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Oma Neudorfs Geburtstag
Kurzgeschichte von Gabriele Bärtels
Nach drei Stunden Fahrt konnte Suse kaum noch glauben, dass sie jemals woanders gelebt hatte als in einem Auto, aber dann waren sie doch angekommen, steuerten durch das Dorf, hielten am Gehsteig vor dem roten Backsteinhäuschen von Oma. Da parkten schon andere Wagen, die meisten mit dem örtlichen Nummernschild. Als sie um das Haus herum zum Seiteneingang liefen, mit den Koffern und Taschen und Fritzi an der Spitze, stand die Tür zur Küche weit offen, und überall auf dem Grundstück redeten Leute miteinander, sogar im Gemüsegarten und in der Garage.
„Mensch, Peter!“ sagte Onkel Josef und stellte das Bier ab. Er klopfte Suses Vater auf die Schulter. „Lange nicht gesehen.“ Fritzi war schon in der Küche verschwunden, rief: „Oma Neudorf, Oma!“, und Onkel Josef zerdrückte Mama die Hand. Tante Erika schrie auf und schob ihre Älteste vor, und da an der Mauer lehnte Onkel Wolfgang und hatte ein weißes Hemd an, die Ärmel hochgekrempelt. Er trank seine Bierflasche leer, fummelte seine Zigaretten aus der Brusttasche, betrachtete seine Schuhe. Neben ihm stand Onkel Albert mit dem dicken, goldenen Siegelring. „Tante Gerda ist Deine Großtante“, erklärte eine fremde Frau, „die Schwester Deiner Oma.“ Suse suchte Papa, der schüttelte eine Geschwisterhand nach der anderen und sagte mit fester Stimme: „Der Verkehr war kein Problem.“ Auf einmal stand Oma Neudorf in der Tür, ein Gesicht wie ein Doppelkinn festgeschraubt auf einem breitschultrigen Körper, der aus einem glänzenden, schwarzen Kostüm platzte. „Peter! Deine Blagen wollen alle auf einmal auf das Klo, und ich habe nur eins, wie Du weißt.“
Suse gab ihr die Hand und knickste. Omas Hände waren so breit und rot wie ihr Gesicht. Der Pickel hinter ihrem Ohr, aus dem weiße Haare wuchsen, schien gewachsen zu sein. Ihr faltiges Dekollete war mit Sommersprossen gesprenkelt. Suse hatte schon oft versucht, sie zu zählen, aber Oma hielt nie lange genug still. „So, so, Suse. Hier ist Deine Kusine Eva,“ sagte Oma Neudorf und schob ein blondes Mädchen in einer Rüschenbluse vor. „Spielt mal schön zusammen.“ Aber Eva sah Suse nicht an, sondern nur Oma, und fragte: „Kann ich Kuchen haben?“
Menschen, überall Menschen, alle verwandt, viele erwachsen, noch mehr Cousinen und Cousins, die Mädchen mit weißen Kniestrümpfen, die Jungen in Trägerhosen. Die Jungs machten Diener, die Mädchen Knickse, die Tante fotografierte, die älteste Generation lehnte sich im halbdunklen Wohnzimmer in die abgeschabten Sessel zurück, die Damen in knisternden Faltenröcken und frisch vom Friseur, die Herren mit Pomade im grauen Haar und Hut oder Stock zwischen den Knien.
Suse stand zwischen Beinen und Stimmen und Händeschütteln und Bist-Du-aber-gewachsen-Ausrufen und fühlte sich ersticken. Sie wäre gern auf das Klo gegangen, obwohl sie nicht schon wieder musste, nur um sich zwei Minuten einzuschließen, aber dort schwirrten dicke Fliegen um ein Klebeband, das von der Decke hing und sich drehte, bedeckt mit schwarzen Insektenleibern, deren Beinchen nur noch müde strampelten. Der Sitz der Kloschüssel war ein raues Brett, es gab kaum Licht, und das Wasser floss rostig aus der Leitung. Das Waschbecken war schon ganz gelb davon. Es roch nach Jauchegrube. Das konnte Suse nicht einatmen.
Sie bahnte sich ihren Weg durch die Verwandten, es war eng und ungelüftet im Wohnzimmer, die Gummibäume vor den geschlossenen Fenstern versperrten dem Sommerlicht den Zutritt. Sie hörte ihren Vater zu ihrer Mutter sagen: „Hat sie immer noch die alten Tapeten dran“, und ihre Mutter ergänzte schnell: „Und die Fenster sind seit dem letzten Mal nicht einmal geputzt worden.“ Dann kam Erika mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und Mama lächelte verlegen. „Hallo!“, rief Tante Erika, so feierlich wie ein Halleluja in der Kirche, und Mama versank in ihrer weichen Verschwitztheit.
Suse drängte sich durch die Küche nach draußen. Vielleicht konnte sie durch das Gartentor entwischen. Nur auf die andere Straßenseite gehen, nur kurz. Als sie aus der Tür trat, griff eine Eisenhand nach ihr. „Suse“, Onkel Wolfgangs raue Stimme, „mein Patenkind, krieg ich keinen Kuss?“
Suse wurde hochgehoben, bis sie über seinem Kopf schwebte. Onkel Wolfgangs Gesicht grinste begeistert.
„Lass mich runter!“ Suse strampelte.
Onkel Wolfgang hörte nicht. Er grinste weiter und schüttelte Suse. „Na, wie gefällt Dir das da oben?“
„Es tut weh“, sagte Suse und lächelte verlegen.
Da ließ er sie herunter, doch ihre Hand hielt fest er. „Die kriegst Du nicht los“, sagte er, „versuch es doch.“
Suse versuchte, einen seiner Finger hochzubiegen. Onkel Wolfgangs harte Hand gab nicht nach. Er lachte laut. „Das glaubst Du doch wohl nicht, dass Du freikommst.“
Suse zog vergeblich an ihrer Hand. Onkel Wolfgang ließ nicht locker und lachte und lachte. Seine Haare waren sorgfältig gescheitelt. Sein Atem stank nach Bier und Zigarettenrauch.
Auf einmal stand Oma Neudorf neben ihr, sie trug eine Handtasche über dem Arm. „Alle Mann ab jetzt! Wir gehen Kaffeetrinken.“ Zu Onkel Wolfgang sagte sie: „Lass das Kind los und räum die Bierflaschen weg.“
Er gab Suse frei. Sie rieb sich das schmerzende Handgelenk und streifte sein Gesicht mit einem Blick, hoffentlich war er nicht böse. Sie lächelte entschuldigend. Onkel Wolfgang machte eine Bewegung, als wolle er wieder zugreifen. Suse schlug nach ihm, er lachte wieder auf, sie sprang zur Seite und lief davon.
In der Gaststätte drei Straßen weiter war der Festsaal angemietet worden. Hier standen gedeckte Tische in langen Reihen. Darauf weißes Kaffeegeschirr, dazwischen Sahnetorte, Erdbeerkuchen und Bienenstich auf Chromplatten, alle zwei Meter ein Blumensträußchen und daneben Pfeffer-und-Salzstreuer.
„Vierzig Stühle“, schrie Fritzi und zerrte Tante Erika an ihre Seite. „Du sitzt neben mir. Ich will Cola.“ Aber es gab einen Katzentisch, und an den mussten auch Suse und Tobias und die Kusinen, nur die beiden Jüngsten nicht, von denen hatte einen die Mama auf dem Schoß, und der andere wurde herumgereicht.
Onkel Wolfgang saß neben Papa, beide mit den Armen vor der Brust verschränkt, beide ohne Jackett, aber Papa sah irgendwie klüger aus, und Onkel Wolfgang zupfte dauernd an seinem steifen Kragen. Sie wechselten kurze Sätze und schauten dabei in ihre Kaffeetassen, als wenn sie die Worte des anderen nicht wirklich hören wollten. Vor Onkel Wolfgang lag eine orangefarbene Packung Ernte 23. Seine Zähne waren so gelb wie seine Fingerspitzen. Er bot Mama eine Zigarette an, und die schüttelte den Kopf: „Die sind mir zu stark.“ Onkel Wolfgang legte die Schachtel wieder hin und faltete seine Prankenhände im Schoß. Sein Gesicht war ein verschwommenes Fragezeichen. Mama beugte sich über ihren Sohn und schob ihm ein Stück Bienenstich zwischen die Lippen. Sie hielt ihn wie einen Ziegelstein, und lächelte nur, wenn eine Tante über den Tisch rief, wie süß er doch sei und wie ähnlich. Wenn niemand nach ihr schaute, sah sie aus, als ob sie gerettet werden wollte.
Zwei Frauen mit weißen Schürzen schenkten Kaffee nach und brachten frische Sahne. Die weißen Teller füllten sich mit Mandelkrümeln und abgelegten Zuckerlöffeln. Hier und da blieb ein halbes Kuchenstück liegen. Bald wurden die Stühle etwas weiter vom Tisch weggeschoben, die eine Tante und der andere Onkel erhoben sich ächzend und tauschten die Sitzplätze.
Fritzi herrschte über den Katzentisch. „Jeder kriegt von allem ein Stück, nur das ist gerecht“, erklärte sie ihren Kusinen. „Wer will, kann danach ja tauschen. Ich will jedenfalls alles probieren.“
„Nimm bloß nicht die ganze Sahne!“, sagte Eva zu Fritzi und schaute Verstärkung suchend ihre Geschwister an. „Wir haben genauso viel Recht darauf. Wir sind auch Enkel. Außerdem seid Ihr nur Besuch, und wir wohnen hier.“ Ihr Bruder nickte heftig.
„Ich wohne heute auch hier. Und zwar bei Tante Erika!“ Fritzi triumphierte es über den Tisch. „Ganz alleine!“
„Phh. Tante Erika ist nichts Besonderes.“ Eva stopfte sich den Mund mit Bienenstich aus und suchte nach etwas, an dem sie ihre klebrigen Finger abwischen konnte. Sie schob sie unter den Tisch.
„Du wischt sie doch nicht an der Tischdecke ab?“ höhnte Fritzi. „Das sage ich Oma Neudorf.“
„Du bist vielleicht blöd. Wieso sagst Du Oma Neudorf?“
„Weil wir zwei Omas haben“, antwortete Fritzi stolz und nahm einen Schluck Cola.
„Wir vielleicht nicht?“ Eva gab nicht nach, und ihr Bruder reckte entschlossen das Kinn vor.
Fritzi wechselte das Thema. Sie griff nach dem Pfefferstreuer. „Sollen wir Pfeffer und Salz auf den Bienenstich tun?“ Sie lockerte den Deckel des Pfefferstreuers und stellte ihn wieder neben das Salz. „Wenn jetzt einer seine Bratkartoffeln würzen will, kippt ihm alles auf den Teller!“ jubelte sie. „Und niesen muss er auch noch.“
„Das darfst Du nicht“, sagte ihr Cousin mit weinerlichen Augen.
Suse rutschte von ihrem Stuhl. Sie stieß mit einer Bedienung zusammen, die ein Tablett mit Schnapsgläsern balancierte. Die Bedienung säuselte nach unten: „Gehörst Du nicht an den Kindertisch?“
Die Luft wurde stickiger und die Tanten gingen nacheinander „für kleine Mädchen“. Sie kicherten, wenn sie das sagten. Oma Neudorf thronte nicht mehr am Ende des Tisches, sondern zwischen ihren Gästen, niemand machte sie darauf aufmerksam, dass ihre Serviette noch immer im Blusenkragen steckte. Ihre Schwester Gerda, noch fünf Jahre älter als sie, mit einem prächtigen, weißen, ondulierten Haarschopf, redete ohne Unterlass auf Mama ein, die in Abständen nickte, aber nichts sagte. Ihr Gesicht war so leer wie eine weiße Tapete. Suse drängte sich zwischen die beiden. „Mama, kann ich raus?“
„Meinetwegen. Aber erst gibst Du Deiner Großtante Gerda die Hand.“ Suse sah zweifelnd die fleckige Hand der Großtante an, und zog ihre gleich wieder weg.
Auf dem Weg nach draußen musste sie an Onkel Wolfgang vorbei. „Prost“, sagten Papa und er gerade im Chor und hoben Schnapsgläschen hoch. Sie kippten ihre Köpfe nach hinten, stellten die Gläschen zurück auf den Tisch, und Onkel Wolfgang winkte der Bedienung. „Lass mal die Luft raus bei meinem kinderreichen Bruder und mir.“ Schweißperlen standen auf seiner Stirn und sein weißes Hemd war zerknittert, und dann fasste er einfach nach hinten, ohne sich umzudrehen und erwischte Suse am Ärmel, zog sie um den Stuhl herum auf seinen Schoß. „Hier bleibst Du jetzt. Erzähl mal, wie war die Fahrt?“ Suse schluckte. „Gut“, sagte sie leise. „Ich wollte jetzt rausgehen.“
„Was willst Du draußen?“ sagte Onkel Wolfgang und blies ihr seinen Schnapsatem in den Nacken. Suse schüttelte sich und kicherte verlegen. Seine Arme saßen fest um ihren Brustkorb.
Papa hatte die Gelegenheit genutzt, sich umzudrehen und ein Gespräch mit Onkel Albert anzufangen. „Der Angeber mit Siegelring“, hatte er noch im Auto gesagt, „und was ist aus ihm geworden? Er verhökert gebrauchte Fernseher.“ Nun fragte er: „Und, was macht der Anbau? Ihr wolltet doch im Sommer damit anfangen.“
Onkel Albert, hochrot im Gesicht, froh über einen Zuhörer, schob die Ellenbogen auf den Tisch und hielt eine Rede über Leichtbauwände.Onkel Wolfgang presste Suse an sich und kitzelte sie unter den Armen.
„Nicht“, kicherte sie, „Onkel Wolfgang, lass mich los! Papa, Papa, er kitzelt mich und seine Backe kratzt.“
Papa drehte sich nicht um.
Onkel Wolfgang biss Suse in den Nacken und rieb sein unrasiertes Kinn an ihrer Haut.
„Iiih“, schrie sie, „Papa!“
Ihr Vater wandte den Kopf: „Ruhe. Ich verstehe nichts mehr. Schrei woanders weiter.“ Er stach drohend seinen Blick in Suses Augen und schaute dann wieder Onkel Albert an.
Onkel Wolfgang wackelte mit den Beinen und Suse fühlte durch ihr Kleid, wie seine Oberschenkelmuskeln sich anspannten. Sie wippte hilflos auf und ab. „Wirst Du stillsitzen?“, scherzte er. „Na los, sitz doch still!“ Sein Lachen brach in Suses Ohren ein.
Ihr Blick glitt suchend über die Geburtstagsgäste. Aber Mama schaute vor sich hin, und Tante Erika war mit Tobias beschäftigt, Oma Neudorf saß weit weg, die drei alten Männer kannte sie nicht, und mit den anderen Tanten und deren Ehemännern hatte sie noch nie ein Wort gewechselt, nur geknickst.
Sie versuchte sich vorzustellen, dass sie einfach nur auf der Rückbank in einem Auto saß, dass sie nicht heraus konnte und warten musste, bis der Fahrer anhielt. Sie musste ihre Glieder schwer machen und ihren Kopf voller Luft, so dass er nichts dachte. Sie fühlte etwas Hartes zwischen Onkel Wolfgangs Oberschenkeln, sie wollte wegrücken, aber er hielt sie fest. Er ruckte auf dem Stuhl hin und her und änderte die Stellung seiner Beine, und Suse versuchte vergeblich, ihren Po von seinem Schoß zu heben.
Papa lachte, aber es klang nicht so wie zuhause. Onkel Albert schlug ihm auf die Schulter und redete weiter, während sein Blick nicht von Papa ließ.
Onkel Wolfgang schob Suse von seinem Schoß. „Jetzt geh mal runter. Du wirst mir zu schwer.“ Er stand auf, wankte einmal und schaute sich suchend nach den Toiletten um. Suse schlüpfte an ihm vorbei, geduckt, allen Ansprachen ausweichend, raus, vor die Tür, in die blasse Sonne. Sie stand auf dem Parkplatz und hätte gern die Berührungen abgeschüttelt, die an ihr klebten wie ein unangenehmes Geheimnis, das sie nicht teilen wollte.
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