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Rote Federn

Eine eifersüchtige Kurzgeschichte

von Tanja Dückers

 

federrotNichts tue ich lieber, als ein neues Marmeladenglas zwischen ihre vielen Marmeladengläser zu stellen, als zu den drei Ostereiern im Körbchen ein viertes ins quietschgrüne Plastikgras zu legen, als eine alte Zeitung auf ihren Stapel alter Zeitungen zu legen ... Nichts tue ich lieber als das ... die ganze Woche freue ich mich darauf - das Einzige, worauf ich mich richtig freuen kann.

Ich nicke dem türkischen Imbissmann zu, biege in die Adalbertstraße ein. Bei „Knopf oder Kragen“ habe ich gerade zwei smaragdgrüne Perlmuttknöpfe gekauft, ich sehe sie schon vor meinen inneren Augen in ihrem Nähkästchen.

Samstag abend, neun Uhr. Ich warte noch eine halbe Stunde, dann schnappe ich das Telefon, wähle Lisas Nummer. Die Anrufbeantworteransage kommt. Ich lege auf, ziehe ich mich möglichst unauffällig an. Einen grauen Rollkragenpullover, schwarze Jeans, Wildlederschuhe, Kreppsohle: leise Sohle. Kein Nachbar soll sich an mich erinnern können.

Ich gehe die Adalbert entlang, stiefele ins Treppenhaus vor ihre Tür, klingele. Niemand da. Schnell schließe ich auf. Und schon laufe ich über die abgezogenen Dielen, die Lisa und Udo in Küche und Bad mit einem quietschbunten, um nicht zu sagen: peppigen Linoleum belegt haben. So einen Geschmack hatte Lisa nicht, als sie noch mit mir zusammen war. Flink gleite ich in ihr Arbeitszimmer, öffne das Schreibmäppchen. Stecke einen Radiergummi hinein, der vorher auf dem Tisch lag. Schließe das Mäppchen wieder. Spitze einen Bleistift an. Stecke eine Postkarte aus meiner Heimatstadt zwischen ihre Postkarten. Lege den neuen dicken roten Buntstift, den ich gestern für sie gekauft habe, in ihre Schreibtischschublade und schiebe zwei Adresskärtchen von Leuten, die sie nicht kennt, in ihren Kalender.

In der Küche lege ich zwei Teebeutel Matetee von mir in ihre halbvolle Schachtel Matetee und hefte auf ihrer Pinnwand eine meiner Kinderzeichnungen zwischen die Kinderzeichnungen ihres Patenkindes. Im Hinausgehen plaziere ich noch rasch einen Pizza-Schnellservice-Gutschein neben den Herd.

Ins Schlafzimmer gehe ich nicht. Das tue ich mir nicht an. Küche, Bad, Flur, Wohnzimmer, Lisas Arbeitszimmer, das reicht.

Kurz bevor ich verschwinde, drehe ich mich noch einmal um, gehe zurück in ihr Arbeitszimmer und lege eine kleine rote Feder in ihr Briefmarkendöschen. Vorher streiche ich damit über meine Hände.

Als Lisa mich zum ersten Mal küsste, zitterten meine Beine, und ich vergaß darüber, eine Erektion zu bekommen. Ich knöpfte ihr den roten Mantel nicht auf, sondern zu, damit sie nicht fröre, denn es war Januar und unsere Gesichter schon naß vom Schnee.

federrotWie ich zu dem Schlüssel gekommen bin? Ganz einfach, oder nein, das war höllisch stressig: Nach unserer Trennung, nachdem ich ein paar Wochen Theater gemacht habe, um es harmlos auszudrücken, hatte ich eine kurze Phase, in der ich ernsthaft glaubte, wir könnten gute Freunde sein. Lisa war froh, dass ich »anfing, vernünftig zu werden«, und ging alle zwei Wochen mit mir ins Kino. Dann kam der Moment, wo sie mir erzählte, dass sie mit ihrem neuen Freund in Urlaub fahren werde. Ich bot freundlich an, die Blumen zu gießen. Doch Lisa lehnte ab. Ich beteuerte wild, dass ich schließlich um die Ecke wohne, und ihre Nachbarin, die das sonst übernimmt, sei ja nun verreist.

Noch am Tag vor ihrer Abreise, als sie mir den Schlüssel gab, faddte sie mich skeptisch ins Auge und fragte: »Lukas, wie geht es dir, hm?« Ich nickte fröhlich und behauptete, dass ich mich in eine Laura verguckt hätte. Von wegen. Lisa strahlte und berührte zum ersten Mal seit unserer Trennung meinen Arm.

Jedenfalls habe ich mir die Schlüssel allesamt kopiert. Noch nicht in konkreter Absicht, nur mit dem Gefühl: Diese Chance solltest du dir nicht entgehen lassen.

Und jetzt treibe ich immer noch Unfug in Lisas Wohnung. Drei Jahre nach unserer Trennung. Warum? Darum. Das müßte ich die roten Federn fragen.

Vielleicht, meint die rote Feder in der Innenseite meines Jacketts, liegt es am 1. April. Der Tag, an dem Lisa mich besuchte, mich anlächelte und sagte: »Hier, für dich, zum Geburtstag!« und mir eine CD mit klassischer Musik gab. Haydn-Sinfonien. Staatstragend. Nichts zu Aufregendes, kein Grieg, kein Dvorák, kein Rachmaninow. Ich glaube, sie dachte, das vertrage ich nicht. Ich habe die CD und das Cover weggeschmissen, nur die leere Plastikhülle aufbewahrt, die sie angefasst hat. federrotIch lud sie in ein Café ein, und wir unterhielten uns zum ersten Mal länger seit unserer Trennung. Sie erzählte mir von ihrer Beziehung zu Udo, in dem Glauben, jetzt, da ich schon längst zum lieben blumengießenden Kumpel mutiert bin, könne sie sich ruhig mal ein bisschen bei mir ausheulen. Aber so schlimm schien es dann auch nicht zu sein, sie beendete das Gespräch mit den Worten: »Die optimale Beziehung gibt es eben nicht.« Als wir uns verabschiedeten, tat sie etwas, was alle Haydn-CD-Geschenke ad absurdum führte, da hätte sie mir zwanzig Rachmaninow- und fünfzig Grieg-CDs schenken können: Sie gab mir einen Kuss auf den Mund.

Ob ich sie lieben würde, hatte sie mich gefragt. Nein, gab ich spontan zurück. Und Lisa wandte sich ab, starrte auf das dreckige Wasser des Landwehrkanals. »Warum bist du denn dann mit mir zusammengezogen?« Ich versuchte ihr zu erklären, dass es kein Kompliment sei, jemandem zu sagen, man liebe ihn. Schon eher, dieser Person den Mantel zuzuknöpfen, wenn man ihn eigentlich aufknöpfen will; jemandem zu sagen, dass man geweint hat, obwohl man in der Badewanne sitzt und locker so hätte tun können, als seien das nur Wasserspritzer. Dass ich der Lukas in ihrem Leben und nicht einfach der derzeitig sie liebende Mann bin. Sie schüttelte den Kopf. »Musst du dich in jeder Lebenssituation interessant machen? Kannst du nicht einmal normal sein?« Ich wusste, sie wollte, dass ich jetzt ihre Hand nehme, ihr in die Augen schaue und sie auf den Mund küsse. Statt dessen entdeckte ich gegenüber, an eine Mülltonne gelehnt, einen Siebziger-Jahre-Lampenschirm und rannte los. Das war unser vorletztes Zusammensein.

Bei unserem letzten Zusammensein erzählte sie vom Anti-Lukas und dass sie ausziehen würde. Und dann sagte ich, dass ich auch ausziehen würde. So ließen wir beide eine große Wohnung mit Balkon und Badewanne am Paul-Lincke-Ufer allein zurück. Ich glaube, die Wohnung heulte.

federrotUnser nächstes Kino-Treffen fand erst zwei Monate später statt, weil sie eine Weile zu ihren Eltern in die Lüneburger Heide gefahren war. Ich wollte sie in einen verwickelten Liebesfilm schleppen, wo sich ein Paar nach langem Hin und Her, nach zerbrochenen Ehen und so weiter, doch endlich zusammenrauft, aber darauf hatte sie irgendwie keinen Bock. Statt dessen sahen wir einen finsteren Streifen über Außerirdische, die den amerikanischen Präsidenten entführten. Bei diesem Treffen war sie wieder ganz in ihrer alten Verfassung, erwähnte Uwe in jedem zweiten Satz, strotzte nur so vor Selbstzufriedenheit, war mir fremd wie in den beiden Jahren vorher. Ich saß stumm neben ihr, der Film langweilte mich tödlich, die Außerirdischen sahen bescheuert aus, hatten gelbe Glupschaugen auf dem Kopf, Schuppen wie Echsen am ganzen Körper, und lange dünne Finger, mit denen sie ihre Raumschiffe lenken konnten, als hätten sie eine eingebaute Fernsteuerung. Ich bin mir sicher, wenn ich wirklich einmal Außerirdischen begegnen sollte, dann würden sie alle so aussehen wie Kirsten.

Kirsten gefiel der Film nicht, weil es am Ende sehr brutal zuging, aber sie konnte natürlich nicht zugeben, die falsche Wahl getroffen zu haben, und vielleicht bei einer deutschen Liebeskomödie besser auf ihre Kosten gekommen zu sein. "Tschüssi", rief sie mir kurz über die Schulter zu, als sie zum U-Bahnhof Mehringdamm eilte.

Viel ist mir nicht von ihr geblieben, außer die Schlüssel und die Federn.

Die roten Federn gehörten zu einer wunderbaren Kette, die ich ihr einmal auf einem Trödelmarkt gekauft habe. Mein einziges richtiges Geschenk für sie. Eine größere schwarze Perle, stets gesäumt von zwei rote Perlen, und diese Dreierperlengruppe wechselte sich immer mit einer kleinen roten Feder ab – Lisa mit ihren langen schwarzen Haaren und ihrem meist gebräunten Dekolleté stand die auffällige Kette phantastisch. Eines Tages fand ich sie zerrissen auf ihrem Nachttisch. Bis heute weiß ich nicht, was der Anlaß dafür gewesen ist. Sie zuckte nur mit den Schultern, „Unfall ...“.

Mich störte ihre mangelnde Trauer über den Verlust der schönen Kette – man hätte die Perlen und Federn doch neu aufreihen können, ich bot ihr sofort an, mich darum zu kümmern – aber sie schob die zerrissene Kette nur in eine Schmuckdose, in der sich allerhand ungetragene Ringe, Kette und Armbänder befanden, die Hälfte davon kaputt. Ein Schmuckfriedhof. Die Teile, die sie wirklich trug, bewahrte sie nicht in dieser Schatulle auf – nein, die lagen schön ausgebreitet auf einem glänzenden Stück lavendelfarbenem Samtstoff vor ihrem Schminkspiegel. So war das schönste Geschenk, dass ich ihr je gemacht habe, von heute auf morgen für Lisa ein Stück Vergangenheit geworden. Ihre Trennung von mir erfolgte zwei Monate später. Und mich quält bis heute die Frage, ob die Nacht, in der die Federkette zerriss, auch ihre erste Nacht mit Udo gewesen ist ...

federrotJedenfalls habe ich mir bei jedem noch folgenden Treffen mit Lisa heimlich eine dieser kleinen, leuchtenden Federn aus der Schmuckschatulle genommen. Die letzte Feder bei unserem Abschied. Es war wie ein Countdown. Aber das verstand ich erst später.

Und jetzt denke ich an morgen. federrotMorgen tauche ich wieder in ihr Leben ein ...

Udos Anrufbeantworterstimme. Ruhig, souverän, sexuell befriedigt. Ich lege auf. Mache mich auf den Weg in Lisas Reich ... Ihre Tür kann ich mittlerweile schneller aufschließen als meine eigene. Und schon bin ich in ihrem Wohnzimmer, stelle eine Rachmaninow-CD von mir unauffällig zwischen ihre Rachmaninow-CDs. Und schon bin ich in ihrem Arbeitszimmer. federrotNeben dem Telefon liegt wie gewohnt eine kleine Dose Salbeibonbons. Ich habe mir die gleiche Dose gekauft – mit einem kaum hörbaren Klick fällt ein von mir angelutschter Bonbon in ihre Dose (angelutschter) Bonbons.

Plötzlich erstarre ich. Ich höre Schritte vor der Wohnungstür, Schlüsselgeräusche, die Tür geht auf. Lisa sagt: »War das ’ne öde Feier, also so was Ungemütliches auch, dieses Restaurant, nee also wirklich …« Und Udo: »Und dieser Billigfusel, so was den Leuten vorzusetzen, und das blöde Gedudel die ganze Zeit … da machen wir uns doch lieber einen gemütlichen Abend …«, seine Stimme wird leiser, aber ich höre sie noch, »im Bett, Schatz«. Sie küssen sich. Deutlich höre ich ihr Schmatzen. Schnell krieche ich unter den Schreibtisch. Lisa und Udo laufen durch den Flur, ziehen Schuhe und Jacken aus. Dann gehen sie ins Schlafzimmer. Als ich Lisas leises Lachen vernehme, höre, wie Kleidung auf den Boden fällt, zähle ich bis zehn. Dann springe ich auf, laufe aus dem Zimmer, höre noch ein »Himmel, wer ist denn bloß hier?« aus dem Schlafzimmer und knalle die Wohnungstür zu.

Am nächsten Tag ruft Lisa mich aufgelöst an. Ob ich kurz vorbeikommen wolle, sie würden gerade mit ein paar Freunden über einen äußerst seltsamen Vorfall reden, der sich gestern Abend zugetragen habe. Ein Einbrecher sei aus ihrer Wohnung gerannt, der aber zum Glück noch nicht dazu gekommen sei, etwas zu stehlen. Aber die Angst, die sie jetzt hätten. Und das Gefühl, dass ein Fremder in ihre Privatsphäre eingedrungen sei. Schrecklich. Lisa weint.

Ich verspreche rüberzukommen. Wenn Lisa weint, tue ich alles. Außerdem habe ich mich gerade so an ihre Version der Geschichte gewöhnt, dass ich ein bisschen angefangen habe, sie zu glauben.

Lisa umarmt mich kurz (nur andeutungsweise), dann gehen wir in die Küche. Udo ignoriert mich wie immer. Ich glaube, er ist ein ziemlich eifersüchtiger Mensch und kann den Gedanken nicht gut ertragen, dass ich vor ihm jahrelang mit Kirsten geschlafen habe. Das stört ihn vehement, da kann er noch so zivilisiert und souverän tun. Manchmal bilde ich mir ein, dass er, wenn er mich verstohlen mustert, an meinem Schritt einen Moment länger verharrt. Soll er ruhig. Deshalb hat mich federrotKirsten bestimmt nicht verlassen. Aber es sind nur sehr kurze Momente, in denen Udo mich seltsam anguckt. Üblicherweise betrachtet er mich als etwas bemitleidenswerten Typen, der einen uninteressanten Job hat und aus seinem Leben nichts gemacht hat. Und den seine Freundin nur zu Recht verlassen hat. Der damit erst nicht zurechtkam, aber seit einer Weile nicht mehr aufmuckt. Nur manchmal, wenn Uwe sich unbeobachtet fühlt, sehe ich etwas Düsteres in seinem Gesicht, den Neid auf das Leichte, Alberne, Durchgedrehte, das Kirsten mit mir erlebt hat. Wovon sie ihm doch erzählt haben muß. Das man auf jedem Foto sieht. Bevor wir abstürzten. Und sie sich so einen Bär wie ihn nahm. Sein Blick, der an meinem Schritt hängenbleibt. Der überlegt, warum hat sie es mit diesem Fuzzi nur so lange ausgehalten, lag es daran? Und dann die Hypothesen, die Eifersucht, das Faltenlabyrinth auf seiner Stirn. Die Falten auf meinem Sack.

Jetzt erzählt Lisa noch mal, was sich aus ihrer Sicht gestern zugetragen hat. Alle reden durcheinander. »Habt ihr den Einbrecher noch gesehen?« will Carla, Lisas beste Freundin, wissen.

federrot»War eure Wohnungstür beschädigt?« fragt Torben. »Hat er wirklich nichts gestohlen?«

»Ich habe noch nichts finden können, was mir fehlt, aber er war an meiner Schmuckschatulle– er wollte mir meinen Schmuck stehlen. Denn auf dem Teppich lagen drei kleine rote Federn. Die flogen noch von einer alten Kette (hierbei wirft Lisa mit einen Blick zu, der besagt: ich weiß, sie ist von dir, aber das ist jetzt heute Abend nicht das Thema), die mir mal kaputtgegangen ist, bei mir herum ... mehr hat der Einbrecher wohl nicht an sich raffen können ... ich sage euch, wären wir nur zwei Minuten später gekommen, wäre der ganze Schmuck von meiner Großmutter weg gewesen!«

In meinem Kopf herrscht ein Durcheinander. Diese miese Lügnerin, denke ich, wie sie sich vor ihren Freunden aufspielt! In der alten Schatulle war doch nur ihr Schmuckfriedhof. Und auch auf ihrem Samtdeckchen befanden sich keine Heiligtümer von Großmama, sondern ihr dummer Modeschmuck. 

Was die drei roten Federn anbetrifft: Die müssen mir bei meiner panikartigen Flucht aus der Tasche gefallen sein.

»Aha«, mache ich nur.

»Vielleicht war der Einbrecher ja eine Frau?« überlegt Udo. Idiot ... !

Ich stehe unter dem Vorwand, auf’s Klo zu müssen, auf. Ein letztes Mal werfe ich einen sehnsüchtigen Blick in Lisas Arbeitszimmer. Kann nicht widerstehen, muss einfach ihren Bleistift kurz anspitzen. Den Radiergummi von der Schreibtischplatte auf die Fensterbank legen. Einen Einkaufszettel bei dem Buchstaben „L“ in ihr Adressbuch legen (es erübrigt sich zu erwähnen, dass mein Name nicht der erste unter „L“ ist; er ist, wenn ich das jetzt so nachzähle, der sechzehnte.).

Dann hole ich einmal tief Luft, unterdrücke den Wunsch, laut zu schreien, greife statt dessen in die Innentasche meines Jacketts und hole zwei, drei, vier, fünf rote Federn heraus (drei Jahre trug ich sie alle dicht an meinem Herz mit mir herum).

federrot1Einen Moment halte ich sie in der Hand, zögere. Ich werde alles zerstören. Ich darf froh sein, wenn sie keine Anzeige erstattet. Nie wird sie mir glauben, dass ich sie nicht bestehlen, sondern nur immerfort in ihrer Nähe sein wollte. Ich lege die roten Federn auf Lisas Glasschreibtischplatte, in die Mitte, lege sie mit ihren Stilspitzen aneinander, sternförmig ausgebreitet. Dann gehe ich zurück in die Küche. Niemand beachtet mich, hat auch noch nie jemand getan. Ich nehme einen Schluck Kaffee, nehme doch kein Stück Kuchen, weil Udos große behaarte Hand, die gerade über dem Teller schwebt, mir den Appetit verdirbt.

»Und was wollt ihr jetzt tun? Wenigstens das Schloss auswechseln solltet ihr!« meint Torben. Lisa und Udo nicken sofort. Mich geht das alles nichts mehr an, ich verabschiede mich ohne große Worte, gleite die Treppen hinunter auf die Straße, schaue in den herbstlichen Himmel, vor dem vom Wind hochgewirbelte bunte Blätter, braunrot, gelbrot, blutrot, tanzen.         

 

 

© Tanja Dückers

 

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Neben Prosa und Lyrik schreibt Tanja Dückers Essays, Hörspiele und Theaterstücke. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, die sie u. a. nach Kalifornien, Pennsylvania, Gotland, Barcelona, Prag und Krakau führten. Wichtigste Veröffentlichungen: Spielzone (Roman, 1999, AtV 1694); Café Brazil (Erzählungen, 2001, AtV 1359); Luftpost. Gedichte Berlin-Barcelona (Tropen Verlag 2001); Himmelskörper (Roman, 2003, AtV 2063); Stadt Land Krieg. Autoren der Gegenwart erzählen von der deutschen Vergangenheit (Herausgabe mit Verena Carl, 2004, AtV 2045) und Der längste Tag des Jahres (Roman, 2006). www.tanjadueckers.de

 

 

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