|
Reste der Nacht
von Christa Gesine Davids
Als ich heute früh die Augen aufschlug, war ich verliebt. Es war ein warmes Bauch- und Herzgefühl für einen Mann, der eben noch bei mir gewesen sein musste und gewiss gleich zurückkam. Mich wunderte nur, dass ich ihn seit drei Jahre nicht gesehen hatte, und unser Kontakt ausschließlich beruflich gewesen war, eher sporadisch und zunehmend unerfreulich.
In meinem Traum, den ich eben erst geträumt haben musste, strebte er aber quer durch einen Raum zu mir, und meine Seele wuchs ihm entgegen wie eine Zimmerpflanze dem Fensterlicht.
Ich weiß nicht, was das für ein Raum war, sicher ist nur, dass sich noch andere Leute darin aufhielten, unsere Liebe unausgesprochen war und doch deutlich zu vernehmen. Er suchte immer wieder meine Nähe, und ich gab sie ihm, in mir sprießten vielfarbige Primeln, wenn seine Hüfte meine streifte - absichtlich und selbstverständlich, und das war es ja auch. Wir sahen uns kaum an, und wenn, dann ohne Erstaunen, sondern mit großer Freude und stiller Übereinstimmung. Es war alles nicht laut, aber saß sehr tief und lag wie eine breite Bogenbrücke zwischen uns.
Dieser Mann ist groß, gut angezogen und attraktiv, vielleicht sitzt sein Haaransatz etwas niedrig. Seine fehlende innere Haltung gleicht er mit großen Gesten und aufgeblasenen Worten aus, er ist ein Fassadenmensch und Blender, hat eine Reihe von Leuten brüskiert, mich auch.
Ich saß mit meinen glücklichen Verbundenheitsgefühlen auf der Bettkante und wollte sie nicht. Sie waren wie feuchte Flecken, die übrig blieben, wenn eine Seifenblase platzte, und diesen Mann lehnte ich ab. Mit einer kalten Dusche und der kurzfristigen Aktivierung meiner Hassgedanken von damals wäre ich sie sofort losgeworden, doch ich erhob mich eine Weile nicht aus Sorge, eine hastige Bewegung könnte das glühende Wärmewölkchen, das mein Inneres umhüllte, verscheuchen. Es war hübsch, diese Liebe zu spüren, auch wenn sie aus Seifenlauge bestand.
Ich musste nichts tun, um das Gefühl den Tag über zu hegen, außer hin und wieder leise daran zu denken, so dass es in Schwingung kam wie ein Mobile aus Federn. Mag sein, dass auf meinem Gesicht ein kleines Lächeln spielte. Es war ein Tag wie jeder andere, doch ich war innen schöner, obwohl dies jeder realistischen Grundlage entbehrte, und ich es genau wusste.
Jetzt ist es Abend, und das Gefühl von Liebe zieht sich so sanft zurück wie die Ebbe an einem von der Sonne aufgeheizten Strand. Vielleicht schwappt es vor dem Einschlafen noch einmal über mein Herz. Morgen früh werde ich wieder ganz normal wach werden, allein.
Sollte ich diesem Mann je wieder begegnen, wird sich an meiner Abneigung nichts geändert haben, doch hassen werde ich ihn nicht mehr gut können, wenn ich ehrlich bin.
|