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“Suche Millionär”

Wird ein Märchen wahr?

von Gabriele Bärtels

1.

24 war Annette, als sie diese Anzeige aufgab. Und nicht etwa in der ZEIT, wie man meinen sollte, oder in der Frankfurter Allgemeinen, sondern in der Zweiten Hand, einem Berliner Kleinanzeigenblatt. Dort stand sie in der Rubrik "Feste Partnerschaften", direkt unter den Umzugskartons. Was daraufhin geschah, erzählt diese Geschichte. Aber erst müssen wir wissen, wer Annette eigentlich war.

Sie kam aus dem Osten, hatte dort eine Ausbildung zur Grundschullehrerin absolviert und arbeitete, solange sie keine Stelle bekam, in einem Berliner Kindergarten. Sie mochte diese Arbeit nicht und hatte außerdem ständig Streit mit einer Kollegin. Morgens in der U-Bahn betrachtete sie Frauen um die 50. Abends die gleichen Gesichter. Annette fand sie müde und grau. "Wer wird mich noch gut finden, wenn ich eines Tages so aussehe?" fragte sie sich.

Sie dachte an ihre Mutter, die sie nach der Arbeit großgezogen hatte. Sie dachte an ihre Grossmutter, die immer zuhause gewesen war. Wenn in einer Ehe beide berufstätig und abends unzufrieden sind, gab es immer Streit, fand Annette. Und Annette war unzufrieden. Sie wusste, welche Art von Leben ihr besser gefiel. Sie wollte zuhause sein, ein Kind haben, am besten als Frau eines wohlhabenden Mannes. Es musste was geschehen. Sie brauchte einen neuen Start. So also kam die Kontaktanzeige in die Zweite Hand. Direkt unter die Umzugskartons.

 

2.

Drei Briefe erreichten Annette. Der erste war voller Rechtschreibfehler. Der zweite gab als Adresse nur ein Postfach an. Unseriös, dachte Annette und war froh, dass sie sich hinter ihrer Chiffrenummer verstecken konnte. Im dritten Brief standen nur wenige Sätze: "Ich glaube, dass ich auf Ihre Anzeige in Frage komme." Name, Adresse, Telefonnummer.

Am nächsten Abend wählte Annette die Nummer. Eine tiefe Stimme meldete sich. Der ist älter als ich, dachte Annette. Fünfzehn Jahre waren es genau. In diesem Telefongespräch erfuhr sie noch vieles. Es dauerte drei Stunden. "Ich konnte bequem sitzen", erzählt Annette. "Und er auch. Ich hätte jederzeit auflegen können und dann hätte er nie wieder etwas von mir gehört." Sie hat Fragen gestellt. Er hat geantwortet. Er hat Fragen gestellt, sie hat geantwortet. Ganz sachlich. Und zwischendurch haben sie viel gelacht. "Ich will heiraten", sagte Annette, "Und ich will ein Kind." Das mit dem Kind wollte er nicht. Er erzählte ihr, dass er ein Speditionsunternehmen besitze: Zapf - Umzüge. Davon hatte Annette noch nie gehört. "Jeder kann sagen, dass er seriös ist, aber ob das dann auch stimmt?"

Was andere sich erst nach Wochen zu fragen trauen, haben sie gleich abgeklärt. Die Familienverhältnisse. Sein Einkommen. Er stellte fest, dass er sehr viel arbeite und dass das auch in Zukunft so sein würde. Sie stellte fest, dass sie in Zukunft nicht mehr arbeiten wollte. Sie entdecken ein gemeinsames Hobby: Lesen.

Nach dem dritten Telefongespräch verabredeten sie sich ins Theater. Annette kam mit dem Taxi. "Bleiben Sie kurz stehen, vielleicht komme ich gleich wieder", sagte sie zum Fahrer.

Und dann traf sie Klaus im Foyer. Einen Bauch trug der vor sich her und einen Bart im Gesicht. Darüber wache, intelligente Augen. Er redete schnell. Annette nicht. Sie war verlegen und froh, dass sie in der Pause über das Stück sprechen konnten. Erst als sie danach essen gingen, kam die Unterhaltung wieder richtig in Gang. Schließlich wussten sie schon einiges voneinander. Sie besprachen nun die Kinderfrage. Er wollte keins, da blieb er fest. Sie sagte: "Ok, vorläufig nicht." Man blieb beim Sie. Als sie sich verabschiedeten, gab er ihr Geld für das Taxi.

Und Annette war froh, als sie zuhause ankam. "Ich konnte in Ruhe überlegen: Wie war´s denn so gewesen?"

Nett genug, dass sie sich zu einem zweiten Treffen bereit erklärte. Spazierengehen am Samstagnachmittag. Sie wartete am Eingang des Parks. Doch Klaus erschien nicht. In diesem Moment der Enttäuschung merkte Annette, dass er ihr gefiel. Später stellte sich heraus, dass er beruflich verhindert gewesen war und Annette nicht erreichen konnte.

Beim dritten Treffen gingen sie dann doch spazieren. Und schließlich in Klaus Wohnung. Dort saßen sie sich im Wohnzimmer gegenüber. Und plötzlich sagte Klaus: "Also, wenn Sie mir versprechen, dass ich nie mit in den Urlaub fahren muss, würde ich Sie gern heiraten." Annette erschrak. Dann sagte sie Ja. Danach gaben sich Klaus und Annette ihren ersten Kuss.

 

3.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Hier hören die Märchen auf und die Wirklichkeit beginnt. Leben sie denn noch heute? Und wenn ja, wie?

Annette hatte nach dem Heiratsantrag noch genau einen Tag gearbeitet. An diesem Montag eskalierte der Streit mit ihrer Kollegin. Sie rief Klaus auf dem Handy an und sagte: "Ich will aufhören." Eigentlich war ausgemacht, dass sie es noch ein halbes Jahr aushält. "Gut", sagte Klaus nach einer Pause. "Wenn Du mich nicht nervst und die Verantwortung für Deine Freizeitgestaltung selbst übernimmst."

"Ich bin sonst so zögerlich. Aber man muss ja mal was wagen", erzählt Annette später.

Sechs Monate später heirateten sie.

Zuerst stand Annette später auf, ging lange einkaufen, verbrachte eine Woche in einer Schönheitsfarm. Sie hatte ihr eigenes Konto, auf das Klaus jeden Monat einen festen Betrag überweist, und er fragte sie nie, was sie damit machte. "Die Gier ist schon befriedigt. Jetzt sind die Schränke voll und mit den Möbeln, die wir haben, wollen wir sterben. Ich kaufe nicht aus Langeweile." Sie ging schwimmen, in die Sauna, spielte Klavier auf dem neuen, weißen Flügel, fand Freundinnen, mit denen sie von nun an zweimal im Jahr in den Urlaub fuhr. Manchmal spürt Annette, wie neidisch manche Frauen waren, wenn sie sagten: "Was tust Du bloß den ganzen Tag?" Oder: "Du hast ja Zeit, dann mach das doch mal."

Die Schattenseiten: Irgendwann stellte Annette fest, dass sie in Gefahr geriet, zu vergammeln. "So richtig effektiv tut man ja nichts. Man zögert Sachen hinaus, erledigt sie nicht so schnell." Wenn die Freundinnen sie nicht mitgerissen hätten, zu Börsenseminaren, Ausstellungen, wäre sie manchmal mittags um eins noch nicht richtig angezogen gewesen. Aber schließlich begriff sie: Es lag an ihr, was sie aus ihren Tagen machte.

Sechs Jahre sind Klaus und Annette nun verheiratet und seit acht Monaten gibt es auch noch Alma, die zufrieden lächelnde, gewindelte Tochter. Seitdem bestimmt das Kind den Rhythmus. Aber Annette hat immer noch Zeit genug für sich. Vier Tage in der Woche hilft ein Kindermädchen und eine Haushaltshilfe. Hausfrau sei sie nicht, sagt Annette. Sie sei Haushaltsmanagerin.

Annette ist eine zierliche Frau. Sie trägt ihr Haar lang und hat schöne Augen. Sie spricht und bewegt sich langsam. Manchmal wirkt sie ein wenig schüchtern, empfindlich, zerbrechlich, dann lächelt sie wieder über etwas, ihre Augen leuchten und Stärke blitzt darin auf. Sie sitzt an einem großen Tisch in der geräumigen Altbauwohnung mit gelb-lackierten Wänden ("unsere Lieblingsfarbe"), weißen Ledersesseln und Ölgemälden. Die Wohnung hat Witz und Charme und ist von der Unordnung geprägt, die ein kleines Kind in jeden Haushalt bringt.

Rückblick: "Wenn mich jemand fragen würde - ich würde es jederzeit wieder so machen. Klaus hat sein Wort gehalten. Und ich meines auch. Ich lasse ihn in Ruhe, wenn er arbeiten will und das ist eben meistens so. Dafür hat er mir alle Freiheiten eingeräumt. Manchmal fast zuviele. Er ist auch gar nicht eifersüchtig. Hin und wieder nervt er mich schon, vor allem, wenn er abends durch die Fernsehprogramme zappt. Und wenn er sein Essen in zehn Minuten herunterschlingt. Und wenn er zuviel trinkt und dann auch noch damit kokettiert! Wir haben wenig Zeit zusammen. Er geht selbst am Sonntag noch einen halben Tag arbeiten. Ich glaube, ich nehme mehr Rücksicht auf ihn als er auf mich. Aber er ein sehr guter Vater und nimmt auch mal die Kleine, wenn ich abends allein weg will."

Im Flur wird es laut. Eine Männerstimme dröhnt. "Das ist Klaus, er kommt mittags oft kurz vorbei und holt die Post ab." Die Tür geht auf, und ein stämmiger Mann stürmt herein, erfüllt den eben noch stillen Raum mit Eile, Lautstärke, Lachen, Hektik. Annette wird rot, als er ihr einen Kuss gibt. Und dann setzt er sich an den Tisch und reisst die Briefumschläge auf und das Kindermädchen bringt Alma herein, die umklammert den Zeigefinger ihres Vaters und dann steht er schon auf "Tschüs, meine Süße", und lacht noch einmal und Annette mit, und dann ist er schon wieder weg.

Halt, Halt, was sagt er eigentlich zu der ganzen Geschichte?

 

4.

Das erzählt er am Sonntag früh um Neun im Büro. Alle anderen Schreibtische in diesem riesigen Raum sind unbesetzt. Klaus Zapf sitzt an einem Schreibtisch, der sich in nichts von denen seiner Mitarbeiter unterscheidet, die Hemdsärmel hochgekrempelt bis zum Oberarm. Hosenträger überspannen seinen mächtigen Bauch. Ein Bart im Gesicht, eine Schirmmütze auf dem kurzgeschorenen Kopf, dazwischen sitzen diese wachen, sensiblen, schnellen, neugierigen Augen. Er ist ein Mann, der zupacken kann, aber mit Überlegung.

Eine kurze Ehe hatte er schon hinter sich. Eigentlich wollte er nicht mehr heiraten. Es geht auch ohne diesen Zirkus, fand er. Die Anzeige fiel ihm nur auf, weil sie direkt unter den Umzugskartons stand. Er ist ein neugieriger Mensch. Wer ist denn das? fragte er sich und schrieb ihr diesen kurzen Brief, den wir schon kennen.

Warum hat er denn nun doch gleich geheiratet? Er lächelt: "Die Alte wollte es so haben, weil sie sonst keinen Stand hat und keine Rechtssicherheit. Sie hat klar gesagt, was sie wollte. Ich habe darüber nachdenken dürfen."

Das hat ihm imponiert, diese Enschlossenheit. Und außerdem: "Es gibt nur noch wenige Bereiche im Leben, die Türen haben, hinter denen man sich seine Träume bewahren kann. In der Liebe geht das, denken die Leute. Oft verlieben sie sich, um sich selber zu erhöhen. Eine Zeitlang träumen sie dann ungestraft. Früher wurden die Ehen gestiftet. Mir ist nicht bekannt, dass die Scheidungsrate höher war als jetzt. Eine Beziehung besteht vor allem aus klaren Worten und Organisation. Liebe ist so was wie Glück. Kein Dauerzustand. Man empfindet es in Sekundenbruchteilen. Diese klare Verabredung mit Annette. Das wollte ich mal ausprobieren. Das Vertrauen ist in den Jahren gewachsen. Die Liebe auch."

Erinnerung. "Annette war von großem Misstrauen beseelt. Das größte Problem war, dass es keine Kontoauszüge gab, von denen sie die Million ablesen konnte. Vor dem ersten Treffen musste ich ihr erst mal einen Scheck schicken, für Klamotten." Er hört nicht auf zu grinsen. "Die geht ja kess ran, dachte ich. Aber ich bin ja Unternehmer. Und dass man Werbung machen muss, hat mir eingeleuchtet."

Aber heute ist Annette finanziell vollkommen von ihm abhängig. Das kann doch keine gleichberechtigte Beziehung geben? Klaus Zapf lehnt sich im Stuhl zurück. "Ich weiß nicht, ob sie abhängig ist. Wir haben einen vernünftig gehaltenen Ehevertag. Ich kann sie nicht rausschmeißen. Sie hat einen Dauerversorgungsanspruch." Und er setzt hinzu: "Wenn das nicht geklärt wäre, würde das Ding doch gegen die Wand laufen."

Wie ist er zu dieser Einstellung gekommen?

"In meinem Beruf sehe ich hinter viele Türen. Man kann den anderen Menschen viel abgucken. Große Spinnereien können sich da gar nicht einstellen. Die meisten Beziehungen gehen wegen Geld in die Brüche."

Und seine Ehe mit Annette? Kann die nicht in die Brüche gehen? "Warum soll das kaputtgehen? Das geht so lange, bis ich sterbe. Klar gibt es Konflikte. Wir sind verschieden. Annette geniesst gern und stellt sich dar. Ich arbeite lieber und habe zur Selbstdarstellung gar keine Lust. Man muss einander leben lassen, sonst würde man ja verzweifeln. Und ich finde es auch besser, wenn man sich ergänzt, als wenn man eine zu grosse Ähnlichkeit miteinander hat. Das erweitert den Horizont. Man gewinnt was dazu. Wir tauschen uns stark aus. So wächst das Verständnis füreinander. Und außerdem: Wenn Du keinen Humor hast, dann platzt Du doch. Annette kann sich wie ein Terrier in ein Thema verbeissen und lässt nicht locker. Und wenn ich dann engagiert meinen Standpunkt vertrete, dann sagt sie: "Siehst Du, Du schreist." Dann muss ich lachen."

Und wie ist nun das Kind auf die Welt gekommen? Das wollte er doch nicht? "Am Anfang habe ich nicht gesehen, wie ich das unter einen Hut kriegen sollte. Und Annette wollte ich erst noch besser kennenlernen. Mit der Zeit ist das Vertrauen aufgekommen. Da haben wir es eben gebacken. Annette hat es als Kind nicht immer gut gehabt. Unser Kind soll schöne Erfahrungen machen."

Jetzt muss er aber wieder arbeiten. Klaus Zapf dreht sich zum Schreibtisch um und greift nach dem Telefonhörer.

 

5.

Zurück zu Annette.

Die reicht die quietschende Alma an das Kindermädchen weiter und setzt sich noch mal hin. Nein, den Traummann, der sie vor dem Alltag rettet, hat sie nicht gesucht und das ewig währende Glück nicht gefunden. "Es ist nicht das Goldene vom Ei und auch nicht alles irre. Aber wir sind zufrieden."

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