Fast ohne Geld leben viele in unserer Gesellschaft, sie halten es für eine Not. Heidemarie Schwermer hält es für eine Tugend und hat sich davon ganz frei gemacht. Das ist ungewöhnlich genug, dass der Raum voll wird, wenn sie einen Vortrag hält.
Diesmal eingeladen von einer eher unbekannten Humanwirtschaftspartei, in einem Raum, der bestenfalls 50 Leute fasst. Es sind zu 80 Prozent Frauen mittleren bis höheren Alters, die sich widerstandslos duzen lassen. Wir befinden uns nämlich in einem Gebäude, in dem jedes Stockwerk von einer irgendwie gearteten esoterischen Gruppe gemietet ist, und die lieben sich alle, oder müssen es wenigstens versuchen. Die Dame neben mir blättert in einem Kleinanzeigen-Heft, deren Rubriken Überschriften tragen wie: Kaballah, Kinäsiologie, Ultrakollidialisiertes Wasser (oder so ähnlich).
Heidemarie Schwermer ist 63, eine schlanke, große Frau, die schon viele Vorträge gehalten hat, aber noch immer nicht weiß, wohin mit ihren Händen. So umklammert die Linke das rechte Handgelenk und beides steckt zwischen den Knien. Nicht gerade das Sinnbild für Geben und Nehmen.
Dass es auch Nachteile hat, ohne Geld zu leben, wird bereits deutlich, als sich ein älterer, dicker Inder mit Videokamera mehrfach störend bemerkbar macht, weil er mitten in Frau Schwermers Einleitungssätzen aufsteht, nach Steckdosen fragt und dergleichen. Frau Schwermer erklärt der Zuhörerschaft, dass er sie hierher gefahren und sie ihm dafür erlaubt habe, den Abend für seine daheimgebliebene Frau zu filmen. Der Aufpreis für dieses geglückte Gib&Nimm-Arrangement scheint zu sein, dass sie hinnehmen muss, dass er sich anstellt, als sei er Steven Spielberg und alle anderen Statisten.
Heidemarie Schwermer trägt einen ordentlichen Haarschnitt, ein erdfarbenes Polohemd, unauffälligen Schmuck und strahlt fahrige Bescheidenheit aus. Ihre Vision ist: „Wir gehören alle zusammen.“ Da nicken die Zuhörer schon.
Aber vorher erhebt sich noch mal die Vertreterin der Humanwirtschaftspartei, breit grinsend vor Entzücken, und sagt: „Raubtierkapitalismus und Heidemarie Schwermer sind so ganz anders.“ Sie trägt einen regenbogenbunten Button auf der Bluse.
Natürlich ist der Vortrag kostenlos.
Die ehemalige Lehrerin Heidemarie Schwermer hat schon immer ein Problem mit der kalten Welt gehabt. Wie viele Kinder nach dem Krieg machte sie Erfahrungen mit Armut. Sie gab ihr Beamtentum nach 15 Jahren auf, weil in der Schule nur Fakten vermittelt werden, das war für sie nicht länger tragbar. Auch ihre Tätigkeit als Psychotherapeutin „war mir nicht genug. Immer ist mir alles nicht genug gewesen.“ Sie sieht gar nicht aus wie eine Radikale, eher wie eine unsichere, schwankende Person mit einem gewissen Leiden in den Augen.
52 war sie, als sie im Radio von einem kanadischen Dorf hörte, dessen größter Arbeitgeber Bankrott gegangen war. Das arbeitslose Dorf gab nicht auf: „Wir sind zusammen. Wir können was tun.“ Sie begannen, Leistung gegen Leistung zu tauschen, ohne den Umweg über Geld.
„Das traf mich total hier im Herzen.“ Frau Schwermer wirft ihre gefalteten Hände auf die Brust.
So ist das mit privaten Erweckungsmomenten: Auf Unbeteiligte wirken sie banal. Aber diese Zuhörer sind nicht unbeteiligt, sondern alle eins. Sie nicken, denn sie wissen, wovon die Gute spricht.
Jedenfalls hat Heidemarie Schwermer deshalb vor elf Jahren die Gib&Nimm-Bewegung gegründet, einen gemeinnützigen Tauschring, der nach dem Motto funktioniert: „Streichst Du meine Wohnung, dann gebe ich Dir Englisch-Unterricht.“
Fix waren dreihundert Leute zusammen, die an die gleiche Idee glaubten, aber genauso schnell waren es wieder ganz wenige. Geben und Nehmen mag eine famose Sache sein, doch die Schwierigkeiten fangen spätestens dort an, wo einer dem anderen anbietet, dessen Wohnung im Tausch gegen einen gebrauchten Laptop zu streichen. Was wird aus den Regressansprüchen, wenn der Laptop nicht funktioniert, der Maler gar nicht malern kann? Schon lagen sich die Tauschenden in den Haaren. Man darf vermuten, dass auch in Idealwelten alle versuchen, so billig wie möglich wegzukommen, und muss sich außerdem fragen, was ein Wirtschaftskreislauf taugt, in dem jeder dritte Anbieter Geschichten vorlesen möchte, am liebsten im Tausch gegen handwerkliche Facharbeit.
Frau Schwermer entmutigte dies nicht. Sie selbst begann in dieser Zeit ihre Ausgaben so konsequent zu senken, dass sie nur noch tausend Mark für Miete und Krankenversicherung brauchte, ließ sich zum Essen einladen und im Tausch gegen psychologische Beratung die Haare schneiden. „Schon nach einem Jahr habe ich ganz deutlich gemerkt, ich brauche weniger.“
Sie nahm keine neuen Klienten mehr an, und weitere zwölf Monate später gab sie dann auch ihre Wohnung und ihre Krankenkasse auf, hütete Häuser, deren Besitzer verreist waren und ihr zuvor den Kühlschrank gefüllt hatten. „Ich hab ja so eine Vision von einem anderen Leben. Dass man mit fremden Menschen einfach tauschen kann. Bei mir geht das inzwischen ruckizucki, dass ich überall Leute kennen lerne. Wir versuchen miteinander, nicht gegeneinander zu sein. Konkurrenz brauchen wir doch nur, um die Weltwirtschaft zu …“ Sie sucht ein Wort, die in der ersten Reihe sitzende Parteivertreterin fällt ein „beleben!“ Sie stößt es abfällig hervor. Schon die ganze Zeit bewegt sie die Lippen synchron mit der Vortragenden.
Die bedankt sich, schwirrt verwirrt mit den Armen herum. „Wenn Ihr das übertrieben findet, müsst Ihr es ja nicht machen. Ich kann doch erst mal nur bei mir anfangen.“
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Sie hat ihre Wohnungsgegenstände alle an einem Tag verschenkt: „Es ging so leicht, das war für mich ein Zeichen. Hundertprozentig muss ich das machen.“
Sie geht auf und ab und schlenkert mit den Gliedern. „Es war nicht immer einfach, das muss man zugeben. Ich habe gehungert, denn ein Kühlschrank voll reicht nicht, wenn ein Hausbesitzer drei Monate weg ist. Aber ich wollte nicht betteln. Und manchmal, diese Gedanken an ein Stück Schokolade oder ein Glas Wein. Heute lebe ich in der Fülle, aber ich weiß, ich kann verzichten.“ („In der Fülle leben“, ist ein klassischer esoterischer Ausdruck für diejenigen, die denken, Frau Schwermer hätte sich das ausgedacht. Das Gegenteil ist: „In die Kargheit gehen“, und das ist schlecht.)
Die Parteivertreterin nickt und nickt.
Der dicke Inder läuft durch das Bild. Eine Zuschauerin protestiert und möchte nicht gefilmt werden. Daraufhin baut er sich auf: „Mein Name ist Herr Suhadi. Die schönsten Frauen der Welt sind die deutschen Frauen.“ Er wird niedergezischt und senkt beleidigt seine Kamera.
„Ich sage nicht“, beschwört Frau Schwermer das Publikum, „ich bin eine große Könnerin. Besonders ohne Krankenversicherung hatte ich Angst. Aber ich mach ganz viel mit Selbstheilungskräften. Irgendwann hatte ich schwere Zahnschmerzen, es klopfte und klopfte und ich dachte schon, oh weh, da fiel mir eine Frau ein, Yasmoni. Die hat ein Buch darüber geschrieben, dass sie nur Licht isst, sonst nichts.“ Mehrere Zuschauerinnenköpfe neigen sich wissend zueinander. „Und das klingt doch verrückt, aber sie hat sich trotzdem getraut.“
Naja, und dann hat Frau Schwermer einen Finger auf den schmerzenden Zahn gelegt, zu sich gesagt: „Ich hab Selbstheilungskräfte“, und schau an, nach zwei Tagen war der Schmerz weg.
Sie erzählt noch eine andere Geschichte von einem armen Sitarspieler, der sich den Arm dreimal gebrochen hatte. Er ging ins Krankenhaus, und als er sagte, dass er in keiner Krankenkasse Mitglied sei, wollten sie ihn schon fortschicken. Da kam auf einmal der Chirurg und rief: „Was, Sie sind Sitarspieler? Ich operiere Sie, und wenn Sie geheilt sind und wieder spielen können, bringen Sie es mir bei.“ Sechstausend Euro hat er auf seine Kappe genommen.
Ja, so ist das Leben, und das ist Heidemaries Botschaft: Man braucht ein reines Herz und den Glauben an die reinen Herzen der anderen. Aber sie ist zu bescheiden, um das zu sagen: „Ich will nicht drüberstehen. Ich sage niemandem, er soll es auch so machen.“ Das betont sie ungefähr siebenunddreißig Mal. „Ich weiß nur, es gibt immer eine Lösung.“
Denn, siehe da: „Ich lebe ganz normal, nur ohne Geld.“ Sie hat ein Buch geschrieben: „Das Sterntaler-Experiment“, das in Esoterikerkreisen kursiert, wird eingeladen, reist in Deutschland umher. „Die einzige Institution, mit der ich nicht klarkomme, ist die Bahn. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich gegen freie Fahrt die Manager in der ersten Klasse berate. Das könnte die Bahn sozusagen als Werbung machen, aber ne, das wollten die nicht.“
Die Zuhörer lachen in Abneigung vereint.
Doch es gibt ja inzwischen genug Leute, die Heidemarie Schwermer Fahrgarten schenken, schon damit wenigstens einer weiterhin an das Gute im Menschen glauben kann. Es hat den Eindruck, als verwandele sie sich nach neun Jahren Geldlosigkeit langsam zu einer Wirtschaftsheiligen. Jedenfalls erzählt sie noch, dass ihr nach einem Vortrag bereits zwei Zahnärztinnen angeboten hätten, sie im Notfall kostenlos zu behandeln, und dass sie das absolut nicht erwartet habe, aber gleichzeitig ist es eben doch der Beweis für ihre Philosophie. „Ich habe studiert, damit ich dahin komme, wo ich jetzt bin! Wir gehören alle zusammen“, versucht sie ein letztes Mal den Sinn zusammenzufassen, und alle verstehen, das sieht man an den leuchtenden Augen.
Sicher findet sich nach der Veranstaltung einer, der das Sterntalermädchen zum nächsten Termin fährt. Bestimmt bekommt sie mehr Handtücher geschenkt, als sie brauchen kann.
Um ihr Greisenalter macht man sich einige Gedanken, doch vielleicht ist sie bis dahin Guru, und die haben in der Regel ausgesorgt.
Heidemarie Schwermer (63), Gründerin der Gib & Nimm-Bewegung, lebt seit Jahren ohne Geld und wird in gewissen Kreisen wie eine Wirtschaftsheilige behandelt.
Text + Fotos von Gabriele Bärtels


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