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Aussage einer Kleptomanin
Kleptomanie ist keine Freizeitbeschäftigung gelangweilter Frauen, sondern ein ernstes, psychisches Problem.
Geklaut habe ich immer, kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, wann es angefangen hat. Schon als Sechsjährige wusste ich sehr genau, wo das Portemonnaie meiner Mutter lag. Ich stahl Markstücke und kaufte mir davon Süßigkeiten, wurde erwischt und von meinem Vater verprügelt, aber wenn ich wieder klaute, dachte ich nicht daran, ich dachte an gar nichts. Manchmal, wenn die Familie am Sonntag im Mittagsschlaf lag, streifte ich durch die Wohnung und zog alle Schubladen auf. Nur die allerkleinsten Sachen steckte ich ein – einen Anspitzer oder eine Bastelschere, legte diese Dinge in kleine Schachteln und schob sie hinter die Schulbücher. Ich wusste, dass das eine Sünde war, aber ein Teil von mir fand es selbstverständlich und blieb ganz still, während ich mich mit Schuldgefühlen quälte.
Ich klaute auch in der Schule, war eine von denen, die in die Umkleidekabinen schlichen, wenn die Klasse beim Turnen war, die mit fliegenden Fingern Verschlüsse öffnete, mit jagendem Herzen und einem halben Blick zur Tür, deren Denken aussetzte, wenn sie Münzen ertastete, herauszog, in die Schuhe steckte, damit sie mit leeren Händen dastand, wenn doch jemand kommen sollte. Mein Gesicht war glatt und ausdruckslos, wenn ich später zu den Schulkameraden trat. Dass meine Knie zitterten und ich von einer euphorischen Glückseligkeit durchsickert wurde, sahen sie nicht. Bevor der Schulbus abfuhr, lief ich noch zum Kiosk und kaufte mir ein Comic-Heft. Wenn dann ein Kind aufschrie: „Mein Geld ist weg!“, schüttelte ich mit allen anderen den Kopf und sagte: „Dieses Schwein!“ Irgendwo in einer Ecke meines Ichs saß ich und hörte mir zu. Ich spürte kein Bedauern, selbst wenn es meine beste Freundin getroffen hatte, mit der ich seit Jahren an einem Schultisch saß, die bitterlich weinte. Ich fühlte mich nur irgendwie unangenehm und hatte Angst, entdeckt zu werden, und dass alle Finger auf mich zeigen würden. Aber so nah vermutete keiner den Dieb.
So lange ich zuhause lebte und noch lange danach stahl ich meiner Mutter Geld aus dem Portemonnaie, meinem Vater eher selten, denn er trug seine Brieftasche bei sich. Manchmal fand ich aber in seinen Anzugtaschen Wechselgeld. Ich klaute auch Schminke und Kaugummi und später Klamotten in Kaufhäusern und Boutiquen. Ich klaute, wenn ich zu Besuch war und in den Ferien und bei Aushilfsjobs. Meistens Geld, das ich nicht aufbewahrte, sondern sofort in Süßigkeiten umsetzte, die ich irgendwo verschlang, wo mich keiner sah. Man hat mich mehrfach erwischt, und einmal stand ich vor dem Jugendrichter. Aber seine mahnenden Worte erreichten mich nicht, auch nicht die Hiebe meines Vaters. Mir selbst gelobte ich keine Besserung, weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hatte. Ich konnte nichts erklären.
In dem Textilgeschäft, in dem ich nach dem Abitur eine Ausbildung begann, klaute ich Pullover, und weil ich nun in einer Wohngemeinschaft lebte, fragte niemand, woher ich diese eindrucksvolle Garderobe hatte. Manchmal rechnete ich zusammen, wieviel sie wert waren, aber es war eine Zahl ohne Bedeutung. Ich trug nur wenige davon, die meisten lagen im Schrank. Wenn ich am Wochenende nach Hause fuhr, steckte ich dort alles ein, was ich für mein neues Zimmer gebrauchen konnte. Ich wurde beim Ladendiebstahl erwischt, in einem Lebensmittelgeschäft, in dem ich schon oft geklaut hatte, denn es gab bei den Bierkisten eine Stelle, von der aus man nicht gesehen wurde, dort schob ich in die Tasche, was in meinem Einkaufswagen lag, diesmal ein Päckchen Vanillezucker. Ich rollte den Wagen zur Kasse, und ein Teil von mir ahnte schon, bevor ich an der Reihe war, dass der Angestellte, der sich am Ausgang aufgebaut hatte, wegen mir da stand. Und doch stellte ich nur die Milch auf das Laufband, anstatt den Vanillezucker dazuzulegen. Es schien, als sähe ich einen Film und könne nicht eingreifen. Mein Körper befand sich in atemberaubendem Aufruhr, aber meine Hände zitterten nicht. Ich zahlte die Milch, die Kassiererin tat so, als wüsste sie nichts, und dann drang die Stimme des Angestellten wie ein Glockenschlag in meine Ohren, mein Kopf dröhnte, mein Herz schlug rasant, ich wäre ihm am liebsten bewusstlos in die Arme gefallen. Man führte mich in ein Hinterzimmer, ich saß da mit geneigtem Kopf und zwei Angestellte schauten in meinen Nacken. Ich gab der Polizei demütig Auskunft, als sie kam, ertrug ihre Kühle, denn ich hatte sie verdient. Hatte Glück, dass ich mir außer einer Verwarnung nichts einhandelte und noch nach dem Jugendstrafrecht beurteilt wurde.
Ich klaute, bis ich Mitte dreißig war. Es war mein größtes Geheimnis. Ich wurde nicht reich dabei, war auch kein Verbrecher. Ich beging nur tausend kleine Vertrauensbrüche, und wie unüblich das war, war mir nicht wirklich bewusst. Es schien mir, als habe ich ein Recht dazu, auch wenn mir natürlich klar war, dass es ein solches nicht gab. Niemand hätte mir das zugetraut, denn ich hatte eine warmherzig-freundliche Ausstrahlung und ein sensibles Gerechtigkeitsgefühl.
Einmal „war mir wieder danach“ und ich betrat eine Boutique. Die einzige Verkäuferin schien ein harmloses Wesen zu sein. Ich schob eine zusammengerollte Hose unter meinen Pullover und drückte sie an mich. Dann trat ich aus der Kabine und wollte das Geschäft verlassen. „Wo ist die Hose?“ Ihre eiskalte Frage riss mich zurück. Und dann stand ich schamüberschüttet vor der Kasse, während sie zu zittern begann und schrie: „Ich hasse Sie, Sie sind eine Diebin. Ich stehe hier von neun bis achtzehn Uhr und trage vorher noch Zeitungen aus, weil das Geld nicht reicht. Wenn im Laden etwas fehlt, muss ich es ersetzen. Und Sie schlendern einfach hier rein.“ Sie steigerte ihre Tonlage: „Wenn Sie Brot stehlen würden, dann würde ich wegsehen. Aber Sie, Sie sehen so gut aus, so gepflegt, so teuer. Ich verachte Sie zutiefst. Soll ich die Polizei rufen?“ Sie tobte und der Schweiß brach ihr aus.
Dann zwang sie mich: „Bitte nicht!“ zu flüstern und jagte mich aus dem Geschäft.
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