Es gibt Sendungen, die klammern sich in Programmnischen wie Moos in Mauerecken, still, unauffällig, aber schon sehr lange. Auf ein solches Moos möchte ich ein Loblied singen. Es handelt sich um eine altmodische, unprätentiöse Sendung, deren erste halbe Stunde freitags um 17.15 Uhr auf 3Sat und deren zweite samstags um 19.45 Uhr auf B3 läuft. Es gibt sie seit einundzwanzig Jahren, und in Bayern ist sie Kult.
Ich entdeckte Kunst & Krempel beim Zappen. Zwei ältere Herren saßen an einem Tisch, sie drehten und wendeten einen abgestoßenen Keramik-Teller. Vor ihnen stand ein Mensch, der diesen von seiner Urgroßmutter geerbt hatte, er hielt ein vergilbtes Vorkriegsfoto in der unsicheren Hand. Die Herren erklärten in sachkundigem Ton, wann genau der Teller entstanden sein musste, wie die Farbe gebrannt worden war, aus welchem Landstrich er stammte, zu welchen Anlässen man ihn benutzt hatte, und dass die schadhafte Stelle leider eine Wertminderung bedeutete. Schließlich schätzten sie den Marktwert auf sieben bis achthundert Euro, und der unsichere Mensch nickte dankend, nahm sein Erbstück und machte dem nächsten Platz.
Weiter passiert nichts. Kein Prominenter, keine spannende Hintergrundmusik, keine Light-Show versucht, den Inhalt aufzubauschen, und das Ritual bleibt immer gleich: Nacheinander treten sechs Leute an den Tisch, bringen russischen Zaren-Schmuck, Wiener Kamin-Uhren, schlecht restaurierte Holz-Heilige, seltene Fayencen, alte Geigen, Thonet-Schaukelstühle, Puppen aus dem 19. Jahrhundert, scheussliche Gemälde, manchmal auch Fälschungen, die in der Familie hoch und heilig gehalten worden sind. Sie erzählen, dass sie diese Dinge geerbt, in einem Antiquitätenladen erstanden, geschenkt bekommen, ersteigert, aus dem Müll gerettet oder bei einer Haushaltsauflösung gekauft haben.
Die Kamera fährt so dicht heran, dass der Zuschauer millimetergroße Stempel und feinste Verzierungen entdecken kann, und so beginnt das Stück zu leben. Je zwei Experten pro Fachgebiet betasten mit kundigen Fingern die vermeintliche Antiquität. Dann fügen sie der privaten Geschichte des Eigentümers die kunsthistorische hinzu. Und während sie ihr detailreiches Wissen entfalten, bilden sich in den Köpfen der Zuschauer längst versunkene Böhmische Glashütten, holländische Malschulen, Blechspielzeug-Manufakturen, preußische Silberschmieden, oberbayrische Schnitzwerkstätten, und um ein schweres Silbertablett, das aus einem englischen Fürstenhaushalt stammen muss, wächst auf einmal ein ganzes Landschloss. Dies hat in Zeiten von Ikea-Möbeln und Patchwork-Identitäten seinen besonderen Reiz.
Über die Jahre habe ich die Sendung ungefähr 750 Mal gesehen. Seitdem weiß ich, was Historismus ist und dass eine Holzfigur nicht angemalt, sondern gefasst ist. Ich kann Renaissance von Biedermeier unterscheiden und schärfte meinen Blick für handwerkliche Qualität. Ich beobachtete, wie die Augen einer Frau immer größer wurden, als sich die vergilbte Zeichnung, die ihr seit der Kindheit vertraut war, in der Hand des Experten von einem Haushaltsgegenstand in ein Museumsstück verwandelte, das auf einer Auktion mindestens zwanzigtausend Euro bringen würde, und ich empfand einen Stich Neid.
Die mir inzwischen beinahe freundschaftlich vertrauten Experten wirken oft selbst wie Antiquitäten. Es sind eigenwillige, witzige, knorrige, eloquente Museumsdirektoren und ausgewiesene Autoritäten beiderlei Geschlechts, die anhand eines rostigen Löffels komplexe Gesellschaftsbilder vergangener Zeiten entwerfen können. Die Liebe zu ihrer Materie spiegelt sich in der Weise wieder, in der sie das zu begutachtende Stück in den Händen wenden. Einem aufgeregtem Besitzer sagen zu müssen, dass der idelle Wert seines Gutes bedeutend höher ist als der monetäre, gehört zu ihren weniger schönen Aufgaben, aber so ist das Leben eben: Nicht alles Gold, was glänzt. Da nickt das grauhaarige Publikum, denn das ist auch seine Lebenserfahrung. Und der auf Geschichten erpichte Zuschauer, also ich, fährt fort, das Schicksal eines Schreibkästchens aus dem 17. Jahrhundert zu verfolgen, das alle Kriege unbeschadet überstand, über Generationen weitergereicht wurde, und nun ins Heute hineinragt.
Jede Woche vergewissere ich mich bei Kunst & Krempel, dass es das noch gibt, Tradition, Überlieferung, Erbe, private Geschichte, die sich mit gesellschaftlicher kreuzt. Man hört mehr Dialekte als irgendwo sonst und sieht die unmöglichsten Pullover. Dies alles wird gesittet präsentiert, ohne jeden lauten Farbton, ist identitätsstiftendes, unterhaltendes, lehrreiches, rückständiges Fernsehen für alte Leute, und ich liebe es.
Kunst & Krempel (Bayrischer Rundfunk)gibt es schon seit 21 Jahren. Viel hat sich nicht geändert.
von Gabriele Bärtels


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