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Modisch oder bequem?

Das offene Geheimnis der Sandalenqualen

Perlen des Alltags von Gabriele Bärtels

 

sandalenqualen

 

Wenn im Frühsommer landauf landab in den Auslagen der Schuhgeschäfte bunte Sandalen blühen, will auch ich ein neues Paar - mindestens. Es gibt ja die herrlichsten Kreationen, spitz wie Lumpi, hoch wie Fernsehtürme, verziert wie Sahnetorten. Manche sind so hübsch, dass man sie als Wandschmuck missbrauchen könnte.

Meistens heißen sie nicht Sandalen, sondern Sling, Sabot, Sandalette. Trotzdem haben sie alle eins gemeinsam: Man kann in ihnen vielleicht stehen, sitzen oder liegen, aber nicht laufen. Mich wundert, wieso eine ganze Nation voller verständiger Frauen dieses offene Geheimnis nicht ausspricht. Wahrscheinlich geben sie sich ähnlich viel Mühe wie ich, ihr saisonales Leid zu verbergen, und nur deswegen begreifen wir das Ausmaß der Gemeinen Sandalenqual nicht.

sandalenqual1Beim Kauf ist alles in Ordnung. Ich erspähe ein kunstvoll geflochtenes Paar im Regal, das zu ziemlich vielen meiner Röcke passen könnte, und schnalle es mir an. Im Geschäft ist es angenehm kühl, und mehr als ein paar Probeschritte sind nicht möglich. Konzentriert lausche ich auf meine Füße, damit sie mir melden, ob ein Riemchen am Zeh scheuert, der Absatz auf glattem Boden wegrutscht, ob ihnen nicht irgendwo das Blut abgeschnürt wird. Weil ich in die luftige Schöpfung schon vernarrt bin, protestieren meine Füße nicht. Ich wende mich beglückt zur Kasse: „Die nehme ich!“

Auf diese Weise habe ich noch jedes Jahr meinen Schuhschrank voll gekriegt, doch schlau bin ich dabei nicht geworden. Getragen habe ich diese aufwändig gearbeiteten, gewagten, rasanten Fußverzierungen nämlich jeweils nur einmal. Vor dem Spiegel stellte ich fest, dass sie wirklich wunderbar zu meinen Röcken passten. Doch kaum, dass ich wie eine Sommergöttin aus der Tür trat, quietschten sie bei jedem Schritt (oder pupsten gar), glitten meine Füße in alle Richtungen weg, bohrten sich die spindeldürren Absätze zwischen Pflastersteine, so dass ich ruckartig zum Stehen kam. Ich fühlte mich, als rattere ich über die Straße, anstatt zu schreiten und sprach mir Mut zu: „Es ist nur ungewohnt.“ Ungefähr in Höhe der Bushaltestelle, keine zweihundert Meter weiter, bildeten sich die ersten Blasen, und ich kehrte um, auf den kippligen Sohlen schwankend wie ein untalentierter Eisläufer.

sandalenqual2Alle Jahre wieder wundert mich, wieso ausgerechnet in dieser Jahreszeit in Apotheken und Drogerien die Blasenpflaster, in praktischen Döschen für die Handtasche verpackt, gleich neben dem Eingang platziert sind. Es muss also doch mehr Leute geben, die Kenntnis davon haben, dass schicke Sandaletten eine zwecklose Erfindung sind. Vielleicht gehören sogar die Schuhfabrikanten dazu, denn in den Überschriften ihrer Hochglanz-Anzeigen fragen sie ja schon: Modisch oder bequem?

Irgendwie bin ich nie darüber gestolpert, dass beides nicht zusammenzupassen scheint. Jedenfalls versuche ich zuhause alles, um den Widerspruch zu überbrücken, klebe hier Schaumstoffpolster unter den Riemen, dort Sandpapier unter die Sohlen, vorsorglich Pflaster auf die Hacken, stelle mich probeweise hin. Auf´s Neue bin ich der festen Überzeugung, dass es so klappen kann.

Aber gegen Mittag sitzen meine Füße wie geschwollene Weißwürste kurz vor dem Platzen in ihrem Ledergefängnis, und mein Lächeln gerät leicht verbissen. Von unten jammert es laut und pulsierend:sandalenqual3 „Befreie uns!“, doch ich laufe auf Messern wie Andersens Meerjungfrau bei ihren Landgängen zum Prinzen. Mag sein, dass ich Blutflecken auf dem Boden hinterlasse – ich schaue mich nicht um. Alle anderen Damen können ihr Schicksal ja auch mit Haltung ertragen.

Im Leben einer Frau braucht es offensichtlich Jahrzehnte, bis sie zur Einsicht kommt. Es war ein schwüler Tag in meinen Vierzigern, an dem meine Füße so verbeult und pflasterverklebt waren, dass ich mich gezwungen sah, auf Händen zu gehen. Weil das im kurzen Rock allerdings zum öffentlichen Ärgernis geriet, musste ich mir eine andere Lösung einfallen lassen, um zur Arbeit zu gelangen und kam auf das Abwegigste überhaupt: Meine alten Badelatschen.

Meine umfangreiche, farbenfrohe Sandalensammlung habe ich schließlich doch an die Wand gehängt, denn sie sind ja noch wie neu. Modisch werde ich im Sommer nie mehr sein, und die gehässigen Kommentare der Styling-Hohepriester würdevoll herunterwürgen, wenn ich in den schönsten Kleidern dahergewatschelt komme. Aber meine Wohnung ist jetzt super dekoriert.

 

 

 

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