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Pumps, Größe 45
Ein Gespräch von “Frau” zu Frau
Als ich die Ladentür öffne, dreht sich eine Frau um. Sie trägt einen schwarzen Glöckchenminirock, Seidenstrümpfe, sehr hohe, große Pumps, Lockenperücke, rote Lippen, Rouge, ein Handtäschchen aus Lack, ein weißes Perlenarmband. Das war Rainer.
Vor vier Stunden trug er eine schwarze Lederjacke und schwarze Jeans. Seine Fingernägel waren eine Spur zu lang, sein Gesicht eine Nuance zu weich, seine Stimme hatte etwas zuviel Schmelz. "Enchantée, Madame," sage ich und verbeuge mich vor Nicole.
Transformation heißt das Geschäft, das Korsetts aus Gummi mit natürlich schwingenden Brüsten und täuschend echtem Hüftspeck verkauft, Pumps in Größe 45, Langhaarperücken, Frauen-Unterwäsche, die Männern passt, künstliche Vaginas. Jeder Mann kann hier für hundertfünfzig Euro zum Model, zur Braut, Krankenschwester oder Hure werden, vier Stunden lang.
Nicole alias Rainer ist ein bisschen verlegen und etwas stolz. Sie schraubt ihre Stimme nicht mädchenhaft hoch, kichert und kokettiert nicht, sondern drückt mir ihre Kamera in die Hand und bittet mich, Fotos zu machen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie sich selbst besser schminken kann, dass ihr Outfit für einen Spätnachmittag overdressed ist, und sie sich gewöhnlich dezenter kleide.
Wir betreten einen Raum, der an ein Boudoir erinnert, weiche Sessel, goldene Spiegel. Nicole sitzt mit übergeschlagenen Beinen, steht mit vorgestelltem Fuß, posiert angespannt auf dem Sofa liegend, lächelt kaum, ihr ist Lampenfieber, Anstrengung, Vorsicht anzumerken. Wenn auch das Glockenröckchen zu jugendlich ist für jemanden Anfang Vierzig - Nicoles Taille ist schmal, die Beine lang, ihr Kreuz wirkt nicht über die Maßen breit. Nur ihre Hände sind etwas zu grob, ihre Miene zu unbeweglich. Sie hat etwas Hausmütterliches.
Sie zieht den Glockenrock aus, und wir machen noch ein paar Photos mit Strapsen. Ich gucke hin, ich gucke weg, ihre Hüften sind so schmal, der schwarze Body verbirgt die primären männlichen Geschlechtsmerkmale, man ahnt das figurformende Gummi darunter.
Rainer ist seit zwanzig Jahren verheiratet. Seine Frau weiß von seiner Neigung und billigt sie, ohne sie zu teilen. Als er vor acht Jahren seinen Drang, sich weiblich zu kleiden, nicht länger unterdrücken wollte, hat er mit seiner Frau darüber gesprochen. Wäre von ihr ein klares Veto gekommen, hätte er nichts unternommen. Nun leistet er sich das Vergnügen etwa alle vierzehn Tage. Dann sagt er seiner Frau, dass er einen freien Abend haben möchte, zieht sich um und fährt als Nicole in die nächstgelegene Stadt, geht dort aus, in Kneipen, ins Kino, ins Theater, immer allein. Einmal lernte sie eine Kosmetikerin kennen, die ihr das Schminken beigebracht hat.
Die heranwachsene Tochter soll von den Neigungen des Vaters nichts wissen. Seit man sie nicht mehr um neun ins Bett schicken kann, muss Nicole an „ihren“ Abenden bis Mitternacht wegbleiben, was oft nicht leicht ist, "wenn man unterwegs ist, ohne Ziel, einfach nur, um draußen zu sein."
Nicoles Problem ist die Einsamkeit. "Niemand außer meiner Frau kennt diese Seite an mir." Sie würde gern jemanden finden, der mit ihr ausgeht, egal, ob Mann oder Frau. Einfach jemand, der sie so akzeptiert, wie sie dann ist. Sie mag nicht gern allein essen gehen. Als Mann täte sie das schon, als Frau sei das irgendwie anders. Am Anfang war es schwierig, die Blicke auszuhalten. Als Frau wird man ja dauernd angesehen, sie weiß das, sie schaut ja auch nach ihnen. Männer sind so gut wie unsichtbar. Nicole will bemerkt werden, "aber ich habe gelernt, den Blick der Männer von meinem Gesicht abzulenken auf meine Beine oder mein Dekolleté. Sie sollen mich zur Kenntnis nehmen, aber sie sollen mich nicht entlarven." Und wenn sie einer anspräche? "Ich würde gern einen Abend mit ihm verbringen, reden, das Gefühl genießen, als Frau akzeptiert werden. Aber ich würde nicht mit ihm schlafen. Das gäbe Schwierigkeiten mit meiner Ehe."
Was ist es dann, was die Weiblichkeit für sie bedeutet, wenn es nicht die Suche nach einem sexuellen Abenteuer ist? "Ich bin friedlich," sagt Nicole, "eine innere Ruhe überkommt mich. Wenn ich das acht Wochen nicht gehabt habe, dann fehlt mir dieses Gefühl, einen Seidenstrumpf am Bein zu haben. Ich kenne alle Rasierer, trocken, nass, für Damen, für Herren, habe alle ausprobiert, die Beine müssen ganz glatt sein, sonst fühlt man nicht richtig. Auch der Bart - wenn ich weiß, ich ziehe mich heute als Frau an, dann rasiere ich mich nass. Es muss gründlich weg das Zeug, sonst sieht das Make-up schmutzig aus. Die Korsage, die ich jetzt trage, sie hat einen Busen und ein bisschen Hüftspeck, sie ist ganz aus Gummi und kostet zweihundert Euro. Man fühlt sich gut darin."
Verändert sich innerlich etwas? Weinen Sie leichter als Frau? "Ich bin durchlässiger," sagt Nicole, "empfindlicher."
Zieht Ihre Frau manchmal Sachen von Ihnen an? Nicole nickt: "Wir haben fast die gleiche Größe. Einmal mussten wir zu einer Silberhochzeit, da war sie ganz glücklich, dass ich ein passendes Kleid für sie hatte. Aber sonst weigert sie sich beharrlich, meine Freundin zu sein, wenn ich Nicole bin."
Nicole ist Abteilungsleiter bei einer Tageszeitung. Sie lebt in einer Kleinstadt. Wenn sie sich zum Ausgehen fertig gemacht hat, steigt sie ins Auto und fährt weg. Doch ihre Angst vor Entdeckung ist nicht so panisch, dass sie sich erst in der Großstadt umziehen würde. Sie ist hierher gekommen, weil sie von dem Laden gehört hat, findet aber die Leistung während der vier Stunden enttäuschend. Sie dürfe in diesen Klamotten nicht vor die Tür, könne nur Filme sehen und in Zeitschriften blättern, nicht einmal alle Kleider anprobieren sei möglich. Sie hatte sich gefreut, andere kennenzulernen, "Mitstreiter" sozusagen, um sich auszutauschen, aber hier ist niemand. Sie hat über das Internet nach solchen Möglichkeiten gesucht, weiß von einer Einrichtung in Dresden, wo man ganze Tage verbringen kann mit anderen Transvestiten, die dann abends gemeinsam ausgehen. "Hier gibt es den KitKatClub, da will ich hin, aber es ist mir nicht so eilig damit. Ich bin seit Montag hier und habe diesen Koffer erst heute ausgepackt."
Die vier Stunden sind um. Nicole schlüpft wieder in die eigenen Kleider. Die Glatthaarperücke steht ihr viel besser, auch der graue Rollkragenpullover mit kurzem Rock. Sie wirkt wie eine Dame, perfekt mit dem Ehering. Wir gehen in die Bar eines nahegelegenen Luxushotels. "Immer langsam, sonst fällt man in diesen männlichen Gang."
Sie schlägt die Beine übereinander, fasst das zierliche Sektglas zierlich an, trinkt in kleinen Schlucken. "Das muss man alles üben," sagt sie. "Ich habe in dem Laden Fotos von anderen gesehen, die haben sich schön machen lassen und dann sitzen sie breitbeinig da. Womöglich tragen sie noch Herrenunterhosen. Entweder man macht es richtig, oder man lässt es sein. Ich habe auch immer ein zweites Paar Strümpfe dabei." Das machen viele Frauen, sage ich. "Ach, wirklich?" Nicole lächelt zufrieden.
Auf welche Toilette würden Sie gehen, wenn Sie müssten? Nicole lächelt: "Natürlich auf die Damentoilette, ich kann doch bei den Herren nicht den Rock hochheben."
An Operation hat sie nie gedacht? „Am Anfang glaubt man, das wäre die Lösung, und nach ein paar Jahren merkt man, dass das nichts gebracht hat.“ Wenn man sie vor der Geburt gefragt hätte, wäre sie lieber als Mädchen zur Welt gekommen. Aber eine nachträgliche Korrektur kann nicht aufholen, was nicht gewesen ist: das Aufwachsen als Mädchen, der erste Kuss, die erste Periode, die Art, wie man von den Eltern behandelt wird. Die Leute, die das machen, sind wahrscheinlich stark auf sich selbst fixiert, vermutet Nicole, und sie haben keine anderen Ziele im Leben, als eine Frau zu sein. Ein Mensch definiert sich aber auch durch seinen Beruf, seine Ziele, seine Interessen. In dem Laden hat sie sich nach Brustcremes erkundigt, weil es nett wäre, eine Brust zu haben, aber man konnte ihr auch nicht sagen, ob die wirken und wie. „Eigentlich bin ich nur ein Hobbytransvestit."
Manchmal denkt sie daran, dieses Spiel wieder aufzugeben, aber dann überschlägt sie, wieviel Geld sie in den vergangenen Jahren in die Ausstattung gesteckt hat und findet es zu schade, alles in die Altkleidersammlung zu geben.
"Wenn ich alt bin, werde ich das nicht mehr machen," sagt Nicole. "Wie sieht das denn aus, mit Falten im Gesicht und am Körper?" 
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