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Auf halterlosen Strümpfen zum eigenen Ding

In großen Firmen wird oft gelächelt, wenn Frauen nach der Seele im Geschäft suchen. Finden sie keine, so machen sie eben ihr eigenes Ding.

von Gabriele Bärtels

 

strumpfbeinparadeWer an Patricia Zaborowskis Wochenmarkt-Stand vorbeiläuft, sieht zuerst fünfzehn fantasievoll bestrumpfte Frauenbeinen im Gleichschritt, darüber Sommerhüte und -taschen, dahinter schließlich die Händlerin, für die dieses Kleingewerbe erst der Anfang ist.

Sie ist 31, wirkt mädchenhaft zart, stemmt die Hände in die Hüften, schaut den Samstagseinkaufsmenschen zu, die sich durch die Marktgänge drängen. Hin und wieder schielt ein Mann herüber, und Frauen bleiben stehen, lassen ihre Augen über orangefarbene Netzstrumpfhosen wandern, über rasant gestreifte Stay-Ups und Knie-Feinstrümpfe mit Blütenstickerei, die es in Deutschland nirgends gibt.

„Die habe ich in Spanien gesehen!“, jauchzt eine Kundin und kauft gleich drei Paar. Patricia Zaborowski bedient sie mit ausgesuchter Höflichkeit. Wäre nicht die Saftpresse nebenan mit dem „Frischer Orangensaft!“ rufenden Verkäufer, möchte man meinen, in einer schicken Boutique zu stehen.

Die junge Händlerin, die mit ihren langen, lockigen Haaren auf den ersten Blick einen eher braven Eindruck macht, ist Ingenieurin für Bekleidungstechnik und eine energische, selbstdenkende Frau mit klaren Standpunkten und Zielen, die ihre erste Karriere schon hinter sich hat. Wenn sie hinter ihrem Stand hervortritt, erkennt man, dass ihre Beine eher unbrave, türkisfarbene Netzstrümpfe zieren.

Patricia ZaborowskiIhre Eltern kamen aus Polen nach Berlin, als ihre Tochter neun Jahre alt war, sie wuchs zweisprachig auf. Die Professoren ihres Studiengangs warnten: In Zeiten, da Millionen T-Shirts für fünf Euro aus Asien kommen, sei es nahezu aussichtslos, in Deutschland einen Job in der Fertigung von Damenoberbekleidung zu bekommen. Doch die frisch geschlüpfte Ingenieurin hatte bereits Praktika in verschiedenen Firmen absolviert. Eine von ihnen arbeitete mit polnischen Fertigungsbetrieben und engagierte die zweisprachige Studienabgängerin sofort als Idealbesetzung.

Ihre erste Erkenntnis im Berufsleben: „Theorie und Praxis funktionieren nicht auf dieselbe Weise. Ich musste mich zur Diplomatin entwickeln, um zwischen meiner Firma und den polnischen Lieferanten zu vermitteln. Mich als Neuling zu behaupten, war schwierig.“ Trotzdem übertrug man ihr bald ein Projekt, das sie alleinverantwortlich organisierte.

Sie begann mit Elan, trieb in Polen alteingesessene Handwerksbetriebe auf: Stickereien und Stoffdruckereien, die Ware in hoher Qualität lieferten. „Doch mit der Zeit kam die Entmutigung. Meine Vorstellung von Zusammenarbeit war anders als die der Geschäftsleitung. Ich wollte die polnischen Lieferanten im Preis nicht immer tiefer drücken und hinnehmen, dass die Qualität sank, fand es unlogisch, an einer Stelle fünfzig Cent zu sparen, um dann zweite Wahl geliefert zu bekommen.“

Manchmal fallen die Beine umSie konnte nicht verstehen, wie faire Geschäftsbeziehungen funktionieren sollen, wenn Hersteller kostenlos Überstunden machten, um dringende Aufträge für den deutschen Konzern zu erledigen, dafür von diesem noch weiter heruntergehandelt wurden - und zwar von Frau Zaborowski, die ja immer die Übermittlerin dieser Botschaft war. „Was ich über die Zeit an Vertrauen aufgebaut hatte, wurde kurzerhand zerstört, als meine Firma entschied, einen noch billigeren Lieferanten zu nehmen.“

Sie begriff, dass Gefühle und menschliche Verbindlichkeiten in einem Konzern nichts zu suchen hatten. „Die Menschen haben nur Zahlen vor Augen. Der Chef hätte sich die polnischen Produktionsstätten mal anschauen sollen: Er hätte Lärm, Schweiß und Dreck gesehen.“ Im Urlaub reiste Patricia Zaborowski nach China und besuchte dort Produktionsstätten mit noch grausigeren Arbeitsbedingungen. Sie dachte, dass das gesamte handwerkliche Knowhow von Europa nach Asien abwanderte und dort verkam.

Sie unterbricht ihre Erzählung, um die Ziele zu umreißen, die sich in dieser Zeit langsam in ihr formten: „Ich will, dass die komplette Fertigung in Europa bleibt. Ich möchte Transparenz: Der Kunde soll wissen, wo die Ware herkommt, wer unter welchen Bedingungen daran beteiligt war. Man soll eine Seele in den Produkten spüren.“

Brachte sie ihrem Arbeitgeber neue Anregungen, schlug ihr entgegen: „Das haben wir noch nie so gemacht!“ Alles sollte im gewohnten Rhythmus weiterlaufen. „Bloß keine Abweichung, nur kein Mehraufwand.“ Sie hebt die Schultern: „Man macht sich Feinde. Naja, bestimmte Männer hören eben nicht auf Frauen.“

Zwischen Plastikbeinen der Blumenstand gegenüberPatricia Zaborowskis Vater hatte ihr mit auf den Lebensweg gegeben: „Arbeite immer so, als ob es Deine eigene Firma wäre.“ Doch das brachte seine Tochter an den Rand der Erschöpfung. Mit achtundzwanzig hatte sie einen Sechzehn-Stunden-Tag und war dauernd unterwegs. Während sie sich danach sehnte, irgendwo kleine Wurzeln zu schlagen, ein Lieblingscafé an einem Lieblingsplatz zu haben, war sie auch im Urlaub auf dem Handy erreichbar. Ihr Privatleben verblasste, und sie hatte dazu noch das Gefühl, wenig Positives zu bewirken, sondern hauptsächlich gegen Widerstände anzukämpfen. „Du kannst Dir eigentlich nicht vorstellen, aus Deiner Firma rauszugehen, aber Du weißt immer besser, Du würdest vieles anders entscheiden.“

Wenn sich so ein Missempfinden lange zuspitzt und man ein tatkräftiger Mensch ist, springt man eben irgendwann, gegen die eigenen Ängste, gegen den Rat der eigenen Mutter, die es nur gut meint. Vor einem Jahr hat Patricia Zaborowski also gekündigt und fiel von einem Tag auf den anderen in die totale Entschleunigung.

Die erste Zeit lief sie nur herum und beobachtete Leute, setzte sich irgendwohin, um Gedichte zu schreiben, ging auf Lesungen. „Da kamen auf einmal Ideen hoch.“ Ihr fiel auf, dass sie häufig auf ihre tollen Strümpfe angesprochen wurde. „Wo haben Sie die denn her?“

Frühmorgens um 7 auf dem MarktWas während der vergangenen Arbeitsjahre verschwommen in ihr schwebte, gewann immer mehr Kontur. In Zukunft wollte sie ihre Aufgabe darin sehen, kleine Designer und Manufakturen in Europa zu suchen und zu erhalten, eigene Entwürfe zu verwirklichen, eine Kollektion mit Asseccoires vorzustellen, die zueinander passten: Strümpfe, Hüte, Taschen und Schuhe in kleinen Auflagen. Sie wollte Gutes und Schönes vermitteln, fair und menschlich zusammenarbeiten, einen sauberen Namen haben und trotzdem Geld verdienen. „Das ist ein hohes Ziel. Man kann die einzelnen Schritte nicht überspringen.“

Lange glaubte sie, sie könne sich ohne Partner nicht selbstständig machen, „doch die meisten haben Angst vor dem Risiko“. Im Herbst 2006 beschloss sie, dass es Blödsinn war, länger auf Beistand zu warten.

Um einen Kredit für einen Laden aufzunehmen, war sie zu vorsichtig, vielleicht auch noch zu zaghaft. So investierte sie ihr letztes Erspartes in einen Gewerbeschein und Ware für einen Stand auf dem Wochenmarkt. Auf grünem Jaquardstoff drapiert präsentiert sie Strümpfe aus polnischen Kleinbetrieben mit gewagten, grafischen Mustern, Sonnenhüte aus Italien, die erste selbst entworfene Mütze, blüten- und perlenbestickte Basttaschen.

TaschenHier steht sie nun ein halbes Jahr und betreibt Feldforschung. Der Vorteil ist, dass viel mehr Menschen vorbeikommen als in einem normalen Laden. „Ich höre Anregungen und spüre Reaktionen.“ Sie führt Gespräche mit alten Frauen: „Eine blieb mit einem strahlendem Lächeln in ihrem faltigen Gesicht vor meinem Strumpfbeinzaun stehen, schaute mich an und fragte: "Kennen Sie noch den Schlager? Nein, Sie sind zu jung. Ach, es gab einen Schlager ... DIE BEINE VON DOLORES. Damals trug ich auch so tolle Strümpfe, die Zeiten sind jetzt vorbei." Dann gibt es Frauen um die siebzig, die mutig auf die Halterlosen zeigen und mir stolz erzählen, dass sie nur solche tragen, ihr Mann vor fünfzehn Jahren gestorben ist, und der neue Freund von ihrem Stil unter dem Kleid nur so schwärmt.“

Es kommen junge Männer in Beuteljeans, die ihre Freundin hinter sich herziehen. Seite an Seite mustern sie schweigend die Beingespinste und ziehen mit ihrem Einkauf grinsend davon. Es nähern sich Frauen mit Rechtsanwaltsgesichtern und umschleichen mit Abstand die hauchdünne Ware, bis sie sich auf einen freundlichen Wortwechsel einlassen. Es gibt Gattinnen, die werfen erbost das Kinn in eine andere Richtung, wenn ihr Mann auf die verzierten Frauenbeingarde hinweist. Verträumt altrosa dekorierte Großstadt-Marketenderinnen, deren Porreestangen aus geflochtenen Körben ragen, befühlen alles und bleiben in ihrem Kokon, ohne die Händlerin überhaupt zu bemerken, bis sie auf einmal sagen: „Ich will dies und dies und dies.“

Patricia ZaborowskiPatricia Zaborowski sagt, sie fühle eine große Zufriedenheit und nehme enorm viel wahr. Es sei ihr nicht leicht gefallen, die finanzielle Sicherheit aufzugeben, aber „ich krieg irgendwie Flügel. Meine Vision bekommt Gesicht. Früher war ich so ungeduldig, doch jetzt finde ich es wunderbar, langsam zu expandieren und meine ganze Kraft in ein positives Ziel zu investieren.“

Inzwischen klebt ihr schwarz-weiß-rotes Label „bellaseven7“ schon auf den Strümpfen, und die Website dazu steht ganz frisch im Netz. Gerade ging der Entwurf für eine witzige Sommersandale an einen orthopädischen, polnischen Schuhmacher, der in dritter Generation arbeitet. In wenigen Wochen wird die erste Auflage geliefert. „Sie werden eine Buchenholzsohle haben, kein Plastik wird daran zu finden sein, und die Kundin wird genau wissen, wer sie angefertigt hat.“

Um fünfzehn Uhr fangen die Händler rundherum an, ihre Waren einzupacken, und Patricia Zaborowski hebt die Strumpfbeine aus den Halterungen. „Es wird der Tag kommen, an dem ich einen Laden habe.“ In ihren Augen schimmert aber schon mehr.

 

 

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