Wir sind ein modernes, aufgeschlossenes Team von Mitarbeitern und arbeiten Hand in Hand. Manchmal brauchen wir aber auch Tesafilm, Büroklammern oder Druckerpapier.
Das Büromaterial verwaltet die Sekretärin. Dafür hat sie einen Schrank aus Stahl, zu dem es nur zwei Schlüssel gibt. Der eine liegt im Safe, den anderen trägt sie an einer Kette um den Hals. Je nach Status muss man unterschiedlich lange betteln, bevor sie sich entschließt, ihr Füllhorn auszuschütten.
Die Sekretärin sitzt im Vorzimmer und blättert im Katalog eines Büromaterial-Lieferanten. Mit strengem Blick mustert sie den Bittsteller. “Was, schon wieder? Sie haben doch erst letzte Woche eine Schachtel mit tausend Büroklammern bekommen. Was machen Sie damit?” Der Bittsteller mag ihr nicht gestehen, dass er sie beim Telefonieren auseinanderbiegt - er hat vor einer Woche mit dem Rauchen aufgehört.
Stattdessen stottert er: “Kollege. Hat mich gebeten ...”
“Das geht nun gar nicht”, stellt die Sekretärin fest, “Sie sollen sich untereinander nicht aushelfen. Wie soll ich da den Überblick behalten?”
Der Bittsteller schaut von unten nach oben, und die Sekretärin ist nicht aus Eisen. Für diesen Herrn hat sie schon immer eine Schwäche gehabt. “Weil Sie es sind”, sagt sie und ihre Stimme wird tatsächlich eine Nuance weicher. Sie schließt den Schrank auf.
Staunend steht der Bittsteller vor den Regalen, in den sich die Schätze türmen. Hefter in allen Farben. Entklammerer. Karteikartenreiter und Papierscheren. Kugel- und Filzschreiber, Bleistifte und nagelneue Locher. Alles akkurat gestapelt und mit Beschriftung versehen. Schon klappt sie den Schrank wieder zu.
“Da fällt mir ein”, sagt der Bittsteller, “mein Locher quietscht und außerdem hat er keine Leiste, so dass ich die Blätter immer knicken muss.”
“Wo haben Sie denn den her?” fragt die Sekretärin und drückt ihm ein Päckchen mit Büroklammern einfachster Ausführung in die Hand. “Der muss ja zehn Jahre alt sein.”
“Ist er”, beeilt sich der Bittsteller zu sagen, “ich habe mit schwarzem Edding meinen Namen darauf geschrieben, ihn mit Paketschnur an der Lampe festgebunden und ihn abends in die Schublade geschoben.” Soviel Sorgfalt muss sie doch beeindrucken. “Kann ich also einen neuen haben?”
“Bringen Sie mir erst den alten, wir wollen doch mal sehen, ob ein Tropfen Nähmaschinenöl das Quietschen nicht abstellen kann.”
Der Bittsteller schleicht davon. Wilde Phantasien bemächtigen sich seiner, während er über einem neuen Strategiekonzept brütet. Überfallen wird er sie von hinten. Sie mit Paketklebeband an den Stuhl fesseln. Ihr den Mund mit Tesafilm zukleben und vor die Augen gelbe Klebezettel hängen. Ihr die Kette mit dem Schlüssel vom Hals reißen, den Schrank aufschließen, mit beiden Armen neue Ordner zusammenraffen und Buchstabenregister in grün, gelb und rot. Mit aufgesperrten Ohren soll sie zuhören, wie er Disketten stapelt, eine neue Schreibtischunterlage wegschleppt, und kistenweise die teuren Filzschreiber, von denen sie ihm nie einen gibt. Da, unten, hinter den Karteikästen, da steht sogar ein Duden mit neuer Rechtschreibung, originalverpackt. Den legt er obenauf. Er wird die Beute in sein Zimmer schaffen, mit einem Arm den alten Schrott von der Schreibtischplatte wischen und sich endlich neu einrichten, farbig, modern, auf der Höhe der Zeit.
Dann wird er fröhlich pfeifend zurückspazieren, ein erschrockenes Gesicht machen, die Sekretärin befreien und mit ihr nach dem Schuldigen suchen. Zum Dank wird sie ihm einen neuen Taschenrechner schenken, und er wird ihr nicht erzählen, dass er schon einen hat.
Gedacht, getan. Entschlossen zieht er sein Jackett aus und krempelt die Ärmel hoch. Er stürmt den Flur entlang und in das Vorzimmer. Auf der Schwelle bleibt er stehen. Die Sekretärin sitzt gefesselt und geknebelt auf dem Stuhl. Karteikarten in allen Größen liegen überall verstreut. Jemand hat aus schwarzen Linealen ein großes Z auf den Boden zusammengelegt. Der Schrank steht weit offen, er ist leer.
Wir sind ein aufgeschlossenes Team und arbeiten Hand in Hand. Seit neuestem haben wir alle bunte Büroklammern, Filzschreiber statt der ewig leckenden Kulis und neue Aktenordner mit frischer Beschriftung. Die Sekretärin hat gekündigt.
Die Hüterin des Büromaterials ist meistens eine Sekretärin. Um ihr eine neue Schere abzuschwatzen, braucht der gemeine Angestellte seine ganze Überredungskunst. Oder er .... - aber lesen Sie selbst ...
von Esther Mohnhaupt


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