Es war im Oktober des letzten Jahres. Da ging ich spätabends mit einem Mann, den ich nur vom Internet kannte, in die Nähe der U-Bahnstation Heinrich Heine Straße, wo sein Wagen unter einer Straßenlaterne parkte. Es war kalt, und der Mann, der ein Kunsthändler aus Heidelberg war, kramte in seinem Kofferraum und hob ein Bild heraus. Er gab es mir, und das bleiche Laternenlicht fiel auf „The burden“ von Jan Saudek. Dass sich später ein Rocker und eine junge strichdünne Pornodarstellerin zu uns stellten, um auf den Beginn einer Vernissage mit „Porn-Art“ in einer Hinterhofgalerie zu warten, passte perfekt. Ich war gierig auf diese handkolorierte Fotografie, seit ich sie das erste Mal in dem einzigen deutschsprachigen Bildband über Jan Saudek gesehen hatte – so gierig, wie man sich zu einem unmöglichen Liebhaber schleicht, den man nicht grüßt, wenn man ihn tagsüber trifft – nicht weil er peinlich wäre, sondern weil einem peinlich ist, wie man sich in der Nacht mit ihm aufgeführt hat.

Jan Saudeks Fotografieren balancieren alle am Rande des guten Geschmacks, sie schwanken auf dem schmalen Grat zwischen Poesie und Obszönität.

"The burden" Jan Saudek 1987„The burden“ zeigt ihn selbst, nackt auf einem aufwändig drapierten Stoff stehend und eine Frau auf den Schultern tragend, deren gewaltiger Hintern weiß leuchtend den Mittelpunkt der Komposition bildet. Liebe und sexuelles Verlangen können auch eine Last sein, etwas das einen ganz in Anspruch nimmt, eine Passion, die man trägt und erträgt. Aber der Mann hier schleppt nicht keuchend und stöhnend eine Last herum, er steht in klassischer Stand-Spielbeinpose aufrecht da, während die üppige Frau wie eine Herrscherin auf ihm thront. Als wollte er sie präsentieren, zeigt er uns sie und die Symbiose ihrer Körper, die wie zwei fleischige Puzzleteile ineinander passen. Für mich ist eine große Zärtlichkeit in diesem Bild und die Erkenntnis, dass Liebe und Erotik kein Spiel sind, sondern eine ernste, feierliche Angelegenheit.

Arrangiert und durchkomponiert wirken seine Fotografien wie Gemälde alter Meister. Geradezu überästhetisiert könnten diese kunstvollen Inszenierungen sein, wären da nicht die kleinen Details, wie hier die schmutzigen Fußsohlen der Frau, die das ganze wieder sehr irdisch werden lassen und dem Bild den Charme der Gosse geben. Wie die Dreigroschenoper oder die Bilder Dix’ und Grosz’ die Huren feiern, die Kriegsversehrten, die Kellerlöcher und Hinterhöfe, so feiert Jan Saudek in seinen intensiven Studien den tierischen Teil unserer Herkunft. Seine Modelle, zu denen er oft auch eine private Beziehung hat, scheinen geradewegs aus bizarren Träumen zwischen Alpdruck und Ekstase zu stammen. Das sind keine Illustriertenkörper, die mir zurufen: Trimm dich, kämm dich, sitz gerade, sondern rachitisch abgemagerte Mädchen, fettbepolsterte Körper, faltige Greisinnen.

Der Duden definiert „obszön“: unanständig, schamlos, schlüpfrig. Und das alles mögen die Fotografien Jan Saudeks auch sein, aber sie sind auch mehr. Sie verstören und erschrecken und haben doch einen tiefen sehr schwarzen Humor. Und vor allem haben sie eine geheime Würde. Und diese Würde ist es, die seine Gestalten über das Tierische wie über die Moralisten erhebt und die mich voller Bewunderung und Respekt zurücklässt.

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“The burden” (1987)

Gedanken zu einer Fotografie von Jan Saudek

von Dr. Silke Andrea Schuemmer

Silke Andrea Schuemmer: Schriftstellerin und Kunsthistorikerin. Roman: Remas Haus, Berlin: Kookbooks 2004, zahlreiche Preise und Stipendien: Aufenthaltsstipendium des Kultursenats Berlin, Arbeitsstipendium des Kultusministeriums des Landes NRW, foglio-Literaturpreis, Christine-Lavant-Förderpreis für Lyrik (A), Stadtschreiberin von Otterndorf, Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis für Literatur, 2. Platz Gratwanderpreis der Zeitschrift Playboy, 2. Platz Literaturwettbewerb der Akademie Graz, Walter-Serner-Literaturpreis 2005

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