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Meine Freundin Martha kenne ich seit neun Jahren. Sie hatte als Journalistin einen sicheren Job und schrieb gelegentlich Geschichten, bei mir war es ungefähr umgekehrt. Sie lebte mit ihrem Freund zusammen, ich schon eine Weile allein. Aus großen Familien kamen wir beide und begegneten uns über das Schreiben.
Martha sang außerdem mit warmer, voller Stimme und trat damit sporadisch in einem Life-Club auf. Wir saßen viele Stunden an irgendwelchen Kaffee-Tischen und tauschten unsere Leben aus. Manchmal planten wir, es zusammen zu verwandeln, wenigstens beruflich. Neue Ufer erklimmen, was ganz Eigenes machen. Natürlich sprachen wir auch über Kinder.
Als ich achtzehn war, legte man mir einen Säugling in den Arm, und ich wollte ihn sofort wieder loswerden. Ich fürchtete, es würde schreien und außerdem sollte niemand annehmen, ich sei eine Mutter. Dann zog ich mit einem Mann zusammen und wieder auseinander. Mit dreiundzwanzig war ich schwanger, doch den Erzeuger hätte ich mir als Vater nicht vorstellen können und glaubte, kaum für mich selbst Verantwortung übernehmen zu können. Ich ließ es abtreiben und bedaure dies bis heute nicht. Zehn Jahre später dachte ich manchmal, dass es nun schon in die Schule gegangen wäre, doch es lag kein Schmerz in meinem Denken.
Als ich Martha kennenlernte, war ich sechsunddreißig. Ein Baby? Ja, vielleicht, wenn der Richtige erscheint. Auf keinen Fall hätte ich eines allein aufziehen wollen, schon gar nicht, um meine Angst vor einem einsamen Alter in Schach zu halten. „Ein Kind soll man aus einem Überfluss heraus bekommen“, hatte ich irgendwo gelesen. Außerdem waren alleinerziehende Mütter arme Schweine, und meine Partnerschaften brachen über lang oder kurz auseinander. Kein männliches Subjekt weit und breit, das klar gesagt hätte: „Ja, ich will ein Kind mit Dir“, (und mit dem ich das auch gewollt hätte). Gegenüber Martha schloss ich nicht aus, dass es noch geschehen mochte.
Martha kannte ihren Freund ein Jahr lang, bevor sie sich in ihn verliebte. Er dagegen hatte sofort entdeckt, dass sie seine Frau für´s Leben sein sollte. Schließlich überzeugte er sie davon. Dann zogen sie zusammen.
Sie sprach oft darüber, ein Kind zu bekommen. Aber diese Vorstellung, während der Schwangerschaft auf einmal nicht mehr „Herr“ über den eigenen Körper zu sein, machte ihr Angst. Wir bewegten das Thema von allen Seiten. Nur noch zuhause hocken, nein, das konnte sie sich absolut nicht vorstellen. Ich sagte: „Du hast doch einen Mann, der Dir hilft. Also bitte, krieg ein Kind. Am besten eins für mich mit.“
Auf einmal war sie schwanger.
Ich sagte zu Martha: „Wir werden viel weniger Zeit füreinander haben.“ Ich fühlte mich ein wenig verlassen und sehr gerührt.
Noch trafen wir uns häufig. Ich ließ mir jede Kleinigkeit über ihre Schwangerschaft erzählen. Anfangs war Martha schrecklich übel, und dass da etwas in ihr wuchs, über das sie keine Kontrolle hatte, beunruhigte sie sehr. Ihr Freund legte die Hand auf ihren Bauch. Sie heirateten und kauften eine Eigentumswohnung.
Einen Tag nach der Geburt besuchte ich im Krankenhaus eine fremde, weiche, erschöpfte, verlegene Martha, die mit ihrem großen Zeigefinger ihrem winzigen Sohn dauernd über die Wange streichelte. Ich lief heulend durch den Patientenpark.
Jetzt ist Martha mit dem dritten Kind im vierten Monat. Aus dem schwangeren Ehepaar ist längst eine Familie geworden, die regelmäßig von kollektiven Erkältungen hingerafft wird. Martha und ich sitzen selten an irgendwelchen Kaffeetischen, und wenn, dann ist mindestens eines ihrer Kinder dabei. Sie stören ständig. Ich genieße das. Manchmal helfe ich als Babysitter aus und spiele mit Vergnügen die Tante.
Auch wenn Marthas Mann den Löwen-Anteil der Brutpflege übernommen hat, damit Martha weiter arbeiten konnte, haben wir nur noch vereinzelt Zeit, einander über Wohl und Wehe auf den neuesten Stand zu bringen. Das wird lange Zeit so bleiben. Martha sagt, sie hat große Sehnsucht danach, wieder zu singen.
Wenn ich sie anrufe, zupft dauernd jemand an ihr. Die Familie fährt in den Urlaub jetzt tatsächlich an den Strand. Wischt Martha ihrer Tochter das verschmierte Maul ab, lächelt sie derart liebevoll, dass ich fürchte, ich habe noch niemanden so geliebt wie sie ihre Kinder.
Bald gebiert sie noch mal sowas. Und wieder hat sie Angst, dass die Schwangerschaft nicht gut läuft, dass Unwetter und Kriege das Land überziehen und ihrem Konto der totale Bankrott bevorsteht. Aber sie kriegt es trotzdem. Sie hat immer noch den gleichen Job, den gleichen Mann. Ich habe beides mehrfach gewechselt.
Gelegentlich frage ich mich, wann genau ich die Entscheidung gefällt habe, kinderlos zu bleiben. Ich kann mich an einen solchen Augenblick nicht erinnern. Eher waren es zahllose kleine Weichenstellungen, die jedes Mal in eine andere Richtung führten. Das Gute ist, dass ich nicht wirklich weiß, was ich verpasst habe. Ich kann es mir nur ungefähr denken.

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