmeer liegen geographisch relativ nah die wichtigsten Wirtschafts- und Ballungszentren Ost-Asiens beieinander: Peking, Shanghai, Tientsin, Hongkong, Seoul, Tokio, Osaka und Taipeh. Mit seiner Marktöffnung ist das isolierte China ein wichtiger Handelspartner Südkoreas geworden.

„Viele junge Leute lernen jetzt lieber Chinesisch als Deutsch“, sagt Herr Lee. „Sie haben damit einfach bessere Job-Chancen. Früher hat man Deutsch für Chemie und Medizin gebraucht, jetzt kann man damit nur noch an der Uni bleiben.“

Er selber zitiert Caspar David Friedrich, während wir eine Tempelanlage in Seoul besichtigen. „Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild.“

Nun schmunzelt er und sagt, dass er bei all seiner tiefen Zuneigung für Deutschland unter dem Essen dort sehr gelitten habe. Er versteht nicht, wie sich so etwas Filigranes wie Goethes Lyrik oder Herders Geschichtsbild mit der deutschen Küche, mit Kartoffel- und Fleischbergen und Rohkost, vertrage. Es könne kein Zufall sein, daß man in Seoul nur ein einziges deutsches Restaurant finde. Ich schweige höflich, denn auch ich leide seit einer Woche beträchtlich. Kalte Nudeln, ungesalzener Reis, flächendeckend mit Pfeffersoße zubetonierter, gedünsteter Kohl sind nicht jedermanns Sache.

Für mich verträgt sich das ebenfalls wenig mit der farbenfrohen Eleganz einer koreanischen Tempelanlage. So viel steht jedenfalls fest: die Silbe „Kim“ heißt Gold in Koreanisch. Man ahnt: die Koreaner – und da sind sich Nord und Süd einmal einig – lassen nichts auf ihre Nationalspeise Kimchi kommen. Im Moment sind sie gerade dabei, ein Kim-chi für Astronauten zu entwickeln, damit beim ersten gemeinsamen Weltraumprojekt der Russen und Koreaner in zwei Jahren die koreanischen Himmelsstürmer nicht ohne ihr Leib- und Magenspeise auskommen müssen.

Was den Südkoreanern aber noch weniger als Rohkost und Eisbein gefällt, ist die deutsche Ängstlichkeit, vor allem die Vorbehalte gegenüber dem koreanischen Essen. Während man in Deutschland „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“ sagt, gibt es in Korea das Sprichwort „Was der Koreaner nicht kennt, das kocht er erstmal.“

 

 

Alle Fotos: Privat

 

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Neben Prosa und Lyrik schreibt Tanja Dückers Essays, Hörspiele und Theaterstücke. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, die sie u. a. nach Kalifornien, Pennsylvania, Gotland, Barcelona, Prag und Krakau führten. Wichtigste Veröffentlichungen: Spielzone (Roman, 1999, AtV 1694); Café Brazil (Erzählungen, 2001, AtV 1359); Luftpost. Gedichte Berlin-Barcelona (Tropen Verlag 2001); Himmelskörper (Roman, 2003, AtV 2063); Stadt Land Krieg. Autoren der Gegenwart erzählen von der deutschen Vergangenheit (Herausgabe mit Verena Carl, 2004, AtV 2045) und Der längste Tag des Jahres (Roman, 2006). www.tanjadueckers.de

 

 

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