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Spott über den Sport der Unsportlichen

Wenn ich jetzt morgens im Park jogge, begegnen mir Menschen in farbenfrohen Ski-Langlauf-Kombinationen. Sie üben sich in Nordic Walking, als ob sie sich in einem wüsten Land auf langer Wanderschaft befänden. Es sind nur Frauen - Männer machen sich in öffentlichen Grünanlagen wohl nicht mit Ski-Stöckchen zum Narren. Keine der Damen gerät ins Schwitzen, doch ihre Gesichter drücken äußerste Entschlossenheit dazu aus. Bald werden sie wieder verschwunden sein.
Ich bin nicht die schnellste Läuferin, und ich keuche. Meine Laufschuhe sind schrecklich neongelb – deswegen waren sie im Ausverkauf billig zu haben - und ausgelatscht. Ich stecke in einer ollen Hose, und es kann sein, dass mein T-Shirt schon ein bisschen stinkt. So ist das eben, wenn man alltäglich läuft.
 Zweimal pro Woche überhole ich eine Frau in einer Parfumwolke, die im stromlinienförmigen Puma-Dress und komplettem Make-up trainiert und zwar so: Sie guckt begeistert herum, schwenkt dabei die Arme vor sich her, eine schwache Andeutung von Säen und Ernten. Erschwert wird ihr das durch die Tatsache, dass sie am Gürtel eine 1,5 Liter-Wasserflasche trägt, wohl aus Angst, hinter der Parkbank zu verdursten. Beim Gehen setzt sie betont die Hacken auf, macht einen Kräuterweiblein-Rücken, kommt kaum vom Fleck. Vielleicht verstehe ich sie auch falsch, und sie betreibt Gehmeditation.
Die Männer, die ich hinter mir lasse, sind erstaunlich junge, füllige Herren, denen der feste Wille zur körperlichen Betätigung anzusehen ist. Leider wirken sie wie torkelnde Albatrosse, die sich zu einem Laufschritt nicht aufschwingen können. Dennoch werden sie mit gutem Gewissen heimkehren, denn sie haben eine Art geistiger Gymnastik vollbracht. Eventuell bin ich auch ungerecht, und sie sind frisch operiert und müssen sich schonen.
Bewegung außerhalb des Sportes scheint so gut wie ausgestorben. Wie viele Leute habe ich schon geschlagene fünf Minuten vor Aufzügen warten sehen, die sie im ersten Stock wieder verließen? Man fragt sich, ob es dieselben sind, die Nordic Walking in Grünanlagen betreiben. Mehr kann man ihnen wohl nicht zumuten: Sie haben seit ihrer Kindheit die Arme nicht über den Kopf, kein Bein höher als bis zum Knie gehoben und können nicht länger als eine Viertelstunde frei stehen. Sie lümmeln sich ganztägig auf Stühlen herum, liegen auf Sofas, lehnen an Wänden. Kein Nike-Hemd kann vertuschen, dass sie genauso aussehen. Wenn sie ein Zimmer betreten, wird man beobachten, dass ihnen ein sicheres Raumgefühl fehlt. Sie schwanken. Das jemand aus reiner Lust zu Fuß den fünften Stock erklimmt, nötigt ihnen bestenfalls ein Kopfschütteln ab, zu mehr fehlt die Muskelmasse.

Böte ihr Fitnessclub auf einmal integrated stair climbing an, würden sie sich scharenweise anmelden, denn ihre Nordic-Walking–Krücken haben sie dann längst im Keller versenkt. In den abenteuerlichsten Kostümierungen stürzten sie sich auf extra errichtete Stufen, angeleitet von Trainern, die ihnen empfehlen, erst mal nur bis zum zweiten Stock zu steigen. Und wenn der Reiz des Neuen vorbei ist, fallen sie wieder in sich zusammen, nur die Druckluft ihres Bürostuhls hievt ihr Kinn über die Schreibtischkante, in der Mittagspause blättern sie in fit for fun, als würde das Spannkraft erzeugen, und halten sich für normal, dabei schleifen sie bloß noch ihre aufgebenen Körper hinter sich her.
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