Körper-Sprache Der Frauenkörper ist auch heute noch eine einzige semantische Problemzone. Eine Frauenärztin plaudert aus der Praxis
von Maria Fangerau
Alle reden immerzu davon, wie weit uns die Emanzipation bereits gebracht hat. Frauen in Ost und West stürmen an die politische Macht, und Ministerin von der Leyen will auch noch die letzten Stolpersteine mangelnder Kinderbetreuung aus dem Weg karriereorientierter Mütter räumen.
Was also bleibt überhaupt noch zu meckern, ist doch alles so schön harmonisch im Staate Deutschland? Wenn frau schon unzufrieden sein will, kann sie das ja in bewährter Manier mit sich selber sein, etwas abspecken oder ihren Schönheitschirurgen verklagen, mögen die Männer denken und sich locker mit ihrem Pils im Gartenstuhl zurücklehnen.
Doch nicht an unseren weiblichen Formen sollten wir herummäkeln, sondern an ihrer Beschreibung und Bewertung in der Öffentlichkeit. Denn auch heute noch ist der Frauenkörper eine einzige semantische Problemzone und nach Jahren lila-latzhosigen Aufbegehrens sind noch immer nicht die richtigen Worte gefunden, um unsere einzigartige Weiblichkeit annähernd treffend zu beschreiben.
Wie jämmerlich für eine Dichter und Denker-Sprache, dass sie nicht in der Lage ist, unsere fraulichen sekundären Geschlechtsmerkmale anders zu titulieren als mit einem so rüden Unisex-Begriff wie „Brust“. Das Wort “Busen” vermeidet das Wesentliche, indem es die Bucht zwischen zwei Hügeln oder am Meer beschreibt, und eine “Büste” kann man bildhauerisch auch von einem männlichen Wesen anfertigen. Und wer soll sich schon wohl fühlen in einem Körper, dessen Brüste von zwei Warzen gekrönt werden? Selbst die medizinische Bezeichnung „Mamille“ klingt besser als die übliche Allegorie auf das Warzenschwein. Und mit lautmalerische Bezeichnungen wie Titten oder Möpse kann ich mich auch nicht wirklich identifizieren. Kein Wunder, dass alle Mädchen sich einen unangreifbar harmonischen, silikonenen High-Tech-Busen wünschen, der nicht mehr bewertet, sondern nur noch in stiller Bewunderung gestreichelt wird.
Wenn ich über den Frauenkörper schreiben will, fehlen mir also die Worte. Ich muss mich entweder der medizinischen Nomenklatur bedienen oder in die Gosse abrutschen. Was das für die intimeren Zonen bedeutet, mag man sich kaum ausmalen.
Von Norden nach Süden wandernd, also unterhalb der Gürtellinie, nichts als Schamesröte: Schambein, Schamhügel, Schamlippen. Doch hier beginnt das Reich der Sinne, in dem wir unsere Lust genießen, mit dem wir verführen. Was also liegt näher, als sich positive Begriffe zu suchen.
Mann und Frau könnten ihrer Phantasie freien Lauf lassen. „Charmelippen“ zum Beispiel klingt doch gleich viel besser, und macht uns selbstbewusst wie Emma Peel mit Schirm, Charme und Melone. „Venuslippen“ sind ebenfalls eine vielversprechende Alternative, getoppt nur noch von „Lustflügeln“.
Öffnen sich diese, verbirgt sich dahinter ein wahres Schatzkästlein, medizinisch Vagina, eingedeutscht schlicht die Scheide. Neutraler und unerotischer geht es kaum, sieht man mal von der “Muschi” ab, die eher an Uschis maunzendes Katzentier denken lässt, als an ihre erogenste Zone. Die “Möse” wird weitgehend als abwertender Begriff im Männermunde geführt, von “Fotze” ganz zu schweigen, wohingegen das “Möschen”, von der Besitzerin selbst benutzt, an ein lauschiges Plätzchen auf einer moosigen Waldlichtung denken lässt. Aber so sinnstiftende Bezeichnungen wie „Höhle der Löwin“ oder “Muschel” lassen ganz andere Gedanken aufkommen. Und so soll es auch sein.
Das Gehirn der Frau ist ihr potentestes Sexualorgan. Was da abgeht, schlägt sich sofort in ihrem Liebesleben nieder. Der fatal falsche Umkehrschluss liegt darin, zu denken, wenn nichts mehr läuft im Bette des Vaterlandes, wird das wohl an einem zu kleinen Busen oder den zu dicken Oberschenkeln liegen.
Doch finden wir selbst uns schön, dann finden das auch andere. Denke ich an mich als Sexgöttin, ausgestattet mit rosigen Knospen, die selbst meinen Hängebusen zieren, mit einer Wunderperle in meiner Zaubermuschel, aus der Nektar fließt, so wird das Erleben des einfachen Geschlechtsaktes ein sehr Lustvolles.
„Schläft ein Lied in allen Dingen,..., kennst du nur das Zauberwort“ dichtete bereits Joseph von Eichendorff, wobei “Lied” in unserem Fall für das zärtliche Stöhnen der Leidenschaft steht und das Zauberwort, nun ja, das ist die wahre emanzipatorische Herausforderung.
Wenn ich die Damen und Herren Sexualpartner nur davon überzeugen könnte, die monotone Sprachlosigkeit zu verlassen und fantasievolle Erotismen zu murmeln, um damit dem weiblichen Körper eine neue, sinnliche Form zu geben, so hätten Zeitschriftenmogule und Schönheitschirurgen ausgedient. Dann bräuchten wir nicht länger Hilfe, um unsere Problemzonen zu bekämpfen oder zu kaschieren, denn wir hätten keine mehr
Unsere Cellulite-gebeutelten Bäuche und Schenkel wären in eine üppige und wollüstige Landschaft zurückverwandelt, durch deren Hügel und Wälder zu streifen auch allein sehr viel Spaß machen kann ...
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