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Sybille alias Petra
Frau, Mutter, Prostituierte

Neun Uhr morgens in einer Reihenhaussiedlung in Frankfurt. Die beiden Kinder sind schon aus dem Haus. Die Tür zum Kinderzimmer steht offen, auf dem Teppich liegen winzige Gummistiefel. Im Bad hängen Strapse und Spitzenunterwäsche zum Trocknen. Geschäftskleidung.
Sybille trägt auch Geschäftsschmuck, teure, schwere Ohrringe und Ketten, die sie außerhalb der Arbeitszeit niemals anlegt. Sie hält mir eine Handvoll Silberringe entgegen, "Studentenschmuck", sagt sie, "billig, aber privat habe ich ihn eben lieber." Sybille trägt ein enges, schwarzes, hochgeschlitztes Kleid. Ab zehn Uhr kann das Telefon klingeln und dann muss sie weg, zu einem Haus- oder Hotelbesuch. Das kostet den Kunden ab fünfundsiebzig Euro, je nachdem, was er möchte.
Die kleine, wohlgeordnet vollgestopfte Wohnung platzt aus allen Nähten. Im Flur ein Schreibtisch mit Computer. Aktenordner. Im Wohnzimmer das Bett, darüber Bücherregale, mit Gesamtausgaben großer Schriftsteller, Literaturlexika, sexualwissenschaftlichen Werken.
Sybille alias Petra ist sechsunddreißig Jahre alt. Sie redet mit brüchiger Stimme, hastig, atemlos, nähert sich von allen Seiten gleichzeitig ihrem Leben, versucht ihre ganze Biographie in eine Stunde zu pressen, ihre Analysen dazu, ihre Ängste und Sehnsüchte. Sie produziert einen Splitterhaufen von Facetten, aber schließlich tritt das Bild zweier Frauen hervor, die wieder ineinander verschwimmen: Sybille, Aupairmädchen in England, und Petra, die schon während des Publizistik-Studiums anschaffen ging, weil sie keine lukrative finanzielle Alternative sah. Zeitarbeit? Sich von einem Chef ausnutzen lassen? Das kam nicht in Frage.
Mit Aktaufnahmen hat sie angefangen, aber ein Playboy-Fotograf sagte ihr, dass ihr Typ zu Tausenden herumliefe. Zu knabenhaft. Aber schlafen wollte er mit ihr. Im Bett, das begriff sie schnell, war sie besser als andere: Petra, die als Sybillekind Ballett gelernt hatte. "Die Körperarbeit ist mein Ding."
Sybille schließt das Studium ab, arbeitet als freie Journalistin bei einer großen Tageszeitung. Irgendwann lässt sie es sein. Sie hält sich nicht für gut genug.
Petra gibt Modellannoncen auf: Strapshäschen. Sie will keinen Zuhälter, lieber zwei Tagschichten im Privatclub eines Lesbenpaares arbeiten. Außerdem führt sie heute selbst eine Hausbesuchsagentur, über die sie auch Freundinnen vermittelt. Einen Teil ihres Einkommens legt sie für die Rente zurück: "Ich will wenigstens die Möglichkeit haben, mit Fünfzig aufzuhören, und ich habe auch schon vorgesorgt." Sie hat einen Steuerberater, der aber auch nicht alles weiß.
Ein Doppelleben ist nicht genug. Sybille führt viele. Für die Kindergärtnerinnen und Lehrer ist sie Hostess und Public-Relations-Beraterin. Die Telefonnummer für den Notfall ist die Nummer des Privatclubs, in dem sie zwei Tage in der Woche arbeitet.
Sybille ist geschieden. Ihr Mann war ein Kunde. Nachdem sie geheiratet haben, wollte er nicht, dass sie länger anschaffen ging. "Aber ich nehme meinen Beruf ernst und kann nicht so arbeiten, als wenn ich morgen aufhören wollte." Gleichzeitig hat er ihr Geld genommen, um abends weiter in den Puff zu gehen. Davon hat Sybille natürlich erfahren. Nach vier Jahren ist die Ehe zerbrochen. Im Scheidungsurteil steht der Scheidungsgrund: Doppelleben. Nicht das ihre. Das ihres Mannes.
Der Mann hat sich gerächt und der damals sechsjährigen Sonja von der Tätigkeit ihrer Mutter erzählt. Sie hat nicht viel verstanden. Sybille hat es ihr später so erklärt: "Mami geht arbeiten. Sie massiert Leuten den Rücken. Manchmal macht sie das mit freiem Oberkörper. Da ist Papi eifersüchtig geworden." Weitererzählen darf die Kleine das nicht, weil sie weiß, wie brutal andere Kinder sein können. "Wenn Du vor dem Fernseher in der Nase popelst, ist das in Ordnung. Aber nicht in der Straßenbahn." Sie hat Sonja gewarnt: "Die Menschen werden Dich auslachen, wenn Du es erzählst." Jedes zweites Wochenende hat der Ex-Mann die Kinder. Schon deshalb bringt Sybille keinen Gast in die Wohnung. Was, wenn die Kinder etwas weitererzählten? Ihr Ex-Mann droht ständig mit dem Jugendamt. Noch haben die Kinder nicht viel begriffen. Was ist, wenn sie älter werden? "Wir werden sehen. Ich kenne viele Huren, deren Töchter auch anschaffen. Was ist schon dabei?"
Seit der Scheidung reden auch Sybilles Eltern - Vater Rechtsanwalt, Mutter Lehrerin - nicht mehr mit ihr. "Wir haben nie darüber gesprochen, aber sie wussten, was ich mache. Als mein Mann es ihnen aber ausführlich erzählt hat, haben sie mich enterbt." Tränen steigen in ihre Augen. Sie wischt sie ab. "Ich sitze in Berufsklamotten hier, deswegen geht es mir unter die Haut."
Sie musste sich nach einer Patenoma umsehen - eine ältere Prostituierte. Die holt die Kinder zweimal in der Woche vom Hort ab und behält sie über Nacht. "Da muss ich nicht lügen, die weiß, worum es geht." Die Patenoma hat ihr eingeschärft: "Wenn Du Deine Kinder nicht verlieren willst, musst Du aufpassen. Gerade Deine müssen immer pünktlich sein und absolut sauber angezogen."
Nein, Sybille ist keine von denen, die anschaffen gingen, weil sie drogensüchtig sind. "Man braucht einen Anstoß, um die Anständigkeit zu überwinden. Scheidung, Geldnot, Drogen, Missbrauch. Ich habe schon als Kind Pornos gelesen und Aufklärungsbücher." Sie stockt, setzt neu an: "Ich will Dir was sagen: Viele Prostituierte leben lustvoll ihren Vater-Tochter-Inzest nach. Aber sie würden es nie zugeben. Das Nachleben von Inzest kann auch schön sein. Ich habe das damals auch genossen. Heute profitiere ich davon."
Die Falten um Sybilles Mund sind scharf und tief. Ihr Blick streift durch den Raum wie ein Suchscheinwerfer, ihre Rede stolpert schnell voran. "Ich bin ja schon ziemlich offen mit dem, was ich mache. Gleichzeitig versuche ich, den Schein der Bürgerlichkeit zu bewahren. Dass ich Prostituierte bin, kann ich niemandem sagen. Da muss man erst wieder enorm viel aufbauen, um wie ein Mensch betrachtet zu werden. Außerdem steigen sofort die Preise. Ob das die Friseuse ist, oder der, der meinen Computer repariert. Der Handwerker geht mir sofort an die Wäsche." Es ist einfacher, nicht die ganze Wahrheit zu erzählen. "Ich bin eine gute, tolle Hure. Aber das muss den Bankberater nicht interessieren und die Schule auch nicht." Auch die neue Friseuse weiß nichts. Aber Sybille hat manchmal Schwierigkeiten, ihr zu erklären, wer ihr regelmäßig den Nacken ausrasiert. (Ein Stammgast, der steht darauf.)
"Ein Doppelleben zu führen heißt, sich die Wahrheit so angenehm wie möglich zu machen. Angenehm ist, so wenig wie möglich lügen zu müssen. Sonst weiß man nicht mehr, wem man was erzählt hat." Darum liegt es nahe, ihrem Wohnungsnachbar zu sagen, sie sei Masseurin. Ist sie auch. Sybille neigt zum Perfektionismus. Deswegen bildet sich auch Petra fort. Sie beherrscht Shiatsu, Tantra, hat mit Reiki angefangen. "Wenn ich abends aus dem Haus gehe, fragt der Nachbar mich, wo er sich denn nachts von mir massieren lassen kann. Ich sage: im Krankenhaus. Da lacht er meckernd. Ich glaube, er lauscht manchmal an der Tür, wenn ich Telefongespräche mit Kunden führe."
Die Öffentlichkeitsarbeit, das ist Sybilles Metier, nachdem sie den Journalismus aufgegeben hat. Für einen Verein, der Prostituierte unterstützt, hält sie Kontakt zu den Medien. Da würde sie aber niemals zugeben, dass sie eine Hure ist. Da ist sie Public-Relations-Beraterin. Stimmt ja auch. Sibylle hat dafür noch eine Zusatzausbildung gemacht. Ihre Abschlussarbeit ist eine telefonbuchdicke Public-Relations-Konzeption für einen geplanten Sexarbeiter-Verband.
Sie hastet schon weiter in ihrer Erzählung. "Aber ich bin keine gute Schreiberin, eher ein Kommunikationstalent. Ich schreibe meine Romane auf den Betten eines Privatclubs, wenn Sie verstehen. Ich habe tänzerisches Talent. Ich kann in einer Stunde zehn verschiedene Stellungen einnehmen. Das geht aus dem Effeff. Vorne kuscheln, hinten drandrücken, niederknien, Französisch, Bein hoch. In einer halben Stunde sieben Stellungen, bei einem Quickie höchstens zwei. Ich bin vielseitig. Anal, Natursekt."
In ihrer Rede geht alles durcheinander. Sybille schreibt Artikel über Prostitution, macht wissenschaftliche Übersetzungen. Bewerbungstraining, Lebensberatung. "Ich will weg, raus aus der Prostitutionsecke." Dann wird ihre Stimme fester, und es klingt, als spräche Petra: "Wenn ich von meinem Büro erzähle, steige ich in der Achtung der Gäste. Dann fangen sie nicht an, mit mir zu handeln. Dann bin ich etwas Besonderes für sie." Und das ist ganz sicher Petra: "Ich weiß nicht, warum ich aufhören soll. Mein Job macht mir doch Spaß."
Im Privatleben hat Sybille nur mit Schwulen, Strichern, Transen und Arbeitslosen zu tun. "Ich habe keinen Bock auf diesen Bekanntenkreis." Mit ihren Gästen ist das anders. Es gibt sogar einen Psychologie-Professor, mit dem sie sich regelmäßig Briefe schreibt. Wer denn jetzt: Sybille oder Petra?
Ich besuche Petra in ihrem Privatclub. Einmal klingeln - Kunde, zweimal klingeln – Stammgast, dreimal klingeln - eine Frau, viermal - ein Angehöriger. Ich drücke kurz auf den Knopf, habe vergessen, dass ich dreimal klingeln soll. Petra öffnet in Wäsche und Strapsen. Sie hat eine schöne, schlanke, mädchenhafte Figur. "Oh, wenn ich gewusst hätte, dass Du es bist, hätte ich mir etwas übergezogen." Eine durchsichtige Bemerkung. Ihr Gesicht enthüllt, was ihre Worte verbergen: Sie genießt es, sich mir so zu zeigen. Nun wirft sie eine Jacke über und führt mich durch die Parterrewohnung, über abgetretene Teppichböden, durch einen leicht muffigen Geruch, an schlecht lackierten Türrahmen vorbei. In der engen Küche sitzen die Kolleginnen auf der Eckbank. Kerstin hat ihre Ausbildung abgebrochen und ist ganz neu. Sie hat Angst, dass ihre Mutter erfahren könnte, was sie hier tut. Anja, eine abgeblätterte Blondine mit einem harten Ausdruck im Gesicht, steht gleich auf und verlässt die Küche. Eine Liste liegt auf dem Tisch, da trägt jeder ein, was er an Getränken konsumiert hat. Im Kühlschrank liegt Billigsekt, auf der Eckbank ein fadenscheiniges Handtuch, der Fernseher läuft tonlos, das Telefon klingelt. "Ja, hallo", gurrt Petra in den Hörer und duzt den Anrufer gleich. "Morgen sind wir wieder für Dich da. Nina, mollig, Konfektionsgröße fünfzig. Kerstin, Anfängermodell. Anja, blond." In fünf Minuten ist die Schicht zu Ende. Petra hat heute hundertundfünfzig Euro eingenommen - zwei Quickies und eine Stunde mit Anal-Verkehr. Die anderen hatten nur einen Kunden. Dreißig Euro. Den Rest der Zeit warten sie. Von zehn bis sieben.
Es klingelt viermal, Nina wird von ihrem Mann abgeholt, die anderen beiden Frauen verlassen mit ihr die Wohnung. "Sie sind eifersüchtig. Sie denken, ich würde mit Dir heute Abend noch eine Lesbennummer machen. Morgen muss ich sie zum Essen einladen, damit es keinen Unfrieden gibt." Petra zieht die Jacke wieder aus. In Arbeitskleidung macht sie mir vor, wie sie die Kunden empfängt. Ich spiele die Rolle des Gastes. Petra stöckelt vor mir her, das Fleisch über ihren Strümpfen zittert. In einem der beiden Schlafzimmer soll ich mich auf einen Stuhl setzen. "Da kann der Gast nicht mehr weglaufen. Ich rufe die anderen und sie kommen nacheinander herein und stellen sich vor. Der Gast sucht aus. Wenn er gleich küssen will, halte ich ihn sofort auf Abstand. Mit Küssen kostet es mindestens achtzig." Das Bett ist ihr Ehebett. "Ich habe es aus Rache hier aufgestellt."
Den empfangenen Geldschein reibt sie einmal über ihr Schamhaar - eine alte Hurensitte. Das Kondom steckt schon im Strumpf. "Halt mir mal zwei Finger entgegen." Ehe ich mich versehe, hat sie das Kondom über meine Finger gestreift. "So geht das. Der Gast merkt es gar nicht. Ich kann es auch mit dem Mund."
Sie breitet die Arme aus. " Der Job hebt das Gesicht nicht, aber die Figur. Einmal habe ich einem Stammgast ungeschminkt und schmucklos geöffnet. Da fragt er mich: Wo ist denn die Petra?“ Trotz Make Up hat ihr Gesicht keine Frische, ihre Mimik ist starr, ihre Lippen hängen durch.
"Ich bin sechsunddreißig. Ich brauche einen Ort, der schmutziger ist als ich. Hier, in dieser Umgebung, bin ich Luxus. In einem Top-Club wäre das genau umgekehrt. Außerdem sind diese reichen Gäste oft schwierig. Die wollen nur Plastikpuppen. Mit meinen Gästen hier kann ich reden. Die fragen mich, was eine so selbstbewusste, klare, freundliche Frau hier macht. Neulich hätte ich beinahe gesagt: Das gleiche könnte ich Dich fragen."
Jetzt muss Petra sich umziehen. "Das ist ein wichtiges Ritual zum Abgrenzen. In Jeans kann ich keine Gäste empfangen. Da geht es mir schlecht." Sie geht duschen. Als sie wiederkommt, hat sie die Rolle gewechselt. Sybille trägt nun einen dunkelblauen Body, Jeans und einen dicken, grauen Pullover. Wir sitzen auf der Eckbank in der kleinen Küche. An der Wand hängt der Prospekt eines Lieferservices. 100 Stck. Condomi Professionals. 20 €, Gleitgel K-Y steril in der Tube 200 ml 8 €. Wir liefern Tag und Nacht.
Was sind denn Beppys - fadenlose Tampons? "Die kennst Du nicht?" Sybille kann es nicht glauben. "Die werden in Holland hergestellt." Sie reisst die sterile Verpackung auf und ein viereckiges Schaumstoffschwämmchen mit einer Vertiefung für die Gebärmutter kommt zum Vorschein. "Wenn die Frau zuhause ihre Tage hat, ist das in Ordnung. Aber der Gast will nicht, dass Du blutest."
Die Rollos sind schon heruntergezogen. Im Flur steht ein blauer Müllsack. "Den müssen wir unbedingt entsorgen. Wenn die Polizei kommt, könnte sie die benutzten Kondome zählen - ein Indiz für Prostitution." Ab damit in die Mülltonne.
Sybille fährt auf dem Rad davon. Eine mittelalterliche, in eine dicke Jacke gehüllte Frau mit rasiertem Nacken, hinter sich, auf dem Gepäckträger, einen Kindersitz.
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