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Alle Bilder (außer Bohrmaschine und Schrottplatz) und alle Texte: copyright Gabriele Bärtels 2006

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Was kostet Schönheit?

 

 

Selbst wenn ein 18-jähriges Model wie Bega Pries sich ihrer klaren, frischen Haut, glänzend blonden Haare, ihrer Anmut bewusst ist, wird sie deren wahren Wert wohl erst in zwanzig Jahren ermessen können. Wenn sich die erste steile Stirnfalte zwischen die sorgfältig gezupften Augenbrauen gegraben hat, sich vereinzelt Silberfäden durch die blonde Mähne ziehen und die Wechseljahre nicht mehr irgendwo in der zukünftigen Ewigkeit liegen, wird sie verstehen, dass das, was sie für selbstverständlich hielt, ein vergänglicher Zustand war. Wie alles in der Natur, zu der wir gehören.

Aber noch ist es nicht so weit. Noch braucht Bega Priess nichts als Nivea-Creme. Die große Dose kostet in der Drogerie € 4,30 und hält ewig. Für den Abend reicht ein kleiner Kulturbeutel mit Mascara, Wimperntusche, Lidschatten, Abdeckstift für ein drohendes Wimmerl, tagsüber genügt das strahlende Lächeln. Der Friseur schneidet nur die Spitzen. Ins Fitness-Center geht Bega nicht. Sie bewegt sich viel an der frischen Luft.

An jungen Frauen wie ihr kann die Schönheitsindustrie noch nicht viel verdienen. Jedes Jahr ein paar neue, bunte Lippenstifte, die dazu passenden Lidschatten werden nie aufgebraucht. Kann man alles vom Taschengeld bezahlen oder vom ersten Lehrlingsgehalt, dient vor allem der Lust an der Verwandlung. So stolzieren sie modisch-hübsch zurechtgemacht in kichernden Grüppchen auf hohen Plateausohlen durch die Stadt.

Aber irgendwer muss das ganze Geld ja ausgeben, das für Schönheit aufgewendet wird. In den Vereinigten Staaten ist es mehr als für Bildung oder soziale Dienstleistungen. 1484 Lippenstifte und 2055 Packungen Hautpflegeprodukte gehen dort jede Minute über den Ladentisch. In Österreich werden für Kosmetik und Pflege jährlich etwa 1 Milliarde Euro ausgegeben: Schönheitsoperationen, Fitnesscenter, kosmetische Hautbehandlungen, Hormonkuren, Haarverlängerungen und dergleichen sind noch gar nicht eingerechnet.

Vielleicht gibt Claudia Radischnig das Geld aus? Sie ist Public-Relations-Managerin, 31 Jahre alt. "Die Public-Relations-Branche ist eine Branche des schönen Scheins und das setzt Frauen schon unter Druck, auch mich. Ich vertrete Modefirmen und muss viel präsentieren. Da kann ich mir nicht leisten, herumzuschlampen." Dafür zahlt Claudia viel. "Aber es ist ja auch eine Lust!" Alle paar Monate fährt sie nach Düsseldorf und holt sich ihre Kosmetikprodukte bei Bobby Brown. Kosten:  € 140. Und noch eine gute Wirkstoffcreme für € 35. "Die hält aber monatelang." € 70 im Monat für das Fitnesscenter. Ein sehr guter Friseur, alle 2 Monate, noch mal € 70, und eine gute Kosmetikerin, wieder € 70, und Sandstrahl-Peeling für´s Gesicht kostet extra. Kann sie sich in zwanzig Jahren ein Lifting vorstellen? "Wenn man sich nicht wohlfühlt, kann man ja die Tränensäcke korrigieren, oder lässt sich eine Falte unterspritzen." Aber Claudia Radischnigg findet es wichtig, dass jede Frau ihre Grenze findet: "Man darf Schönheit nicht zum Zwang werden lassen. Dass merkt man solchen Frauen an."

Zwanghaft ist die Atmosphäre nicht im Topkapi, einem der besten Schönheitsstudios in Wien. Ballsaalhohe Räume, üppige Rosengebinde, knarrendes Parkett, auf dem die Absätze klackern. Es riecht intensiv nach Nagellack. Die Inhaberin Frau Wala sagt lächelnd: "Jahrelang machen die Frauen nichts, dann haben sie plötzlich einen Mann und müssen ganz schnell schön sein." Wenn der neue Liebste der neuen Liebsten Guten Morgen sagt, wäre ein Permanent-Make-up herrlich, das braucht man abends nicht abzuschminken, das hält 3 Jahre und kostet für Lippenkonturen, Lidstrich, Augenbrauenbögen € 1.400. Vorher vielleicht noch die Gesichtshaut mit Quarzsandstrahlern peelen, sollte man dann aber alle vier Wochen wiederholen, Einführungspreis € 80, eine Investition in ein verfeinertes Hautbild. Im Nagelstudio beugen sich die Mitarbeiterinnen über Kundinnenhände und bringen Kunststoffspitzen mit medizinischem Kleber auf, feilen an den Rohnägeln, bis sie in einer Staubwolke verschwinden und pinseln schliesslich die schönsten Farben auf. Mit dem lackierten, bombenfesten Ergebnis könnte frau eine Schraube ins Holz drehen. Die Erstbehandlung kostet € 65. Alle vier Wochen muss nachbehandelt werden.

Das ist das tückische bei fast allen Verschönerungen. Sie halten nicht in alle Ewigkeit, sie zwingen die Frau in einen Wiederholungsrhythmus. Alle vier Wochen, alle sechs Wochen, alle zwei Monate.

Auch die Haare lassen sich am Wachsen, Erbleichen und Ausfallen nicht hindern. Sie verlangen nach Schnitt, Farbe, Locken. Bundy & Bundy, Friseur mit gutem Ruf, weiss, dass die Kundin im Schnitt € 75 im Salon lässt, ältere Damen, die zweimal die Woche zum Fönen kommen, einmal ausgenommen. Wer die Haare schneller wachsen lassen will, als die Natur es zulässt, kann sich hier ab € 700 eine täuschend echte Löwenmähne machen lassen. Dafür sitzt man dann aber einen halben Tag. Und braucht nach sechs Monaten einen neuen Termin. "Wenn Sie fragen, was Schönheit kostet", sagt Vanessa Steinmetz-Bundy, "dann ist es nicht nur Geld, sondern auch Zeit."

Die muss man auch für Susanne Tröstl bereithalten, einer Personal-Trainerin, die all jenen auf die Sprünge hilft, die ohne Schrittmacher ihre Füße nicht bewegen. Wie gut, wenn man sich leisten kann, € 60 für eine Stunde mit ihr zu zahlen (2-3 pro Woche sollten es schon sein.) Dafür läuft sie mit der schnaufenden Kundin durch die Wälder, lehrt Kraft-Yoga, weckt das Bewusstsein für die Einheit zwischen "body and mind". Wer das nicht zahlen kann, geht in ein Fitness-Studio, ersteht ein Jahresabo ab etwa € 400 (nach oben offen) und tanzt, steppt, strampelt, stemmt und rudert mit den Armen, um die jugendliche Beweglichkeit in höhere Alter hinüberzuretten.

Elvyra Geyer, 32,  ist auch Model, aber schon vierzehn Jahre älter als Bega Priess. Sie baut sich außerdem eine Zukunft als Choreografin und Regisseurin auf. "Aber die Schönheit wird in meinem Leben auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Ich bleibe ja in der Modebranche und dort würde ich nur mit Menschen arbeiten wollen, die schön aussehen." Und weil sie auch mit sich selbst zusammen arbeiten muss, hat sie sich den Busen vergrössern, die Lippen aufspritzen und die Nase richten lassen. Letzteres gleich viermal, bis sie endlich richtig saß. "Ich habe es für mich getan, für mein Selbstbewusstsein. Ich habe vorher zwei Jahre lang nachgedacht und jetzt identifiziere ich mich mit meinem neuen Körper, weil ich es wirklich wollte."

Ja, in den letzten Jahrzehnten ist immer mehr Schönheit machbar geworden. Dafür kostet sie auch mehr Geld. Bei Dr. Heimo Koncilia, einem erfahrenen Facharzt f. plastische Chirugie, zahlt die Patientin für eine Brustvergrößerung zwischen € 2.000 und 6.000 - je nach Einzelfall. Und ein großes Facelifting kann eine Durchschnittsfrau in einem Jahr kaum ansparen: € 7.000 bis 10.000.

Es geht auch für € 2.000. Aber da regt sich Dr. Koncilia gleich auf. "Der Laie glaubt alles, weil er nicht weiss, worum es geht. Da verspricht man der Frau, es dauert nur dreißig Minuten, sie hätte danach kaum Schwellungen und Rötungen. Aber dass nach drei Monaten alles wieder so hängt wie vorher, das sagen sie ihr nicht. Ein Full-Face-Lifting nach dem neuesten Stand der Wissenschaft ist eine Operation, die 4-6 Stunden dauert und natürlich ist das Gesicht danach geschwollen und sieht mindestens eine Woche gar nicht gut aus. Aber dafür hält es auch 15-20 Jahre."

Dr. Koncilia kann zwar viel ausrichten, trotzdem steht er dem Machbarkeitswahn kritisch gegenüber. "Ich verstehe nicht, dass jemand 40 Zigaretten raucht und will von mir verschönert werden. Genauso mit dem Fettabsaugen: Es gibt Frauen, die verschaffen sich keine Bewegung, schränken sich beim Essen nicht ein und glauben dann, eine Operation für € 2.500 pro Oberschenkel könnte alles richten."

Welche Frauen leisten sich eine Schönheitsoperation? "Für manche Frauen sind Falten Ausdruck ihres Lebens. Andere haben Angst vor dem Alter und die Gesellschaft macht ihnen weis, dass sie nur mit Schönheit Erfolg haben können." Junge Menschen, deren Körper noch nicht ausgewachsen ist, schickt er wieder nach Hause. Seine Patienten sind zwischen 20 und 80 Jahre alt. 80 Jahre? "Es gibt tatsächlich 80-Jährige, deren biologisches Alter dem chronologischen erheblich hinterherhinkt und bei denen sich eine Schönheitsoperation durchaus lohnt." Aber wenn eine Operation medizinisch nicht indiziert ist, lehnt Dr. Koncilia auch Menschen ab, die ihm viel Geld bieten. "Ich überzeuge meine Patienten davon, dass es eine Grenze gibt."

Diese Grenze hat Andrea Weidler, 46, Besitzerin einer Modelagentur, für sich gefunden. Der grösste Teil ihrer Schönheit kommt von innen. "Das müssen die jungen erst wieder lernen. Falten sind ok, solange sie nach oben gehen. Ich habe mir meine verdient. Selbstbewusstes Auftreten macht schön. Und solange die Augen jung sind, ist es der Rest auch. Schlaffe, totgepflegte Haut mag ich nicht. Ich brauche Sonne, und bewege mich am liebsten draußen. Alle 8 Wochen zum Friseur, Hauptsache, die Haare bleiben lang genug, dass ich sie zum Pferdeschwanz zusammenbinden kann. Viel Wasser trinken, viel frisches Gemüse, eine einfache Feuchtigkeitscreme, aber davon reichlich - das alles macht mir Freude und wird schon irgendwie nach außen strahlen. Ich gebe höchstens € 20 im Monat aus, wahrscheinlich weniger."

Andrea Weidler hat Glück gehabt, sie ist nicht der Angst erlegen, die einige Frauen ihres Alters in den Schönheitswahnsinn treibt. Solche kennt auch Dr. Michael Palatin, Facharzt für Dermatologie, Spezialgebiet kosmetische Dermatologie. Er sieht sich deswegen auch als Beauty-Coach. "Manche Patientin kommt mit vielen blöden Ideen, die reduziere ich auf das, was ich vernünftig finde." Sein Standpunkt ist: Nur gesunde Haut ist schöne Haut. Um sie so zu erhalten, bietet er Chemical-Body-Peels an, eine Sitzung € 180, Dauer zwei Stunden. Danach sieht die Haut jünger, faltenreduziert, straffer aus. Aber nur bei regelmäßiger Wiederholung. Oder Lasertherapie: Eine Kuperose im Gesicht? Abhängig vom Ausmaß für € 190 - 400 zu entfernen. Desgleichen Altersflecken, Pigmentstörungen, Aknenarben. Mit modernsten Diodenlasern kann er die ungeliebten Haare unter den Achseln (€ 300), in der Bikinizone, an den Beinen (€ 450) für immer ausrotten. Nie wieder einen Damenbart! Glänzendglatte Waden! Wer wünscht sich das nicht?

Wer sich bei Dr. Palatin Falten unterspritzen läßt (ab € 400), der bekommt kein Versprechen auf immer und ewig. "Ein Gesicht ist dynamisch und nicht statisch. Was man heute genial mit Permanentmaterialien gelöst hat, kann in 5 Jahren, wenn die Kundin vielleicht an Gewicht verloren oder gewonnen hat, eine Katastrophe sein." Eine Alternative ist die Botox-Behandlung. Hier wird in bestimmte Gesichtsnerven Botulinum Toxin A gespritzt, das stellt die Stirnmuskulatur ruhig. Sorgen wird man damit nicht los, Sorgenfalten kann man aber nicht mehr machen. Damit das so bleibt, sollte alle halbe Jahre nachgespritzt werden. Ab € 350. Und sparen sollte man hier nicht: Der Arzt muss gut ausgebildet sein und Erfahrung haben, sonst drohen Lähmungserscheinungen und plötzlich ist man faltenfreier als man wollte.

Wie kann man dem Körper noch zu Leibe rücken, um dem Verfall entgegenwirken, der einmal jede Blume zum Verwelken bringt? Hormonersatztherapie, flüstert eine Frau, die die Fünfzig überschritten hat, hinter vorgehaltener Hand der anderen zu. Wahre Wundermittel!

Frau Dr. Nora Schönherr, 57, nimmt seit zehn Jahren Hormonpräparate. "Ich litt an extremem Haarausfall. Davon sehen Sie heute nichts mehr. Hormonpräparate haben ausserdem  positive Auswirkungen auf meine Haut. Aber nichts davon nehme ich bedenkenlos. Ich lasse regelmässig einen Hormonspiegel machen und bespreche alles mit meinem Arzt Professor Huber." Professor DDr. Johannes Huber ist Leiter der Abteilung für Endokrinologie der Universitäts-Frauenklinik in Wien und unterhält in der Nähe seiner Ordination auch ein Zentrum für Hormonkosmetik. "Im Alter zwischen 40 und 45 Jahren verliert der weibliche Körper nicht nur seine Fähigkeit zur Fortpflanzung. Die Natur sagt: Diese Frau braucht nicht länger um einen Sexualpartner zu werben, wozu soll sie also noch schön aussehen?" Brutale Wahrheit. Die Haare werden dünner, die Haut schlaffer und faltiger, die Fingernägel sind nicht mehr so fest, es bildet sich ein Schwimmreifen um die Hüften, den man selbst durch hartnäckigen Sport nicht mehr los wird. 6 Hormontherapie-Behandlungen in seinem Zentrum für Hormonkosmetik kosten zusammen € 500 und sollen angeblich der Cellulite Einhalt gebieten (zuhause muss weiter behandelt werden). € 300 für glatte Hände, € 190 für eine schöne Brust und das Dekollete, € 300 für dichtes Haar. Und so weiter und so fort. Die Preisliste hat kein Ende, und ob die Hormone nicht eher schaden, ist noch nicht bewiesen.

Was kostet Schönheit also? Sie kostet viel, wenn man dem Schönheitsideal unserer Gesellschaft anhängt und dann kostet sie immer mehr, je älter man wird. Sie kostet Zeit, viel Zeit.

Sie kostet nicht so viel, wenn man von Natur aus schön ist oder wenn man selbst bestimmt, wieviel sie einem wert ist. Manchmal kostet sie auch nur ein Lächeln.

Irgendwann hat jeder Kampf um die vergängliche Schönheit ein Ende, wieviel oder wie wenig frau dafür auch gezahlt haben mag. Im Tod sind wir dann alle wieder faltenfrei. nach oben

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