|
Der Kopierer ist in jedem Büro ein Ort sozialer Begegnung, besonders, wenn er kaputt ist.
Ein großes Projekt wird geplant. Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen funktioniert reibungslos. Bis auf eine Schnittstelle ...
Der Kopierer steht immer am falschen Platz. Die Kollegen aus dem Controlling müssen am weitesten laufen und beschweren sich. Die aus der Buchhaltung sitzen direkt daneben und finden, dass die Lärmbelästigung eine Zumutung ist. Nun hat man ihn vor die Werkstatt des Hausmeisters geschoben. Der braucht das Ding eigentlich nie und fasst es auch nicht an. Displays sind ihm unheimlich.
Alle Mitarbeiter werden hier jetzt täglich angespült, Sachbearbeiter und Abteilungsleiter, Juristen und die Empfangsdame. Das Zufallsprinzip bringt jeden mit jedem in Kontakt, und es gibt nichts, was den Gemeinschaftssinn so stärkt wie das: Der Kopierer kopiert nicht, sondern frisst Blätter, staut sich, hustet, quietscht, tropft, raucht, explodiert, blinkt hektisch, braucht Erste Hilfe.
Ein Kopierer hat viele Schubladen und Rädchen und Klappen. Herr Dr. Berger krempelt sein weißes Hemd auf und öffnet die größte mit fachmännischem Blick. Beinahe hätte er dem hinter ihm stehenden Praktikanten befohlen: “Tupfer!”
“Lassen Sie die Schere weg”, ruft die Sekretärin von weitem, “Sie kennen sich nicht aus.” Der Stoff ihres engen Rockes spannt sich gefährlich eng um ihre Hüften, als sie sich vor das offene Geheimnis hockt - ein Abgrund aus Schienen und Schrauben, und weil sie nicht zugeben kann, dass sie auch nichts weiß, dreht sie hier, rüttelt sie da, zerquetscht einen Fluch zwischen den Lippen und hat bald die Finger voller schwarzer Farbe. Das Papier staut immer noch.
Inzwischen stauen sich auch die Kopierwilligen, die nur mal ganz kurz .... Sie haben ihr Telefon nicht umgestellt und wippen nun mit dem Fuß, keiner will seinen vorteilhaften Platz in der Schlange verlieren, aber weiter warten wollen sie auch nicht. Die Sekretärin hat inzwischen einen roten Kopf, und der wird mit Vermutungen beworfen: “Vielleicht vorn .. vielleicht hinten .. vielleicht fehlt Toner .. vielleicht kein Papier.”
Der Hausmeister steckt den Kopf aus seiner Werkstatt und sagt: “Det Ding muss hier weg.”
“Wenn man ihn ausschaltet, eine Knoblauchzehe gegen die Deckenleuchte hält, dreimal vorwärts um den Aktenschrank läuft, und einmal rückwärts, dabei tief einatmet und dann “Ommm” sagt, tut er es meistens wieder”, sagt die Auszubildende im ersten Lehrjahr und ist sich nicht zu schade, die Maßnahme gleich vorzuführen. Die Schlange aus Mitarbeitern verfolgt fasziniert den kreativen Lösungsansatz.
Auf das Zeichen der Auszubildenden drückt Herr Dr. Berger auf die On-Taste. Wie ein Hauch spuckt der Kopierer das verschluckte Blättchen aus, ganz beiläufig rutscht es in die Ablage.
Die Erleichterung verteilt sich auf alle Gesichter. Die Kollegen fassen sich an den Schultern und tanzen eine schwankende Polonaise durch den Flur.
Die Geschäfte gehen weiter. Doppelseitig, vergrößert, verkleinert, der Kopierer arbeitet, als hätte er drei Wochen Urlaub gehabt. “Braves Mädchen”, sagt Herr Dr. Berger und tätschelt ihn.
Das hätte er nicht tun sollen. Ein furchtbares Geräusch ertönt. So ein Knarren, ein metallisches Schaben, es riecht nach Gummi.
Die Mitarbeiter, die fröhlich Kopien schwenkend, eben in ihren Zimmern verschwinden wollen, erstarren mitten in der Bewegung. Sie sehen hilfesuchend die Auszubildende an. Die gibt ihre Kapitulation bekannt: “Kundendienst!”
Der kommt morgen.
|