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“Da kommt der Oberst”

Wie in diesem Beispiel aus Zürich sammeln sich bei gutem Wetter allerorten grübelnde Männer um Freiluft-Schachquadrate.
beobachtet von Gabriele Bärtels

schach3Hinter dem Rücken der Schachspieler auf dem Lindenhof ziehen den ganzen Tag Touristengrüppchen vorbei wie Thunfischschwärme in einer Golfströmung. Keines Blickes werden sie gewürdigt, alle Aufmerksamkeit richtet sich auf drei überdimensionale Schachbretter, wie sie in vielen Parks zu finden sind. Über die achtundvierzig hellgrau-dunkelgrauen Betonfelder rollen Kiesel und herabgefallene Blätter. Darauf stehen grobgeschnitzte Holztürme, Läufer und Springer, die den Spielern und Kommentatoren bis zu den Waden reichen.

Es sind Männer auf weißen Plastikstühlen, junge, schweigsame und alte, die dauernd rauchen. Sie tragen merkwürdige Hüte auf dem Kopf oder halbgraue Vollbärte. Sie kennen einander offenbar so lange, dass ein kurzes Knurren zur Begrüßung genügt.

schach2Zwischen den Bäumen steht eine unverschlossene Kiste, auf der man auch sitzen kann. Aus dieser holen sie morgens die Figuren und legen sie erst abends wieder hinein, sommers wie winters, nur bei starkem Regen nicht. Liegt Schnee, so schaufeln sie das Spielfeld eben frei.

Gelegentlich wird ein Springer gestohlen, „wohl weil nur die Pferdchen dekorativ sind“, vermutet einer der Männer. Dann schweigt er wieder und schaut zu, wie der weißhaarige Spieler in Beige, der die weißen Figuren hat, breitbeinig auf dem Stuhl vor seiner Grundlinie sitzt, aus Tennis-Schiedsrichterwarte das Feld überblickt, mit den Armen fuchtelt, laut mit sich selbst hadert oder seiner Strategie. Vor jedem Zug überlegt er viel länger als sein Gegner und schaut ihn überhaupt nicht an.

schach-4Der Spieler mit den schwarzen Figuren könnte ein Banker sein, ein schlanker, gutaussehend er Geschäftsman n, vielleicht in seiner Mittagspause. Er denkt im Stehen, isst dabei Salat aus einer Plastikschüssel, springt federnd über das Spielfeld und trägt seinen Läufer über eine Diagonale, spricht eine halbe Stunde kein Wort, hebt die Augen nicht vom Kampfgeschehen. Sein Kontrahent, offenbar ein alter Schachhaudegen, springt jetzt keuchend auf und vollführt mit König und Turm eine Rochade, was von den Zuschauern mit kundigem Gemurmel begleitet wird.

schach-5Wer von Schach nur weiß, wie man ziehen muss, sieht sich einem geheimnisvollen Vorgang gegenüber, der nicht zu entschlüsseln ist, er spielt sich zwar vor seinen Augen ab, aber hauptsächlich in den Köpfen der Geheimwissenschaftler. Die kurzen Bemerkungen, die er aufschnappen kann, sind kaum verständlich. Manchmal lacht einer auf, streicht über seinen Bauch, verändert seine Sitzhaltung, erstarrt dann wieder zum Zuschauer. Was ihn bewegte, bleibt dem Außenstehenden rätselhaft.

schach6„Da kommt der Oberst“, sagt ein anderer. Über den hochgelegenen Platz nähert sich ein kleiner Herr in einem hellen Anzug am Stock. Gleich wird er sich mit einem Grüezi neben einen Arbeitslosen setzen. „Ist das hier nicht für manche ihr einziges soziales Netz?“ frage ich den Mann mit der merkwürdigen Mütze. Er sagt, dass könnte schon sein, aber man wüsste eigentlich nicht viel voneinander.

Der alte Herr in Beige ist matt, gibt sich nur schwer geschlagen, der Sieger im Anzug lächelt fein, tritt vom Spielfeld zurück. Bewegung geht durch die Männer, kurze Diskussionen branden auf, bald stehen die Bauern wieder in Reih und Glied.

Noch eine Partie?

 

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