|
Auf einer dieser Großstadtparties war es, in einer großzügigen Single-Wohnung im Szeneviertel, Buffet in der Küche, Trauben auf dem Tisch, Stimmengewirr, immer wieder die Türklingel, neue Gäste kämpfen sich zur Gastgeberin durch.
Ein Mann, leicht ergraut, sitzt in einem Sessel. Man sieht ihn nur halb von hinten, er zündet sich eine Zigarette an, unterbricht das Gespräch mit seinem Nachbarn, steht auf, offenbar nach einem Aschenbecher suchend. Dass er dabei den gefüllten neben sich auf dem Boden übersieht, bemerkt er auch nicht, als er darauf tritt, dieser umkippt und sich Asche, Kippen, Kronkorken auf den Boden ergießen.
Aber seine Freundin hat es gesehen. Eben noch hockte sie neben ihm, eine blasse, blonde, dürre Person mit großer Brille, langen Händen, schmalem, schwarzen Rock. Nun steht sie auf und sagt laut über seinen Kopf hinweg zu niemand Bestimmten: "Und wer muss es wieder wegmachen? Ich!" Das "Ich" kommt so triumphierend, dass man die Klage, die sie hineinlegen wollte, überhört.
Der Mann hat sich längst wieder hingesetzt, führt sein Gespräch fort, kümmert sich nicht länger. Sie aber setzt den ersten Schritt, flott, viel zu flott für eine Party, drängt sich durch die Gästemenge in den Flur, knickst fast, zieht die Schultern hoch, lächelt, als wolle sie um Verzeihung bitten für die ungeheuerliche Störung, die sie ist und verschwindet in der Küche.
Kurz darauf kommt sie zurück, ein angefeuchtetes Tuch in den Händen, tritt ins Zimmer, ein flüchtiger Blick über ihren dem Gesprächspartner zugeneigten Freund, zwei energische Schritte, sie geht in die Knie, ein Wisch - die Asche ist aufgenommen. Noch ein Blick auf den Mann. Wie um irgendeine Reaktion einzufordern, stellt sie sich direkt vor ihn, dreht dann aber ab und verschwindet mit dem Tuch in der Küche. Ihr Gesichtsausdruck ruft: "Männer!", ihre Schultern zucken rechtschaffen.
Als sie zurückkehrt, sucht sie unter den Partygästen nach Komplizenblicken und Kontakt. Sie findet keinen, zieht ihren Rock um den Po, damit er keine Falten bildet, setzt sich wieder neben ihren Freund, taucht in seinem Schatten unter, verschwindet darin fast ganz.
"Schau mal, jetzt hat sie seinen Aschenbecher auf den Schoß genommen."
Die Frau hält die Knie artig beisammen. Ihr Freund ascht hinein, ohne hinzusehen.
Jemand hat den Teppich zur Seite gerollt und schon schwingen auf dem Parkettboden die ersten Tanzbeine umeinander. Die Frau sitzt zusammengesunken hinter dem Rücken ihres Freundes. Nur ihr Fuß wippt. Jetzt richtet sie sich auf und schiebt betont sinnlich die Schultern vor und zurück, dabei ist sie unter der Haut steif wie ein Gerippe. Sie zieht den Freund am Ärmel, flüstert ihm etwas ins Ohr, schaut dabei an die Decke, er zuckt mit den Schultern und sagt laut: "Tanz doch allein". Ihr Fuß hört auf zu wippen.
Eine halbe Stunde hört und sieht man nichts von ihr. Dann beugt sie sich auf einmal vor, massiert ihre Schläfen, ihr Gesicht nimmt einen schmerzlichen Ausdruck an. Sie hält ein kühlendes Glas gegen ihre Stirn. Sie fächelt sich Luft zu.
Ihre Kopfschmerzen müssen immer stärker werden, bis der Freund endlich merkt, dass sie gehen müssen. Er sieht weniger besorgt aus als mehr verärgert. Sie schlängelt sich hinter ihm vorsichtig an den Tanzenden vorbei, nur keinen anrempeln, nur niemand stören. Sie sagt ein paar höfliche Dankesworte an die Gastgeberin: "Mein Kopf, ja, es tut mir leid, habe mich sooo amüsiert, mein Freund wäre sicher gern länger geblieben ..." Und noch eine letzte Frage: "Soll ich morgen aufräumen kommen?"

|