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Frida kostet nichts, aber das ist nicht wahr

Perlen des Alltags: Der Umzug mit Freunden
Text und Fotos von Gabriele Bärtels

Mich können Sie gern fragen. Ich werde da sein, in alten Jeans, mit groben Handschuhen. Ich finde Umzüge nämlich schön.

 

Nirgendwo sonst wird man freudiger begrüßt, auch wenn man zu spät ist. In der Mitte der in Auflösung begriffenen Küche steht der Umziehende, wahlweise mit Familie, kocht Kaffee, klebt letzte Regalbretter zusammen, während ein Freund noch unterwegs ist, die Pritsche vom Autoverleih zu holen, und sich jeder Neuankömmling zwanglos durch die verschnürte, zusammengelegte, aufgerollte Wohnungseinrichtung bewegt, bis im günstigsten Fall zehn oder fünfzehn Freiwillige eingetrudelt sind.

Ohne zu wissen, wie die Mittäter eigentlich heißen, packt man gleich mal gemeinsam den Schreibtisch an. Ist der um zwei heikle Ecken und drei Treppen hinunter gewuchtet, weiß man auch schon ohne Namen, ob man sich sympathisch ist, und woher das schweißüberströmte Gegenüber den Umziehenden kennt. Man klopft einander auf die Schulter und geht die nächste Herausforderung, das Sofa, schon viel entschlossener an.

Das gilt jedenfalls so lange, bis sich herausstellt, wie der Umziehende seine Sache vorbereitet hat. Ist es einer, der erst gestern zu packen begann, dessen Schränke noch nicht auseinander genommen sind, dessen Bücherkisten das Doppelte von dem wiegen, was ein Mensch tragen kann, könnte die Laune kippen, und regelmäßig, vielleicht sogar gesetzmäßig, sind die Zusagen der Bekannten solcher Menschen vage, was das Unternehmen für die dann doch vereinzelt Erschienenen noch aussichtsloser macht. Selbst wenn dies ein freies Land ist, kann man sich mittendrin nicht unauffällig wegschleichen, sondern schleppt grimmig weiter bis zum bitteren Ende, während der Umziehende sich dauernd entschuldigt. Die Freundschaft geht dann eben hinterher in die Brüche, oder schon, wenn der schlampig eingewickelte Spiegel knackt.

Das ist die Schuldigkeit des Umziehenden: Dass er es den Helfern leicht macht, für ihr zahlreiches Erscheinen sorgt, Erfrischungen für sie bereit hält und eine Paketband-Rolle für geplatzte Kartons, dass der geliehene Wagen nicht zu klein dimensioniert ist, und vor der Haustür parkt, anstatt meilenweit daneben. Und dass er sich nicht auffällig lange in der Küche zu schaffen macht, während seine Bekanntschaft mit ihrer Muskelmasse kämpft.

Ist dies alles gewährleistet, kann man keuchend und schwitzend gruppenpsychologische Studien treiben, zum Beispiel, wie sich Führungskräfte durchsetzen, die niemand ernannt hatte. Und weil in einer Gruppe eben alles ansteckend ist, muss man ein Auge auf die Schwätzer haben, die glauben, ihre Anwesenheit sei schon Unterstützung genug. Zwei zuviel davon, und die energetische Hauruck-Stimmung verwandelt sich in ein chill out, alle Bauchmuskeln erschlaffen, müßige Plauderei setzt ein. Und weil sich der dankbare Umziehende das oft nicht traut, muss jemand anderer in die Hände klatschen: „Los, los, weiter geht´s.“

Nach anfänglichen Reibungsverlusten ist zu beobachten, wie sich die Arbeit je nach Talent und Tatkraft beinahe von selbst organisiert. Die Stärksten widmen sich der Waschmaschine, die Frauen tragen Stehlampen und Bettdecken-Säcke, ein in räumlichen Denken Begabter besetzt den Wagen und stapelt das angeschleppte Umzugsgut wie ein dreidimensionales Puzzle. Gewonnen hat er, wenn auf dem Bürgersteig kein Stuhl stehen bleibt.

Das Ausladen geht wunderbarerweise schneller als das Einladen, selbst wenn der Weg in eine höhere Etage führt und alle Helfer inzwischen die Façon verloren haben, was den Umgang miteinander noch formloser und heiterer macht. Man ist nun zur Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen, die nur gemeinsam nach oben kommt. Und so formte sich bei dem letzten Umzug, an dem ich teilgenommen habe, auf einmal ohne jede Verabredung eine Kette, die lückenlos vom Wagen in die neue Wohnung reichte, und die Kartons berührten den Boden nicht mehr, und alle groovten sich im gleichen Rhythmus von Kartonannahme - zwei Schritte - eine Oberkörperwendung - Kartonabgabe ein, ein beglücktes Lächeln auf den Lippen, das sich auch ohne Kuss immer weiter trug. Nach einer unfassbar lächerlichen halben Stunde war eine Dreizimmer-Familien-Einrichtung aus dem Pritschenwagen geräumt und lag in neuer Unordnung in den frischen Räumen.

Die letzte Pflicht des Umziehenden ist es, ein improvisiertes Essen bereitzuhalten. An nackte Wände gelehnt, auf Bücherkartons hockend, verzehrt die erschöpfte Helfertruppe ihre verdiente, lauwarme Suppe aus einem riesigen Topf. Zufrieden schaut sie sich um, als wäre sie Mitbesitzer der neuen Wohnung. Und jeder der Beteiligten, der sich gleich wieder auf seine Pfade durch den Großstadtdschungel begibt, ist ein bisschen besser dran als vorher.nach oben

© FRIDA 2005

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