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Es kann nur einem Pfarrer einfallen, sich 1957 aus dem Westen nach Templin versetzen zu lassen, einer Kleinstadt in der Uckermark, deren Wege aus Sand und Pfützen bestanden. Die historische Innenstadt war zerbombt, außer einem Lieferwagen und einem LKW gab es keine Autos, nur Trecker.
Des Pfarrers älteste Tochter Angela Dorothea Kasner, später Merkel, war drei Jahre alt, als die junge Familie die Wohnung im ersten Stock des Haus Fichtengrund bezog, einem der verschachtelten Fachwerkgebäude auf dem Waldhof, die sich zusammen wie ein Dorf gruppieren. Das Prediger-Seminar, das Horst Kasner leitete, befand sich auf dem gleichen Gelände wie die Stephanus-Stiftung, eine evangelische Einrichtung für geistig Behinderte.
(Haus Fichtengrund)
An diesem äußersten Ende Brandenburgs mangelte es an allem, und die männliche Jugend wilderte nicht nur zum Spaß in den Wäldern, Seen und auf der Heide. Nach den Ferien fehlten häufig Klassenkameraden, deren Familien auf Zuckerrüben- und Holzflößen über die „grüne Grenze“, den Röddelinsee, durch zahlreiche Schleusen, die Havel nach Westberlin geflüchtet waren. Horst Kasner wird so zitiert: „Man wollte nicht an den Fleischtöpfen Ägyptens rumhängen,“ sondern dahin gehen, wo man gebraucht wurde.
Von hier aus ist Angela Kasner also zur Goetheschule geradelt, eine sehr schüchterne, süße Erstklässlerin, wie sich Ruth, Krankenschwester, dunkel erinnert, die vor über vierzig Jahren in die vierte ging. „Vom Gesicht her hat sie sich nicht sehr geändert.“
(Blick aus dem Haus Fichtengrund auf den Waldhof)
Als Bewohnerin des Waldhofs war das kleine Mädchen von Anfang an eine Außenseiterin. Der Waldhof liegt einen Kilometer abseits am Templiner Kanal. „Geistig behinderte Menschen“, sagt der Leiter Diakon Reifenstein, „passten nicht zum sozialistischen Bild vom Menschen, der jung, stark und tüchtig sein sollte.“ So übertrug man der Kirche gern die Betreuung und ließ den Waldhof weitestgehend in Ruhe.
Der Nachbar Egbert Binkow erinnert sich: „Der Waldhof wurde von der Kirche aus dem Westen unterstützt und war damit exterritoriales Gebiet für uns. Sie besaßen Valutamark und bekamen Besuch, Spenden und Kleidung von drüben. Die Siedlung war auch sonst autark, hatte eigenes Vieh, die Gärtnerei, Wäscherei, Werkstätten, in denen die Behinderten arbeiteten, die dazu in der Lage waren. Außerhalb des Geländes hat man sie allerdings kaum gesehen.“ Vor der Wende „war der Kontakt von draußen nicht so erwünscht“, setzt der Diakon dagegen. „Wir mussten uns selbst versorgen. Und den Kindern aus Templin sagte man: Geht mal lieber nicht dahin zum Spielen.“
Hier sind die geistig Behinderten überall. In blauer Arbeitskleidung schaffen sie auf leicht verwilderten Beeten, und manche wiederholen die gleiche, sinnlose Bewegung immer wieder. Ein älterer Herr, auf dessen Schiebermütze „Großglockner“ steht, schiebt mit seinem Besen konzentriert Fichtennadeln zusammen. Angela Merkel erzählt in den Interviews mit Hugo Müller-Vogg: „Befremdlich? Überhaupt nicht. ... Für mich war das alles ganz normal.“
DerLeutnant, 62, der eigentlich Günter heißt, lebt seit ihrer Kinderzeit auf dem Gelände. Man nennt ihn so, weil er alle militärischen Dienstgrade aufsagen kann und liebend gern exerziert. In dem Interview erinnert sich Angela Merkel, dass sie ihn früher in Schutz nehmen mussten, „damit er sich nicht zu lächerlich machte“. Er beheizte im Haus Fichtengrund die Zimmer und hielt den Gemüse-Garten in Ordnung.
(Der “Leutnant”)
Den Sommer verbrachten alle Kinder draußen, und das hieß auch für Angela: Freier Blick über Kornfelder, hinter dem Haus das Fichtenwäldchen und die sumpfigen, blühenden Wiesen hinunter zum Kanal, an dessen Ufern sich das Schilf bog, Seerosen schwammen und Biber ihre Burgen bauten, so wie heute. Kühemelken, Schweine schlachten – erdiges Landleben eben.
(Templiner Kanal hinter dem Waldhof)
Vater Kasner, der zuvor drei Jahre Gemeindepfarrer gewesen war, taugte wohl weniger zum praktischen Dienst am Menschen als mehr zum Theologisieren. Damals etablierte sich der „Hauskreis“, wie ihn die Beteiligten nennen, der sich auch jetzt noch monatlich trifft und über Gott und die marxistische Welt diskutiert. Diakon Reifenstein: „Die sozialistischen Grundgedanken fand Kasner in Ordnung, aber nicht die Art der Umsetzung.“ Der Kreis setzte sich aus ähnlich schlangenlinientreuen Intellektuellen und Theologen zusammen und wurde von der Stasi beobachtet.
Misstrauen säht Verdacht. „Und wer verdächtigt wird, ist automatisch kritisch“, erklärt Reifenstein die Befindlichkeit dieses Forums und Horst Kasners. Dass man auf dem Hof Westfernsehen schaute, erkannte ein DDR-Bürger schon daran, in welche Richtung die Dachantenne zeigte, aber auch die Antennen vieler Templiner bogen sich in dieselbe Richtung. Interessanter war die Bibliothek mit West-Büchern auf dem Hof. Die Kasner-Kinder hatten dazu freien Zugang, und im Hauskreis standen westliche Zeitungsartikel zur Diskussion.
Herr Prieß und seine Frau kamen 1964 hinzu und sind jetzt noch dabei. Da war Angela zehn Jahre alt, ihr Bruder Markus sieben, ihre jüngste Schwester gerade geboren. Herr Prieß erinnert sich an sie als an ein problemloses Kind, ehrgeizig und hoch begabt. „Am Hauskreis nahm sie allerdings nur selten teil.“
Über Politik wurde auch am Abendbrottisch diskutiert. „Eine evangelische Pastorenfamilie – das sind vielseitig interessierte Leute.“ Ein förderndes Umfeld für ein aufgewecktes Mädchen, das Kunstpostkarten sammelte, was keiner ihrer Mitschüler nachvollziehen konnte. Angela Merkel sagt dazu: „Die ganze DDR war für mich nur auszuhalten, dass wir darüber gesprochen haben, warum etwas ist, wie es ist. ... Wenn es [in der Familie] eine Kontroverse gab, dann bestand sie darin, dass für mich sehr früh entschieden war, dass die DDR nicht funktionieren konnte.“
Mit solchen Überzeugungen musste man vorsichtig sein. Selbst im Hauskreis gab es Spitzel. Doch alles ist nicht immer so eindeutig, wie es sich dem Westdeutschen darstellt. Herr Prieß: „Das Gros der IMs hat versucht, einen rauszuhauen. Dennoch spielte man nach außen nicht den politischen Schreihals. Horst Kasner wird seiner Tochter beigebracht haben, wie man sich auf ein Gebetsmühlenminimum beschränkt, um sich in diesem Staat nicht selbst den Weg zu verbauen.“
Trotzdem bewarb sich seine Frau Herlind alljährlich vergeblich um eine Stelle als Englischlehrerin, und für ihre Tochter Angela war es im Arbeiter– und Bauernstaat ein Kampf, auf die Erweiterte Oberschule zu kommen.
Die heutige Waldschule liegt nur zweihundert Meter die Straße hinauf, ein kurzer Schulweg für Angela. Das Fachwerkgebäude hat acht Klassenzimmer. Die 68jährige Erika Benn war dort früher Russischlehrerin. Besonders begabten Schülern erteilte sie in einem Russisch-Kreis zusätzlich freiwilligen Unterricht. Sie redet gern und viel mit den Medien.
(Erika Benn, Russischlehrerin)
„Die Angela war mir von einer Lehrerin avisiert worden. Die ist gut, die wird mal was, sagte sie.“ Der Russisch-Kreis traf sich Sonntagmorgens in ihrer Wohnung. „Angela war unerhört fleißig und eine Autodidaktin, lernte noch an der Bushaltestelle Vokabeln, machte keine Fehler, gab sich zurückhaltend, aber nicht schüchtern. Ich hatte nie wieder eine derart hochbegabte Schülerin.“
Unter der Losung „marxistisch-leninistische Weltanschauung ist das feste Fundament der Freundschaft“ fanden damals jährlich Russisch-Olympiaden statt. In der Bezirks-Olympiade 1969 gewann Angela Kasner den 1. Preis. Auf der nächsten Parteiversammlung sagte der Schulrat zur stolzen Lehrerin, es sei keine Kunst, Arzt- und Pfarrerstöchter zu fördern.
Eine, die Gruppen mit sich riss, war ihre beste Schülerin nach Ansicht von Frau Benn nicht. Sie hatte eher den Eindruck, es sei ihr peinlich, soviel zu wissen. Dazu erzählt Angela Merkel in dem o.a. Interview: „Grundsätzlich galt für uns [Pfarrers-] Kinder das Gebot der Unauffälligkeit.“ Als sich der Russisch-Kreis 1986 auf einem Ehemaligentreffen für ein Foto gruppiert, steht Angela Kasner ganz weit hinten, und ihr Kopf ist kaum zu sehen.
(Russisch-Kreis-Treffen 1986)
Hartmut Berlin, Bauunternehmer, ist mit Angelas Bruder Markus in eine Klasse gegangen. Sein Schulweg führte ihn täglich über den Waldhof, und die beiden Jungen verband eine Schülerfreundschaft. So war Berlin häufig bei der Familie eingeladen, die er als harmonisch empfand. „Sie besaßen ein Monopoly-Spiel aus dem Westen, und das haben wir beim Kindergeburtstag gespielt. Beim Würfeln sagte Herr Kasner kopfschüttelnd: „Dieses Spiel setzt die niedrigsten menschlichen Instinkte frei.“ Markus, den Berlin als stolz und ehrlich charakterisiert, lieh seinem Freund einmal ein Buch von Hoimar v. Ditfurth. „An so was kamen wir sonst nicht heran.“
Äußerlich soll Markus Schwester keine Attraktion gewesen sein, „aber beide waren in der Schule die absoluten Cracks.“ Dass man ihr als Pfarrerstochter größere Steine in den Weg gelegt haben könnte, will Herr Berlin nicht bestätigen. „Hochleistung wurde in der Schule durchaus anerkannt.“
Nur einmal stand Angela Kasner kurz vor dem Schulverweis. Anlässlich eines Kulturwettstreites sollte die 12b wie alle anderen in der Aula ein Programm präsentieren. Die Abitur-Klasse hatte keine rechte Lust gehabt und eine kesse Mischung aus hastig zusammengebauten Sketchen und Morgenstern-Gedichten dargeboten. Das wäre ja noch durchgegangen, jedenfalls wurde geklatscht. Aber als am Ende die Schülerin Angela auf die Bühne stieg und verkündete, dass ihre Klasse 300 Mark für die Frelimo gesammelt habe (von der DDR unterstützte Befreiungsorganisation in Mozambique), während alle anderen für das vom Klassenfeind bekriegte Vietnam gespendet hatten, trat eine Stille ein, in die hinein die Lehrerin für Staatsbürgerkunde sprach: „Das ist ein Eklat!“ Die Stasi kam für zwei Tage an die Schule, es folgten Gespräche mit den Eltern, der Kreisschulrat Flemming (Ehegatte der besagten Lehrerin) betrieb Angelas Verweis, wegen der herausragenden Schulleistungen der Delinquentin und Eingaben ihrer Eltern an höhrere Stellen wurde schließlich davon abgesehen. Glück für ihre Tochter, denn ein Studium wäre dann unmöglich gewesen.
(ehemalige erweiterte Oberschule)
Oppositionell sei Angela ansonsten nicht aufgetreten. „Sie war in der FDJ, aber das waren die meisten. Sie ging zur Christenlehre, und auch da war sie nicht die einzige. Eigentlich war keiner an der Schule, der die DDR verneint hat. Wir waren hineingeboren worden. Geschichte wurde nur unter dem Aspekt der Arbeiterklasse unterrichtet. Auf den FDJ-Nachmittagen erhielten wir zusätzliche Rotlichtbestrahlung. Doch es fehlte ein durchgängiger roter Faden. In die Partei strebten die wenigsten Schüler.“
Wie er das Wesen von Angela Kasner beschreiben soll, weiß Herr Berlin nicht recht. Er versucht es mit einem Bild: „Sehr viel später habe ich einmal gesehen, wie sie auf dem Marktplatz ihre Eltern traf. Sie gab der Mutter kühl die Hand und wollte es mit ihrem Vater genauso machen. Er zog seine Tochter dann an sich.“
Angela Kasners damaliger Klassenlehrer möchte nicht, dass sein Name genannt wird, denn bis zur Wende hatte er es zu einem „relativ hohem Bediensteten der DDR“ gebracht. Seiner Ansicht nach konnte man sich Unparteilichkeit in jener Zeit nicht leisten. „Man war an dieser Schule sehr hellhörig. Die Schüler sind unsere Leute und sollten einmal als Ärzte oder Direktoren unseren Staat voranbringen. Als ich 1969 als junger Lehrer hier antrat, hatte ich keine Ahnung, wer Kasners waren, und dass sie eine besondere Rolle spielten.“ Anfangs diskutierte man auf den Elternversammlungen noch miteinander. Der Klassenlehrer sagte zu Vater Kasner: „Ich finde es nicht gut, dass Ihre Tochter konfirmiert ist.“ Damit war es mit der Kommunikation aus.
Als strammes Parteimitglied und Mathematiklehrer begleitete der Mann ohne Namen Angelas Klasse drei Jahre. „Sie war eine Schülerin im wirklichen Sinne, die gezeigt hat, was sie kann. Gespeicherte Fakten konnte sie logisch sehr gut zueinander bringen. Sie dachte naturwissenschaftlich. Manchmal kam sie uns beinahe zu erwachsen vor.“
Harald Löschke, Leiter der Polizeiwache, ging in Angelas Parallelklasse. Der Spruch eines Lehrers von damals hat sich ihm besonders eingeprägt: „Unsere Schule ist eine Kaderschmiede, und wer sich nicht schmieden lassen will, der muss gehen.“ Wie alle anderen übte auch Angela während der Ferien in Uniform Zivilverteidigung und verbrachte die Schul-Nachmittage auf FDJ-Treffen.
Sie waren beide 17 Jahre alt. „Angela war etwas Besonderes, für ihre Siege in der Russisch-Olympiade bezirksweit bekannt. Sie wurde geehrt und geachtet, aber ruhte sich nicht aus. Sie wusste, wie sie besser werden kann und wurde es. Überall trug sie ihr Buch mit sich und schaute Vokabeln nach. Hast Du ihr eine Frage gestellt, hast Du eine Antwort bekommen. Für so viel Hilfsbereitschaft und Einsatz wäre ich viel zu faul gewesen. Ich interessierte mich mehr für Mädchen. Ich bewunderte Angela, aber sie passte nicht in mein Beuteschema.“
Wenn die Jugendlichen die Sau rausließen, „ ... also tanzen, trinken, knutschen, fummeln, im Kofferradio die Hitparade laufen lassen, nackt im See schwimmen“, fehlte sie. Sie hatte ihre Erfolgserlebnisse anderswo. „Auf Ausflügen führte sie hochwissenschaftliche Diskussionen mit den Lehrern, das war schon nicht mehr unsere Welt. Mit Männern habe ich sie nie gesehen. Es konnte ihr ja auch keiner das Wasser reichen. Meistens war sie allein.“
Ihre Eltern fand Harald Löschke sehr sympathisch. „Angela Merkel stammt aus einer sehr sehr intelligenten Familie, in der man ihr beizeiten beigebracht hat, was für sie vorteilhaft ist und was nicht. Sie zeigte nach außen eine gewisse Anpassung und wusste, was sie tun musste, um zum Studium zugelassen zu werden. Ihr Vater ist übrigens Polizistensohn.“
Nur ein Vorkommnis irritierte Harald Löschke: „Nach dem Abitur ging ich zur Polizei und hatte in Uniform zum Studium zu erscheinen. Auf dem Prenzlauer Bahnhof traf ich Angela, die ihrerseits zum Physikstudium nach Leipzig fuhr. Ich war froh, einem bekannten Gesicht zu begegnen und eilte auf sie zu. Sie blieb distanziert, und ich spürte deutlich, dass ihr das Zusammentreffen unangenehm war.“
Der Nachbar Egbert Binkow sagt, Angela Kasner sei in Templin eine Aussätzige gewesen. In den Kneipen habe man einander zugeflüstert, sie gehöre zur Recht auf die Lepra-Station. Offiziell würde so etwas natürlich niemand sagen.
(Templin)
„Raus aus der Kleinstadt“, das war es, was Angela Kasner wollte. Gleich nach dem Abitur, das sie mit 1,0 abschloss, verließ sie Templin.
Dreißig Jahre später besitzt sie ein Wochenendhaus in der Nähe – ähnlich abgeschieden wie der Waldhof. Dahinter liegt schilfumsäumtes Wasser, Fischreiher stolzieren durch sumpfige Wiesen, die Felder sind weit, die Wälder hoch. Die Einheimischen erzählen einander, dass man die CDU-Vorsitzende gelegentlich dabei beobachten kann, wie sie im Kittel über die Straße läuft, um beim Nachbarn frische Eier zu holen.
(Templiner Sumpfblüte)

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