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Frida kostet nichts, aber das ist nicht wahr

Seyran Ates
Die Fragen stellte Gabriele Bärtels

Die deutsch-türkische Rechtsanwältin ist eine der führenden Stimmen gegen die Zwangs-Ehe. Jeden Tag begegnen wir dem Mittelalter auf unseren Straßen: Verschleierte, muslimische Frauen, die viel verheirateter sind, als wir uns vorstellen können.

Seyran Ates kam im Alter von sechs Jahren mit ihrer streng traditionellen Familie nach Deutschland und lebte zuhause ein Leben als eingesperrte Dienerin, während sie in der Schule zu den Besten zählte, sich politisch engagierte, und es bis zur Schulsprecherin brachte. Mit siebzehn hielt sie die Unvereinbarkeit beider Welten nicht mehr aus, lief von zuhause weg, versteckte sich in Wohngemeinschaften, unterstützte in einer Beratungsstelle von Gewalt bedrohte türkische Frauen.

1984 betritt ein Mann das Büro, erschießt eine Ratsuchende und verletzt Seyran Ates schwer. „Wir sind sicher, dass es ein Auftragskiller war. Er kam ganz ruhig herein und ging auch wieder ganz ruhig.“ Sie braucht Jahre, um sich von dem Attentat zu erholen, studiert dann doch Jura und vertritt heute mehrheitlich Migrantinnen gegen deren Männer. Rund die Hälfte ihrer Scheidungsmandantinnen sind zwangsverheiratet worden.

Seyran Ates streitet mit Politikern, verfechtet in Interviews vehement das Kopftuchverbot, und war eine der Vorkämpferinnen für die Gesetzesänderung, die seit 2004 Zwangsverheiratung als besonderes schwere Nötigung ausweist. Ihre Lebensgeschichte erzählt sie in dem Buch „Große Reise ins Feuer“. (Rowohlt Berlin 2003)

In ihrer eigenen Familie ist die Kulturkreis-Spaltung überwunden: Die Eltern haben nach langer Zeit verstanden, dass Seyran Ates ein freieres Leben gewählt hat. Sie muss nicht länger befürchten, deshalb von ihren Brüdern erschossen zu werden. Nun hat sie selbst eine Tochter, und während des Interviews kümmert sich die Großmutter um die Kleine.

 

INTERVIEW

Seit Ende 2004 wird die Zwangsehe im Strafgesetzbuch als „besonders schwerer Fall von Nötigung“ explizit ausgewiesen. Bekommen wir so das Problem in Deutschland in den Griff? Dies ist ein erster Schritt der Bundesregierung, um das lange ignorierte Thema zu benennen. Doch die gesetzliche Regelung reicht nicht aus. Zwangsverheiratung muss ein Verbrechens-Tatbestand werden, was sie ja auch ist. 90 Prozent der betroffenen Frauen werden jahrelang vergewaltigt und daran gehindert, eigene Lebensentwürfe zu entwickeln. Das Unrechtsbewusstsein in den Migrantenfamilien muss durch höhere Strafen verstärkt werden. Außerdem fehlt es an einem wirksamen Opferschutz.

Können sich Migranten in dritter, vierter Generation überhaupt dauerhaft von einer offenen Gesellschaft abschotten? Wächst sich das Problem nicht irgendwann von selbst aus? Ich bin 1981 von meiner Familie abgehauen. Heute sitzen in meiner Kanzlei junge Mädchen und seit zwanzig Jahren verheiratete Frauen. Sie erzählen die gleichen, grausamen Geschichten. Nichts erledigt sich von selbst, solange Männer Gewalt ausüben, um die Sexualität der weiblichen Mitglieder ihrer Gesellschaft zu kontrollieren. Denn das ist der Kern ihrer sogenannten Familienehre. Wir müssen die Mädchen bestärken, mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen und sich auch untereinander zusammenzuschließen. Es wird noch viel zu viel geschwiegen.

Ist mit Gesetzen überhaupt ein Umdenken in traditionell geprägten sogenannten Parallelgesellschaften zu bewirken? Braucht es nicht auch Veränderung von innen heraus? Der Diskurs innerhalb der Communities findet zwar statt, aber von allein werden sie es wohl nicht schaffen. Die einzige Chance ist Bildung. Die Kultur der Türken zum Beispiel hat großen Respekt vor Bildung. Die Eltern wollen, dass aus ihren Kindern etwas Besseres wird als aus ihnen. Die Grundwerte sind also gar nicht so anders als in Deutschland. Ich wünsche mir einen staatlichen Zwang, Migrantenkinder früh in Kindergärten zu geben. Man muss den Eltern andere Lebensmodelle aufzeigen und ihnen klarmachen, dass man ihnen ihre Kinder nicht entfremden will. Auch die Arbeit mit den Jungen ist wichtig. Man muss das Gespräch mit ihnen suchen, anstatt sie nur in die feindliche Ecke zu stellen.

Es gibt keine genauen Zahlen, aber man schätzt, dass die Hälfte aller türkischen Ehen Zwangsheiraten sind. Kann Ihrer Ansicht nach eine Kultur, die der Frau das Menschenrecht zur freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit ja nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Türkei so massiv verwehrt, in absehbarer Zeit Teil der EU werden? Die Türkei macht einen Wandel durch, den andere Länder in der EU schon durchgemacht haben und den Beitrittsländer, die neu aufgenommen wurden, z. B. Polen - ebenfalls noch durchmachen müssen. Ich kämpfe energisch gegen Zwangsverheiratung. Wir lösen das Problem aber nicht dadurch, dass wir die Türkei aus der EU herauslassen, weil dort Zwangsverheiratung praktiziert wird. Kritik an veralteten Traditionen wie dieser ist in der türkischen Öffentlichkeit sehr verbreitet. Außerdem ist die Diskussion dort offener als in den türkischen Communities in Deutschland. Die verhalten sich weitaus rückständiger.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Ates.nach oben

© FRIDA 2005

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