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Laubenpieper sind reiche Leute

Reportage von Gabriele Bärtels

 

 

Schreber_2Der gemeine Schrebergarten, der sich kolonienweise an Bahngleisen, Autobahnabfahrten und Industriebrachen tummelt, ist das Sinnbild für Spießigkeit und Kleinbürgertum, aber wussten Sie, dass auch Albert Einstein 1922 in Berlin eine Parzelle gepachtet hatte? Eben.

Es liegt sowas in der Luft, nämlich dass der Schrebergarten schick wird. Vielleicht haben all die urbanen Loftbewohner ohnehin schon lange neidisch auf die Laubenpieper gestarrt und nur nie eine Chance gehabt, eins dieser Paradieschen zu ergattern? Das könnte sich ändern, denn die alten Besitzer sterben langsam weg, und die Wartelisten werden kürzer. Es ist nämlich so: Ein Schrebergarten ist eine lebenslange Anschaffung, und man übernimmt ihn nicht wie eine leere Wohnung, sondern möbliert mit Schuppen, Misthaufen, Beerensträuchern. Die knorrigen Obstbäume werden auch das eigene Dasein überdauern, sofern man willig ist, etwas über Baumschnitt zu lernen.

Schreber_3Auf einem ehemaligen Exerziergelände in Berlin-Schöneberg verbringt die Journalistin Corinne Ulrich (42) ihr erstes Frühjahr auf 250 Quadratmeter „eigenem“ Grund und Boden mit Teich und Plastik-Kranich am Ufer. Auf dem Rest verteilt sich Pflasterweg, Gemüsebeet und Rasenfläche. Sie zahlt dafür rund 300 Euro Pacht per anno, zuzüglich Strom- und Wasserkosten, und ihre wichtigste Pflicht ist, den Weg um das Grundstück von Unkraut freizuhalten. Richtig teuer war nur die Ablösesumme für die Laube, doch die ist für Schrebergartenverhältnisse luxuriös. Neuntausend Euro für vierundzwanzig Quadratmeter Holzhütte, Deckenhöhe geschätzte, schiefe 1,80 Metern. Eine funktionstüchtige Mini-Einbauküche, Sofa, Dusche, WC, Dachboden, mehr passt nicht hinein. Aber das Leben spielt sich ja draußen ab.

Frauen wie ich sehen bei ihrem ersten Besuch ein Puppenstübchen vor sich, stehen entzückt wie ein kleines Mädchen vor den Möglichkeiten, es allerliebst zu dekorieren. Es sind vor allem Paare und einzelne Damen, die sich um einen Garten bemühen, alleinstehende Männer sind nicht so daran interessiert, jedes Blümchen von Hand aufzuziehen.

Schreber_4Sind einmal die endlos engen, abweisenden Gänge durchmessen, die Narzissen- und Tulpenweg heißen, und eines der Rundbogen-Törchen durchschritten, kommt einem die Parzelle gar nicht mehr so winzig vor. Das Auge suhlt in prallem Grün und aufgeblätterten Blüten. Man betritt einen fremden Garten nur auf Einladung, denn er ist ja gleich das Open-Air-Wohnzimmer, auf das zwischen Ginsterzweigen und Maschendrahtzaun hindurch jeder freien Ausblick hat.

Frau Sadigh (70), ehemalige Apothekerin, die sich vor neun Jahren für die Scholle entschieden hat, ist ein Kriegskind, das sich noch gut daran erinnern kann, wie notwendig Laubengrundstücke damals zum Überleben waren. Ihr gefällt „das menschliche Gemurmel hinter den Hecken. Es ist wie ein plätschernder Bach, dazwischen lautes Lachen oder klirrendes Kaffeegeschirr.“

Schreber_03767Eins ist heilig, nämlich die Mittagsruhe zwischen dreizehn und fünfzehn Uhr, da darf nicht gehämmert und kein Rasen gemäht werden, und alle halten sich dran, so dass Frau Sadigh auf der Liege draußen schlafen kann, umrahmt von Efeu, etwas Unkraut, Vergissmeinnicht, Rosenbüschen und runden Rasenecken, denn ein „Nagelscherengärtner“ ist sie nicht. Die Flugzeuge, die ihre Träume gelegentlich überfliegen, hört sie längst nicht mehr, die Kohlmeisen, denen sie einen Nistplatz aufgehängt hat, dagegen schon. Sie grinst, als sie auf zwei frisch gepflanzte Stämmchen hinweist: „Sehr optimistisch, in meinem Alter noch Apfelbäume zu setzen.“

Hinter ihrem Häuschen krabbeln Ameisen über rissige Rinden, ein Frosch landet mit einem Platsch im Vogelbad, und im Gewächshäuschen sprießt es in Kübeln. Der Besucher ertappt sich dabei, dass er viel genauer hinschaut als sonst in der Großstadt üblich. Irgendwo keimt, huscht, schlängelt sich immer etwas, und er selbst wird still.

Schreber_03778Das Leben unter Fallobst und Kirschblütenschauern schafft trotz fantasievoller Sichtschutzanlagen viel Nähe und damit natürlich auch Stoff für Klatsch und Bemerkungen über ungeschnittene Hecken. „Und wenn ein Baby schreit, muss man es eben aushalten. Aber sieht der zauberhafte Herr gegenüber, dass ich etwas Schweres heben will, kommt er gleich angerannt.“ So wird in der Sommerfrische eine rechteckige Abart dörflicher Gemeinschaft praktiziert, die in Mietskasernen nicht möglich ist, weil Mauern eben undurchdringlicher sind als Rosenbüsche. Es gibt Kleingarten-Gesetzestreue und die Laissez-faire-Fraktion, auch die Rolle des Sheriffs und der bösen Hexe ist vermutlich in jeder Kolonie besetzt.

Frau Sadigh ist kein Vereinsmeier, das kann hier jeder halten, wie er will. Es existiert natürlich eine Bekanntmachungstafel, ein Vereinsheim, und auch ein Pfingstfrühlingsfest, doch außer zu einer jährlichen Versammlung wird niemand dorthin genötigt. Alte Ehepaare, die mit geschwenkten Handtüchern Amseln verjagen, damit die keinen Dreck in ihrem grünen Schmuckstück hinterlassen, halten es weitgehend friedlich neben Singles aus, die es verwunschener (oder verwahrloster) lieben, und jungen Familien, auf deren umzäunten Rechteck überall Plastikspielzeug verteilt ist. Die Haken für die Schaukel an der Pergola haben sie schon vorgefunden, als man ihnen den Schlüssel für das Törchen überreichte.

Schreber_03740Im Schrebergarten ist die Natur eine Synthese mit Plastik eingegangen. Alles, was der Kleingärtner braucht, besteht scheinbar daraus: Rasenkanten, Gartenzwerge, zu Töpfen entfremdete Farbeimer, Blumenkästen, Rankhilfen, Leinen und natürlich die Sitzgruppe. Auch Corinne Ulrich hat eine geerbt, und ihre ist dunkelbraun.

Sie hat auffallend mehr Freunde, seit denen ihr Garten innerhalb des S-Bahn-Rings offensteht. Während diese angesichts der tiefhängenden Äste, Dolden, Knospen, Blüten, Trauben, Gräser und knalligen Mohnblumen noch seufzen, ist ihre Gastgeberin schon bei der Arbeit.

Von wegen dolce far niente unter Aprikosen-Bäumen: So wenig wie Haarwuchs kann man Gartenwuchs lange schleifen lassen. Es ist eben nicht alles Natur, sondern Kultivierung. Was auch kreucht und fleucht, muss vom Dompteur gezähmt werden, und es ist günstig, dass er sich eine Ahnung verschafft, bevor er den Spaten ansetzt oder zu großzügig gießt. Auf dem plastikdunkelbraunen Tisch liegt deshalb ein Pflanzenbestimmungsbuch, und wenn die Großstadtgärtnerin durch Vergleiche feststellt, was vor ihrer Terrasse seine Pracht entfaltet, nämlich Iris, Lupinen und nicht etwa Rittersporn, sagt sie: „Aha!“

Schreber_8Den Rest bringt ihr die überaus freundliche und patente Frau Lehmann über den Zaun bei. Ihre Familie – Mann, zwei erwachsene Kinder, Enkelin, bestellen den angrenzenden Garten seit 1966. „Wat hatte man damals für ne Wahl? Die Grenzen waren dicht, Wannsee und Schwimmbäder überlaufen. Im Grünen konnte man ja nirgends für sich sein.“ Das ist eine andere Art von Freiheit, als die, die man im Osten suchte, wo der Mensch nur in seiner Datscha sein eigener Herr war, aber es kommt auf dasselbe heraus.

Am Sonntagnachmittag sitzt die Familie um die Kaffeetafel auf der heimwerkerisch erstklassig angelegten Terrasse. Es gibt Torte mit besten Erdbeeren, Sprühschlagsahne, Kaffee aus schönen Porzellantassen. Der jetzt erwachsene Sohn hat die Tochter eines Laubenpieper-Nachbarn geheiratet. Als Kinder sind sie zusammen in den Pflaumenbaum geklettert, und um ihre Schiffe auf dem Teich anzutreiben, untergruben sie die Dahlien und richteten mit dem Gartenschlauch eine Überschwemmung an. „Jeder hatte sein kleenet Beet.“ Jetzt kümmern sie sich um ihre eigenen Gärten und kommen nur noch zu Besuch.

Frau Lehmanns Mutter stammt von einem Bauernhof, das Talent zur Bändigung der Wildnis ist ihrer Tochter geblieben. Die Rentnerin weiß einfach alles über Gartenpflege, und teilt dies ihrer neuen Nachbarin freigiebig mit. Ihre Arbeitshände streifen über ein buckliges Johannisbeerblatt. „Det sind Blattläuse“, und die junge Frau Ulrich sagt wieder: „Aha“, und sperrt die Ohren auf, als Frau Lehmann erzählt, wie man das Ungeziefer chemiefrei bekämpft. „Man ahnt ja nicht, was auf einen drauf zu kommt“, und zeigt auf den Kirschbaum, der von wildem Wein durchwachsen wird. „Det muss auch runter.“

Schreber_9In ihrer Wohnung scharrt Frau Lehmann schon im Februar mit den Hufen, um endlich raus ins Grüne zu kommen. Sie kann sich kaum zügeln, viel zu früh die ersten Stiefmütterchen auszusetzen. „Sich hier nur ahlen, bringt nichts.“ Den Garten für das Sommerhalbjahr einzurichten, braucht eine volle Woche, und bis im Oktober die letzten Bäume beschnitten sind, die Gartenabfälle geschreddert, der Teich abgedeckt, bleibt das Ehepaar in Bewegung. Frau Lehmann ist der Meinung, dass man sich grundsätzlich zwischen Obst- und Gemüseanbau entscheiden muss.

An den Hauswänden entwickeln Tomatenpflanzen in Töpfchen zartgrüne Blätter, die Gestelle für die Stangenbohnen sind schon aufgerichtet, und Frau Lehmanns Zucchini werden einfach besser als die Wässrigen aus dem Supermarkt. Und erst die Kartoffeln: „Wenn Se die kochen, platzt die Haut von janz alleene uff.“ Die Johannisbeeren sind noch grün. „Wie die schmecken!“ schwärmt Frau Lehmann in die Ernte-Zukunft hinein. Sie bückt sich wie ein junges Mädchen nach einem Unkrautbüschel und berichtet, dass es sich nicht lohnt, auf diesem Boden Mohrüben anzupflanzen. „Die haben lieber weite Felder und kriegen hier zu schnell Würmer.“ Zwischen ihre Gurken sät sie Dill, der festigt die Wurzeln, und die Pflanzen kippen nicht so schnell um.

Schreber_1Der neuen Nachbarin ist unterdessen eingefallen, dass sie Rhabarber anbauen könnte, ganz so wie in der Kindheit.

Ist dann mal für einen Moment Pause, und lauscht man im Halbschatten unter einer Magnolie, den Kopf im Nacken auf der Klappstuhllehne, dem Gezwitscher von Blaumeise, Amsel, Fink und Star, so tritt klar hervor, dass Schrebergärtner sehr reiche Leute sind.

 

 

 

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