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Als Gott den Mann schuf, übte sie bloß

Der NeoKreationismus, der in den USA gefährliche Verbreitung findet, schwappt jetzt auch nach Deutschland

Praxisplauderei von Maria Fangerau

 

 

neokreationismus1Ich bin Naturwissenschaftlerin, durch und durch, und lebte bisher in der Annahme, dass der Mensch ein intelligentes Wesen sei, dessen Großhirn sich aus affenartigen Vorstufen über Hominidengröße diverser Ausführungen zum perfekten, emotionalen Computer entwickelt hat. Um es einfacher auszudrücken: ich bin eine Anhängerin der Darwinschen Evolutionslehre und ging eigentlich grundsätzlich davon aus, dass dies seit der Aufklärung die vorherrschende Geisteshaltung wäre. Zugegeben, ich stamme nicht nur von einem Affen, sondern auch von einem Pfarrer ab, dies sogar in direkter Nachkommenschaft, und dennoch bin ich geneigt, mich aufzuregen über das, was mal wieder aus der schönen Neuen Welt zu uns herüber schwappt, den so genannten NeoKreationismus.

Wunderbar neudeutsches Wort für die Jahrtausende alte Schöpfungslehre, mag man denken, ein regelrecht modern-windschnittiges Marketing-Branding, das die konservative, nahezu gefährlich bigotte Einstellung, welche dahinter steht, verschleiert. Diese legt uns nahe, der Bibel wort-wörtlich zu glauben, was zu einer Romantisierung, wenn nicht gar Literarisierung des Biologieunterrichtes führen wird, wenn es nach dem Willen der hessischen Kultusministerin Karin Wolff geht.

neokreationismus

Ich habe nichts gegen Romantik, und noch mehr liebe ich die Literatur, aber ich habe ganz entschieden etwas gegen eine Verdummung der Menschen und eine rückwärtsgerichtete Moral. Denn wo soll das alles nur hinführen, wenn man jedes Wort, das in dem Buch der Bücher von unbekannten Verfassern verzapft wurde, für bare Münze nähme? Und was, um Himmels Willen, bedeutet in diesem Zusammenhang der NeoKreationismus für uns Frauen?

Vielleicht, dass wir nur deshalb einen Hang zu Blumen, Parfums und Duftwässerchen haben, weil wir unser Leben lang noch den Schweiß des Mannes riechen, unter dessen Achsel wir aus den Rippen geschnitten wurden?

Aber mal im Ernst:

Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass alles menschliche Leben zunächst auf seine weibliche Version hinausläuft: Im Grunde sind die Embryonen in der sechsten Schwangerschaftswoche noch Zwitterwesen, beides ist möglich, männlich und weiblich. Die weiblichen Sexualorgane entwickeln sich aus dem so genannten Müllerschen Gangsystem, die männlichen sind parallel dazu im Wolffschen Gangsystem angelegt. Nun würde JEDER Embryo automatisch seine Müllerschen Gänge weiter entwickeln (und damit zwangsweise zur Frau werden), gäbe es da nicht ein im Y-Chromosom verankertes Müller-Gang-Inhibin oder auch H-Y-Antigen, welches die Ausprägung der Weiblichkeit aktiv verhindern muss, um dem Manne zum Durchbruch zu verhelfen. Fehlt dieses Inhibin, sieht ein genetischer Mann (46XY) unten rum aus wie eine Frau.

Und das bedeutet doch alles nichts anderes, als dass es sich, freundlich formuliert, nur um ein Missverständnis handeln kann, wenn an der verstaubten Behauptung festgehalten wird, Eva stamme von Adam ab, die Frau sei aus dem Manne gemacht. Denn in Wirklichkeit verhält es sich exakt anders herum, der Mann geht aus der Frau hervor, und das auch nur, wenn seine Inhibine stimmen!

Und was ist in diesem Zusammenhang von der unbefleckten Empfängnis Mariens zu halten, frage ich mich besorgt. Wenn es, um schwanger zu werden, ausreicht, dass ein Engel daher kommt und zu uns spricht, wir trügen des Herren Sohn in uns, dann genügte es vielleicht auch, wenn, bei großzügiger Auslegung der Geschichte, der blondgelockte Nachbarssohn sagt: Du trägst das Kind des Herrn Meier, Müller, Schmidt. Denn wer definiert überhaupt, was ein Engel ist? Was wiederum die Frage aufwirft, ist der Engel männlich (Erzengel der Bibel) oder weiblich (tradiertes Werbemodell) - doch führt das zu weit.

Wenn es also so einfach wäre, dass üble Nachrede bereits eine Schwangerschaft zur Folge hätte, dann würde das einerseits unsere Rentenprobleme lösen, andererseits zu einem massiven Anstieg von Schwangerschaftsabbrüchen führen, was in seinen Auswirkungen auf die Gesundheit der Frauen und des Versicherungssystems nicht abzusehen ist, von der Moral ganz zu schweigen.

neokreationismus1Und natürlich gibt es eine ganze Fülle von problematischen biblischen Beispielen, wie die alte Sara, die mit 60 noch schwanger wurde und die Fruchtbarkeitsspezialisten arbeitslos machen würde, Delia, die mit dem Abschneiden von Simsons Haarpracht seine Kräfte raubte und jeden Friseurschuppen in die Pleite triebe, oder der Königssohn Ammon, der seine Schwester Thamar vergewaltigte. Wer wollte einer solchen Gesellschaft, wie der in der Bibel dargestellten, schon nacheifern!

Stimmt eine Kultusministerin in den Chor der Neokreationisten mit ein und ruft zu haarkleiner Beachtung der Bibelgeschichten auf in einer Art und Weise, die jede Form intelligenten Denkens verspottet, dann bekommt das zwangsläufig politische Dimensionen. Und angesichts ihrer Naivität, mit der sie anscheinend die alttestamentarischen Metaphern und Fabeln nicht zu deuten weiß, ist es kein Wunder, wenn es mit dem hessischen Schulsystem nicht gerade weit her ist. Ob da allerdings der Herrgott hilft ...?

Den verzagten Sitzenbleibern des vergangenen Schuljahres sei an dieser Stelle zunächst ein dreifaches Ave Maria empfohlen. Man weiß ja nie, und sicher ist sicher, wenn in Zukunft der Glaube nicht nur Berge versetzt ...

 

 

GoettinMaria Fangerau ist Fachärztin für Frauenheilkunde, Ärztin für Naturheilverfahren und Autorin. Ihr erster Roman ”Göttin in Weiß” erschien im Herbst 2005 im Iatros-Verlag. Ihr nächstes Buch “Aus Angst und Mut und Liebe”, eine Sammlung mit Kurzgeschichten, erscheint im Sommer 2007. 

 

 

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