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Renate Otte, 56,  guckt sich im Osten nach den Frauen um.Hausfrau übernimmt Ost-Betrieb

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Alle Bilder (außer Bohrmaschine und Schrottplatz) und alle Texte: copyright Gabriele Bärtels 2006

Renate Otte, Hausfrau, übernimmt einen Ostbetrieb und kommt mit den Frauen besser klar

 

Wenn eine 56-jährige Hamburgerin einen Fertigungsbetrieb mit 24 Mitarbeitern in Wittenburg (Mecklenburg) Ã¼bernimmt und im zweiten Jahr eine Umsatzsteigerung von 20 Prozent erreicht, dann lohnt es sich zu fragen, wer sie eigentlich ist und wie sie das gemacht hat.

 

Frau Renate Otte ist als letzte von sechs Kindern geboren und konnte nach dem Krieg nur die Volksschule bis zur achten Klasse besuchen. Es hat sie schon gewurmt, als ihr erster Schwarm ihr sagte, dass er Mädchen ohne Abitur nicht küssen würde. Heute lacht sie darüber. Herzlich. Wie sie im übrigen ohnehin eine heitere Person ist, eine ohne Allüren, ohne Berührungsängste, mit fester Stimme und festem Händedruck, eine, die mit ihrem Gewicht kämpft, was sie etwa so ausdrückt: "Kuchen gibt´s nicht. Ich hungere gerade."

Frau Otte hat eine kaufmännische Lehre absolviert und sich, bevor sie ihren Mann kennenlernte, bis zur Abteilungsleiterin bei Hertie hochgearbeitet, in den Siebzigern eine Position, die zu ungefähr dem Höchsten zählte, was eine Frau in solchen Konzernen erreichen konnte. "In den Siebzigern wurden wir Frauen hart gemacht. Wir mussten uns alles erkämpfen. Mehr können, mehr leisten, um die gleiche Akzeptanz zu haben als die Männer. Das hat meine Persönlichkeit unheimlich geschult." Ihre mangelnde Schulbildung glich sie mit Kursen in der Volkshochschule aus, Englisch lernte sie fließend während eines längeren Kanadaaufenthaltes.

Frau Ottes Mann besaß eine Firma, die Schallplatten herstellte und in den folgenden zwanzig Jahren zog Frau Otte ihre Kinder auf und stand ihrem Mann bei vielen geschäftlichen Engpässen oder Entscheidungen zur Seite, so auch während der Zeit, als Schallplatten durch CD´s ersetzt wurden und die Firma ihres Mannes versuchte, ihren Schwerpunkt auf den Handel mit Abspielgeräten (Videorecorder, CD-Player) zu verlagern. Als die in Japan bestellten Geräte nicht eintreffen wollten, setzte sie sich kurzerhand ins Flugzeug, um festzustellen, dass die beiden Agenten im "23. Stock, Wabe 17" eines Hochhauses ein winziges Appartementbüro hatten und dass die Videogeräte überhaupt nicht geliefert würden. Sie änderte die Bestellung auf CD-Player um und hatte das Pech, dass in der Nacht, als sie zurückflog, der Zoll von 6 auf 18% erhöht wurde, so dass mit dieser Lieferung auch kein Gewinn mehr zu machen war.

Irgendwann sagte Frau Otte´s Mann: "Wenn wir schon mit CD´s handeln, können wir sie doch auch gleich selber machen." In der Ferne suchten sie nach einem Grundstück für eine Fertigungsanlage, in der Nähe wurden sie fündig. Im Osten, gleich hinter der Grenze. Frau Otte wurde zusammen mit einem Partner Geschäftsführerin, griff aber in den ersten zwei Jahren nicht in die Leitung ein. Nach und nach stellte sich heraus, dass der Partner nicht mit, sondern gegen sie und ihren Mann arbeitete. Er stieg aus. "Ja, und dann war ich fällig", sagt Frau Otte mit einem vergnügten Grinsen.

Das ist zwei Jahre her. Von Cd-Pressmaschinen verstand sie gar nichts. "Sie müssen es nach dem Prinzip der Regierung machen. Wenn Sie keine Ahnung haben, brauchen Sie Mitarbeiter, die vom Fach sind und die müssen Sie verwalten. Und dann müssen Sie sich auf Ihre kaufmännischen Fähigkeiten besinnen und handeln. Meine Funktion im Betrieb ist eigentlich nur, die richtigen Entscheidungen zu treffen und die Finanzen zu verwalten. Ich musste die Strukturen durchblicken, darum ging es. Alles musste völlig neu aufgebaut werden. Viele Westunternehmer haben ja ihre Leute mitgebracht. Aber ich dachte, wenn ich eine Ostfirma aufbaue, brauche ich auch Ostpersonal. Alles andere führt nur zu Auseinandersetzungen. Ich suchte innerhalb der Firma nach einem neuen Produktionsleiter."

Sie sprach drei Männer an, keiner hatte den Mut, die Verantwortung zu übernehmen. Sie nahm einen von außen. Der konnte mit einer Frau als Chefin nicht umgehen. Schließlich fand sich doch jemand aus dem Betrieb, der heute noch die Produktion leitet.

Die Mitarbeiter realisierten zunächst nicht, dass die Millionen, die Frau Otte in die Firma gesteckt hatte, Privateigentum waren. Sie begriffen auch nicht, dass Frau Otte dafür gegenüber ihren Banken gerade stehen musste. "Sie wollten ihren Arbeitsplatz gerne gesichert haben, aber wie ich das machte, das interessierte sie weniger. Wenn ich Personal reduzierte, meinten sie, das ginge nicht. Das durchzusetzen fand ich im Osten deutlich schwieriger als im Westen. Auf der anderen Seite haben die Mitarbeiter Eigenschaften, die Sie im Westen gar nicht mehr finden. Sie sind in hohem Maße einsatzbereit. Aber sie brauchen Führung."

Mit den Frauen kam Frau Otte besser klar. "Die Frauen im Osten sind schon immer die Stärkeren gewesen, weil sie berufstätig waren und Familie hatten. Der tägliche Kampf um die Beschaffung aller möglichen Güter ist ja vor allem von den Frauen ausgefochten worden."

"Du kannst nicht alles alleine machen. Alleine bist Du gar nichts." Frau Otte fand eine Frau, die ihre Gedanken in der Verwaltung mitdenken konnte. Seitdem ist sie der "zweite Mann" im Betrieb. Eine Mutter von drei Kindern, die den Mann verlassen hat, sich durchjobbte als Fleischereiverkäuferin und in Spielotheken. Im Betrieb hat sie als Packerin angefangen und sich von dort in die Buchhaltung vorgearbeitet. "Die Buchhaltung war am Anfang ein einziges Chaos und wir haben uns zusammengesetzt, um ein System auszudenken. Dann hat sich herausgestellt, dass sie die Dinge super abarbeiten kann. Die bescheuertsten Fragebögen von statistischen Landesämtern kann sie beantworten. Sie hat nicht nach Urlaub gefragt, Tag und Nacht gearbeitet."

Weiblicher Führungsstil? Ja, den gibt es. "Frauen denken logischer", sagt Frau Otte. "Sie haben einen Sinn für das Wesentliche. Weil sie oft Doppel- und Dreifachfunktionen haben. Männer sind immer nur auf die Arbeitswelt konzentriert worden. Heute kochen sie zwar auch den Kaffee. Aber in der Führungswelt sind sie doch immer noch die Herren. Wenn eine Frau nach Hause kommt - egal was sie ist - dann ist sie doch wieder Mutter, doch wieder Frau. Die Frau ist belastbarer. Es kann manchmal hilfreich sein, wenn Du von dem Job keine Ahnung hast. Man erfasst das Wesentliche schneller. Mir hat man schon tausendmal erklärt, wie eine CD gepresst wird, aber ich versteh´s immer noch nicht. Weiblich mag außerdem sein, dass die Kinder meiner Assistentin anrufen können, wann sie wollen. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie es einer Mutter geht, die nicht weiß, was am Vormittag in der Schule losgewesen ist. Für die Kinder ist das auch wichtig."

Für Frauenquoten ist sie nicht. "Die Frauen gehen nicht freiwillig vor. Sie sollen sich nicht beklagen. Ich bin der Meinung, jede kann das werden, was sie werden möchte. Sie muss sich hocharbeiten. Das müssen Männer auch. Das Können, das Wissen ist nicht das Problem. Gerade die, die am lautesten schreien, sie würden benachteiligt -  Ich weiß einfach nicht, ob die überhaupt etwas anderes wollen."

Bei vierundzwanzig Mitarbeitern kennt jeder jeden. Wie familiär leitet Frau Otte den Betrieb? "Ich halte Distanz. Natürlich gehe ich in die Produktionsabteilung und spreche mit den Leuten. Ich habe auch schon einen großen Bus gemietet und wir haben zusammen Ausflüge gemacht. Aber verbrüdern tue ich mich nicht. Das würde auch nichts nützen." Anerkannt ist sie, respektiert wird sie, nach Liebe sucht Frau Otte bei ihren Mitarbeitern nicht.

Aufhören? "Ich werde nächstes Jahr sechzig und weiß nicht, wie lange ich noch weitermachen will. Mein Steuerberater sagt: Wenn Sie aufhören, werden Sie schnell alt. Da hat er wahrscheinlich recht. Das Leben ist ein Kampf und mein Mann und ich haben immer gekämpft. Ich habe keine emotionale Beziehung zu dem Betrieb, nur weil ich ihn übernommen und aufgebaut habe, aber ich besitze ein hohes Verantwortungsgefühl. Auch den Mitarbeitern gegenüber. Die Verpflichtung, die ich eingegangen bin, führe ich auch aus. Diese Disziplin habe ich mir selbst anerzogen. Inzwischen denke ich, dass ich den Betrieb von den Leuten weiterführen lasse, die ihn kennen. Die Frau, die mich vertritt, wäre eine Kandidatin dafür. Wir werden mal versuchen, so ein Modell aufzubauen. Das ist eine bessere Garantie, den Betrieb aufrecht zu erhalten, als wenn da so ein Oberschlauer hereinkommt, sich die Taschen voll stopft und dann den Laden dicht macht."nach oben

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