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Mücken jonglieren

Perlen des Alltags von Gabriele Bärtels

 

 

Schon im Frühjahr las ich mit Sorge, dass eine Mückenplage zu erwarten war. Beim bloßen Gedanken wurde ich schon hysterisch. Ich bin nämlich die, die nicht geschenkt ein zweites Mal nach Australien reisen würde, dem Kontinent der Fliegen, welche dort zehnmal häufiger sind als alle Kaninchen, Känguruhs, Schafe und Sandkörner zusammen.

muecke1Ist ein Insekt im Anflug, verwandele ich mich in einen Truthahn auf Brautschau, hüpfe, schlage wild um mich, renne im Zickzack und im Kreis, um nicht zum Landeplatz zu werden, das fiese Kribbeln nicht zu spüren, kurz vor dem brennenden Stich.

Genauso wurde es dann auch, als der Sommer begann. Man sieht sie erst nicht, die Viecher, sie sind ja zart, fast durchsichtig, wiegen nicht mehr als ein Stäubchen. Aber wenn sie an meinem Ohr vorbeisausten, klang ihr Surren wie ein rasender ICE mit einem Stachelrochen auf der Haube, und ich duckte mich weg, fuchtelte mit den Armen, um sie noch zu erwischen, doch sie waren weggetaumelt und ich, die irre um sich blickte, entdeckte die Angreifer nicht mehr, schüttelte Kleider und Haare aus, bis die Schuppen herausrieselten, meine Eingeweide und Nervenstränge zitterten.

Ich hasse die Leute, die in so einer Situation sagen: „Komisch, auf mich gehen sie nicht.“

Es wurde also Juli, und die Mücken vermehrten sich im Schnellballsystem. Fenster und Türen luftdicht zu verschließen, war bei der Schwüle keine Alternative, so gewöhnte ich mir an, abends vor dem Fernseher rhythmisch zu zucken, alle zwei Minuten mit der Programmzeitschrift bewaffnet um meine eigene Achse zu kreisen, denn der eine IQ-Punkt, über den Mücken verfügen, reicht immerhin, sie zu veranlassen, sich stets hinter meinem Rücken aufzuhalten.

muecke2Mein Bett war nicht länger mein Ruhepol, sondern stand auf einer brüchigen Hängebrücke über einem reißenden Fluss. Hier findet keiner mehr in den Schlaf, weil überall unter seiner Haut kleine, grellrote Warnsignale fiepen. Ich wickelte mich in meine Decke wie eine Mumie aus dem Tal der Könige, kein Fingerknöchel schaute mehr heraus, doch das leichteste Jucken reichte, mich in Gefechtsbereitschaft zu versetzen, und so stand ich wiederholt aufrecht an der Bettkante wie ein Zinnsoldat beim Rapport. Eines Nachts, kurz vor Sonnenaufgang, reif für eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie, erbrach ich das Siegel der Wodkaflasche, die mir mal einer geschenkt hatte, stürzte das Zeug herunter, taumelte zurück ins Bett, das plötzlich wie ein Doppelbett aussah, versank in trunkene, gnädige Bewusstlosigkeit. Bis zum Morgen konnten die Mücken mit meiner Schnapsleiche machen, was sie wollten.

Als ich eines Sommertages feststellte, dass die 2-Liter-Flasche halb leer war, sich die Leute wegen meiner Fahne angewidert abwandten, sich in allen Ecken Insektengerippe und lose Flügel häuften, und ich abwechselnd unter Schlafentzug und Katerkopfschmerz litt, blies ich zum Gegenangriff.

In der Apotheke sagte ich: „Ich will zehn Packungen vom giftigsten, stinkendsten, tödlichsten Mückenmittel, das Sie haben. Und wenn ich dabei mit draufgehe, ist es mir auch egal.“

Im Globetrotterladen sagte ich: „Ich will das feinmaschigste, längste und breiteste Moskitonetz, das auf Lager ist, und wenn ich mich darin verfange und selbst stranguliere, ist es mir recht.“

Im Radio warnte ein Experte, dass die Plage sich weiter verschärfen werde.

Ich mache es jetzt so: Um den Mücken ihre feuchten Brutstätten zu nehmen, föhne ich abends das Badezimmer trocken. Beim Fernsehen steht vor mir ein Ventilator, der einen Dauerorkan produziert. Ich habe zwar Zug gekriegt und einen steifen Hals, aber nur noch die allerstärksten, verwegendsten Plagegeister dringen gegen den Sturm bis zu mir vor. Ich sitze in grellem Licht, um sie gut zu sehen, und meine Taktik, sie zwischen den Händen aus der Luft abzuklatschen, habe ich ins Artistische verbessert, so dass ich die Ungeheuer eine Weile jonglieren kann, bevor ich sie mit einem donnernden Applaus ins Jenseits befördere.

muecke3Meine Zu-Bett-geh-Zeremonie dauert jetzt etwas länger. Jeder Winkel meines Körpers mit Mückenmittel besprüht, eine chemische Wolke ausdünstend, schlüpfe ich im langen Pyjama und dicken Socken durch den zentimeterschmalen Moskitonetz-Einstiegs-Spalt. Glücklich auf meiner Matratze gelandet, schließe ich ihn sofort wieder. Den Schalter meiner Nachtischlampe verlegte ich durch den Lattenrost unter mein Kissen, die Nase halte ich mir zu, Wachskügelchen verstopfen meine Gehörgänge.

Es ist August, und ich kann im Bett wieder lesen, ohne mich bei jedem Komma zu unterbrechen, um panisch mit den Beinen zu strampeln. Durch das feine, weiße Netz sehe ich die feindliche Umgebung nur gepünktelt. Die Mücken haben sich wieder vermehrt, ich kann sehen, wie wahre Kohorten auf dem Baldachin herumkrabbeln, wie ihre dürren Hinterteile zucken, ihre Stachel schnüffeln. Sie suchen einen Eingang. Sie werden ihn nicht finden. Ich habe die Säume des Moskitonetzes mit Silikon unter der Bettkante verklebt.

 

 

 

 

 

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