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Kinderwunschpraxis

Vera wird nicht schwanger. Ihre Freundinnen - alles junge Mütter - sind in eine andere Welt abgedriftet

von Tanja Dückers

 

 

Um sechs Uhr wird Silke geweckt – von ihrem dreijährigen Sohn Niklas. Ebenfalls um Punkt sechs wird Silkes ehemals beste Freundin Vera aus dem Schlaf gerissen – der nächste Termin in der Kinderwunschpraxis steht an. Blutabnahme, Hormonwertkontrolle. Seien Sie spätestens sieben Uhr da.

kinderwunsch3Vera muss quer durch die Stadt radeln. Jeden Monat muss Vera vierzehn Tage in Folge in die Praxis gehen, um sich Spritzen geben zu lassen. Auf dem Weg kauft Vera sich noch eine Zeitung. In der Kinderwunschpraxis angekommen, atmet sie erst einmal auf: Die Praxis strahlt mit ihrem vielen Pflanzen, den orangefarbenen Gardinen und den gemütlichen Sofas mediterranes Wohlfühlflair aus – Tee und Wasser stehen für die Patienten bereit. Aus den Boxen gluckst Eso-Musik. Walfisch- oder Delfin-Gefiepe, vermutet Vera. Doch wenn sie genau hinhört, kann sie hinter einer der vielen Türen jemanden weinen hören. Es ist ein leises, hoffnungsloses Weinen. Vera lässt sich auf eines der chicen Sofas im Retro-Stil fallen und schenkt sich einen „Wellness-Tea“ ein. Und schlägt die Zeitung auf.

Das Ergebnis ihrer Lektüre lässt sich so zusammenfassen: Egoistische Akademikerinnen weigern sich, Kinder in die Welt setzen, junge Frauen streben – Oh Schreck! Oh Wunder! - nach Macht. Anstelle von Frauen im Kreißsaal liegen tote Babies in Garagen und Kühlschränken. Und überhaupt: Unser Reproduktionsverhalten ist unverantwortlich ... in zwanzig Jahren ist aus Deutschland Turkistan oder so geworden. FamilieFamilieKinderKinder, das Ganze gewürzt mit mehr oder weniger subtilen Rassismus – Vera flimmern die Augen. Haben die Politiker denn gar kein anderes Thema mehr? Wo bleibt die vielzitierte Toleranz? Der Respekt vor der Pluralität von Lebensentwürfen?

Vera wirft einen scheuen Blick auf die Leute im Wartezimmer. Da sitzen wie zu erwarten Enddreißiger, aber auch Mittzwanziger. Manche Patienten tragen teuren Schmuck und hängen edle Mäntel an die Garderobe, andere haben Aldi-Plastiktüten neben sich abgestellt. Ziemlich unterschiedliche Besatzung hier. Dort mit überschlagenen Beinen eine Kurzhaarige mit Nickelbrille, ihr gegenüber ein Mädchen im Barbiepuppenlook – neben ihr natürlich Ken. Scheint bei denen auch nicht zu klappen, bei Barbie und Ken. Überhaupt sitzen viele Kens hier. In ziemlich genau der Hälfte der Fälle sind nicht die Frauen, sondern die Männer zeugungsunfähig. Neben einem lässigen Tattootyp mit aufgeknöpftem Hemd hockt eine Kopftuchtürkin mit gefalteten Händen; ein schnauzbärtiger Mann mit weinroter Strickjacke über dem Spitzbäuchlein an ihrer Seite. Vera bemerkt, dass die Türkin ihren Blick gehoben hat und ihre Zeitung liest. Was sie wohl über die Artikel über egoistische Akademikerinnen denkt?

kinderwunsch1Jetzt klingelt Veras Handy. Silke fragt ohne Umschweife, ob Vera heute nachmittag Niklas nehmen könnte. Sie müsse einen Projektantrag dringend fertig kriegen. Vera liegt es auf der Zunge zu sagen, dass auch sie heute arbeiten muss – aber sie sagt natürlich „ja“. Schließlich befindet sich ihre ehemals beste Freundin seit drei Jahren im „Ausnahmezustand“. Silke bleut ihr noch ein, pünktlich zu kommen.

Die Sprechstundenhilfe, die Veras Namen aufruft, strahlt übers ganze Gesicht. Diesen Ausdruck behält sie unbeirrt bei, als sie neben Vera den Gang zum Untersuchungsraum entlang trabt. Die Sprechstundenhilfen hier sind Profis. Einmal hat Vera erlebt, wie ein Mann eine halbe Ewigkeit brauchte, um seine Chipkarte zu finden, ein anderer verhaspelte sich, als er versuchte, den Namen eines Medikaments auszusprechen – die Sprechstundenhilfen lächelten konsequent unironisch. Vermutlich würden sie in ihrer routinierten Trance auch weiterlächeln, wenn sich jemand direkt vor ihnen aus dem Fenster stürzte.

Das ganze Gespritze und Gepiekse - ebenfalls lächelnd ausgeführt - geht an Vera ziemlich vorbei. Am Anfang dachte sie, was wird da mit meinem Körper gemacht, oh Gott, statt in einer Liebesnacht zu empfangen, werde ich hier zur Laborratte? - jetzt macht sie die Augen zu und versucht, an etwas Schönes zu denken. Zum Beispiel an Nils’ und ihre letzte Skandinavien-Reise. Silke ist von Anfang an der Ansicht gewesen, dass Vera sich einfach nicht genug „entspanne“ – sonst wäre sie bestimmt schon längst schwanger geworden. Die Mütter und Väter, die Nils und Vera stets unaufgefordert diese ultimative „Weisheit“ vermitteln, haben allesamt mit qualmenden Köpfen und oft genug noch mit Glimmstengel in der Hand über ihren „Projekten“ gekauert, bevor sich Mutter Natur - launisch wie sie ist - plötzlich entschied, sie schwanger werden zu lassen. Sie selbst führen meist alles andere als einen „entspannten“ Lebensstil (wer lebt heutzutage schon wirklich entspannt?), aber verteilen diesen Ratschlag großzügig.

Vera radelt wieder nach Hause, nicht ohne ihre Zeitung in den Müll zu befördern. Wer möchte schon freiwillig einen Haufen undifferenzierter Beleidigungen über sich lesen?

Die Post geht Vera wie immer beim Hinaufsteigen in den vierten Stock durch. Zwei Rechnungen von der Kinderwunschpraxis, zwei Geburtsanzeigen von Freundinnen. Dann kann ich ja nachher noch im „Baby-Land“ vorbeischauen, denkt Vera. Die Verkäufer müssen denken, sie hätte selber eine ganze Kinderschar – so oft hat sie in letzter Zeit dort Geschenke gekauft. Wenn der Freundeskreis kollektiv Vater und Mutter wird, ändert sich auch das eigene Leben komplett.

In ihrer Wohnung angekommen, klingelt das Telefon. Es ist Karen, deren Tochter Emma gerade von einer Mitschülerin verhauen wurde. Wieder einmal. Üble Geschichte. Karen schnieft vor sich hin, und Vera tröstet. So geht das seit sieben Jahren.

kinderwunsch2Als Karen kurz vor dem Auflegen fragt, wie es Vera denn so ginge, kommt es Vera unpassend vor, jetzt noch von der Kinderwunschpraxis, dem leisen Weinen hinter der Tür, den bedrückten Leuten, dem stillen türkischen Paar und ihren eigenen Sorgen zu sprechen. Sie erzählt von ihrer Arbeit. Und bekommt zu hören, wie froh sie sein könne, dass bei ihr im Leben alles so glatt laufe!

Kaum hat Vera aufgelegt, ruft ihre Mutter an. Ihre Mutter ist ungemein verständnisvoll. Andere Mütter, weiß Vera, setzen ihre Kinder mit penetranten Fragen nach Enkeln ordentlich unter Druck. Wenn es um Nachwuchs geht, scheint bei potentiellen Großeltern das Egoismus-Gen anzugehen wie ein Lichtschalter – rücksichtslos drängen sie auf Fortbestand der Familie, der Sippe.

Nicht so ihre Mutter: „Wie absurd, dass ich damals so leiden musste, als ich Felix, Gregor und dich bekam – was haben sich all die wilden Künstlerinnen und Galeristinnnen und sonst-was-Aktivistinnen über mich mokiert, weil ich so früh gleich drei Kinder bekommen habe. Immer hieß es, ich mache mir damit meine Zukunft kaputt. Und nun bist du, meine Tochter, in die falsche Zeit geboren. Jetzt erzählt man dir, daß du dein Lebensglück verpasst und obendrein den Sozialstaat schädigst, jetzt liegst auch du nicht im Trend ... schon absurd, oder? In anderen Ländern gibt es ebenfalls Debatten übers Kinderkriegen, aber hier in Deutschland wird mal wieder völlig radikal erst das eine, dann das andere zum Non-plus-Ultra erhoben. Es ist – um mich mal deutlich auszudrücken – einfach zum Kotzen.“

Nach dem Telefonat mit ihrer Mutter arbeitet Vera an ihrer Habilitation. Dies sind die einzigen zwei Stunden, in denen sie sich heute nicht mit den Themen Kinder und Familie beschäftigen muss.

Später geht sie mit dem kleinen Niklas zur Eisdiele, zum Kinderbauernhof und zum Spielplatz. Einem Babysitter müsste man Geld geben, die gute alte Freundin kann aber ruhig mal mitten am Tag ihre Arbeit niederlegen und einspringen.

Als Vera den Kleinen wieder bei Silke abgibt, fragt Silke, wie es Vera geht. Ihrer ehemals besten Freundin erzählt Vera von den täglichen Arztbesuchen, der vielen Zeit, die sie im Wartezimmer verbringt und – den Kosten. Silke schüttelt den Kopf. So darfst du nicht denken! Vera mag keine Imperativ-Sätze, schon gar nicht in Kombination mit Worten wie „dürfen“, „sollen“ und „müssen“ („ihr müsst euch entspannen!“), aber sie schweigt. Wenn man ein Kind will, muss man das wirklich von Herzen wollen und nicht einen Taschenrechner im Kopf haben, weiß Silke. Das sei doch total unromantisch! Vera nickt.

kinderwunschNiklas heult. Sein MP3-Player gibt keinen Mucks mehr von sich. Kaputt? Silke rauft sich die Haare. Du kannst dir gar nicht vorstellen, Vera, wie teuer dieses ganze Zeugs ist! Erst gestern habe ich Niklas ein neues Videospiel gekauft – wir sind immer pleite, echt, was das alles kostet. Vera nickt.

Kommst du heute Abend zum Spargelessen? fragt sie schließlich. Karen und Emma, Holger, Annette und Otto, Sabine und Emilia, Tobias und Friedrich kommen auch. Wenn man bei dieser Aufzählung nicht weiß, wer die Erwachsenen und wer die Kinder sind: Die mit den altdeutschen Namen sind die Kinder.

Früher wurde reihum gekocht – seitdem die meisten Kinder haben, finden die Spargelessen nur noch bei Vera statt. Wenigstens ist es ihren Freundinnen mittlerweile egal, ob man gestylt ist oder nicht. Früher zog man sich zum gemeinsamen Feiern divenhaft an – jetzt überwiegt der Pragmatismus. Nach dem vielen Schnippeln und Putzen (früher half man sich gegenseitig beim Spargelschälen, jetzt kommen alle, um sich bei Vera an den gedeckten Tisch zu setzen), ist Vera ganz froh zu wissen, dass niemand ihrer Gäste anders als sie selbst – graues T-Shirt, zerknitterte Leinenhose, ausgelatschte Sandalen – aussehen wird. An Spielzeug fehlt es auch nicht. Seitdem der Babyboom in ihrem Freundeskreis einsetzte, haben Vera und Nils ein ganzes Regal voller Spielsachen für die Kinder anderer Leute.

Als die ersten Gäste kommen, füllt Vera noch schnell einige Kekse in Form von Dinosauriern in eine Schale. Niklas greift schon nach einem Stegosaurus, da haut ihm seine Mutter auf die Finger: „Nicht, Niklas! Da ist Acrylamid drin, nein, nein, iss lieber Obst.“ Aus einer braunen Papiertüte holt sie kleingeschnittene Apfelstücke – Niklas heult.

„Weißt du, das ist ganz lieb von dir, Vera, mit diesen Keksen – aber wenn du was für die Kinder kauft – dann nimm doch bitte bio“, rät Sabine ihr. Vera nickt.

Dann werden Nils und sie wohl heute Nacht im Bett zusammen die Kinderkekse aufessen. Vermutlich ist das aus irgendeinem Grund auch fatal für die Fruchtbarkeit. Wegen dem Acrylamid. Oder so.

kinderwunsch4Sabine ist nun zum zweiten Mal schwanger, stolz trägt sie ein bauchfreies Top. Vera darf einmal den Kopf an den Bauch ihrer Freundin-seit-Kindertagen legen und bemerkt tatsächlich Bewegungen. Sie ist ganz gerührt – ob sie das irgendwann einmal selber erleben wird? „Ach, irgendwann klappt das bei euch doch auch mal“, meint Sabine gönnerhaft.

Vor drei Jahren saß Sabine jeden Tag heulend bei Vera auf dem Sofa, weil ihr Freund sie verlassen und es mit dem Filmjob auch nicht geklappt hat – große Krise. Jetzt hat sich das Blatt gewendet, und plötzlich findet sich Vera in der Rolle derjenigen wieder, die alle bemitleiden. Niemand würde es wagen, zu glauben, dass ein böses organisches Leiden eigenes Verschulden sei – außer vielleicht Lungenkrebs oder Leberzirrhose. Niemand würde auf einen Diabetiker oder einen an Multipler Sklerose Leidenden herabsehen. Aber Kinderlosigkeit ist ein Makel, für den man sich plötzlich – ganz wie in früheren, unguten Zeiten – schämen muss.

Jetzt ist es Silke, die Vera zur Seite nimmt. Vertraulich flüstert sie ihr ins Ohr: „Vielleicht ist das ja was ... Psychisches ... etwas zwischen euch ... also denk’ doch mal an eine Paartherapie!“

Schon wieder ein Imperativ. Vera seufzt auf. Eigentlich müsste Silke wissen, dass Nils und sie eine gute Beziehung führen. Silke hingegen wurde mit Niklas in einer Zeit schwanger, als ihr Lebensgefährte sie mit ihrer eigenen Schwester betrog. Am Schwangerwerden hat sie all dieses reichlich „Psychische“ nicht gehindert.

„Wo sind eigentlich Matthias und Marion?“, fragt Silke jetzt.

„Ach, mit denen habe ich nicht mehr so engen Kontakt“, hört Vera sich sagen.

Das ist euphemistisch formuliert. Das letzte Mal traf Vera die beiden mit ihren Zwillingen auf der Straße. Als Vera Matthias fragte, warum er sich nie mehr gemeldet habe, zuckte der alte Freund mit den Schultern: „Weißt du, wenn man Kinder hat, ändert sich der Freundeskreis komplett. Man hat dann halt einfach nur noch mit Leuten zu tun, die gleichaltrige Kinder haben. Dass ... äh ... passt jetzt eben nicht mehr so.“

Das Klischee, dass kinderlose Hedonisten tapfere junge Mütter und Väter nicht mehr als Freunde akzeptieren würden, kann Vera nicht bestätigt sehen. Eher das Gegenteil. Plötzlich „passt man eben nicht mehr so.“ Selbst wenn man sich die Geburtstage der Kinder von Freunden in den eigenen Kalender einträgt und sich von ihnen zur Begrüßung an den Haaren ziehen lässt.

kinderwunsch5„Muss das sein!“ entfährt es Vera und bereut sofort ihre Unbeherrschtheit. Der kleine Friedrich „kann ja nichts dafür“. Er hat eine Limonadenflasche auf dem Parkett entleert. Während Vera einen Lappen holt, sagt Tobias nur: „Weißt du, so geht das bei uns den ganzen Tag.“ Tobias bricht jetzt in eine große Jammerlitanei aus. Beim Wegwischen hilft er nicht.

Während des Spargelessens dreht sich das Gespräch bald darum, wie es um die Mahlzeiten in den verschiedenen Kitas bestellt ist. Unweigerlich kommt das Thema Magen- und Darmerkrankungen bei Kleinkindern auf, das im Detail besprochen wird.

Nachdem Vera schon fast eine Stunde nichts gesagt hat, überlegt sie, ob es irgend jemanden auffiele, wenn sie aufstehen und verschwinden würde. Doch, natürlich, dann würde ja niemand die Teller wegbringen und den Nachtisch holen. Vera hat vergessen, dass der kleine Friedrich auf Nüsse allergisch reagiert, ihre Nuss-Mandelcreme ist nicht das Richtige für ihn. Zum Glück kann sie rasch Ersatz in Form von Vanille-Eis mit heißer Holundersoße (bio!) zaubern. Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen.

 

 

© Tanja Dückers 2007

 

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Neben Prosa und Lyrik schreibt Tanja Dückers Essays, Hörspiele und Theaterstücke. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, die sie u. a. nach Kalifornien, Pennsylvania, Gotland, Barcelona, Prag und Krakau führten. Wichtigste Veröffentlichungen: Spielzone (Roman, 1999, AtV 1694); Café Brazil (Erzählungen, 2001, AtV 1359); Luftpost. Gedichte Berlin-Barcelona (Tropen Verlag 2001); Himmelskörper (Roman, 2003, AtV 2063); Stadt Land Krieg. Autoren der Gegenwart erzählen von der deutschen Vergangenheit (Herausgabe mit Verena Carl, 2004, AtV 2045) und Der längste Tag des Jahres (Roman, 2006). www.tanjadueckers.de

 

 

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