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Pieps und die feine Gesellschaft
Perlen des Alltags von Gabriele Bärtels
Ich bin schüchtern, das ist erblich, sagt die Wissenschaft. Ein schweres Schicksal in meinen Augen, denn wenn ich auf einer Party spontan „Pieps“ sagen will, kommt es nie überzeugend heraus, dafür bin ich es im Kopf schon zu oft durchgegangen, verschiedene Tonlagen, Lautstärken, der richtige Zeitpunkt, die passende Körperhaltung. Von meinen Lippen löst sich regelmäßig ein verunstaltetes, eckiges, zögerliches, räusperndes „Pieps“, das weit schlimmer klingt als Schweigen, und dann möchte ich mich spurlos in Salzsäure auflösen oder fliehen, während der Rest der Menschheit durcheinander redet und lacht, als sei das das einfachste der Welt.
So, von allen Seiten bedroht und mit Furcht beklebt, wankt der Schüchterne durch sein Leben und versucht, heiklen Situationen auszuweichen, die ihn etwa zwingen, etwas einzufordern, sich hervorzutun oder einfach nur ein Gespräch anzuknüpfen. Ist es richtig / darf man das / ich werde Spott ernten / zeigen sie gar alle mit dem Finger auf mich – alltäglich gilt es, hohe Befürchtungshürden zu überwinden, deshalb steht der Schüchterne unter fremden Menschen dauernd unter Stress.
Es gibt nur einen Ort auf der Welt, der seine Oase ist, und das ist die feine Gesellschaft. Über die kann man ja denken, was man will – jedenfalls lassen sie einen Schüchternen nicht hängen. Sie sind es gewohnt, auf allerlei Ringelpiezen in Sekundenschnelle zur Not auch sinnfreie Schmalspur-Unterhaltungen anzuknüpfen, und damit haben sie mir einiges voraus.
Um über eine fremde Schwelle zu treten, muss ich mir regelmäßig einen Schubs geben. Hier, in der feinen Gesellschaft, falle ich zuerst in die Arme eines Empfangskomitees, das beruhigend lächelt und mir den Mantel abnimmt. Die feine Gesellschaft steht plaudernd herum.
Wenn ein Schüchterner keinen kennt, ist das eine schlimme Sache, so schlimm, dass der Boden unter seinen Füßen Feuer fängt. Er ist davon überzeugt, dass jeder im Raum schon gesehen hat, was für ein Tropf da in der Ecke steht, und dass er genauso gut gleich wieder abhauen kann. Innerlich kämpft er mit allen Kräften gegen diesen Impuls, auch wenn seine Schuhsohlen schon schmelzen.
In der feinen Gesellschaft erbarmt sich immer einer, mich anzusprechen. Man hat ihnen beigebracht, dass dies höflich ist, und sie behielten einen interessierten Gesichtsausdruck selbst dann noch bei, wenn ich Bundestag mit Bundesrat verwechseln würde. Aber das mache ich nicht. Mir fällt ja nichts ein.
Dankbar nicke ich zu jedem Thema, das sie aufwerfen, dankbar nehme ich das Weinglas entgegen, ohne das ich nicht wüsste, wohin mit meinen sperrigen Händen, dankbar registriere ich, dass meine verzweifelte Stummheit ebenso hartnäckig übersehen wird wie die Alarmfarbe meines Gesichts. Derart ermutigt, sage ich halblaut „Pieps“, und alle tun, als sei dies ein fundierter Gesprächsbeitrag. Sie machen das so überzeugend, dass ich ein zweites folgen lasse und geradezu heiter werde, für meine Verhältnisse.
In feiner Gesellschaft kann ein Schüchterner unbeschadet mehrere Stunden verbringen und wird am Ende vielleicht in die allgemeine Plauderei einfallen, als sei nichts dabei. Ein Frohlocken entsteigt seiner Kehle, er stellt womöglich sein Weinglas ab und wird phasenweise sogar zu einem ganz natürlichen Menschen.
Dass diese beglückenden Gefühle den Anlass nicht überdauern, ist systemimmanent. Es ist ja alles nur wohlerzogenes Theater. Was die feine Gesellschaft wirklich von mir denkt, will ich gar nicht wissen. Zum nächsten Ringelpiez gehe ich garantiert wieder hin, ein forsches „Pieps“ auf den Lippen.
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