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Nabendynamo

Mutterglück von Verena Schmitt-Roschmann

 

 

nabendynamo1Der Typ vor der Post war etwa so groß wie Lech Kaczynski, auch sonst dem polnischen Präsidenten äußerlich nicht unähnlich, vielleicht etwas älter. So um die 65.

Wie ist das denn jetzt“, fragte er und deutete auf mein Fahrrad, muss da jetzt eigentlich ein Licht dran sein?“ Ich fand die Frage nicht ganz schlüssig, weil sich meiner Kenntnis nach die Straßenverkehrsordnung in den vergangenen dreißig Jahren nicht verändert hat, mehr überblicke ich nicht, aber ich würde sagen, ja, schon ganz schön lange müssen an Fahrrädern vorne und hinten Lichter dran sein. Eigentlich hätte mir an diesem Punkt klar sein müssen, dass das ein seltsames Gespräch wird. Aber ich bin ja immer so ernsthaft.

Also sagte ich: Ja, ich glaube, da hat sich in letzter Zeit nichts geändert. Wenn Sie noch kein Licht an Ihrem Rad haben, können Sie ja auch eins zum Aufstecken nehmen, das müssen Sie halt immer wieder abmachen, damit es nicht geklaut wird.“ Der Mann zeigte sich beeindruckt, aber auch etwas verwirrt.

Moment mal“, hub er an.

Doch da war ich dran. Wir warteten nämlich beide in der Schlange vor dem Geldautomaten an der Post. Unser Gespräch wurde jäh unterbrochen.

Was aber noch nicht das Ende war.

Meine Frau möchte nämlich, dass ich Rad fahre. Weil das gesund ist“, sagte er, als ich mein Geld einsteckte.

nabendynamoIrgendetwas an dieser rührenden Aussage ermunterte mich, ihm alles zu erzählen, was ich über Fahrradbeleuchtungen weiß. Das ist nicht viel.

Aber, immerhin, mein Rad hat einen Nabendynamo, was eine fantastische Erfindung ist, dieses komische Surren entfällt und das extradolle Strampeln. Einfach Schalter an, losfahren, und es leuchtet.

Das da zum Beispiel ist ein Nabendynamo“, sagte ich.

Er zog die Augenbraue hoch.

Jetzt nehmen Sie mich aber auf den Arm...“ schäkerte er. Das gibt’s doch gar nicht.“ Er war dran mit Geldabheben.

Jetzt halt, das müssen Sie mir erklären“, meinte er, einen Moment noch, bis ich hier fertig bin.“ Über uns braute sich ein Gewitter zusammen. Ich hatte nicht die geringste Zeit. Ich dachte: Große Güte.

Aber es war noch nicht das Ende.

So“, sagte er, und stopfte seinerseits die Scheine in die Brieftasche, jetzt sagen Sie noch mal, das da soll etwas mit dem Licht zu tun haben?“ Er deutete auf mein Vorderrad.

Ich versuchte es noch einmal. Jetzt fielen schon die ersten Tropfen.

Ich machte meine Ausführungen nicht allzu lang.

Als ich ausgeredet hatte, blieb er einen Moment stumm, dann wurde er feierlich.

Wissen Sie, was mir am meisten Angst macht?“ fragte er und setzte eine kleine Kunstpause, um seinen Charme wirken zu lassen. Was mir Angst macht, sind intellektuelle Frauen.“ Das tut mir leid“, sagte ich und versuchte, mich zu erinnern, wie ich in diesen Irrsinn hineingeraten war. Ich lachte gequält, nur so.

Muss jetzt los“, sagte ich und stieg aufs Rad.

Doch er machte einen Schritt auf mich zu und sagte getragen: Ich wünsche Ihnen alles Gute, und viel Glück. Und bleiben Sie so, wie Sie sind.“ Hatte nie was anderes vor.

nabendynamo2Na klar“, sagte ich, ich muss jetzt wirklich los.“ Aber einen hatte er noch.

Ich hoffe nur, Sie finden mal einen Mann, das ist ja nicht ganz leicht für eine wie Sie, und sie wollen doch vielleicht auch mal heiraten...“ Wissen Sie was, ich bin verheiratet.“ Ja, ich gebe es zu, es war kleinkariert und mittelmäßig. Was red ich hier, ich hätte einfach losfahren sollen. Ich habe drei Kinder.“ Das war´s.

Seitdem liegt Lech Kaczynski als Käfer auf dem Rücken vor unserer Postfiliale und strampelt hilflos mit den Beinen.

Wie gesagt. Es war peinlich. Es war billig. Aber es ging mir tatsächlich noch eine Weile nach.

Ich habe die Vorzüge des Nabendynamos verstanden und drei Kinder zur Welt gebracht. Das ist doch schon einmal ein erster Schritt.

 

Alle Mutterglück-Glossen von Verena Schmitt-Roschmann, Journalistin und Mutter von drei Kindern finden Sie hier ...

 

 

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