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Alle Bilder (außer Bohrmaschine und Schrottplatz) und alle Texte: copyright Gabriele Bärtels 2006

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Mehr Frauen in die Verantwortung

Frauen brauchen häufig mehr Anstöße als Männer, um sich Führungsaufgaben zuzutrauen. Eine Qualifizierung für soziale, politische und kulturelle Leitungsaufgaben bietet der ein-jährige Lehrgang des Berliner Frauenbundes

 

An einem Freitag im Januar kurz vor zwei: 21 leere Stühle stehen im Kreis. Marina Matthies und Lisa Feldkorn, Diplom-Politologen, überprüfen noch einmal ihre Listen. Sie warten auf 19 Frauen, die sich für diesen Lehrgang entschieden haben. Er findet dieses Jahr zum zehnten Mal statt und hat bisher schon 150 Frauen unterstützt, die mehr Verantwortung übernehmen, mehr Führungskompetenz erwerben, Verhandlungsgeschick lernen wollten, oder einfach nur Mut brauchten und einen Anstoß, um in ihren jeweiligen beruflichen oder ehrenamtlichen Tätigkeiten Leitungsfunktionen zu übernehmen.

Jede Frau wird in diesem Jahr ihr eigenes Lernprojekt durchführen und dabei durch die Gruppe, regelmässige Supervisionstermine, Plenumsabende, Seminare über Zeitmanagement, Rhetorik, Verhandlungsführung unterstützt. Auf einem Abschlusswochenende Anfang Dezember werden sie noch einmal reflektieren, ob und wie das Lehrgangsjahr sie vorangebracht hat.

Aber jetzt, heute, um zwei Uhr nachmittags, kennen sie einander noch nicht, wissen vielleicht noch nicht einmal, was sie um Himmels willen für ein Projekt planen sollen, freuen und fürchten sich gleichzeitig, und beäugen mehr oder weniger heimlich ihre Mitstreiterinnen in der großen Stühlerunde. Frauen zwischen dreißig und sechzig, Frauen aus dem Osten, verheiratete Frauen, deren Kinder gerade aus dem Haus sind, Frauen mit roten Haaren, sehr gut angezogene Frauen, Frauen mit verschränkten Armen und Frauen mit abwartendem Blick.

Standortbestimmung lautet die Überschrift dieser ersten Tage. Wer sind Sie. Wo kommen Sie her. Verdeutlichen Sie den anderen Ihre berufliche Biografie.

Einzelarbeit. Alle verteilen sich in den großzügigen Räumen, suchen sich eine stille Ecke, legen ein weißes Plakat vor sich, versuchen ihr eigenes Leben zu bemalen, zu beschreiben, zu bekleben. Frauke, Leiterin einer Jugendeinrichtung, ein Kind, klare Augen. Heidi, Witwe, war früher Lehrerin, bewegt sich wie eine junge Tänzerin. Ingelore, Ärztin mit roten Flecken im Gesicht, platzt vor Leben. Ingrid, mit 55 Jahren aus Brasilien zurück, eine Dame. Anjela, demnächst Präsidentin eines Lions-Clubs, eigentlich Architektin. Kirsten, arbeitslose Dolmetscherin mit schweren Stiefeln. Irmtraud, Leiterin eines Altenheimes, volles, graues Haar und schöne Augen. Klaudia, Ex-Zahnärztin, Ex-krebskrank, Ex-Psychologische Helferin, in deren Gesicht immer öfter ein bezauberndes Micky-Maus-Lächeln aufleuchtet. Claudia, überqualifiziert für ihren Job in der Mitgliederverwaltung eines Museumsvereines, spricht sehr leise. Edith, Gewerkschaftsekretärin, trägt ein schmerzliches Lächeln zur Schau.

Es dauert fast einen Tag, bis sie und alle anderen ihre Plakate, ihr Leben, ihr Ich in jeweils 15 Minuten der Gruppe vorgestellt haben. Manche mit zitternder Stimme, andere weitschweifig, dritte verhalten. Und ohne, dass sie es merken, haben sie schon ihre erste, öffentliche Präsentation hinter sich und lauter schöne Feedbacks in Form von blauen Kärtchen eingesammelt, auf denen die Ressourcen stehen, die die anderen Frauen bei ihnen sehen.

"Ich habe noch kein Projekt!" raunt es in der Pause, als man sich in der Küche trifft. "Ich habe diesen Kurs angefangen und keine Ahnung, was ich machen soll." Gemeinsam wird die Spülmaschine eingeräumt und frischer Kaffee aufgesetzt, und eine, am Tisch, lächelt zufrieden in sich hinein, denn sie weiß schon ganz genau, was sie vorhat. Sie will die Öffentlichkeitsarbeit ihres Berufsverbandes übernehmen und wesentlich verbessern. Sie ahnt noch nicht, dass sie am Ende des zweiten Wochenendes in fünf Wochen, wenn die Lernprojekte verabschiedet werden, etwas völlig anderes vorstellen wird.

Denn es ist nicht das Gleiche, wenn man allein im stillen Kämmerlein oder unter ewig treuen Freunden seine Vorhaben plant und umwirft, begrübelt und mehr oder weniger hartnäckig verfolgt. Hier, an diesem Wochenende schauen viele fremde Augenpaare auf das eigene, blindvertraute Leben und einige davon sehr professionell. Hier, auf diesen großen Plakaten sollen die Frauen alles aufmalen - ihre Netzwerke, ihre verschiedenen Rollen in Familie, Beruf und Gesellschaft und deren Anteile an ihrer Zeit, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten. Angesichts dieser großen Papiere, aufgehängt an der Wand, mit einigem Abstand betrachtet, wird mancher klar, dass sie sich zuviel vorgenommen hat, oder das Falsche oder zu wenig präzise war. Oder sie entdeckt auf einmal eine völlig neue Seite an sich.

Inzwischen haben die Frauen mehrfach zu zweit, zu dritt, zu sechst zusammen gesessen, ihre Entwürfe wieder und wieder besprochen und einer anderen dabei zugehört, haben ihr Gegenüber besonders sympathisch gefunden und die Wie-Heißt-Sie-Noch-Gleich ganz und gar nicht. Konnten keine Koalitionen bilden, weil die Gruppe immer wieder auseinandergerissen und neu zusammengesetzt wurde. Das wird in diesem Jahr auch so bleiben und schützt die Frauen davor, sich zuviel mit der Gruppe auseinanderzusetzen, anstatt die selbstgesetzten Ziele ihres ureigenen Lebens zu verfolgen.

Aber - da liegt von Anfang an ein Netzwerk aus, eins das aus ihnen selbst besteht - es finden sich mindestens zwei, die ehrenamtlich in Schulen arbeiten und mindestens eine, der mehr vom Internet versteht als alle anderen und mehr als fünf, die halberwachsene Kinder haben. Kirsten übernimmt die E-Mail-Adressen-Verwaltung und all jene, die noch keinen Internetanschluß haben, merken plötzlich, dass es höchste Zeit wird.

Am Ende dieses Wochenendes, es geht gegen Abend, spüren die Frauen, wie erschöpft sie sind und wie verfroren, und wundern sich, wie das sein kann, denn sie haben doch so viel gelacht. Sie gehen zurück nach Hause, die eine zu Mann und Kindern, die andere allein, die dritte in die Oper. Und während sie wieder in ihre unterschiedlichen Leben eintreten, wirkt das Erlebte, Erarbeitete, Gehörte, Entdeckte, Verstandene in ihnen weiter, ob sie es wissen oder nicht.

Vier Wochen später. Zweiter Teil der Einführungsphase. Ein langes Wochenende Anfang März. Jetzt geht es von der Gegenwart in die Zukunft. Bis Sonntag soll jede ihrem Lernprojekt einen Namen gegeben haben, wissen, welche Ziele sie anstrebt, was für Strategien sie anwenden will und welche Schritte sich daraus ergeben. Das alles - natürlich wieder - mit Plakat und Präsentation vor dem versammelten weiblichen Plenum.

Inzwischen duzen sich alle und das Wiedersehen ist freudig.

Erst allein, später zu zweit schleifen sie an ihrer Projekt-Idee. Diejenigen, die gar keine hatten, haben jetzt wenigstens eine Ahnung und sprechen sie mit ihrer durch Abzählen bestimmten Beratungspartnerin durch. Jene, die ganz klar wissen, was sie wollen, beugen sich über ihr Arbeitspapier und füllen die Fragen nach Titel, Ziel, Strategie und sich daraus ergebende Maßnahmen aus. Ich will Verhandlungsführung lernen und meine Vortragskunst verbessern. Ich will ein Risikomanagement im Controlling installieren, ich will mich als Leiterin meiner Jugendeinrichtung profilieren, ich will ein Wohnprojekt für Ältere intitieren und mein erster Schritt ist die Suche nach Gleichgesinnten.

Und die, die vor fünf Wochen schon ganz genau wusste, die setzt sich jetzt hin und plant etwas anderes: Sie will ihre eigene therapeutische Methode publik machen. Nicht mehr die Arbeit ihres Berufsverbandes. Aha? Genau. Es hat viele Aha-Erlebnisse gegeben in diesen drei Tagen und manche verstehen auch nach der offiziellen Präsentation immer noch nicht, wie sie plötzlich zu ihrem Lernprojekt gekommen sind. Vielleicht liegt es an der Klarheit des Weges, der plötzlich vor ihnen liegt, dass sie auf einmal so von Tatendrang durchströmt werden. Sicher ist es auch die Herzlichkeit einiger neuer Bekanntschaften, die sie hier schon geschlossen haben. Sie haben noch viel mehr gelernt: Sie haben die Lebensgeschichten anderer Frauen mit ihrer eigenen verglichen (und sind manchmal ganz kleinlaut dabei geworden). Sie haben ihre positiven Seiten beleuchtet, anstatt immer nur auf ihre Fehler zu starren. Sie haben sich von Mitstreiterinnen mit Feedbacks füttern lassen, die alle das gleiche wollen: Mehr Verantwortung. Eine klare Richtung. Einige sind darunter, denen ist vielleicht zum ersten Mal bewusst geworden, wie man einen Traum in realistische Schritte zerlegt und dass Führungskompetenz nichts Unanständiges ist, wenn man eine Sache voranbringen will. Jeder ist jedenfalls klar: Ganz schön was passiert in diesen Tagen.

Alle Frauen bilden stehend einen Kreis. Lisa Feldkorn spricht in ruhigen Worten über das Ende der ersten Lehrgangsphase und gibt einen Ausblick auf die Zukunft dieses Jahres. Nun beginnt die Phase der Umsetzung. Bis Dezember werden sich die Frauen alle drei Wochen in 6er-Gruppen treffen und mit je einer anderen Supervisorin über Fortgang oder Stillstand des eigenen und der anderen Lehrprojekte beraten. Sie werden lernen, was sie selbst zu einem Konflikt beitragen und wie sie ein Hindernis geschickt umschiffen. Sie werden Plenumsabende gestalten, auf denen sie Übungsvorträge halten, und in einzelnen Seminartagen mit Techniken der Öffentlichkeitsarbeit, des Zeitmanagements, der Rhetorik vertraut gemacht. Lisa Feldkorn hält einen Augenblick inne, Stille füllt die Pause und jede denkt nach vorne und zurück.

Die zehnjährige Erfahrung von Marina Matthies und Lisa Feldkorn, die wissenschaftliche Begleitung und ständige Verbesserung dieses von der Stadt geförderten Frauenprojektes kommen jedem neuen Jahrgang zu Gute. Die Leiterinnen haben einen Rahmen hingestellt, innerhalb der die Teilnehmerin sich und ihr Lernprojekt entwickeln konnte, und doch scheinen sie kaum etwas dazu beigetragen zu haben. Jede Frau geht mit dem Gefühl nach Hause, sich selbst herauskristallisiert zu haben, aber auch mit dem Wissen um die Geburtshilfe der anderen.

Das ist erst der Anfang. Ab Morgen geht jede Frau ihre ersten Schritte zur Umsetzung ihres jetzt gut durchdachten Lernprojektes und sie geht sie allein. Aber nicht ohne Rückendeckung.

 

Berliner Frauenbund 1945 e.V., Ansbacher Str. 63 10777 Berlin

Tel+Fax 030/2183934, BerlinerFrauenbund@t-online.denach oben

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