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Heidi go home!

Warum Fräulein Rottenmeyer in Frankfurt Karriere als Gouvernante machte, und Heidi ein Leben lang Ziegen auf der Alm melken wird. Ein Appell für weniger Niedlichkeit.

von Silke-Andrea Schuemmer

 

 

Zugegeben: Früher funktionierte das ganz gut. Auf den Zöpfen herumkauen. Ein Schnütchen ziehen. niedlich1Mit den Schultern zucken. An der Entchen-, Häschen- oder Hündchenapplikation auf dem Oberteil herumprokeln. Und wenn gar nichts mehr half: flennen. Erst hingen einzelne Tröpfchen an den langen Wimpern und schließlich strömten Sturzbäche. Wir wussten gut, wie die Oberlippe zu zittern hatte, damit das kleine Gesicht besonders hilfebedürftig aussah. Je nach Publikum unterstützten wir unsere Performance mit leisem Gewimmer oder schrillem Gebrüll. Aber meistens kam es ja gar nicht so weit. Denn unser Blick war zum Steinerweichen und in unseren kleinen Patschehändchen lag bald alles, was wir haben wollten. Wie gesagt: Das funktionierte ganz gut. Früher.

Heute sind wir doppelt so groß, sechs mal so alt, niedlich4aber aus der Mädi-Masche herauszuwachsen, ist offenbar schwieriger als Pubertät und das Verdauen eines makrobiotischen Kantinenmenüs zusammen. Ich muss fairerweise sagen, dass ich kein besonders niedliches Kind war. Nicht blondgelockt. Nicht stupsnasig. Nicht piepsstimmig. Ich lernte schnell, dass ich die gewünschten Cornflakes eher bekam, wenn ich die Mutter mit dem Werbeslogan über Ballaststoffe konfrontierte, als nach der Packung zu greifen und hingebungsvoll am Karton zu lutschen. Dass ich meine Kindergarten- und Schulfreundinnen um deren Lolitafähigkeiten beneidete, keine Frage. Dass sie mir irgendwann auf den Geist gingen, auch keine Frage.

Nie hätte ich gedacht, dass mir die spezielle Sorte Mädis ausgerechnet dort wieder begegnen würde, wo ich sie nie niedlich5vermutet hätte: in der Erwachsenenwelt. In der Uni, im Bekanntenkreis, im Büro. Gut, Zöpfe oder Hündchen und Entchen auf dem T-Shirt sind eher selten geworden, aber die Stimmen sind immer noch die gleichen. Sobald eine männliche Autoritätsperson angesprochen werden muss, verwandeln sich die toughen, qualifizierten Wonderwomen in großäugige, an Unterlippen nagende, halbe Sätze hauchende Manga-Mädels.

Das fängt schon beim Namen an. Sie nennen sich Dany, Biggi oder Susi. Sie beginnen jeden, aber auch jeden Satz, den sie während einer Diskussion quietschen, mit „ich finde“ oder „ich meine“. Gerne gefolgt von „eigentlich“. Was dann kommt, klingt wie ein Lehrtext aus dem Buch „Konjunktiv leicht gemacht“: Könnte es nicht sein, also ich meine, vielleicht wäre das ja auch so zu interpretieren, wenn man das so sehen würde.

niedlich6Kann ich mir so eine Rednerin als Geschäftsführerin eines Verlags vorstellen? Als Chefredakteurin? Als Topjournalistin? Während männliche Kollegen ihre Erkenntnisse mit einer Selbstverständlichkeit verkünden, gegen die der Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes ein vager Vorschlag ist, äußern sich Frauen mit einer Zaghaftigkeit, als sei die Berechnung einer mathematischen Formel ein irgendwie esoterisch geartetes Bauchgefühl. „Selbstverzwergung“ hat Spiegel-Autorin Mirjam Gollmitzer das genannt.

Und die Maastrichter Sprachwissenschaftlerin Vera Zegers hat in ihrer Doktorarbeit "Man(n) Macht Sprechstunde" herausgefunden, dass sich weibliche Kommunikationsstrategien von männlichen grundlegend unterscheiden. Dafür hat sie Studentinnen und Studenten im Gespräch mit Lehrenden beobachtet. Ihr Ergebnis: Frauen betonen grundlos ihre Unzulänglichkeiten, geben sich klein und unsicher. Ich hatte eine Kollegin, Mira, die aus dem Stehgreif druckreife Essays formulieren konnte, pointiert, fachkundig, die immer alle Fakten niedlich2parat und eine eigene fundierte und oft überraschende Meinung hatte. Aber sobald sie mit einem Mann redete, verwandelte sie sich in eine sandalenscharrende Elfjährige. Statt ihre Thesen zu vertreten, ihr Anliegen unmissverständlich klar zu machen, ihre Position herauszustellen, erzählte sie dem Chef, Kollegen oder Freund minutenlang, was sie alles nicht wusste, nicht konnte, nicht verstand, bis der sie schließlich genervt abfertigte. Und als eine feste Stelle zu besetzen war, wurde nicht Karin genommen, die eine Expertin gewesen wäre, sondern Joachim, für den die Bedienung des Kopierers bereits eine intellektuelle Herausforderung war. Was muss also passieren, damit wir in Führungspositionen kommen, damit man uns bemerkt, schätzt, ernst nimmt?

niedlich3Erwachsen werden. Das fängt beim Outfit an. Nichts in rosa, bleu, mint oder anderen Babyfarben. Nichts, das klimpert, schaukelt oder blinkt. Nichts auf dem T-Shirt, das Öhrchen hat. Nichts, das schon in der offiziellen Bezeichnung nur mit Deminutiven existiert, wie Söckchen, Bändchen oder Spängchen. Keine Koseformen mehr im Namen. Einer Kiki oder Tina traue ich zu, dass sie eine gute Dauerwelle legt, aber nicht, dass sie einen Wolkenkratzer konstruiert. Senkt die Stimmen auf eure natürliche Tonlage. Die sitzt im Hals und nicht direkt unter dem Gaumen. Und eine laute Stimme hat man als Frau nicht nur, um Robbie Williams den Slip vom Leib zu schreien. Nimmt man die Schultern zurück, sieht sein Gegenüber konzentriert an und reduziert das Gezappel auf ein Minimum, wirkt man sofort straffer und entschiedener. Kein „ich finde“, „ich meine“ oder „äh“. Und vor allem niemals wieder ein „eigentlich“.

niedlich7Ich kann nicht verschweigen, dass einige Männer Angst vor erwachsenen Heidis haben. Auch der Geißenpeter war ja eine Bangbüx. Aber wenn man, um im Bild zu bleiben, als gut bezahlte Star-Gouvernante nach Frankfurt will, hilft nur eins: Mehr Fräulein Rottenmeyer, weniger Heidi.

 

 

Dr. Silke Andrea Schuemmer ist Autorin, Kolumnistin und Kunsthistorikerin. Aktueller Roman: Remas Haus, Verlag Kookbooks 2004. Zahlreiche Preise und Stipendien: Aufenthaltsstipendium des Kultursenats Berlin, Arbeitsstipendium des Kultusministeriums des Landes NRW, foglio-Literaturpreis, Christine-Lavant-Förderpreis für Lyrik (A), Stadtschreiberin von Otterndorf, Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis für Literatur, 2. Platz Gratwanderpreis der Zeitschrift Playboy, 2. Platz Literaturwettbewerb der Akademie Graz, Walter-Serner-Literaturpreis 2005, Agatha-Christie-Krimipreis 2007

 

 

 

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