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Frida kostet nichts, aber das ist nicht wahr

Die Kunst, 100 Leute zu verarschen
Text: Barbara Kisserer

Mit der Kunst befand ich mich schon oft im Krieg, konnte mich nie des Eindrucks erwehren, dass unter ihrer Fahne Heerschaften von Nichtkünstlern segeln, für die es ein großes Glück bedeutet, dass die Kunst frei ist. Alles möglich, alles hinein-interpretierbar, jeder Gedanke und das Machwerk dazu haben eine Existenzberechtigung. Es ist erlaubt, die Menschheit damit behelligen, die dazu abnicken darf, und wenn sie nicht abnickt, dann versteht sie eben nichts - eine beliebte Haltung, mit der ein Verkannter ehrenhaft ein erfolgloses Leben fristen kann. Mindestens eine kleine Anhängerschar wird sich um jeden Künstler versammeln, denn ob einer einer ist, scheint in erster Linie eine Glaubensfrage zu sein oder eine der Überzeugungskraft.

Aus gegebenem Anlass möchte ich mich darüber empören.

Eine Freundin nahm mich gestern mit auf eine Vernissage in ein Pathologie-Museum. Sie hatte eine prachtvoll gedruckte Einladung. Die Kunst wählt ja gern bedeutungsschwangere Orte, um sich zu zeigen, vielleicht auch, um sich aufzuwerten. Dort in der Pathologie gibt es einen Raum, den man „Ruine“ nennt, eine hohe Halle mit alten, nackten Mauern und rissiger Betondecke, ein ehemaliger Hörsaal mit Historie, heute leer.

„Monumente der Erinnerung“ oder so ähnlich lautete der Titel der Vernissage. Es sind ja oft Namen, die einem rechts und links aus den Ohren herausquellen, ohne dass sie sich im Hirn konkretisiert hätten.

Nun ja, und dann eilten wir durch die Gänge, weil wir spät dran waren, und ich wandte meine Augen von den beleuchteten Regalen ab, in denen Gedärme und monströse Kindsköpfe in Alkohollösung schwammen. Und dann betraten wir diese Ruinenhalle, die von ihrer überraschenden Höhe und Weite her wirklich ganz eindrucksvoll ist.

Dort standen an die hundert Leute herum, an einem Tisch gab es Orangensaft, Wein und pathologisch interessante Laugenbrezel. Man konnte die Leute nicht gut erkennen, weil das Licht unschön vom Boden aus leuchtete, blaues Licht, vier Neonröhren, die an gegenüberliegenden Wänden lagen wie vergessene Baulampen, es können auch fünf gewesen sein. Man spazierte so im Raum herum, und wir spazierten mit.

„Und wo ist denn nun die Kunst?“ fragte ich meine Freundin, weil ich kein Bild an der Wand fand, auch keine Statue im Raum oder irgendetwas anderes auffälliges, nur die Leute und den Getränketisch. Meine Freundin grüßte in verschiedene Richtungen und raunte mir zu, dass das da drüben die Künstlerin stehe, deren Namen ich hier gnädig verschweigen möchte. Es war eine unauffällige, blasse Frau, vielleicht Mitte sechzig, in einem hochgeschlossenen Pullover. Sie habe, so sagte die Freundin, noch von früher einen Namen in der Stadt.

„Aber wo ist denn nun die Kunst?“ Ich konnte nichts entdecken.

Dann griff ein Herr von der Klinik nach einem Mikrofon. Er erzählte von der Halle, von berühmten Ärzten, verlor sich plappernd in pathologische Historie-Einzelheiten, redete da im Halbdunkel vor sich hin, zehn Minuten, fünfzehn Minuten. „Man müsste ihm den Saft abdrehen“, sagte ich halblaut, aber sonst wehrte sich leider niemand.

Nach ewigen zwanzig Minuten übergab er das Mikrofon an den klischeeigsten Kunstkenner, den man sich ausdenken kann: Ende Vierzig, schwarzer Anzug, schwarzer Rolli, halblanges Haar, enervierte Mundwinkel. Und der wiederum hub an, einen Schwall von Schaumwörtern auszustoßen, die alle was mit Erinnerung, Monumenten, historischem Raum, Geist, Erfahrung zu tun hatten. Obwohl seine Sätze lang und verschachtelt waren, blieben sie bei mir in keinem sinnvollen Zusammenhang haften. Die ältliche Künstlerin stand bescheiden daneben.

„Wo ist denn nun die Kunst?“ fragte ich zum dritten Mal meine Freundin, nun unhöflich laut, so dass die Leute sich umdrehten. Sie deutete auf die blauen Neonröhren, die unbeachtet an den Wänden lagen und wisperte: „Na, das da.“

„Wie bitte?“

Minimal art ist das“, erklärte meine Freundin. „Aber ich gebe ja zu, sie kommt zwanzig Jahre zu spät.“

Ich fauchte: „Was tun wir hier eigentlich?“

Um es kurz zu machen: Ich finde, dass es eine Unverschämtheit ist, Leute an einem regnerischen Freitagabend aus ihren warmen Wohnungen zu locken, sie in eine Halle zu bestellen, die lange vor der Künstlerin schon stand und noch nach ihr stehen wird, vier blaue Neonröhren hineinzulegen und zu behaupten, dies sei jetzt Kunst, weil das Licht die historischen Mauern anders beleuchte. Ich kann die Leute nicht begreifen, die auch nur eine halbe Stunde ihrer Lebenszeit drangeben, um an solchen Kaiser-mit-Kleidern-Komödien mitzuwirken. Schlimmer noch, sie geben sich alle Mühe, eisern daran zu glauben, und so begegnete ich bitterbösen Blicken, als ich halblaut feststellte, dass es mir lieb wäre, wenn sich die Künstlerin bei mir entschuldigt. Auf dem Flur trafen wir noch zwei andere, die das Ereignis vorzeitig verließen, aber die meisten blieben tatsächlich da und klatschten.nach oben

© FRIDA 2005

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