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Alle Bilder (außer Bohrmaschine und Schrottplatz) und alle Texte: copyright Gabriele BĂ€rtels 2006

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Lange Finger

Eine schreckliche Geschichte

 

Michaela hat lange Finger und lange, sorgfĂ€ltig gefeilte NĂ€gel. Sie knipst damit, wenn sie redet, legt die Fingerspitzen tastend zusammen, spielt mit den HĂ€nden, merkt es nicht. Sie ist einundzwanzig, groß und schlank, auffallend blass, obwohl doch Hochsommer ist. Ihre Stimme hat eine piepsige Monotonie, auch dann, wenn sie ihre Lebensgeschichte erzĂ€hlt. Sie hat sie schon hĂ€ufiger erzĂ€hlen mĂŒssen, mobilisiert nicht jedes Mal wieder Trauer und Wut, setzt dramatische Höhepunkte ganz bewusst, bewegt sich auffallend langsam.

Michaela stiehlt seit ihrem sechsten Lebensjahr. An dem, was sie einsteckte, hat sie sich nie bereichert, sie brauchte die Sachen nicht einmal, sondern hat sich damit nur belohnt. „Wie einen Hund, wenn er was Artiges gemacht hat“, erklĂ€rt sie.

Seit sie zwei Jahre alt war, lebte sie beim Vater, der das Sorgerecht hat. Mit sechs Jahren muss Michaela das erste Mal nachts zum ihm ins Bett, auch zum Onkel, der gern zu Besuch kommt. Auf einem Foto ist der Vater ein hĂŒbscher, freundlich dreinblickender Blonder mit einer SchwĂ€che um das Kinn. Den Hauptschulabschluss hat er nicht geschafft und prophezeit seiner Tochter das Gleiche. Der Kontakt zur Mutter schlĂ€ft ein.

Michaelas Weg zur Schule fĂŒhrt durch eine Einkaufsgalerie. Sieht sie in einem Schaufenster SĂŒĂŸigkeiten liegen, betritt sie das GeschĂ€ft ohne nachzudenken. „Als wĂŒrde jemand in mir sitzen und mich von innen kitzeln“, so beschreibt sie das GefĂŒhl, das sie befĂ€llt, wenn sie Schokoladenriegel in ihre Tasche gleiten lĂ€sst. VerlĂ€sst sie den Laden, denn breitet sich eine ungeheure Entspannung in ihr aus, fließt warm, glĂ€nzend und schwer durch ihre Adern. Michaela hortet SĂŒĂŸigkeiten, Buntstifte, lauter Kleinigkeiten, aber sie isst sie nicht, benutzt sie nicht, verschenkt sie nicht. Über das, was der Vater mit ihr macht, verliert sie kein Wort.

Er heiratet wieder, aber missbraucht Michaela weiter. Die angeblich ahnungslose Stiefmutter schlĂ€gt Michaela, sperrt sie ein, lĂ€sst sie hungern und verwahrlosen, entschuldigt sie in der Schule, wenn der Kinderkörper „blitzeblau“ ist. Nur bei der Oma bekommt Michaela etwas Warmes zu essen und zĂ€rtliche Zuwendung. Mit vierzehn wird Michaela von ihrem Vater schwanger. Sie darf nicht verraten, von wem das Kind ist, sonst bringt er sie um. Es ist ein MĂ€dchen. Die Stiefmutter erwischt ihren Mann mit Michaela im Bett. Sie schlĂ€gt sie krankenhausreif. Michaela vertraut sich endlich einem Lehrer an, der bringt sie zum Jugendamt, von dort kommt sie in ein Heim. Das Baby lĂ€sst sie zuhause, besucht es am Wochenende. Als der SĂ€ugling neun Monate alt ist, wirft die Stiefmutter ihn im hohen Bogen Michaela zu, die in der Badewanne liegt. Der SĂ€ugling stirbt. Der Vater ĂŒbernimmt die Schuld und sagt aus, dass es ein Unfall war.

Michaela kommt in eine Pflegefamilie und soll lernen, glĂŒcklich zu werden.

„Was ist Musik? Was ist Freizeit? Was ist Spiel?“ Michaela hat keine Ahnung. Sie ist sechzehn, stiehlt jetzt nur noch teure Sachen, Lippenstifte, Puder, alles Zeug, das sie nicht braucht. Sie versteckt es in ihrem Bettkasten, lebt in stĂ€ndiger Angst vor Entdeckung, kann sich aber von den Sachen nicht trennen. Mit ihren fĂŒnfzig Mark Taschengeld könnte sie sich vieles kaufen, aber es ist der Diebstahl selbst, der ihr wie eine Exstasy-Pille durch und durch geht. Als sie das Zimmer mit dem Pflegebruder tauschen soll, entdeckt die Pflegemutter die originalverpackten Kosmetika. Ihre Fragen beantwortet Michaela nicht, kann sie nicht beantworten. Sie verspricht, es nicht wieder zu tun. „Ich geh jetzt inlinern“, sagt sie und weiß selbst nicht, wie es kommt, dass sie zehn Minuten spĂ€ter ein GeschĂ€ft betritt und ein teures Make-up einsteckt. Zuhause kontrolliert die Pflegemutter ihre Tasche. Michaela muss zurĂŒck ins Heim.

Sechs Wochen lang darf sie das GelĂ€nde nicht verlassen. Ihre Mitbewohner zeigen stolz, was ihre VĂ€ter ihnen geschenkt haben. Michaela hat nichts. Sie beginnt, ihre Mitbewohner zu bestehlen, ohne GefĂŒhl, ohne Habgier, nur um die Spannung zu lösen, die sich immer wieder aufbaut, mit der sie nur so umgehen kann. Welches Ereignis, welcher Anlass, welcher GemĂŒtszustand sie zu DiebstĂ€hlen bewegt, weiß sie nicht. „Ferngesteuert“, sagt sie, aber sobald sie den billigen Armreif, das PĂŒppchen, das GeldstĂŒck einer Zimmernachbarin an sich drĂŒckt, schlĂ€gt ihr Herz schneller, das Blut rauscht und prickelt. Die Ausgangssperre wird verlĂ€ngert. Michaela denkt sich neue Verstecke fĂŒr ihr Diebesgut aus, hortet Kleinigkeiten wie SchĂ€tze. Sie muss eine Therapie machen. Es gelingt ihr erstmals, zwei Wochen lang nichts zu klauen.

Sie lernt ihre erste, große Liebe kennen, einen jungen Mann aus einem betreuten Wohnprojekt. Er ist zĂ€rtlich zu ihr. Sie kennt seine Kontonummer und die Geheimnummer seiner EC-Karte und hebt 1900 DM ab, versteckt das Geld in der Matratze. Der Verdacht fĂ€llt logischerweise auf sie. Bis auf zehn Mark fĂŒr Zigaretten hat sie nichts ausgegeben. „Da bekam ich das allererste Mal ein schlechtes Gewissen.“ Sie ist froh, dass er sie nicht anzeigt, dass er ihr verzeiht.

„Vorher war das Klauen selbstverstĂ€ndlich, aber jetzt befriedigte es mich nicht mehr, ich musste immer an diesen Diebstahl denken.“ Stattdessen wird sie nun von FressanfĂ€llen ĂŒberwĂ€ltigt und entwickelt eine Magersucht, tobt rasende Wut an den Betreuern aus, die sie festhalten mĂŒssen. Aus ihren Armen werden Ärmchen. WĂ€hrend einer Kur wird sie zwangsernĂ€hrt und langsam wieder an den normalen Umgang mit Nahrung herangefĂŒhrt.

„Ich hatte Lebensfreude, bin in die Disco gegangen.“ Michaela fĂŒhlt sich geheilt. Dann stirbt ihre Oma. Als Michaela die Nachricht erhĂ€lt, glaubt sie, am Tod der Oma schuld zu sein, und hier wird Michaelas ErzĂ€hlung zum ersten Mal lebendig, ihre Augen röten sich, sie ringt die langen HĂ€nde. „Mein Vater hat mir nicht gesagt, dass sie mich noch einmal sehen wollte.“ Ihr Kinn zittert, sie entschuldigt sich dafĂŒr.

„Ich war doch brav, klaute nicht und aß vernĂŒnftig“, hat sie damals gedacht. Dann fĂ€ngt sie an, um sich zu schlagen, TĂŒren und Betten zu demolieren. Nach der Beerdigung bricht Michaela den Kontakt zur Familie ihres Vaters ab. Die Oma, das warme Bindeglied, erkaltet. „Ich habe nur die paar Familienfotos hier“, sagt Michaela, und ihre eckigen Schultern beben.

Michaelas Traum war immer, Friseuse zu werden, aber sie ist es nicht. Den Hauptschulabschluss hat sie aber im zweiten Anlauf geschafft. Seit sie achtzehn ist, lebt sie in einer winzigen Erdgeschosswohnung mit Blick auf den dĂŒsteren Hinterhof, bezieht Sozialhilfe und wird von einer Sozialarbeiterin betreut.

Sie lernt einen jungen Mann kennen, ihre zweite große Liebe. Er ist ein Jahr Ă€lter als sie, und sie kann ihm ihre traurige Geschichte erzĂ€hlen, aber die Klau-Sucht lĂ€sst sie aus. Vier Wochen spĂ€ter zieht das junge Paar zusammen. Die Wohnung hat nur ein vollgestopftes, unaufgerĂ€umtes, beinahe verwahrlostes Zimmer, und die KĂŒche liegt voller dreckiger WĂ€sche. Der Freund bricht seine Umschulung ab, weil er in einem GetrĂ€nkemarkt mehr verdienen kann und macht ihr einen Heiratsantrag. Oft hilft ihm Michaela abends, seine Kasse zu zĂ€hlen. Nach zwei Jahren greift sie zu.

„Dass ich tausend Euro geklaut hatte, habe ich erst zwei Tage spĂ€ter registriert. Ich kann mich an diese Zeit nicht erinnern.“ Der Supermarkt untersucht den Fall intern. Michaelas Freund kann sich den Kassenfehlbestand nicht erklĂ€ren. Er fragt Michaela: „Warst Du es?“ Sie sind verlobt.

Erst leugnet sie, dann schreibt sie ihm eine SMS und gesteht. Sie gibt das Geld zurĂŒck. Der Freund wird dennoch fristlos entlassen. Michaela holt ihre Betreuerin zu Hilfe, damit die ihm erklĂ€rt, dass sie an einer Krankheit leidet, Kleptomanie. „Noch einmal so was, und Du kannst gehen“, droht er ihr und bleibt.

Seitdem leben beide von Sozialhilfe, und der Freund sucht dringend einen Job. Am Anfang verdient Michaela in einer Disco hin und wieder etwas dazu. Dann bewirbt sie sich als Putzfrau, aber niemand will sie haben. „Das kann doch jeder“, sagt sie, aber ihre Empörung klingt nicht echt. Ihre manikĂŒrten Finger schlingen sich umeinander. Seit drei Monaten weigert sich das Sozialamt, lĂ€nger zu zahlen. Michaela will immer noch Friseuse werden und hofft demnĂ€chst auf einen Ausbildungsplatz. Einkaufen geht sie selten ohne ihren Verlobten, und wenn, dann „ganz gezielt an die Regale“. Sie klaut nicht mehr.

Die Miete ist nicht bezahlt und manchmal haben die beiden tagelang nichts zu essen. Die Fenster sind trotz der Hitze geschlossen, und das Bett, das die HĂ€lfte des Raumes einnimmt, ist zerwĂŒhlt. „Er hat versprochen, es zu machen, weil ich mich so schlecht fĂŒhle. Aber er hat es wohl vergessen.“ Michaela sitzt schlaff auf dem Sofa, neben sich einen ĂŒberquellenden Aschenbecher. Sie lĂ€chelt geschmeichelt. „Er hat mir wieder einen Heiratsantrag gemacht.“nach oben

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