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Fotoshooting in Ruinen
Kleines Großstadtabenteuer
Text: Gabriele Bärtels
Fotos: Regina Heinlein & Gabriele Bärtels
Ich habe ein riesiges, zugewuchertes Bahngelände entdeckt - wo, bleibt ein Geheimnis. Darauf Ruinenhallen ohne Tore, mit zersplitterten Fensterscheiben, rostigen Schienen, zerschlagenen Mauern. Kein Mensch weit und breit, darüber ein wolkenloser Himmel. Frühmorgens brausen wir auf Reginas Roller hin, mit Rucksäcken bepackt, suchen einen unverdächtigen Parkplatz, verstecken den zweiten Helm im Gebüsch, sehen uns fünfzehn Mal um.
„Den Drahtzaun habe ich gestern aufgebogen“, brüste ich mich, aber in Wahrheit bin ich ein Hasenfuß, denn ich hatte mich allein nicht getraut, eins der hohlen Gebäude zu betreten, aus denen Tauben flatterten. Mein Herz schlug wie Glocken, denn es war hier sehr sehr einsam, und es hätte ein wüster Obdachloser hinter einer abgeblätterten Eisentür hervorspringen können. Bevor wir uns durch die Drahtzaunlücke schlängeln, schaue ich mich weitere fünfzehn Mal um.
Regina bleibt ruhig und stakst voran, obwohl ich im Gänsemarsch hinter ihr kreische und jappse: „Pass auf, da ist ein Abgrund.“ Es sind Gruben, in denen zwei Meter tief dunkles Brackwasser spiegelt, Bretter liegen darüber, auf die man besser keinen Fuß setzt. Regina, wohl in der Unschuld ihrer Jugend, bahnt sich unbeeindruckt ihren Weg durch hüfthohes Gras und Sträucher. Ich beschimpfe ihren Rücken: „Wenn Du reinfällst, wie soll ich Hilfe holen? Die Adresse dieses Ortes kenne ich nicht. Außerdem wäre ich dann völlig allein.“
Unser Basislager schlagen wir in einer hohen Halle auf. Vielleicht haben sie hier mal Wagggons repariert? Jetzt liegt auf dem Betonboden nur eine Matratze, wahrscheinlich schimmelig, mit Blütenblättern bestreut, die durch die kaputten Fenster gesegelt sein müssen. Ich nehme sie lieber nicht genauer in Augenschein. „Das Licht ist klasse“, stellt Regina fest.
Aus unseren Rucksäcken ziehen wir Flatterkleider, Seidenschals, Ketten, halterlose Strümpfe, einen Trachtenrock und einen roten Filzhut. Es ist so dreckig, dass wir die Sachen nirgends ablegen können. Draußen zwitschern Vögel, Mohn blüht zwischen Gittern, Ackerwinden ringeln sich um abgebrochene Geländer, und obwohl wir mitten in der Großstadt sind, könnte hier genausogut Kasachstan sein. Ich höre mein Blut pochen und das Scharren unserer Sandalen auf dem Boden. Was, wenn das Dach über uns lautlos zusammenbricht?
Wir haben eine Kamera, zwei Modelle und zwei Fotografen, aber nur einen Puderdosen-Spiegel. Ich versichere Regina, dass sie in ihren Klamotten gut aussieht - sie sagt dasselbe über mich. Sie zieht los, sich umzusehen, ich mache Faxen mit dem Selbstauslöser. Regina hat ein Schild aus einem Busch gezogen, etwa zwei Meter lang, die letzten Buchstaben fehlen, das schleppe ich in unsere temporäre Höhle, dekoriere mich damit, aber ich schaffe nicht, es in zwei Sekunden über den Kopf zu stemmen, bevor die Kamera klickt.
Wir lassen unser Klamottenhäufchen liegen und schlagen uns ins Gebüsch, denn Regina hat eine Toilettenanlage entdeckt, mit hübsch türkisen Wänden. Wir stolpern über Drähte und fassen bloß nichts an. Es steht sogar noch eine Holzbürste da, der Efeu wächst bis in die Klobecken. Vor den offenen Kabinen posiere ich als Putzfrau und kriege einen Lachanfall bei dem Gedanken, dass ein normaler Arbeitsmensch uns hier in der Wildnis entdecken könnte, am frühen Morgen aufgebrezelt wie Bordsteinschwalben auf LSD. Er hätte ja recht, wenn er fragt, ob wir verrückt sind.
„Dreh Dich schneller und heb die Röcke höher!“ rufe ich Regina zu, die schon schielt und taumelt, aber wenn ihr Haar in den Lichtstrahl schwingt, sieht es eben klasse aus. Ich überlege, wie ich sie überrede, sich in die Glasscherben zu legen, die den staubigen Boden bedecken. Sie tut es, und ich schiebe mit der Zehenspitze noch mehr Splitter um sie herum. „Du kommst mir vor wie eine Geburtstagstorte.“
„Kinn nach rechts und Fuß etwas vor“, ordert Regina, während sich das Steinrelief der schmalen Außenstufen, auf die sie mich drapiert hat, in meine Kehrseite prägt. „Hoffentlich sieht uns keiner!“ flehe ich zum hundertsten Mal und bemühe mich, so ernst zu gucken, wie sie gerne möchte.
Regina lächelt wie eine Madonna, der Schmutz kann ihr gar nichts anhaben. Ich soll sie nicht immer von unten fotografieren, moniert sie, während sie auf Lackpumps eine wenig vertrauenswürdige Eisenleiter erklimmt. Zu den Rosen auf meinem weißen Chiffonschal sagt sie hartnäckig „Puschel.“ Ich habe ihr eine Mistgabel in die Hand gedrückt. Mein netzbestrumpftes Bein zieren blutige Kratzer. Auf einer gezackten Scheibe steht in grüner, grober Handschrift: Danke, Du Nutte!
Über die schwarzgrau gewordene 50er-Jahre-Gardine in einem Nebenraum sind wir beide entzückt. Ein paar Tapetenreste pellen sich von den Wänden. Unter dem Fenster stand wahrscheinlich einmal ein Schreibtisch, aber seitdem haben Generationen von Vögeln hier genistet.
Wir stopfen unsere Klamotten in die Rucksäcke zurück, „alles Handwäsche“, ziehen über das Steppen-Gelände wie Krieger, die mit reichlich Beute heimkehren, schlüpfen durch die Zaunlücke. „Ich kann nicht fassen, dass uns wirklich kein Schwein gesehen hat“, rufe ich Regina über die Schulter zu, während wir uns an der nächsten Kreuzung wieder ins wahre Leben einfädeln.
 
 
 
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