So gern man vielleicht möchte: Nicht von allen Männer, die sich an einem September-Wochenende im Jahre 2005 verkleidet zum NVA-Soldatenspielen treffen, lässt sich behaupten, es seien Ewig-Gestrige, die vom versunkenen DDR-Staat nicht lassen können. Es ist sogar ein Schweizer dabei.

Luftwaffengeneral (im Dorf auch der Weihnachtsmann)Obwohl viele lächeln, ist es doch eine unheimlich realistische Szene: Am Tor stehen Uniformierte mit Pistolenhalftern Wache, auf dem Gelände wimmelt es von Soldaten aller Ränge in schweren Stiefel: Artillerie-Leutnants, Infanterie-Feldwebel, einfache Gefreite der ehemaligen Nationalen Volksarmee stehen einträchtig beisammen, manchen sitzt ein Funkgerät wie ein Vögelchen auf der Schulter. Einige schmuddel-olive Jackenärmel sind zu kurz, gewisse Hosen am Bund zu eng, es finden sich auch polnische Uniformen und zwei dicke, alte US-Army-Feldjäger. „Welche Einheit?“ hört man Ältere einander zackig fragen.

Die alte FahneDie NVA wurde 1990, ein Jahr nach dem Mauerfall aufgelöst. Hier im Örtchen Harnekop bei Straussberg in Brandenburg befand sich einer ihrer Standorte. Durch die verlassenen Mannschaftsgebäude auf dem riesigen Gelände pfiff nun der Wind, vergilbte Landkarten wellten sich an feuchten Wänden, das matschige Übungsgelände überzog sich mit zartem Grün, in den Lagern stapelten sich muffig riechende Infanterie-Hosen, Jacken, Kappen.

Nur wenige Jahre später sind sie zurückgekommen, die ehemaligen Soldaten aus der Gegend, haben erst den alten Schießstand wieder in Betrieb genommen, dann eine Art NVA-Freilichtmuseum eingerichtet. Da aber nirgends eine Erläuterung angebracht ist, schon gar keine historisch distanzierte, muss man in der Anlage wohl in erster Linie einen Abenteuerspielplatz für Ex-Soldaten und soldatenfreundliche Zivilisten sehen.

Die rollten nach und nach in rostigen Militärfahrzeuge an, die sie überall zusammengekauft hatten: Tarnfarben-Jeeps, „Funk-Koffer“, ein russischer Panzer, olivgrüne Pritschenwagen. Der „Sanitätskoffer“ gehört zum Beispiel Martin Krahl, geboren im Kanton Uri, jetzt Mediziner in Berlin, der mit der NVA vorher nie etwas zu tun hatte. Eher zufällig hatte er das Gefährt unter Kleinanzeigen für 600 Euro entdeckt, mit sechs Krankenliegen drin. Seitdem schraubt er daran mit Freunden herum. Warum er dabei eine NVA-Uniform trägt? „Ist einfach praktisch hier auf dem Gelände.“ Für ihn besteht die Faszination in den „skurrilen, hässlichen Fahrzeugen, durch deren Blech jeder Schuss wie Butter gegangen wäre.“

MettiZur Hand geht ihm sein Freund Metti, 37, im wirklichen Leben adelig und Marketingexperte bei einer Bank. Er ist ein sensibler Typ, dem man nicht zutraut, dass er lieber Berufssoldat geworden wäre. Mit achtzehn war er „zum Verein“ gekommen und in drei Jahren NVA-Feldwebel geworden. „Ich war mit Herzblut Soldat. Was mir gefallen hat? Die Verlässlichkeit, die Kameradschaft, die geordneten Bahnen.“ Seine sozialistische Blauäugigkeit sei mit der Zeit gewichen, sagt er, aber Fahneneid sei Fahneneid gewesen.

Nein, Sehnsucht nach den alten Zeiten habe er nicht. In diesem Jahr sei er, der langjährige Atheist, sogar katholisch geworden. Und warum trägt dann er die Uniform? „Weil man gut drin arbeiten kann.“ Schon wieder diese Antwort. Die Frage, ob einer seiner Freizeit-Kameraden schon mal auf einen Grenzflüchtling angelegt hat, kommt ihm hier auf dem ehemaligen Militär-Objekt, in dem sogar das Vogelhäuschen mit einem Tarnnetz überzogen ist, nicht in den Sinn.

Und dann ist da der Trupp, der zum NVA-Erlebnis-Wochenende angetreten ist. Sieben Leutchen, zwei Frauen dabei. Ihr Urlaubsplan heißt: 6:00 Uhr Wecken, 6:05 Uhr Frühsport, 6:25 persönliche Hygiene, 7:15 Frühstück, 7:45 Dienstantritt. 22:00 Uhr Dienstende, ab in die Betten. Dafür zahlen sie 170 Euro. Was sie den ganzen Tag machen? Widerspruchslos gehorchen. Zu den Einzelheiten kommen wir noch.

Winfried KielerHier ist erst mal der Chef Winfried Kieler, 51. Der ist ein gedrungener, uniformierter Kraftklotz, dem das Kommando so bellend von den Lippen rutscht, als sei er als Hauptmann zur Welt gekommen. Das war auch sein letzter Rang bei der NVA. Am Eingang steht er mit einem roten und einem gelben Fähnchen in der Faust und sagt: „Herzlich willkommen in der DDR.“

Er hätte zur Bundeswehr wechseln können, aber nein, das brachte sein ganzer Zug nicht über sich. „So viel Kameradschaft entsteht bei denen im Westen gar nicht.“ Schon die Grundausbildung war im Osten beinhart. Ein NVA-Soldat bekam 80 Mark im Monat, sah seine Familie wochenlang nicht, wuchs mit seinem Zug und der Technik zusammen, lebte mit einem klaren Feindbild und dem Bewusstsein, dass auf Befehlsverweigerung Gefängnis stand. Das machte Führung leicht. Die Vorgesetzten wurden so häufig gewechselt, dass persönliche Bindungen kaum entstehen konnten, erzählt „Hauptmann“ Kieler. Es galt nur die intensive Befolgung der Befehlskette.

Nach der Wende arbeitete er zunächst im Personenschutz und kam erst 1996 auf das Harnekoper Gelände. „Da habe ich einfach mal rumgebrüllt“, sagt er. Plötzlich standen alle stramm, einige allerdings in sehr schlechter Haltung. Daraus entstand die Idee, ein Infanterie-Ausbildungswochenende anzubieten.

NVA3Es sind erstaunlich junge Leute mit glatten Gesichtern, die seitdem alle 14 Tage zum NVA-Erlebniswochenende antreten. „Sie glauben doch nicht, dass sich Alt-Offiziere durch´s Gelände scheuchen lassen?“ Politische Gründe, glaubt Kieler, haben sie keine, obwohl er das nicht genau wissen kann, denn die Frischlings-Infanteristen müssen meistens die Klappe halten. Manche wollen Spaß, andere später zur Bundeswehr, dritte „die grenzenlose Weite“ des Draußenlebens erfahren, mutmaßt er. Ihm geht es vor allem um den Drill – nach Gefühlen gefragt wird nicht, das wäre wenig soldatisch.

Wenn die „Kurzurlauber“ antreten, lächeln sie noch. „Nach fünfzehn Minuten wird aus dem Spiel Ernst. Dann grinst keiner mehr. Diskussionen gibt es nicht.“ Sie lernen strikte Unterordnung, sollen begreifen, dass sie nur gemeinsam Erfolg haben, erfahren ein enges Miteinander, schlafen in Zwei- und Dreibettzimmern in echter, kratziger NVA-Bettwäsche. Der Wecker ist eine Sirene.

Manni und KielerKieler selbst gibt sich mit „denen da unten“ inzwischen nicht mehr ab. Das macht jetzt Herr Monauf, Manni gerufen, ehemals Berufssoldat, der es bis zum Major gebracht hatte. Der NVA ist er dankbar für das Politologie-Studium und die Kameradschaft, doch er sei kritisch genug gewesen, Theorie und Praxis des Sozialismus auseinanderklaffen zu sehen. „Der 1. Sekretär der Bezirksleitung auf Usedom war ständig besoffen.“ Trotzdem war er stolz darauf, sein Land verteidigen zu können. Er ist ein netter, kugelrunder Herr und redet wie ein Dauerfeuer. „Von dem neuen Haussmann-Film hab ick einen Ausschnitt gesehen. Det is vielleicht ne Gurkentruppe, die da angeblich die NVA darstellen soll!“

Jetzt zeigt er, wie man einen Infanterie-Trupp anständig ins Gelände führt. „Ick bin Teamführer. Wat ick sahre, wird jemacht!“

Wochenend-TruppWährend die sieben Hobby-Infanteristen in Reih und Glied vor ihm stehen, Kalaschnikows im Arm, Masken und Helme mit Efeu umwickelt, todernste Augen geradeaus gerichtet, spricht Manni noch mit seiner linken Schulter, also in das Funkgerät: „Ist das Partisanenlager frei?“ Das soll umkämpft werden.

Die Truppe wird in Gruppe A und B aufgeteilt. Manni bestimmt den 2,10 m großen Klotzi, an dessen Kampfmontur alles entschieden zu kurz ist, zum Führer der Gruppe B. Die wechselt jetzt auch den Funkkanal. Die Waffen sind mit „Soft-Air-Munition“ geladen, gelben Kügelchen, die bestenfalls blaue Flecke verursachen. Jedes Trüppchen bekommt noch eine Rauchbombe in die Hand. Manni und seine Mannen haben fünfzehn Minuten Vorsprung.

Sie schlagen sich durch reife Brombeerbüsche, dickes Unterholz, es geht ins „Tal des Todes“. Einer sichert hinten, einer vorn, die Jungsoldaten schweigen eisern, Manni gibt Befehle. „Zack, in Deckung.“ Alles huscht ins Gebüsch. Die Sonne wirft friedliche Flecken auf die mit Farnen Getarnten und auf den jungen Kevin, der halb in einer Pfütze liegt.

Von fern hört man den russischen Panzer (250 Liter Benzin auf 100 Kilometer) röhrend durch das Übungsgelände brettern, vom Parkplatz dröhnt Marschmusik herüber.

Manni flüstert ins Funkgerät: „“Lautes Knacken auf 2 Uhr --- Du übernimmst Schutz rechts --- Ist die Rauchbombe in Stellung gebracht?“ Aus dem Funkgerät zirpt es zurück.

Es dauert nicht lange, da knackt es wieder. Manni duckt sich: „Das ist meiner“, und auf einmal sind die Kameraden von Trupp B „die Schweine!“ Aber Manni hat die Waffe mit der stärksten Langwirkung (60 Meter), kauert schweißüberperlt hinter seinem Baum, zielt sorgfältig. „Plopp“ macht es, und als die Schweine zurückschießen, macht es sehr oft „Plopp“. Klingt etwas lächerlich.

Weitere Funksprüche: „Sichtkontakt? --- Bei mir negativ --- pass ma schön uff die rechte Flanke uff --- die Ratten, kommen von rechts“, und an den Feind im Gehölz gerichtet droht er mit der Faust: „Du kommst nicht von rechts, das schwör ich Dir!“

„Plopp.“ Ein schwarz behandschuhter Arm winkt aus dem Farn und ruft: „Getroffen!“ Dann steht der tote Infanterist der Gruppe A auf, hebt die Hände über den Kopf und ergibt sich der Gruppe B.

Manni flucht.

Echter RauchJetzt wird die Rauchbombe eingesetzt und auf einmal sieht es hier zwischen den Pilzen wirklich aus wie Krieg, und es zischt auch, als die Rauchschwaden aufsteigen. „Gefreiter“ Rick schmeißt etwas, das wohl eine Handgranate sein soll. Es nützt ihm nichts, auch er wird getroffen und führt sich selbst ab.

Am Ende schleicht Manni allein im Wald herum, während Gruppe B noch vollständig ist. Er wird schleichend umzingelt.

Der tote Manni hatte eine LadehemmungMinuten später schreit es über den Hügel: „Ick bin tot!“, und Manni kommt durch das Dickicht gestolpert. Sein Helm sitzt schief, er rüttelt an seiner Pistole, „Ick hatte ne Ladehemmung!“, aber das nützt nun nichts, er ist hinüber und sein Kleinkrieg verloren.

Im Gänsemarsch geht es zurück zur verfallenen Kaserne, vor noch immer Luftwaffengeneräle in Jeeps hin und herfahren, kleine Pause, dann folgt das „Rückspiel“. Die Truppe schwärmt wieder aus. Es ist erst vier Uhr nachmittags. Sie werden noch sechs Stunden auf Trab gehalten. Dafür haben sie schließlich bezahlt.

 

Letzter Gruß in nicht ganz korrekter Montur

 

“Ich bin tot!” Soldatenspiele im Osten

Die Nationale Volksarmee der DDR hatte nie einen Krieg geführt. 1990 wurde sie aufgelöst. Übrig blieben verfallene Kasernen und Männer-Fantasien von der Freiheit im Geländekampf. Der wird in Brandenburg gestillt.

Text + Fotos von Gabriele Bärtels

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