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Alle Bilder (außer Bohrmaschine und Schrottplatz) und alle Texte: copyright Gabriele Bärtels 2006

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Meine ungeborenen Kinder    Männer und Abtreibung

 

Abtreibung ist eine der weniger schönen Folgen der Liebe. Viele Frauen können davon erzählen, aber Männer werden nie gefragt. Dabei waren sie Mitverursacher und haben sich irgendwie dazu verhalten.

Von Ohnmacht und Ehrgefühl, Schwäche und Wut, Bedauern, zerbrochenen Beziehungen, Mitgefühl und Hilflosigkeit erzählen diese fünf Männer.

 

Gerry, 37, Techniker  Eigentlich finde ich Abtreibungen nicht gut. Es ist wie eine Wurzel auszureißen, aber dagegen steht der verkrüppelte Baum, der auch nicht richtig wächst. Ich will damit sagen, dass jede Abtreibung letztendlich eine Einzelfallentscheidung ist, man die Umstände der Frau und des Mannes berücksichtigen muss.

Von der ersten Abtreibung habe ich erst hinterher erfahren. Da war ich 21. Ich hatte keine Zeit, mich damit auseinanderzusetzen und die Entscheidung war okay für mich. Später war ich immer dabei. Wenn eine Frau schwanger war, habe ich zuerst sie gefragt, was sie möchte. Meistens wollten die Frauen das Kind nicht und ich habe das nicht bedauert. In einem Fall war das nicht so entschieden. Diese Frau hatte bereits ein Kind und das war gerade so alt geworden, daß sie wieder arbeiten gehen konnte. Da habe ich mich durchgesetzt.

Ich bin zu den Beratungen immer mitgegangen. Die Frau, mit der ich am längsten zusammengelebt habe, hat mich da sehr gefordert. Ich wollte versuchen zu verstehen, was in einer Frau vorgeht, die schwanger ist. Was es für sie bedeutete, abzutreiben. Aber es war schwierig, ich konnte es nicht fassen. Ich konnte ihr nur helfen, so gut es ging.

Bei den Abtreibungen war ich dabei. Ich habe mir auch den Fötus angesehen. Nachher habe ich mir meine Freundin geschnappt und sie sofort nach Hause gebracht. Ich wollte nicht, daß sie da stundenlang mit anderen Frauen in einem Raum liegt. Für zuhause habe ich mir etwas ausgedacht. Einen besonders schönen Bademantel gekauft, exotische Früchte auf Schalen angerichtet, alles gemütlich gemacht, damit sie sich so wohl fühlt, wie es unter diesen Umständen möglich war.

Ich hätte schon fünf Kinder haben können. Manchmal denke ich: Schade, wenn ein oder zwei davon geboren wären, hätte ich das Thema schon durch und wäre jetzt Vater. Aber damals wollte ich das eben nicht. Heute, mit 37, würde ich wahrscheinlich anders entscheiden. Meine große Liebe habe ich noch nicht gefunden und letztendlich ist sie es, die die Mutter meiner Kinder werden soll

 

Frank, 35, Verleger  Es ist ungefähr acht Jahre her. Sie war ein Two-Night-Stand. Ich besuchte einen Freund und da lernte ich sie kennen. Am Ende des Abends fragte ich sie, ob sie mit mir nach Hause kommt und sie war einverstanden. Ein paar Tage später war Silvester und da sind wir noch einmal miteinander ins Bett gegangen. Das Kondom platzte.

Ich hatte sie schon fast vergessen, da klingelte das Telefon. Sie sei schwanger, sagte sie. Das Kind wolle sie nicht haben, sie sei gerade aus Amerika zurückgekommen, lebte in einem WG-Zimmer, brauchte einen Job, hatte nicht einmal eine Krankenversicherung. Tausend Mark würde die Abtreibung kosten, das Sozialamt würde die Hälfte übernehmen. Ob ich den Rest zahlen würde? Ich bin gleich zum EC-Automaten gerannt. Ich würde keine Frau zu einer Abtreibung überreden, nur damit ich keinen Unterhalt zahlen muß. Aber in diesem Fall war ich doch froh, daß es so endete.

"Kann ich nach dem Eingriff zwei, drei Tage bei Dir bleiben?" fragte sie. In ihrem Zimmer gebe es nur Kohleheizung. Natürlich war ich einverstanden. Ich habe für sie eingekauft, war aber selbst kaum da. Es ging ihr nicht schlecht, sie sah nicht leidend aus. Am dritten Tag wollte sie schon wieder mit mir schlafen. Aber das war mir dann nicht mehr geheuer.

Wenn die Verhältnisse anders gewesen wären, hätte ich anders reagiert. Wäre sie meine Freundin gewesen, hätte ich sie bei jedem Schritt begleitet und alles genau mit ihr durchgesprochen. Grundsätzlich bin ich dafür, Leben zu erhalten und bereit, die Verantwortung zu tragen. Aber ich kannte sie kaum und bin mir bis heute nicht endgültig sicher, ob sie mir das alles nicht nur vorgemacht hat.

 

Jens, 31, Konzertveranstalter  Sie war meine große Liebe. Wir kannten uns gerade vier Monate, aber sehr intensiv. Schon vor ihrer Schwangerschaft stand für uns fest, daß der Zeitpunkt für die Geburt eines Kindes sehr ungünstig war. Meine Freundin war zwanzig, hatte gerade erst angefangen zu studieren und lebte bei ihren Eltern. Ich war fünfundzwanzig. Wenn sie sich trotzdem dafür entschieden hätte, das Kind zu kriegen, hätte ich das auch mitgetragen. Ich mag Kinder und irgendwie hätten wir das geschafft. Aber objektiv gesehen war das gerade für ihre Lebensplanung nicht der richtige Moment.

Für eine Frau ist der Abbruch extrem belastend. Als Mann bist Du ja fein raus. Ich konnte sogar in der Familie damit prahlen, daß ich ja wenigstens meine Fruchtbarkeit schon bewiesen hatte.

Es gab überhaupt keine Diskussion, daß wir die Sache zusammen durchziehen. Das ist alles, was Du als Mann machen kannst: es mit zu tragen. Das ist sowieso lächerlich wenig gegenüber dem, was die Frau auszuhalten hat. Zuerst haben wir es ihren Eltern gebeichtet. Es war ja nicht so, als ob sie zum Zahnarzt ginge.

Der Abbruch erfolgte stationär. Ich habe meine Freundin in die Klinik gebracht. Das schlimmste war für mich, als sie aus der Narkose aufwachte. Sie stöhnte, alles tat weh. Das war grausam. Für einen Moment habe ich meinen Schwanz verflucht, weil ich sie liebte und es ihr so schlecht ging. Du kannst nichts machen, nur da sein.

Später war ich erstaunt, daß meine Freundin den Eingriff - wenigstens nach außen hin - so gut weggesteckt hat. Ich glaube fast, daß ich mir mehr Gedanken gemacht habe.

Ich würde der Entscheidung der Frau immer folgen. Die Konsequenzen für ihr Leben sind größer als für meins. Man muß sich nur hüten, das als Desinteresse erscheinen zu lassen.

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Dort waren Abtreibungen zwar erlaubt, aber so richtig gesellschaftlich verankert erst ab den Siebzigern. Generell finde ich Abtreibungen in Ordnung. Ich sehe aber sowohl die gesundheitlichen als auch die ethischen Risiken. Damals habe ich mir den Fötus auf Ultraschall angesehen. Ich würde vielleicht anders darüber denken, wenn ich ein schlagendes Herz gesehen hätte. Aber es blieb für mich abstrakt. Eine dunkle Stelle.

 

Stefan, 36, Informatiker  Wir waren beide 19. Damit war das Motiv für die Abtreibung schon klar. Was soll ich machen, fragte sie mich und ich dachte nur 5 Sekunden nach. Das hat sie mir später übel genommen, daß ich so schnell geantwortet habe. Diese Abtreibung hat uns beiden sehr weh getan. Es gab noch Jahre später dieses Bedauern. Diese Frau war meine Königin. Wir haben alles zusammen ausgestanden. Sie brauchte meine Nähe und meinen Trost. Am Abend des Tages x haben wir schon wieder miteinander geschlafen.

Bei der zweiten Abtreibung war ich 27 und habe mich wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Sie war ein türkisches Mädchen. Ich liebte ihre orientalische Ausstrahlung und gleichzeitig irritierte mich ihre Ergebenheit. Du bist der Boß, sagte sie. Damit war der Sprengsatz innerhalb dieser Beziehung sehr früh erkannt. Es klingt vielleicht gemein, aber ihr Horizont war sehr beengt. Wir haben das mit Sex zugekleistert. Sie dachte, wenn ich oft mit ihr schliefe, müsse ich sie lieben. Als sie schwanger wurde, setzte sie mir die Pistole auf die Brust. Sie wollte das wissen, was eine Frau wissen will. "Willst Du das Kind? Liebst Du mich? Bleibst Du bei mir?" Ich konnte nicht lügen. Und ich wollte auch nicht, daß sie das Kind allein bekommt. Ich bin da sehr konservativ: Mir gehen die Horden alleinerziehender Mütter gegen den Strich. Für dieses Mädchen hätte ein Kind lebenslang Sozialamt bedeutet. Und ich hätte diese langfristige, finanzielle Beziehung zu einer Frau und einer Umgebung, aus der ich raus wollte.

Ich brachte sie ins Klinikum, besuchte sie täglich, aber kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das ist da auf dem Stuhl, in der Grätsche, jemand wühlt in Deinem Innersten. Die Beziehung mit dieser Frau lief noch ein paar Monate, dann hat sie aufgegeben.

Meine letzte Abtreibung war voriges Jahr. Ein Frauenfake nach dem Motto: Wir verarschen einen Mann.

Sie war sehr jung, 23, ein völlig verzogenes Blag. Mich reizte ihre Schönheit, ihr frischer Körper, die kleinen, besoffenen Gefühle, die sie in mir erzeugte. Ich war der erste Mann, der ihr schlechtes Benehmen nicht durchgehen ließ und haute ihr ab und zu eine runter. Das gefiel ihr wohl. Wir kannten uns nicht lange, ich lud sie zu einem Urlaub ein. Dort begann sie mir auf die Nerven zu gehen. Sie roch, daß ich kurz vor dem Ausstieg war. Irgendwann sagte sie mir mitten in der Nacht, daß sie die Pille abgesetzt habe - ich bekam das nur im Halbschlaf mit - und natürlich wurde sie gleich schwanger.

Plötzlich hatte sie einen Hebel in der Hand, aber ich hasse es, wenn man mich zu etwas zwingen will. Für mich war die Geschichte zuende. Sie sollte kein Kind von mir bekommen. Was kann man machen als Mann? Es gibt keine rechtliche Möglichkeit der Mitbestimmung. Also beschloß ich ein paar Gemeinheiten, ein bißchen Psychoterror, redete auf ihre Freunde ein, damit sie ihren Einfluß auf sie geltend machten. Am Ende stand sie allein da und trieb ab, im vierten Monat - das war schon fast eine eingeleitete Geburt. Ich habe sie aus dem Krankenhaus abgeholt. Das war alles. Ich bereue nichts.

Natürlich frage ich mich, wieviel Zeit mir für solche Dinge, Kinder, Familie noch bleibt. Ich würde nicht wünschen, erst mit fünfzig ein Kind zu zeugen.

 

 

Volker, 40, Sozialpädagoge  Wenn eine Frau schwanger ist, trifft sie allein die Entscheidung, ob sie das Kind austrägt oder nicht. Männer stehen letztendlich immer daneben. Es macht mich wütend, daß ein Kind von mir in der Gegend herumrennt und ich habe keinen Einfluß auf die Erziehung. Zahlen muß ich aber. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Beziehungen, in denen die Frau und ich über eine Abtreibung verschiedener Meinung waren, zerbrochen sind.

Ich habe vier Abtreibungen erlebt und noch zwei andere begleitet, bei denen sich die Männer verpißt hatten. Als Mann habe ich einen Ehrenkodex und das Gefühl, es sei fies, wenn ich die Frau allein lasse. Auch wenn ich nicht dahinter stand, dazu stand ich immer.

Abtreibungen sind Schweinenummern für die Frau. Die Krankenschwester in der Klinik sind da hart, wo Sensiblität angezeigt wäre. Nach drei Stunden muß die Frau die Klinik verlassen. Wie es seelisch in ihr aussieht, interessiert keine Sau. Wenn Du als Mann mitgehst, bist Du der Täter, der Buhmann. Das zeigt Dir das Personal und auch die anderen Frauen, die da sind.

Eine sehr sensible Freundin von mir kam tagelang nicht mehr hoch. Ihre Jammerstimmung hing wie eine Glocke über dem Raum. Sie erging sich in selbstbestrafenden Leidenszuständen. Ich habe sie versorgt, bis sie über den Berg war. Ich glaube, in dieser Zeit achtet die Frau nicht so sehr darauf, wie es dem Mann geht, sie ist stark mit sich selbst beschäftigt und dem, was mit ihrem Körper geschieht.

Ich bin unbedingt für Abtreibung. Als Sozialpädagoge habe ich schon genug Arbeit.

 

Eckard Kipping, 46, Schriftsteller  Ich war 33, hatte gerade mein Studium abgeschlossen und mich frisch verliebt. Meine Freundin wurde schwanger. Meine materielle Existenz war völlig unsicher. Ich hatte keinen Ahnung, was es heisst, mit einem Kind zu leben. Dazu noch mit einer Frau, die ich gerade mal ein paar Wochen lang kannte. In meinem Freundeskreis gab es keine Paare mit Kindern.

Meine Freundin wollte das Kind, aber ich hatte mich klar entschieden und glaubte, es sei gut, wenn ich mich hart und konsequent durchsetze. Ich hatte bereits drei Schwangerschaftabbrüche mitgemacht, zu einer Zeit, in der es für eine emanzipierte Frau eine heroische Tat war, sich durch Abtreibung der Männerherrschaft zu entziehen.

Ich war der einzige Mann in der Abtreibungsklinik. Als meine Freundin auf der Bahre lag, weinte sie und fragte, ob wir es uns nicht doch noch anders überlegen wollen. Als wir die Klinik verliessen, ging sie mit dem Gefühl nach Hause, das Kind noch immer im Bauch zu tragen.

Mir war es jahrelang nicht möglich, mich diesen Erinnerungen zu nähern. Nach zehn Jahren Partnerschaft mit dieser Frau wurde sie ein zweites Mal unbeabsichtigt schwanger. Silvester davor, Punkt zwölf, hatten wir im Stillen jeder für sich den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind ausgesprochen. Das Ja oder Nein zum Kind war keine Frage mehr.

Während dieser Schwangerschaft konnte ich mir das anhören, was meine Freundin damals während der Abtreibung empfunden hat. Es war und ist für mich immer noch schwer, die starre männliche Haltung zu begreifen, mit der ich mich damals vor meinen Gefühlen schützen wollte.

Soweit das überhaupt möglich ist, betrachte ich das Zur-Welt-Bringen unseres ersten, und besonders unseres zweiten Kindes, auch als Versuch der Wiedergutmachung. Es ist ein Versuch, mich von meinen Schuldgefühlen zu entlasten.

Jahre nach der Abtreibung hatte ich oft merkwürdige Visionen. Wenn ich beispielsweise im Sommer mit meiner Freundin am Esstisch sass, und mir der Wind um die nackten Beine strich, war mir manchmal, als sei es unser Kind, das da unter dem Tisch spielte. Seltsamerweise hatte meine Freundin ähnliche Empfindungen. Es tut gut, jetzt ein leibhaftiges Kind unter dem Tisch herumkrabbeln zu haben.

 

Michael, 38, selbstständiger Monteur  Als meine Freundin ein Jahr, nachdem wir uns kennengelernt hatten, schwanger wurde, war uns beiden klar, dass wir das Kind nicht haben wollten. Sie hatte gerade als Assistenzärztin in einer Zahnarztpraxis angefangen.

Die Entscheidung, das Kind abtreiben zu lassen, haben wir gemeinsam gefällt. Die meisten Frauen haben wahrscheinlich grosse Probleme mit einem Abbruch, aber meine Freundin war da sehr nüchtern und bodenständig. Ich musste in dieser Zeit für zwei Wochen nach La Palma fliegen, um bei einem Hausbau zu helfen und sie wollte nicht, dass ich das wegen dem Abtreibungstermin absage.

Aber ich habe es dort nicht ausgehalten. Nach drei Tagen rief ich sie an und sagte: "Ich nehme den nächsten Flieger zurück." Darüber war sie dann doch überglücklich.

Wir sind zusammen in die Klinik gegangen, der Abbruch erfolgte stationär, es gab keine Probleme.

Zwei Monate später wurde sie wieder schwanger. Nun waren wir gezwungen, uns auseinanderzusetzen: Wie ist das mit Kindern? Wir haben begriffen, dass wir beim ersten Mal eine falsche Entscheidung getroffen hatten. Diese Schwangerschaft verlief wie im Bilderbuch und unsere Tochter ist heute sieben Jahre alt. Ob das alles schon so stimmte? Bei der ersten Schwangerschaft waren wir noch nicht soweit.

Heute haben wir zwei Töchter. Grundsätzlich finde ich: Wenn die Frau, die Du liebst, mit der Du schon Kinder hast, schwanger wird, stellst Du Dir automatisch ein Kind vor.

Keine Ahnung, wie meine Reaktion auf eine dritte Schwangerschaft wäre. Ich bin nicht sentimental und könnte mir auch Zeitpunkte vorstellen, zu denen ein weiteres Kind nicht oder nur schwer möglich wäre.nach oben

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